transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2140 Forward End
Tot oder lebendig?
von Thomas Edelmann | 5. Oktober 2012
Der Macher einer bekannten Designzeitschrift war sich sicher: „Designfestivals sind tot“, deshalb berichte sein Magazin nicht mehr darüber. Und London, „die angeblich so kreative Stadt ist ebenfalls tot“, behauptete er. Auf den Festivals, ganz gleich wo auf der Welt sie stattfänden, gäbe es nichts Neues mehr zu entdecken, lediglich Varianten, Spielarten, Versuche das eigene Business auf einer kommerziell erfolgreicheren Stufe zu betreiben. Im zunehmend härteren Wettbewerb der Designer, Hersteller und Marken werde beim Publikum um Akzeptanz gebuhlt, mehr nicht.

Marketing statt Design?

Die Analyse, wenn auch im kleinen Kreis zu fortgeschrittener Stunde an der Hotelbar vorgetragen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Neues ist in der Tat kaum zu finden, jedenfalls wenn man darunter etwas Perspektivisches versteht, die Suche nach unerprobten Wegen, vielleicht gar nach einem neuen Sinn der „Designerei“. Stattdessen Neuauflagen und Basteileien in großem und kleinem Maßstab. Ist die Tätigkeit des Gestalters insgesamt in die Krise geraten?

Das vermeintlich beste Smartphone aller Zeiten, das zeitgleich zum London Design Festival auf den Markt kam, entworfen von einem bekannten britischen Designer, unterscheidet sich vom Vorgängermodell durch einen Verbindungsstecker, der nicht mehr kompatibel zum millionenfach verbreiteten Zubehör ist und zu früheren Produkten des Herstellers. Kann so etwas gutes Design sein? Oder nur noch brillantes Marketing? Eine der wenigen Fragen, die beim London Design Festival nicht offen und in aller Breite diskutiert wird. Dennoch fühlt sich die Leiche Designfestival, speziell im London des Spätsommers 2012, recht lebendig an.

Die Stadt als Rahmen

Das mag am unerwartet sonnigen Wetter liegen und an der Freundlichkeit der Briten, die dem Design-Touristen allerorten entgegenströmt. Zehn Jahre ist das Festival alt, es zieht sich durch die ganze Stadt, bildet Schwerpunkte in Brompton, Clerkenwell, Covent Garden und Shoreditch – und bietet alles auf, was sich als kreativ und gestalterisch versteht. Anders als in Mailand bildet hier keine international relevante Messe den Hintergrund. Es ist die Stadt selbst mit ihrer historischen Infrastruktur, die zum Rahmen, zum gestaltbaren Hintergrund wird. Dazu tragen nicht nur zahllosen Büros von Produkt-, Grafik- und Multimedia-Designern sowie Architekten, Museen, Schulen und Institutionen bei, deren Wirken im Alltag spürbar ist, sondern auch die Showrooms der wichtigsten Möbelhersteller. Geboten wird alles, von der Messe („100%design“), aus der das Festival einst hervorging, über Talkrunden, Materialpräsentationen, Neuheiten anderer Messeorte, historische Ausstellungen, Workshops sowie große und kleinen Präsentationen, die dem Nachwuchs gewidmet sind. Durmischung allüberall. Die Logik der Designfestivals lautet: stöbere durch, was du kannst, dann wirst du finden, was dir gefällt, du wirst entdecken, was du brauchst, was dich weiter bringt.

Tradition und Untergrund

Reist man aus Deutschland an, erfreut noch immer der britische Traditionalismus. Er bringt es fertig, Bestandteile der nicht mehr brauchbaren Stadt vergangener Jahrzehnte zu überarbeiten, zu ergänzen und zu verbessern, statt sie einfach zu demolieren und neu zu formen. Ganz anders als der prächtige Bauwirtschaftsfunktionalismus unserer Tage, der in Deutschlands Städten derzeit wieder Tabula rasa macht. Wenigstens als Zwischennutzung wird so aus einem großen Gebäude an der New Oxford Street, in den sechziger Jahren als Sortierstelle für die Royal Mail errichtet, ein zeitgemäßer Veranstaltungsort mit sprödem Charme. Nach etlichen Modeveranstaltungen residiert hier „designjunction“ unter der „creative direction“ von Michael Sodeau. Inmitten des einstigen Postgebäudes treffen nun „Midcentury“-Aussteller auf Firmen und Designer der Gegenwart, die dennoch ein gewisser Retro-Chic verbindet.

Aussteller sind etwa „Das Programm“, ein britischer Designenthusiast, der rare Braun-Geräte und Vitsœ-Möbel von Dieter Rams sorgsam aufreiht, aber auch anspruchsvolle Fünfziger-Jahre-Trödelhändler. Auf drei Stockwerken mischen sich Hersteller wie Agape, Artek, Carl Hansen, e15, Gubi oder Thonet mit Präsentationen von Designern wie Bethan Gray oder Benjamin Hubert. Der Nachwuchs aus britischen Hochschulen ist da, und auch Gestalter, die sich selbst „furniture artist“ nennen. „Tent London“ und „Super Brands London“ im Osten der Stadt huldigen einem ähnlichen Prinzip.

