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von 2143 Forward End
Auch Büroleuchten wollen gut inszeniert werden: Auf der diesjährigen Light + Building tauchen Messebesucher ein in das Universum aus Licht und vernetzter Gebäudetechnik.
Foto © Nektar Design, Adam Drobiec für Stylepark
Technik, Spiel und Magie
von Thomas Wagner
18. März 2016
I. Licht im Universum

Ohne Licht keine Sicht – das weiß schon die Bibel zu berichten. Über die doch recht ungleiche Verteilung des Lichts im Universum wird freilich auch dort weiter nichts gesagt. Wobei man auf der Erde der natürlichen Steuerung unterschiedlicher Licht-Stimmungen und Atmosphären eine gewisse Raffinesse nicht absprechen kann, auch wenn das Tag-Nacht-Schema für Techniker auf Dauer etwas simpel erscheinen mag. Vielleicht hat man die aktuelle Kollektion bei Occhio ja deshalb „The Universe“ genannt und den Messestand auf der diesjährigen Light + Building in Frankfurt am Main mit riesigen Planeten und Monden bestückt, die wirken wie kosmische Lampions. Die Planeten S, M, L, X und E sollen dabei die zukünftige Produktstrategie des Unternehmens vermitteln.

Nimmt man das als einen Hinweis auf die Eigenschaften des natürlichen Lichts, ja generell auf Licht in der Natur, so ist bereits eine der beiden Sphären benannt, die im Bestreben, alles und jedes ins rechte Licht zu rücken, auch künftig zusammenwirken sollen. Während einerseits die Natur unerreicht bleibt, wo es um Lichtstärke und Variabilität geht, ist es andererseits die Kunst, die der Technik in ihren Visionen vorausgeht. Oder führt der Weg zu all den Lichtspiralen und Lichtknoten, die sich neuerdings im Raum winden und tummeln, etwa nicht über László Moholy-Nagy erstmals 1930 gezeigten „Licht-Raum-Modulator“ und die lichtkinetischen Installationen von Gruppen wie „Zero“ oder „MID“? Ansonsten aber gilt: Geschichten erzählen und Atmosphären schaffen, um Emotionen zu wecken – dieses Mantra des Marketings ist auch in der Lichtbranche überall zu hören. „Open your dreams“ und „Light stories“ eben, schließlich gehört Klappern zum Handwerk.

II. Licht wird selbstbewusst

Über die Zukunft des Lichts denken derzeit alle nach. Wobei sich der aktuelle Boom, den smarte Lichtsysteme – zumeist im Konzert mit der Steuerung des gesamten Hauses – gerade erleben, mehr verdankt, als dem zunehmend in den Alltag integrierten Triumph der Kybernetik. Mittels neuster Technik wird tatsächlich nicht weniger eingeübt, als praktische Magie. Wobei Magie nur ein anderer Name für all die neuerdings erzählten Geschichten ist, über das Objekt hinauszugehen, die Ebene bloßer Dinge zu transzendieren.

Ein am Stand von Artemide auf die Wand geschriebener Text macht deutlich, worum es geht: „Artemide“, so ist zu lesen, „reflektiert mit Daan Roosegaarde über die Zukunft des Lichts und beginnt bei der Interaktion und dem Verhältnis, das es mit dem Menschen, dem Ambiente und dem sozialen Raum eingeht. Es ermöglicht, eine traditionelle Leuchte in ein Objekt zu verwandeln, das mit Self-Awareness ausgestattet ist, einem spontanen Verhalten, welches überraschen kann und für den Benutzer ein ,Begleiter’ von Reizen sein kann.“
Ob sich hinter dieser Selbsterfahrung oder dieser Art von Selbstbewusstsein mehr als eine algorithmisch ausgefeilte Rückkopplungsschleife verbirgt, darf bezweifelt werden. Die Folgerung aber weist den Weg: „Das Licht wird somit zum Katalysator der Wahrnehmung und der aktiven Beteiligung der Menschen. Die Interaktion zwischen Mensch und Technik wird zentral, um durch Licht neue Orte und Erfahrungen zu erzeugen.“

