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Über das Staunen und eine Katze in den Arsenalen
von Oliver Elser | 1. September 2010
Die ersten Reaktionen auf die zentrale Ausstellung der diesjährigen Biennale di Venezia sind durchweg begeistert, manche geradezu hymnisch ausgefallen. Das Stimmungsbild vor Ort und die ersten Besprechungen stimmen überein: Die japanische Architektin Kazuyo Sejima hat als Kuratorin der 12. Architekturbiennale alles richtig gemacht, ja vielleicht sogar die beste Architektur-Ausstellung arrangiert, die auf dem traditionsreichen Gelände in Venedig je zu sehen war, wie Dietmar Steiner, Direktor des Wiener Architekturzentrums und seit dem Beginn im Jahre 1980 dabei, kurz nach der Eröffnung auf Facebook frohlockte.

Für Sejima, die mit ihrem Partner Ryue Nishizawa in Tokio seit 1995 das Architekturbüro SANAA (Sejima and Nishizawa and Associates) leitet, ist die Biennale ein weiterer Höhepunkt ihrer steil nach oben weisenden Karriere. Erst im Mai diesen Jahres erhielt SANAA den Pritzker-Preis, die weltweit wichtigste Auszeichnung für Architekten. Wenige Monate zuvor war in Lausanne das „Rolex Learning Center" fertig gestellt worden, ein Bibliotheks- und Veranstaltungsgebäude für die dortige Hochschule, das zu den bisher besten Gebäuden des japanischen Architektenpaars zählt.

Auf eben jenes Gebäude treffen die Besucher der venezianischen Arsenale gleich zu Beginn der Ausstellung: Der deutsche Regisseur Wim Wenders hat einen zwölfminütigen 3D-Film über das „Rolex Learning Center" gedreht, der ebenso grandios-angemessen wie pathetisch-kitschig ausgefallen ist. Im Film scheint der Betrachter durch die Innenraum-Landschaft hindurch zu schweben und versteht plötzlich, warum dieses Gebäude auf Architekturfotos einfach nicht zu verstehen ist. Unglaublich, welche Sogwirkung Wenders' Kamerafahrten entwickeln. Auch Sejima und ihr Partner Nishizawa rauschen durch das Bild, politisch-korrekt auf elektrogetriebenen „Segways". Ihr Dauerlächeln und die angedeutete Handlung des Films hingegen - unter anderem lässt eine Putzfrau den Lappen liegen und greift beseelt nach einer Fachbuch-Schwarte - ziehen den Film allerdings auf das Niveau gut gemeinter Werbeclip-Ästhetik hinab.

Das, so merkt man etliche Ausstellungsräume später, stimmt darauf ein, was sich als Grundtenor der von Sejima ausgewählten Positionen abzeichnet: All die schwergewichtigen Fragen, die auf den vergangenen Biennalen hin- und hergewälzt wurden, ohne zu Ergebnissen zu kommen, wurden dieses Mal einfach außen vor gelassen und haben einer spielerischen Unbeschwertheit Platz gemacht. Und das ist ungemein befreiend. Nachhaltigkeit, Verkehr, Metropolenwachstum, die Formkapriolen der Stararchitektur - das ganze Bekümmertsein, das in der Partystimmung einer Biennale, ehrlich gesagt, niemanden je wirklich weitergebracht hat, ist im Jahr 2010 gegen die Neugierde an der tatsächlich gebauten, machbaren, nicht-größenwahnsinnigen Architektur eingetauscht worden.

So darf auf Sejimas Biennale gestaunt werden: Über zwei riesige Stahlbeton-Brückenträger, die bei den Bauten von Antón Garcia-Abril & Ensamble Studio eine gewichtige Rolle spielen, in den Arsenale allerdings hohl tönen, wenn man dagegen klopft. Über einen Darkroom mit Wasserschläuchen, die sich in einer Installation des dänischen Künstlers Olafur Eliasson im Stroboskoplicht ekstatisch auf den Boden entladen. Über einen Nebel- oder Wolkenraum der deutschen Klima-Ingenieure von Transsolar, die zusammen mit dem Japaner Tetsuo Kondo eine filigrane Stahlrampe um die wuchtigen Ziegelstützen winden, auf der man beim Aufstieg mit einem Mal die dichte Nebelschicht durchbricht und sich jener erhebende Moment einstellt, den man vom Fliegen oder, besser noch, von Bergtouren kennt. Und über vieles mehr.