Angela Merkel als Brotstempel

London bleibt – olympischen Bauwut zum Trotz – eine Stadt der Ungleichzeitigkeiten. Weil die Stadt widerständig ist, sich nicht alle Tage neu erfinden lässt, muss man spielerisch mit ihr umgehen, ausweichen. So wie der Kofferhändler in South Kensington, der Teile seines Angebots auf einer Terrasse vor dem Laden präsentiert, um mehr Auswahl anzubieten. In der Regel dehnen sich Gebäude in den Untergrund aus, mit bisweilen kuriosen Züge. Gebäude mit ausgebautem Basement bieten Zusatzebenen für die großen Showrooms (etwa beim 2009 errichten Flagship-Store von Flos und Moroso in der Rosebery Avenue). Einem ähnlichen Prinzip folgen auch Pop-Up-Projekte junger Designer. „Understory“ nennt sich ein Projekt der Britin Catherine Aitken, der Niederländerin Eva Malschaert und der Deutsch-Finnin Pia Wüstenberg. Die drei Absolventinnen des Royal College of Art zeigten in einem Nebengelass unterm Cromwell Place ihre jüngsten Möbel- und Interieurprojekte. Eine Straße weiter, ebenfalls im Basement, gab es ausnahmsweise keine Möbel zu sehen: „Something Good“, eine Gruppe junger italienischer Designer mit befreundeten Teams, die sich bereits in Mailand und Lissabon präsentierten, thematisierte „Methods“. Ausgestellt wurden Inspirationsquellen in Form einer Materialwand, die zeitweise vom Designbüro Zaven aus Venedig nach London transloziert wurde. Eines der seltenen Beispiele, das wenigstens in Ansätzen Arbeitsweisen statt Endprodukte in den Vordergrund rückt – in einem muffigen Flurkeller.

Der „Brompton Design District“ hat in einem etwas heruntergekommenen Stadthaus eine Gemeinschaftsausstellung „Wonder Cabinets of Europe“ organisiert, unter anderem mit Oscar Diaz, Maria Jeglinska, Kueng Caputo, Judith Seng und Harry Thaler. Die griechische Gruppe Kopiaste entwarf Prägestempel für Brot, auf denen unter anderem Angela Merkel zu erkennen ist. Food Design war in vielen Spielformen zu sehen, als relativ neues Betätigungsfeld, irgendwo zwischen temporärer Installation, ironischem Projekt und Packaging.

Glanz und Elend der Showrooms

Ein paar Ecken weiter wird es vornehm: Mint zeigt, wie aus jungem, eklektischen und dekorativem Design kommerzielle Erfolge werden. Nicht nur das Festival, auch etliche Teilnehmer begehen Jahrestage: B&B Italia feiert in seinem riesenhaften Showroom, der wie ein modernes Kirchenschiff wirkt und von John Pawson und Antonio Citterio eingerichtet wurde 10 Jahre Präsenz in London. Das Ereignis wird mit der Premiere des Marmor-Tisches „Tobi-Ishi“ von Ed Barber & Jay Osgerby gefeiert. Seit 25 Jahren residiert der Conran Shop im Michelin-Gebäude an der Fulham Road. Mit einer „Red“-Kollektion feierte Terence Conran seinen Laden als Bestandteil typisch-roter Londoner Ikonen, von der Telefonzelle über die Postbox bis zum Bus. Cassinas neuer Showroom, von Piero Lissoni gestaltet und in der feinen Brompton Road angesiedelt, ist noch Baustelle. Erst im November wird Eröffnung gefeiert. Als Vorgeschmack konnten Besucher der „Brompton Design District“ ein Exemplar des Sessels „Tre Pezzi“ von Franco Albini und Franca Helg gewinnen.

Die bekannte, aber bislang weithin unterschätzte Marke Arper geht andere Wege: Arpers neuer Showroom liegt in der Clerkenwell Road, einem weiteren Designdistrict, gegenüber von Vitra, in der Nähe von Bulthaup, Knoll International, Kusch+Co und Wilkhahn. Auch diese Firmenrepräsentanz wird offiziell erst im Oktober eröffnet. Doch das Unternehmen aus Treviso gewährte bereits vorab einen Blick in die vom Büro „architects 6A“ entworfenen puristischen Räume. Arper, 1989 als Unternehmen für Lederverarbeitung gegründet, machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 43 Millionen Euro. Seit 2000 wird das Unternehmen vom Geschäftsführer Claudio Feltrin geführt. Er erläutert in London, dass sein Showroom nicht nur ein meist ungenutzter Ausstellungsraum sein, sondern auch kulturelle Aufgaben übernehmen soll. Dazu passt das Sponsoring einer Ausstellung im British Council, zu dem Arper intensive Verbindungen unterhält. Dort widmete sich eine kleinen Schau dem Leben und Werk der bekannten italienisch-brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi (1914 bis 1992), die 1946 mit ihrem Mann, dem Kunstkritiker und Museumskurator Pietro Maria Bardi, nach Brasilien auswanderte. Zusammen mit einer Stiftung, die das Erbe der Bardis pflegt, bringt Arper nun den von der Architektin gestalteten „Bowl“-Sessel als limitierte Edition und mit Leder bezogen neu auf den Markt.