III. Intelligent und vernetzt

So ganz glauben wollen wir das mit den neuen Erfahrungen noch nicht. Festgehalten werden kann aber: Die Wende hin zur LED-Technik ist in der gesamten Branche vollzogen. Was nun folgt, sind Diversifizierung und Implementierung auf breiter Front und in allen Bereichen – ob Home, Industrie, Retail, Office oder im (wie es nur bei den Italienern heißt) Caffè. Kaum noch oder in Nischen zu finden sind einfach nur irgendwelche isolierte Leuchtkörper. Was heute zählt, sind vielfach vernetzte Lösungen aus Licht, Raum und Programmierung beziehungsweise Steuerung. Weshalb es kaum einen Messestand und kaum einen Hersteller gibt, bei dem nicht der Ruf danach ertönte, was derzeit gebraucht werde und wonach der Markt als Wachstumstreiber auch zu verlangen scheint: Intelligenz und Vernetzung. Freilich, auch hier sind die Unterschiede zwischen den Lösungen eklatant.

All das hat Konsequenzen für das Design. Seit sich mit dem Siegeszug der LED das Licht weitgehend von seinem Trägerkörper gelöst hat, sich Lichtpunkt leicht an Lichtpunkt reiht und zu freien Formgebilden verbinden lässt, sind jede Menge Licht- oder Leuchtschlangen zu bestaunen. Was so oder so die Frage aufwirft, ob hier nicht ein ums andere Mal die Phantasie mit Technikern und Gestaltern durchgeht. Und den Eindruck verstärkt: Mehr und besseres Design und weniger Styling würde oft guttun. Neben klaren und durchgearbeiteten Lösungen gibt es viel Kitsch. Vieles von dem, was technisch machbar erscheint, überzeugt nicht unbedingt auch ästhetisch. Hierher gehören auch ganze Bündel von Hängeleuchten in Form von Trompeten oder Posaunen (manchmal muss man auch an Ventile im Zylinderkopf eines Motors denken). Doch keine Sorge: Die sieben Engel mit den sieben Posaunen rufen nicht zum letzten Gericht.

Es wäre freilich zu einfach festzustellen, die Integration des Lichts in Decke und Wand nähme im gleichen Maße zu, in dem die Leuchten und Leuchtenköpfe an Körper und formaler Dominanz verlören. Stabkonstruktionen, die Linien aus Licht in den Raum zaubern – beispielhaft zu erkennen bei „Infrastructure“ des belgischen Architekten Vincent Van Duysen, der auch den Messestand von Flos entworfen hat – fügen sich nicht einfach in die bestehende Architektur ein, sondern setzen einen eigenen, prägnanten Akzent. Van Duysen ist nicht der Einzige, der mit seiner Röhrenstruktur samt Industrieästhetik an die Moderne und das Bauhaus anknüpft.

Weniger konsequent erscheinen hingegen vielfach zu sehende Lichtnetzwerke, die sich im Raum ausbreiten wie stäbchenförmige Bakterienkulturen in einer Petrischale unterm Mikroskop. Hinzu kommen frei in den Raum gezeichnete Lichtskulpturen wie „Lash Object“ von Serge Cornelissen für Molto Luce oder aus einzelnen kleinen Leuchtgloben bestehende dynamische Lichtteppiche wie Toan Nguyens bereits 2015 vorgestellter „Algorithm“ für Vibia. Sogar neue Seilsysteme lassen sich finden, wie das dann doch etwas schwerfällige „Hello“ von Stephan Hürlemann für Belux.

Immer wieder lässt sich beobachten, dass die Verkleinerung der Leuchtmittel und die Optimierung der Steuerung nicht von selbst zu ebenso originellen wie überzeugenden Leuchten führen. So begrüßenswert die Integration in die Architektur auch sein mag, an den gängigen Typologien des „dekorativen Lichts“ hat sie nicht viel geändert. Zwei dicke, runde oder eckige Scheiben, und dazwischen ein beweglicher Arm – fertig ist die kleine Schreibtischleuchte, selbst bei Naoto Fukasawa und seiner „Demetra“ oder „Demetra Micro“ für Artemide.

