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Gekippte Wände serienmäßig: In den 1980er Jahren entstand nach Plänen des niederländischen Architekten und bedeutenden Vertreters des Strukturalismus Piet Blom die sogenannte Baumhaussiedlung in Rotterdam.
Foto © Ossip van Duivenbode
Die Grundrisszeichnung des zweiten Obergeschosses zeigt die neue Aufteilung innerhalb eines „Baumes“ der Baumhaussiedlung: Die Wohnräume für 20 Häftlinge in der Abschlussphase ihres Strafvollzugs sind um das zentrale Erschließungselement angeordnet. Zeichnung © Personal Architecture
Die Bauten der Blom’schen Siedlung bilden eine architektonische Landschaft, die aufgrund ihrer Erscheinungsform den Namen „Würfelwald“ erhielt. Foto © Ossip van Duivenbode
Personal Architecture fand einen Teil der Innenräume unvollendet vor, so konnten die Architekten die Baumhaussiedlung im Inneren "weiterbauen". Foto © Personal Architecture
Die Schnittdarstellung zeigt, farbig abgesetzt, das Innenraumelement, durch das Personal Architecture Piet Blom’s horizontale Geschosstrennung auflösen und vertikale Bezüge innerhalb eines Kubus herstellen.
Zeichnung © Personal Architecture
Im oberen Stockwerk schließt das Innenraumelement mit einer Küche ab, um die sich die gemeinschaftlich genutzten Bereiche angliedern. Foto © Ossip van Duivenbode
Durch das vertikale Erschließungselement werden, sowohl horizontal als auch vertikal Bezüge innerhalb der Stockwerke hergestellt. Foto © René de Wit
Lesend in den Baumwipfeln: Auf dem Dach des Hauses im Haus kann man mit Blick in den Himmel über Rotterdam lesend die Zeit verbringen. Foto © Ossip van Duivenbode
Supercube reloaded
von Sophia Walk
30. Mai 2014
Es sei „kein Projekt der Stadtplanung, sondern eine Art des Denkens, des Imaginierens, eine Blickweise auf die Dinge und das Leben“, sagte der niederländische Maler und Bildhauer Constant (1920 bis 2005) über „New Babylon“, sein zwischen 1956 und 1974 entwickeltes Modell einer Stadtutopie. Für Constant ist New Babylon „eine Art Gesellschaftsmuster, das den Gedanken permanenter Veränderungen und Transformationen mit einbezieht.“ Seine Utopie, die ebenso gut eine Dystopie sein könnte, beschreibt eine Stadt ohne feste Grenzen, die ihren Bewohnern eine flexible, offene, dabei aber vernetzte Lebensumgebung bietet, eine Stadt in diffusionsoffenem Zustand, in der die Menschen selbst für die Beziehungen zwischen den Orten sorgen – und das, lange bevor der Begriff „Partizipationsprozess“ in die Stadtplanung Einzug hielt.

Die strukturalistische Stadt

Die Vorstellung einer in ständigem Wandel begriffenen Stadt, die sich primär aus Beziehungen zusammensetzt, liegt auch dem Strukturalismus zugrunde. Diese Architekturströmung geht davon aus, dass die Elemente, aus denen sich Strukturen bilden, veränderbar sind, die Beziehungen innerhalb dieser Struktur hingegen nicht wandlungsfähig sind. Konkret bedeutet dies zumeist, dass bestimmte geometrische Grundformen vervielfältigt werden, in ihrer Struktur eine Beziehung untereinander eingehen und so ein Ganzes bilden. So drückt sich der Strukturalismus häufig in Gestalt serieller Architektur aus, in der Wiederholung gleicher Elemente, die ein Ganzes ergeben.

Neben Aldo van Eyck und Herman Hertzberger gehört Piet Blom zu den wichtigsten niederländischen Vertretern des Strukturalismus in der Architektur. Sein Entwurf für die „Baumhaussiedlung“, die zwischen 1982 und 1984 in Rotterdam entstand, sollte im Sinne des Strukturalismus durch eine kleinteilige, in mehrere Elemente aufgelöste Gebäudestruktur den Menschen vor entfremdetem und vereinsamtem Leben in der Stadt bewahren. Für gesellschaftliche Integration sorgt jetzt auch der Teil „Supercube“ genannte Teil dieser Siedlung, der jüngst nach Plänen des Rotterdamer Architekturbüros Personal Architecture saniert wurde und in dem sich nun eine Wohneinrichtung für 20 Häftlinge in der letzten Phase ihres Strafvollzugs befindet.