Mehr als Möbel?

Noch ein historischer Bezugspunkt: Vor über vierzig Jahren erschien das Buch „Design for the Real World“ von Victor Papanek erstmals auf Englisch. Selbst Designer und Architekt, propagierte er radikal einfache gestalterische Lösungen und behauptete: „Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht“. Nun hat das Royal College of Art (RCA) nach dem Vorbild Papaneks, der für ein inkludierendes und nachhaltiges Design plädierte, an einem RCA-Institut, dem „Helen Hamlyn Center for Design“, eine Ausstellung mit aktuellen Studentenprojekten eingerichtet, die einfache und nutzbringende Entwürfe umfasst. Zu sehen sind etwa Baustellenbeschilderungen für Sehbehinderte, nachhaltige (sprich: sparsame) Beleuchtung für den Londoner Stadtbezirk Tower Hamlets oder ein visionäres zweirädriges Elektrofahrzeug als urbanes Zukunftsmobil.

Vor zehn Jahren startete das London Design Festival mit rund dreißig Events, woraus inzwischen rund 130 offizielle Programmorte erwuchsen, was weit harmloser klingt als es ist. Denn an vielen finden sich Zusammenballungen, es finden Gruppenausstellungen und Diskussionsrunden statt; Preisverleihungen und die Grundsteinlegung fürs neue Designmuseum rundeten das Programm ab. Ein einsamer und umlagerter Höhepunkt war die Ausstellung „Hatherwick Studio – Designing the Extraordinary“ im Victoria & Albert Museum (Katalog: Thomas Heatherwick – Making, Thames & Hudson, 600 Seiten, £30,00). Auch hier gab es, aber eben nicht nur Tische, Sitzgelegenheiten und Leuchten zu sehen. Weder Format, Material oder Ort schränken den Gestalter Heatherwick ein, der Plastiken, Brücken, Lichtobjekte, Pavillons (wie den spektakulären Bau für die Expo Shanghai 2010), den neuen, sehr teuren roten Doppeldecker („The New Bus for London“), Straßenbeleuchtung, Handtaschen, Weihnachtskarten, Landschaftsdesign, Gesamt- und Detailentwürfe für Hochhäuser am laufenden Band ausstößt, wobei er mit beinahe jedem Projekt bislang geltende Qualitätsmaßstäbe in die Höhe treibt.

Von wegen tot! Auch wenn das Festival viel bunten Spielkram als Design ausgibt, und längst nicht immer klarmacht, um was es gerade geht – um Geschäfte mit Kunsthandwerk, um Veredelungs- oder Simplifizierungsstrategien – so wirkt es insgesamt doch äußerst belebend. Das urbane Grundrauschen im Zeichen des Designs regt an, sich ein wenig britische Gelassenheit abzuschauen. Und es macht durchaus Lust darauf, wieder zu kommen.
Raumteiler „On Tension“ von Eva Malschaert, entstanden im Rahmen des Pop-Up-Projekts „Understory“, Foto © Malschaert/ Understory
Ein weiteres Projekt Heatherwicks ist die „Rolling Bridge“ Fußgängerbrücke in Paddington, London (2004), Fotos © Steve Speller
Die Ausstellung „Design for the Real World“ im Royal College of Art zeigt Studentenprojekte wie „Sustainable Community Lighting in Tower Hamlets” von Tom Jarvis, Foto © Royal College of Art
Im Rahmen seines Projekts „Design for the Real World“ entwarf Ross Atkin besser lesbare Zeichen an Baustellen-Absperrungen für Sehbehinderte, Foto © Royal College of Art
Gemeinschaftsstand „Advantage Austria“ bei „100% Design“: Lichtobjekte von Doris Darling als Pseudo-Schwergewichte, Foto © Thomas Edelmann
Eine Nachbildung von Thomas Heatherwicks Feuerschale für die Olympischen Spiele in London ist im Rahmen der Ausstellung „Designing the Extraordinary“ im Victoria and Albert Museum zu sehen, Foto © Victoria and Albert Museum London
Rückansicht des „New Bus for London“ von Thomas Heatherwick, Foto © Iwan Baan
Thomas Heatherwick und Terence Conran, Foto © Conran Shop
Jasper Morrisons „World Tape“ Ausstellung, Foto © Thomas Edelmann
Leuchten aus der „Paper Productions“ Serie von Pia Wüstenberg, die sie in Ahmedabad, Indien, zusammen mit örtlichen Handwerkern und Gestaltern schuf, Foto © Wüstenberg/ Understory
Lina Bo Bardis limitierte Auflage des „Bowl” Sessels für Arper, Foto © Thomas Edelmann