Aufs Ganze gesehen erweist sich die Situation des Designs in mehrfacher Hinsicht als paradox: Einerseits schwindet seine Bedeutung, weil sich Licht vom Objekt als Emitter emanzipiert und zum Element der Raumgestaltung avanciert; andererseits steigen bei begrenztem Formrepertoire die Anforderungen an eine präzise Gestaltung kleiner Elemente. War die Unterscheidung zwischen technischem und dekorativem Licht immer schon problematisch, so schwinden unter dem Eindruck architektonischer Lösungen und deren optimierter Steuerung die Differenzen weiter. Zumal sich besonders im Bereich des technischen Lichts – etwa bei Straßenlampen – auch in Sachen Design vieles zum Besseren gewendet hat.

IV. Blicke in die Zukunft

Dass es darüber hinaus wirklich zukunftsweisende Innovationen und Perspektiven gibt, die weit über bestehende Lichtlösungen hinausweisen, führt die Schweizer Premiummarke Senses mit ihrer Studie „Holo“ eindrucksvoll vor Augen. Bei Holo handelt es sich um eine schlanke Pendelleuchte mit „Holotainment“-Technologie. Neben Licht und Sound enthält die Leuchte einen Rechner und einen High-End-Projektor. Mittels Gesten gesteuert, ermöglicht Holo den Zugriff auf multimediale Inhalte, wobei all das, was ansonsten auf dem Bildschirm erscheint, nun ganz selbstverständlich auf die Tischplatte unter der Leuchte projiziert wird.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich die enormen Möglichkeiten vorzustellen, die in solch einem Produkt stecken. Die Leuchte avanciert zu nicht weniger, als zur ultimativen Schnittstelle zur digitalen Welt; der Esstisch zuhause, aber auch der Konferenztisch im Büro, wird zum Mittelpunkt eines vernetzten Universums. Ob man Spiele spielen, Emails lesen, Filme schauen, Fotos sortieren oder gemeinsam in einem Meeting eine Präsentation diskutieren möchte – eine Handbewegung genügt, um das entsprechende Bild auf die Tischplatte zu bringen. Auch Wetter- und Verkehrsinformationen, Nachrichten, Kochrezepte oder Steuerungsdaten der Haustechnik oder der Beleuchtung könnten schon bald bei Bedarf per Touch ausgewählt und intuitiv gesteuert werden. Dass Lichtfarbe, Dimmung und Lichtrichtung – nach oben, nach unten oder beides – stufenlos und in jeglicher Kombination einstellbar sind, versteht sich bei Senses fast schon von selbst. 2018 soll Holo marktreif sein.
Die Produktidee hat ihren Ursprung in der Kooperation von Senses mit Universal Home. Namhafte Markenhersteller wie Dornbracht, Gira, Poggenpohl, Miele, Vaillant, RWE und die deutsche Lenovo-Tochter Medion sind gleichfalls Partner dieser Kooperation. Wer weiß, vielleicht lesen wir unsere Emails schon bald im Waschbecken beim Zähneputzen?

V. Mit der Technik spielen wollen alle

Wir haben bereits gesehen: Mit Licht einen Raum und Leuchten zu gestalten, muss kein Gegensatz sein. Eine Herausforderung bleibt es so oder so. Es gibt freilich nicht nur die ganz großen Schritte, wie sie Senses zu gehen versucht. Auch kleinere, deshalb aber nicht weniger spannende lassen sich auf der Light + Building erkennen. Nimbus etwa setzt, nach dem Erfolg der kleinen beweglichen und magnetischen Leuchte „Roxxane Fly“, weiter konsequent auf kabelloses Licht. Es kommt überall dort zum Einsatz, wo es gerade gebraucht wird – bis zu 100 Stunden unabhängig von der Stromzufuhr. Möglich macht es die Kombination energieeffizienter LEDs mit fortgeschrittener Akku-Technik. Licht wird also, wie Dietrich F. Brennenstuhl es ausdrückt, entfesselt. Wobei „Light unleashed“ bei Nimbus zu einer ganzen Serie mobiler Leuchten führt, allen voran zu der „Roxxane Leggera CL“ – als Lese- oder Tischleuchte. Selbst über eine USB-C-Verbindung lässt sie sich problemlos wieder aufladen.

