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Reinier de Graaf
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
2. Juli 2014 | Architekturkolumne
Urbarmut
Gegenwärtig leben 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, lediglich 600 urbane Zentren generieren 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, überdies gibt es weltweit 1000 Städte mit einer halben Million Einwohner oder mehr. Davon ist ein Drittel größer als ein Drittel der UNO-Mitgliedstaaten. Wenn sich die Urbanisierung weiterhin auf diese Weise fortsetzt, könnten bis 2050 rund 75 Prozent der Menschen in Städten leben und 2100 beinahe 100 Prozent.

Welche Folgen wird dieser Siegeszug des Urbanen nach sich ziehen? Was sind die tatsächlichen Implikationen dieses beiläufigen Hinweises beziehungsweise der fast schon stolzen Verkündung, dass nun mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt? Bislang ging es im Diskurs über die Stadt vorwiegend um Möglichkeiten (Dies überrascht kaum, da bis jetzt vor allem Global Players wie Unternehmensberater und Technologiefirmen die Debatte bestimmen). Probleme werden als „Herausforderungen“, Versagen als „Rückschlag“ bezeichnet oder einfach unter den Teppich gekehrt. Der politische Aspekt spielt erstaunlicherweise keine Rolle.

Die Urbanisierung war das Versprechen für Wohlstand in der Welt. Der durchschnittliche Stadtbewohner steht wirtschaftlich gesehen (auf dem Papier) fünfmal so gut da wie der Landbewohner. Wenn eine ländlich geprägte Nation innerhalb eines Jahrzehnts urban wird, verdoppelt sich ihre Wirtschaftsleistung alle zwei Jahre. Diese statistischen Daten verschleiern jedoch kaum die Realität der meisten wachsenden Städte. Und dies ist nicht auf Entwicklungsländer beschränkt: Auch im Westen klaffen die ökonomische Realität auf dem Papier und das eigentliche Wohlergehen weit auseinander.

Menschen, die in der Stadt leben, bezeichnen wir als Kosmopoliten: Weltbürger. Wenn wir diesen Begriff benutzen, denken wir gewöhnlich an mobile wirtschaftsnahe Bevölkerungsgruppen, die nicht länger durch Tradition einem Ort oder einem Land treu verbunden sind: Ihre Spielwiese ist die Welt.

Angesichts der zu erwartenden weltweiten Urbanisierung könnten wir nun ja auch alle „Kosmopoliten“ werden. Es ist genau dieses falsche Versprechen, das den gefährlichsten Aspekt unserer gegenwärtigen Fokussierung auf die Stadt darstellt. Je mehr wir nach diesem schillernden städtischen Leben streben, desto unerreichbarer wird es. Für den illegalen Arbeitsmigranten in Moskau ist das idealisierte, technologisch aufgerüstete urbane Umfeld genauso wenig real wie für die Bewohner der Favelas in Rio. Als Folge des enormen Zuzugs in die Städte beobachten wir das Aufkommen einer ganz anderen Form von „Weltbürgern“: Jenen, die im Zuge der Globalisierung den Kürzeren gezogen haben, die armen Kosmopoliten, die „Urbarmen“.
Architektur › 2014 › Juli
Urbarmut
von Reinier de Graaf | 2. Juli 2014
Städtisches Hallelujah oder traurige Landflucht? Lebt ein Mensch in der Stadt, gilt er als Kosmopolit. Als Kehrseite des enormen Zuzugs in die Städte offenbart sich eine ganz andere Form von Weltbürgertum: die armen Kosmopoliten, die Urbarmen.
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
Gegenwärtig leben 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, lediglich 600 urbane Zentren generieren 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, überdies gibt es weltweit 1000 Städte mit einer halben Million Einwohner oder mehr. Davon ist ein Drittel größer als ein Drittel der UNO-Mitgliedstaaten. Wenn sich die Urbanisierung weiterhin auf diese Weise fortsetzt, könnten bis 2050 rund 75 Prozent der Menschen in Städten leben und 2100 beinahe 100 Prozent.

Welche Folgen wird dieser Siegeszug des Urbanen nach sich ziehen? Was sind die tatsächlichen Implikationen dieses beiläufigen Hinweises beziehungsweise der fast schon stolzen Verkündung, dass nun mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt? Bislang ging es im Diskurs über die Stadt vorwiegend um Möglichkeiten (Dies überrascht kaum, da bis jetzt vor allem Global Players wie Unternehmensberater und Technologiefirmen die Debatte bestimmen). Probleme werden als „Herausforderungen“, Versagen als „Rückschlag“ bezeichnet oder einfach unter den Teppich gekehrt. Der politische Aspekt spielt erstaunlicherweise keine Rolle.

Die Urbanisierung war das Versprechen für Wohlstand in der Welt. Der durchschnittliche Stadtbewohner steht wirtschaftlich gesehen (auf dem Papier) fünfmal so gut da wie der Landbewohner. Wenn eine ländlich geprägte Nation innerhalb eines Jahrzehnts urban wird, verdoppelt sich ihre Wirtschaftsleistung alle zwei Jahre. Diese statistischen Daten verschleiern jedoch kaum die Realität der meisten wachsenden Städte. Und dies ist nicht auf Entwicklungsländer beschränkt: Auch im Westen klaffen die ökonomische Realität auf dem Papier und das eigentliche Wohlergehen weit auseinander.

Menschen, die in der Stadt leben, bezeichnen wir als Kosmopoliten: Weltbürger. Wenn wir diesen Begriff benutzen, denken wir gewöhnlich an mobile wirtschaftsnahe Bevölkerungsgruppen, die nicht länger durch Tradition einem Ort oder einem Land treu verbunden sind: Ihre Spielwiese ist die Welt.

Angesichts der zu erwartenden weltweiten Urbanisierung könnten wir nun ja auch alle „Kosmopoliten“ werden. Es ist genau dieses falsche Versprechen, das den gefährlichsten Aspekt unserer gegenwärtigen Fokussierung auf die Stadt darstellt. Je mehr wir nach diesem schillernden städtischen Leben streben, desto unerreichbarer wird es. Für den illegalen Arbeitsmigranten in Moskau ist das idealisierte, technologisch aufgerüstete urbane Umfeld genauso wenig real wie für die Bewohner der Favelas in Rio. Als Folge des enormen Zuzugs in die Städte beobachten wir das Aufkommen einer ganz anderen Form von „Weltbürgern“: Jenen, die im Zuge der Globalisierung den Kürzeren gezogen haben, die armen Kosmopoliten, die „Urbarmen“.