Am meisten gestaunt haben jedoch mit Sicherheit all diejenigen, die gleich am ersten Tag vor der Installation des jungen japanischen Architekten Junya Ishigami standen. Ein Hauch von Nichts, dieses in der Architektur so schwer zu erreichende Ziel von SANAA, hat Sejimas bislang erfolgreichster Ex-Mitarbeiter Ishigami noch zu übertreffen versucht. Auf scheinbar magische Weise zeichneten dünne weiße Drähte das Volumen eines in Europa geplanten Hauses in den Raum, gehalten allein von noch feineren Drähten, die am Boden verankert waren: Ein Sieg des Willens und der allerfeinsten Handarbeit über die Schwerkraft. Vier Tage vor der Eröffnung streifte eine Katze durch die Hallen, verfing sich in den Drähten, brachte das Volumen zum Einsturz. Das Aufbauteam arbeitete Tag und Nacht, dann war das kleine Wunder abermals errichtet. Wenige Stunden später wurde eine Reinigungskraft ihm zum zweiten Mal zum Verhängnis. Für das fast nicht zu fotografierende Werk erhielt Ishigami den Goldenen Löwen für den besten Beitrag zur Ausstellung „People meet in Architecture".

Auch der Raum des Studio Mumbai hätte den Preis verdient gehabt: Ein mit Holzbauteilen und Modellen aller Maßstäbe randvoll gefüllter Saal, der Werkstatt einer indischen Architekteninitiative nachempfunden, die nicht erst zeichnet und dann bauen lässt, sondern gemeinsam mit einfachen Arbeitern und Handwerkern die traditionellen Bauweisen weiterführt.

Seine Fortsetzung findet der von Sejima kuratierte Parcour im Palazzo delle Esposizioni. Das mit Abstand größte Gebäude auf dem Gelände der Giardini war ursprünglich der Pavillon des Gastgeberlandes, diente also der raumgreifenden Selbstdarstellung Italiens. Seit einigen Jahren jedoch ist der labyrinthische Bau - neben den alten Arsenalen der Marine, in deren hinterem Teil sich nun der neue Pavillon Italiens befindet - für die „Hauptausstellung" der jeweiligen Biennale-Direktoren reserviert. Im Unterschied zu den Arsenalen, dem ihre die historischen Fabrik- und Lagerhallen mit ihren roten, rohen Ziegelwänden einen verführerischen Charme verleihen, ist das Innere des Palazzo delle Esposizioni nüchtern weiß getüncht und eher clean. Aufgrund der Raumgrößen ist hier für Installationen, wie sie die Arsenale prägen, kein Platz. Der Besucher wähnt sich daher eher in einer klassischen Ausstellungshalle und die Kuratorin Kazuyo Sejima hat auch keinen Versuch unternommen, den von den Raumfolgen vorgegebenen Takt zu verändern: Nächster Raum, nächstes Thema. Nur den eigenen Arbeiten ihres Büros SANAA und den Groß-Modellen des Schweizer Architekten Christian Kerez begegnet man mehrfach beim Rundgang durch den Irrgarten des Palazzo delle Esposizioni.

Auch für Rem Koolhaas gibt es eine Ausnahme: Der niederländische Architekt bespielt in zwei Sälen eine „Ausstellung in der Ausstellung", die zum Besten zählt, was aus Koolhaas' Büro OMA seit langem nach Außen drang: Es geht um „Preservation", also um Denkmalschutz, der, wie auf verblüffend gradlinig argumentierenden Schautafeln dargestellt wird, einen historisch noch nie dagewesenen Auftrieb erfährt. Nostalgie und Erinnerung gehen Hand in Hand. Gleichzeitig verschwinden unzählige Bauten der Nachkriegszeit, weil diese von weiten Teilen der Gesellschaft nicht als schützenswert akzeptiert werden. Koolhaas warnt vor der aktuellen Tabula-rasa-Mentalität und setzt eigene Projekte wie den Umbau der Kohlenwäsche der Zeche Zollverein in Essen dagegen, bei dem es, so Koolhaas, gelungen sei, „fast nichts" zu verändern und trotzdem eine neue Nutzung - das Ruhr-Museum - zu installieren.