Und während Louis Poulsen ebenso traditionell wie fortschrittlich – und stets nach dem dänischen Reinheitsgebot für blendfreies Licht – die „LP Grand“ von Christian Flindt und die „Skyline“ von Julie Richoz souverän über den Dingen schweben lässt, bleibt es Øivind Slaatto und seiner „Patera“ überlassen, aus einer raffinierten Wabenstruktur eine elegante Lichtkugel zu formen.
Wer sich aber nicht nur an solch klassischen und doch ganz neuartigen Leuchten erfreuen oder dem Spiel mit dieser oder jener App-gesteuerten Lichtfarbe frönen möchte, der findet bei Ingo Mauer nach wie vor am zuverlässigsten die ganz andere Leuchte. Bei „Flatterby“ lässt der Meister selbst noch einmal die Motten das Licht umkreisen – ohne, dass sie verbrennen. Michel Sempels hingegen beschwört ganz ohne Lichtfarbenspiel oder Radartechnik mit „Walking Bulb“ mittels einer (an den Helfer von Daniel Düsentrieb erinnernden) Silhouette aus Edelstahldraht abermals die Magie der klassischen Glühbirne. In diesem Licht betrachtet, ist Schönheit nicht nur ein anderes Wort für Magie, sondern auch für Witz. Aber nur, wenn einem ganz ohne Strom, Steuerung und Leuchte dann und wann ein Licht aufgeht.
Zwischen Planeten und Monden: Occhio hat seinen Stand in eine kosmische Inszenierung verwandelt. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Unter einem Netz aus Licht: Trilux lässt Verbindungen sinnfällig werden.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Cosmo” heißen die skulpturalen Hängeleuchten am Stand von Next.
Foto © Nektar Design, Adam Drobiec für Stylepark
Bewährte Hängeleuchte in neuer Version: Die “PH Artichoke Stahl“ von Louis Poulsen.
Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Zart und filigran: Vibia präsentiert die Hängeleuchte „Flamingo 1515“.
Foto © Nektar Design, Adam Drobiec für Stylepark
Eine Innovation, die vieles verändern könnte: Senses zeigt, was mit seiner „Holotainment”-Technologie alles möglich wird. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Aus der Serie „What we do counts“: Ingo Maurer wird auch in diesem Jahr seinem Ruf als Meister der Inszenierung gerecht. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Darf’s auch etwas pompöser sein? Maßgeschneiderter Leuchten von Brand van Egmond.
Foto © Nektar Design, Adam Drobiec für Stylepark
Entfesseltes Licht: Nimbus setzt seine Serie von Akku-Leuchten fort und lanciert die schlanke Tischleuchte „Roxxane Leggera CL“. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Ganz schön auf Draht: Leuchten am Stand von Filamentstyle. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Gerüstbau mit Lichtspirale: In Belgien weiß man um den Charme einer Industrieästhetik.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Produkte