Drei Großkuben bilden soziale Mittelpunkte in der Baumhaussiedlung

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass schon Piet Blom drei Großkuben als soziale Mittelpunkte für diese Siedlung vorsah. Bereits 2009 wurden zwei von ihnen, die lange leer standen, nach Plänen des Amsterdamer Designstudio Edward van Vliet gemeinsam mit den Rotterdamer Architekten Kees van Lamoen und Personal Architecture um Maarten Polkamp und Sander van Schaik saniert und zu einem Hostel der Stayokay Gruppe umgebaut. Nun wurde der dritte große Würfel transformiert. Beinahe ist man gewillt, zu sagen „weitergebaut“ oder gar „fertig gestellt“, denn der Innenraum dieses Teils der Siedlung war bisher unvollendet.

Die vorgefundene, von Blom vorgesehene Trennung der Geschosse, erschien den Architekten zu drückend, zu eng, zu dunkel. Aus ihrer Sicht bestand zu wenig Zusammenhang zwischen den Stockwerken. Mit dem Ergebnis: Wo Blom horizontal zwischen den Geschossen trennte, stellt nun ein Luftraum vertikale Bezüge innerhalb des Gebäudes her. Was für die Architekten zunächst wie eine Unzulänglichkeit des Baus wirkte, stellte sich im Entwurfsprozess somit als großes Potenzial heraus. Denn so konnten Personal Architecture die Grundrisse restrukturieren, die jeweiligen Ebenen zonieren und die Geschosstrennung in der Vertikalen auflösen.

Baumkrone mit Aussicht

Die den Luftraum umschließenden Wände nehmen Funktionsräume wie eine Rezeption, eine Wäscherei, Badezimmer sowie eine Abstellkammer auf. Im oberen Stockwerk mündet dieses Haus-im-Haus in einer Küche für die Wohneinrichtung und auf seinem „Dach“ kann man nach dem baulichen Eingriff von Personal Architecture die Raumerfahrung machen, wie sie Namen wie „Baumhaussiedlung“ oder „Würfelwald“ erahnen lassen: Sie bilden eine aparte architektonische Landschaft. Als säße man in der Krone eines Baumes, schweift der Blick die Dächer der anderen Kuben und über die Stadt.

Nach seiner Erneuerung zeigt Piet Bloms Wald aus Kuben umso deutlicher, dass der Strukturalismus seine Bauten nicht nur als Ausdruck funktionaler, sondern auch sozialer Zusammenhänge versteht. Indem die Nutzung der „Supercubes“ weitergedacht wurde und ehemalige Strafgefangene einzogen sind, wird die Supercube-Siedlung sowohl funktional als auch sozial in die städtische Gesellschaft integriert. Vielleicht bedarf es ja gar keines Neuen Babylon, damit die Bewohner eine Stadt selbst für die Beziehungen zwischen Menschen und Orten sorgen?

www.personal-architecture.nl
Architektur › 2014 › Mai
Supercube reloaded
von Sophia Walk | 30. Mai 2014
Das niederländische Architekturbüro Personal Architecture hat den Umbau eines Teils von Piet Bloms Kubushäusern in Rotterdam aus den achtziger Jahren geplant. Herausgekommen ist eine städtebauliche und gesellschaftliche Wiedereingliederung der „Supercubes“.
Es sei „kein Projekt der Stadtplanung, sondern eine Art des Denkens, des Imaginierens, eine Blickweise auf die Dinge und das Leben“, sagte der niederländische Maler und Bildhauer Constant (1920 bis 2005) über „New Babylon“, sein zwischen 1956 und 1974 entwickeltes Modell einer Stadtutopie. Für Constant ist New Babylon „eine Art Gesellschaftsmuster, das den Gedanken permanenter Veränderungen und Transformationen mit einbezieht.“ Seine Utopie, die ebenso gut eine Dystopie sein könnte, beschreibt eine Stadt ohne feste Grenzen, die ihren Bewohnern eine flexible, offene, dabei aber vernetzte Lebensumgebung bietet, eine Stadt in diffusionsoffenem Zustand, in der die Menschen selbst für die Beziehungen zwischen den Orten sorgen – und das, lange bevor der Begriff „Partizipationsprozess“ in die Stadtplanung Einzug hielt.