Am deutlichsten ist die Handschrift der Kuratorin im Palazzo delle Esposizioni an den vielen riesigen und bisweilen sogar geradezu modelleisenbahnhaft-konkreten Modellen abzulesen. Gleich am Eingang trifft man auf ein raumfüllendes, direkt auf den Boden gestelltes Modell für eine Reihe von Pavillonbauten in dem Dorf Inujima, das von Sejimas Büro SANAA mit einer Reihe äußerst subtiler Pavillons ergänzt wird, die nichts als absolut reine, zweck- und funktionslose Architektur sind und sich gleichzeitig doch fast bis zur Unsichtbarkeit in die Umgebung einfügen.

Weitere Modelle steuerte der Architekt Aldo Cibic bei: Auch sie sind für den Laien sofort verständlich und stellen mit ihrer bunten Erscheinung ein Zukunftsszenario vor, über das nachzudenken lohnt: Wird das Wohnen im Grünen, so die These, in Zukunft dazu führen, dass Privatgärten durch landwirtschaftliche Flächen ersetzt werden? Die unaufhaltsame Zersiedelung und der Trend zu lokal erzeugten Lebensmitteln könnten ein neues, sinnvolles Siedlungsmodell ergeben.

„People meet in Architecture", das zunächst ein wenig banal klingende Motto dieser Biennale, wird im Palazzo delle Esposizioni auf den Schlusssilben betont: Es geht um Architektur, um nichts anderes. Da mag mancher sich beklagen, dass ja eigentlich kaum Architektur ausgestellt sei, stattdessen aber viele Modelle. Doch wer diese näher betrachtet, etwa jene des japanischen Ateliers Bow-Wow, der wird feststellen, dass hier doch eine neue Ära angebrochen ist: Es geht nicht mehr darum, die Miniatur-Architekturen in den Rang von abstrakten Kunstwerken zu erheben. Stattdessen erscheint alles an ihnen so nachvollziehbar und angenehm normal, wie es sich 99,9 Prozent der Menschen von ihrer Wohnumgebung erwarten. Es sind keine Häuser, die nur für eine Abbildung in einer Lifestyle-Zeitschrift gebaut werden.

Dass Hightech-Produktionsmethoden dennoch sinnvoll sind, wenn sie zu Ergebnissen jenseits von Digi-Kitsch und Digi-Déco führen, das beweist der Prototyp für ein skurriles Gebäude am Züricher Escher-Wyss-Platz, das als Kooperation zwischen dem Architekturbüro Caruso St. John aus London und dem Berliner Künstler Thomas Demand entstand. Das „Nagelhaus" ist einem im China abgerissenen kleinen Haus nachempfunden, dessen Besitzer sich lange gegen die Umgestaltung ihres Wohnviertels gewehrt hatten. Nun soll es in der Schweiz als fernes Echo des tapferen Protests wieder aufgebaut werden, allerdings nach dem Willen des für seine fotografierten Modelle berühmten Künstlers Demand zufolge so, als sei es aus nasser Kartonpappe errichtet.

Es steckt etwas von einem Manifest in diesem „Nagelhaus", dem größten der Exponate im Palazzo delle Esposizioni: Architektur, das ist nicht unbedingt die Erfindung von etwas gänzlich neuem, sondern die intelligente Manipulation des bereits bekannten, erprobten und gewohnten. Ein Haltung, die sich auch an der kuratorischen Position und den Bauten von Kazuyo Sejima ablesen lässt. Apropos lesen: Der Katalog ist ein „Must Have".

Katalog zur Ausstellung:
People Meet in Architecture: 12th International Architecture Exhibition:
La Biennale di Venezia
Herausgegeben von Kazuyo Sejima
Taschenbuch, 608 Seiten, in Englisch
Marsilio Verlag, 75,99 Euro

12. Internationale Architekturausstellung
Biennale Venedig 2010
29.08.2010 - 21.11.2010
Giardini & Arsenale, Venedig
Öffnungszeiten: 10.00 - 18.00 Uhr
Giardini: Montags geschlossen
Arsenale: Dienstags geschlossen
Tickets: €20, Studenten €12

www.labiennale.org


"Über das Staunen und eine Katze in den Arsenalen" ist der erste Teil einer Serie von Artikeln zur Architekturbiennale in Venedig.
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