Licht im Raum: Professional Spot 2 @ Stylepark
Licht im Raum
Professional Spot 2
Kreon: Prologe in-Cana 40 @ Stylepark
Kreon
Prologe in-Cana 40
Schätti Leuchten: CIRCULAR Standleuchte @ Stylepark
Schätti Leuchten
CIRCULAR Standleuchte
Jörg Boner
SIMES: Trim bollard @ Stylepark
SIMES
Trim bollard
Nimbus Group: Roxxane Leggera CL Leseleuchte @ Stylepark
Nimbus Group
Roxxane Leggera CL Leseleuchte
Rupert Kopp
MawaDesign: One Piece 7 @ Stylepark
MawaDesign
One Piece 7
Martin Wallroth
Tan Aksoy
Licht im Raum: White Moons 4x4 Wandleuchte @ Stylepark
Licht im Raum
White Moons 4x4 Wandleuchte
Daniel Klages
Occhio: io piano @ Stylepark
Occhio
io piano
Belux: Hello @ Stylepark
Belux
Hello
Stephan Hürlemann
Louis Poulsen: Skyline @ Stylepark
Louis Poulsen
Skyline
Julie Richoz
ewo: R-System @ Stylepark
ewo
R-System
Licht im Raum: Stilio Uno 550 @ Stylepark
Licht im Raum
Stilio Uno 550
SIMES: Poster @ Stylepark
SIMES
Poster
Gira: G1 Bedienzentrale mit WLAN @ Stylepark
Gira
G1 Bedienzentrale mit WLAN
schmitz Visuelle Kommunikation
MawaDesign: One Piece 8 @ Stylepark
MawaDesign
One Piece 8
Martin Wallroth
Tan Aksoy
MawaDesign: Pure b3 @ Stylepark
MawaDesign
Pure b3
Mawa Team
Louis Poulsen: Strata Mini @ Stylepark
Louis Poulsen
Strata Mini
Alfred Homann
MawaDesign: Wittenberg Zyklop - wi-ab-3r @ Stylepark
MawaDesign
Wittenberg Zyklop - wi-ab-3r
Mawa Team
Louis Poulsen: Munkegaard Mini @ Stylepark
Louis Poulsen
Munkegaard Mini
Arne Jacobsen
Jung: LS Zero @ Stylepark
Jung
LS Zero
Kreon: Diapason 80 @ Stylepark
Kreon
Diapason 80
Schätti Leuchten: CIRCULAR Pendelleuchte @ Stylepark
Schätti Leuchten
CIRCULAR Pendelleuchte
Jörg Boner
PROLICHT: INVADER Pendelleuchte @ Stylepark
PROLICHT
INVADER Pendelleuchte
PROLICHT
Louis Poulsen: Oslo Mini @ Stylepark
Louis Poulsen
Oslo Mini
Kurt Nørregaard
PROLICHT: MECHANIQ @ Stylepark
PROLICHT
MECHANIQ
PROLICHT
PROLICHT: IMAGINE @ Stylepark
PROLICHT
IMAGINE
PROLICHT
Kreon: Raga vertikal @ Stylepark
Kreon
Raga vertikal
Zumtobel: Onico Stromschienensystem @ Stylepark
Zumtobel
Onico Stromschienensystem
News & Stories › 2016 › März
Technik, Spiel und Magie
von Thomas Wagner | 18. März 2016
Auf der Light + Building lässt sich beobachten, wie Licht, Raum und Steuerung zusammenwirken und was das für das Leuchtendesign bedeutet. Darüber hinaus gibt es wirklich zukunftsweisende Innovationen zu bestaunen.
I. Licht im Universum