Die strukturalistische Stadt

Die Vorstellung einer in ständigem Wandel begriffenen Stadt, die sich primär aus Beziehungen zusammensetzt, liegt auch dem Strukturalismus zugrunde. Diese Architekturströmung geht davon aus, dass die Elemente, aus denen sich Strukturen bilden, veränderbar sind, die Beziehungen innerhalb dieser Struktur hingegen nicht wandlungsfähig sind. Konkret bedeutet dies zumeist, dass bestimmte geometrische Grundformen vervielfältigt werden, in ihrer Struktur eine Beziehung untereinander eingehen und so ein Ganzes bilden. So drückt sich der Strukturalismus häufig in Gestalt serieller Architektur aus, in der Wiederholung gleicher Elemente, die ein Ganzes ergeben.

Neben Aldo van Eyck und Herman Hertzberger gehört Piet Blom zu den wichtigsten niederländischen Vertretern des Strukturalismus in der Architektur. Sein Entwurf für die „Baumhaussiedlung“, die zwischen 1982 und 1984 in Rotterdam entstand, sollte im Sinne des Strukturalismus durch eine kleinteilige, in mehrere Elemente aufgelöste Gebäudestruktur den Menschen vor entfremdetem und vereinsamtem Leben in der Stadt bewahren. Für gesellschaftliche Integration sorgt jetzt auch der Teil „Supercube“ genannte Teil dieser Siedlung, der jüngst nach Plänen des Rotterdamer Architekturbüros Personal Architecture saniert wurde und in dem sich nun eine Wohneinrichtung für 20 Häftlinge in der letzten Phase ihres Strafvollzugs befindet.

Drei Großkuben bilden soziale Mittelpunkte in der Baumhaussiedlung

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass schon Piet Blom drei Großkuben als soziale Mittelpunkte für diese Siedlung vorsah. Bereits 2009 wurden zwei von ihnen, die lange leer standen, nach Plänen des Amsterdamer Designstudio Edward van Vliet gemeinsam mit den Rotterdamer Architekten Kees van Lamoen und Personal Architecture um Maarten Polkamp und Sander van Schaik saniert und zu einem Hostel der Stayokay Gruppe umgebaut. Nun wurde der dritte große Würfel transformiert. Beinahe ist man gewillt, zu sagen „weitergebaut“ oder gar „fertig gestellt“, denn der Innenraum dieses Teils der Siedlung war bisher unvollendet.

Die vorgefundene, von Blom vorgesehene Trennung der Geschosse, erschien den Architekten zu drückend, zu eng, zu dunkel. Aus ihrer Sicht bestand zu wenig Zusammenhang zwischen den Stockwerken. Mit dem Ergebnis: Wo Blom horizontal zwischen den Geschossen trennte, stellt nun ein Luftraum vertikale Bezüge innerhalb des Gebäudes her. Was für die Architekten zunächst wie eine Unzulänglichkeit des Baus wirkte, stellte sich im Entwurfsprozess somit als großes Potenzial heraus. Denn so konnten Personal Architecture die Grundrisse restrukturieren, die jeweiligen Ebenen zonieren und die Geschosstrennung in der Vertikalen auflösen.

Baumkrone mit Aussicht

Die den Luftraum umschließenden Wände nehmen Funktionsräume wie eine Rezeption, eine Wäscherei, Badezimmer sowie eine Abstellkammer auf. Im oberen Stockwerk mündet dieses Haus-im-Haus in einer Küche für die Wohneinrichtung und auf seinem „Dach“ kann man nach dem baulichen Eingriff von Personal Architecture die Raumerfahrung machen, wie sie Namen wie „Baumhaussiedlung“ oder „Würfelwald“ erahnen lassen: Sie bilden eine aparte architektonische Landschaft. Als säße man in der Krone eines Baumes, schweift der Blick die Dächer der anderen Kuben und über die Stadt.

Nach seiner Erneuerung zeigt Piet Bloms Wald aus Kuben umso deutlicher, dass der Strukturalismus seine Bauten nicht nur als Ausdruck funktionaler, sondern auch sozialer Zusammenhänge versteht. Indem die Nutzung der „Supercubes“ weitergedacht wurde und ehemalige Strafgefangene einzogen sind, wird die Supercube-Siedlung sowohl funktional als auch sozial in die städtische Gesellschaft integriert. Vielleicht bedarf es ja gar keines Neuen Babylon, damit die Bewohner eine Stadt selbst für die Beziehungen zwischen Menschen und Orten sorgen?

www.personal-architecture.nl