Ohne Licht keine Sicht – das weiß schon die Bibel zu berichten. Über die doch recht ungleiche Verteilung des Lichts im Universum wird freilich auch dort weiter nichts gesagt. Wobei man auf der Erde der natürlichen Steuerung unterschiedlicher Licht-Stimmungen und Atmosphären eine gewisse Raffinesse nicht absprechen kann, auch wenn das Tag-Nacht-Schema für Techniker auf Dauer etwas simpel erscheinen mag. Vielleicht hat man die aktuelle Kollektion bei Occhio ja deshalb „The Universe“ genannt und den Messestand auf der diesjährigen Light + Building in Frankfurt am Main mit riesigen Planeten und Monden bestückt, die wirken wie kosmische Lampions. Die Planeten S, M, L, X und E sollen dabei die zukünftige Produktstrategie des Unternehmens vermitteln.

Nimmt man das als einen Hinweis auf die Eigenschaften des natürlichen Lichts, ja generell auf Licht in der Natur, so ist bereits eine der beiden Sphären benannt, die im Bestreben, alles und jedes ins rechte Licht zu rücken, auch künftig zusammenwirken sollen. Während einerseits die Natur unerreicht bleibt, wo es um Lichtstärke und Variabilität geht, ist es andererseits die Kunst, die der Technik in ihren Visionen vorausgeht. Oder führt der Weg zu all den Lichtspiralen und Lichtknoten, die sich neuerdings im Raum winden und tummeln, etwa nicht über László Moholy-Nagy erstmals 1930 gezeigten „Licht-Raum-Modulator“ und die lichtkinetischen Installationen von Gruppen wie „Zero“ oder „MID“? Ansonsten aber gilt: Geschichten erzählen und Atmosphären schaffen, um Emotionen zu wecken – dieses Mantra des Marketings ist auch in der Lichtbranche überall zu hören. „Open your dreams“ und „Light stories“ eben, schließlich gehört Klappern zum Handwerk.

II. Licht wird selbstbewusst

Über die Zukunft des Lichts denken derzeit alle nach. Wobei sich der aktuelle Boom, den smarte Lichtsysteme – zumeist im Konzert mit der Steuerung des gesamten Hauses – gerade erleben, mehr verdankt, als dem zunehmend in den Alltag integrierten Triumph der Kybernetik. Mittels neuster Technik wird tatsächlich nicht weniger eingeübt, als praktische Magie. Wobei Magie nur ein anderer Name für all die neuerdings erzählten Geschichten ist, über das Objekt hinauszugehen, die Ebene bloßer Dinge zu transzendieren.

Ein am Stand von Artemide auf die Wand geschriebener Text macht deutlich, worum es geht: „Artemide“, so ist zu lesen, „reflektiert mit Daan Roosegaarde über die Zukunft des Lichts und beginnt bei der Interaktion und dem Verhältnis, das es mit dem Menschen, dem Ambiente und dem sozialen Raum eingeht. Es ermöglicht, eine traditionelle Leuchte in ein Objekt zu verwandeln, das mit Self-Awareness ausgestattet ist, einem spontanen Verhalten, welches überraschen kann und für den Benutzer ein ,Begleiter’ von Reizen sein kann.“
Ob sich hinter dieser Selbsterfahrung oder dieser Art von Selbstbewusstsein mehr als eine algorithmisch ausgefeilte Rückkopplungsschleife verbirgt, darf bezweifelt werden. Die Folgerung aber weist den Weg: „Das Licht wird somit zum Katalysator der Wahrnehmung und der aktiven Beteiligung der Menschen. Die Interaktion zwischen Mensch und Technik wird zentral, um durch Licht neue Orte und Erfahrungen zu erzeugen.“

III. Intelligent und vernetzt

So ganz glauben wollen wir das mit den neuen Erfahrungen noch nicht. Festgehalten werden kann aber: Die Wende hin zur LED-Technik ist in der gesamten Branche vollzogen. Was nun folgt, sind Diversifizierung und Implementierung auf breiter Front und in allen Bereichen – ob Home, Industrie, Retail, Office oder im (wie es nur bei den Italienern heißt) Caffè. Kaum noch oder in Nischen zu finden sind einfach nur irgendwelche isolierte Leuchtkörper. Was heute zählt, sind vielfach vernetzte Lösungen aus Licht, Raum und Programmierung beziehungsweise Steuerung. Weshalb es kaum einen Messestand und kaum einen Hersteller gibt, bei dem nicht der Ruf danach ertönte, was derzeit gebraucht werde und wonach der Markt als Wachstumstreiber auch zu verlangen scheint: Intelligenz und Vernetzung. Freilich, auch hier sind die Unterschiede zwischen den Lösungen eklatant.

All das hat Konsequenzen für das Design. Seit sich mit dem Siegeszug der LED das Licht weitgehend von seinem Trägerkörper gelöst hat, sich Lichtpunkt leicht an Lichtpunkt reiht und zu freien Formgebilden verbinden lässt, sind jede Menge Licht- oder Leuchtschlangen zu bestaunen. Was so oder so die Frage aufwirft, ob hier nicht ein ums andere Mal die Phantasie mit Technikern und Gestaltern durchgeht. Und den Eindruck verstärkt: Mehr und besseres Design und weniger Styling würde oft guttun. Neben klaren und durchgearbeiteten Lösungen gibt es viel Kitsch. Vieles von dem, was technisch machbar erscheint, überzeugt nicht unbedingt auch ästhetisch. Hierher gehören auch ganze Bündel von Hängeleuchten in Form von Trompeten oder Posaunen (manchmal muss man auch an Ventile im Zylinderkopf eines Motors denken). Doch keine Sorge: Die sieben Engel mit den sieben Posaunen rufen nicht zum letzten Gericht.

Es wäre freilich zu einfach festzustellen, die Integration des Lichts in Decke und Wand nähme im gleichen Maße zu, in dem die Leuchten und Leuchtenköpfe an Körper und formaler Dominanz verlören. Stabkonstruktionen, die Linien aus Licht in den Raum zaubern – beispielhaft zu erkennen bei „Infrastructure“ des belgischen Architekten Vincent Van Duysen, der auch den Messestand von Flos entworfen hat – fügen sich nicht einfach in die bestehende Architektur ein, sondern setzen einen eigenen, prägnanten Akzent. Van Duysen ist nicht der Einzige, der mit seiner Röhrenstruktur samt Industrieästhetik an die Moderne und das Bauhaus anknüpft.

Weniger konsequent erscheinen hingegen vielfach zu sehende Lichtnetzwerke, die sich im Raum ausbreiten wie stäbchenförmige Bakterienkulturen in einer Petrischale unterm Mikroskop. Hinzu kommen frei in den Raum gezeichnete Lichtskulpturen wie „Lash Object“ von Serge Cornelissen für Molto Luce oder aus einzelnen kleinen Leuchtgloben bestehende dynamische Lichtteppiche wie Toan Nguyens bereits 2015 vorgestellter „Algorithm“ für Vibia. Sogar neue Seilsysteme lassen sich finden, wie das dann doch etwas schwerfällige „Hello“ von Stephan Hürlemann für Belux.

Immer wieder lässt sich beobachten, dass die Verkleinerung der Leuchtmittel und die Optimierung der Steuerung nicht von selbst zu ebenso originellen wie überzeugenden Leuchten führen. So begrüßenswert die Integration in die Architektur auch sein mag, an den gängigen Typologien des „dekorativen Lichts“ hat sie nicht viel geändert. Zwei dicke, runde oder eckige Scheiben, und dazwischen ein beweglicher Arm – fertig ist die kleine Schreibtischleuchte, selbst bei Naoto Fukasawa und seiner „Demetra“ oder „Demetra Micro“ für Artemide.

Aufs Ganze gesehen erweist sich die Situation des Designs in mehrfacher Hinsicht als paradox: Einerseits schwindet seine Bedeutung, weil sich Licht vom Objekt als Emitter emanzipiert und zum Element der Raumgestaltung avanciert; andererseits steigen bei begrenztem Formrepertoire die Anforderungen an eine präzise Gestaltung kleiner Elemente. War die Unterscheidung zwischen technischem und dekorativem Licht immer schon problematisch, so schwinden unter dem Eindruck architektonischer Lösungen und deren optimierter Steuerung die Differenzen weiter. Zumal sich besonders im Bereich des technischen Lichts – etwa bei Straßenlampen – auch in Sachen Design vieles zum Besseren gewendet hat.

IV. Blicke in die Zukunft

Dass es darüber hinaus wirklich zukunftsweisende Innovationen und Perspektiven gibt, die weit über bestehende Lichtlösungen hinausweisen, führt die Schweizer Premiummarke Senses mit ihrer Studie „Holo“ eindrucksvoll vor Augen. Bei Holo handelt es sich um eine schlanke Pendelleuchte mit „Holotainment“-Technologie. Neben Licht und Sound enthält die Leuchte einen Rechner und einen High-End-Projektor. Mittels Gesten gesteuert, ermöglicht Holo den Zugriff auf multimediale Inhalte, wobei all das, was ansonsten auf dem Bildschirm erscheint, nun ganz selbstverständlich auf die Tischplatte unter der Leuchte projiziert wird.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich die enormen Möglichkeiten vorzustellen, die in solch einem Produkt stecken. Die Leuchte avanciert zu nicht weniger, als zur ultimativen Schnittstelle zur digitalen Welt; der Esstisch zuhause, aber auch der Konferenztisch im Büro, wird zum Mittelpunkt eines vernetzten Universums. Ob man Spiele spielen, Emails lesen, Filme schauen, Fotos sortieren oder gemeinsam in einem Meeting eine Präsentation diskutieren möchte – eine Handbewegung genügt, um das entsprechende Bild auf die Tischplatte zu bringen. Auch Wetter- und Verkehrsinformationen, Nachrichten, Kochrezepte oder Steuerungsdaten der Haustechnik oder der Beleuchtung könnten schon bald bei Bedarf per Touch ausgewählt und intuitiv gesteuert werden. Dass Lichtfarbe, Dimmung und Lichtrichtung – nach oben, nach unten oder beides – stufenlos und in jeglicher Kombination einstellbar sind, versteht sich bei Senses fast schon von selbst. 2018 soll Holo marktreif sein.
Die Produktidee hat ihren Ursprung in der Kooperation von Senses mit Universal Home. Namhafte Markenhersteller wie Dornbracht, Gira, Poggenpohl, Miele, Vaillant, RWE und die deutsche Lenovo-Tochter Medion sind gleichfalls Partner dieser Kooperation. Wer weiß, vielleicht lesen wir unsere Emails schon bald im Waschbecken beim Zähneputzen?

V. Mit der Technik spielen wollen alle

Wir haben bereits gesehen: Mit Licht einen Raum und Leuchten zu gestalten, muss kein Gegensatz sein. Eine Herausforderung bleibt es so oder so. Es gibt freilich nicht nur die ganz großen Schritte, wie sie Senses zu gehen versucht. Auch kleinere, deshalb aber nicht weniger spannende lassen sich auf der Light + Building erkennen. Nimbus etwa setzt, nach dem Erfolg der kleinen beweglichen und magnetischen Leuchte „Roxxane Fly“, weiter konsequent auf kabelloses Licht. Es kommt überall dort zum Einsatz, wo es gerade gebraucht wird – bis zu 100 Stunden unabhängig von der Stromzufuhr. Möglich macht es die Kombination energieeffizienter LEDs mit fortgeschrittener Akku-Technik. Licht wird also, wie Dietrich F. Brennenstuhl es ausdrückt, entfesselt. Wobei „Light unleashed“ bei Nimbus zu einer ganzen Serie mobiler Leuchten führt, allen voran zu der „Roxxane Leggera CL“ – als Lese- oder Tischleuchte. Selbst über eine USB-C-Verbindung lässt sie sich problemlos wieder aufladen.

Und während Louis Poulsen ebenso traditionell wie fortschrittlich – und stets nach dem dänischen Reinheitsgebot für blendfreies Licht – die „LP Grand“ von Christian Flindt und die „Skyline“ von Julie Richoz souverän über den Dingen schweben lässt, bleibt es Øivind Slaatto und seiner „Patera“ überlassen, aus einer raffinierten Wabenstruktur eine elegante Lichtkugel zu formen.
Wer sich aber nicht nur an solch klassischen und doch ganz neuartigen Leuchten erfreuen oder dem Spiel mit dieser oder jener App-gesteuerten Lichtfarbe frönen möchte, der findet bei Ingo Mauer nach wie vor am zuverlässigsten die ganz andere Leuchte. Bei „Flatterby“ lässt der Meister selbst noch einmal die Motten das Licht umkreisen – ohne, dass sie verbrennen. Michel Sempels hingegen beschwört ganz ohne Lichtfarbenspiel oder Radartechnik mit „Walking Bulb“ mittels einer (an den Helfer von Daniel Düsentrieb erinnernden) Silhouette aus Edelstahldraht abermals die Magie der klassischen Glühbirne. In diesem Licht betrachtet, ist Schönheit nicht nur ein anderes Wort für Magie, sondern auch für Witz. Aber nur, wenn einem ganz ohne Strom, Steuerung und Leuchte dann und wann ein Licht aufgeht.