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Vollkommen vertraut,
absolut revolutionär - Teil 1
von Thomas Wagner | 20. September 2016
„Das Schneiden und Halten der Feder" aus: Johann Stäps: Selbstlehrende Canzleymäßige Schreibe-Kunst. Leipzig 1784.
Foto © Das Archiv. Magazin für Post- und Telekommunikationsgeschichte.
Ein Überbleibsel aus romantischeren Zeiten


„,Grobe Handschrift!’ murmelte Holmes. ,Das ist doch sicher nicht die Handschrift Ihres Mannes, Madame.’ – ,Auf dem Umschlag nicht, aber auf dem Brief.’ – ,Ich stelle weiterhin fest, daß derjenige, der den Umschlag adressiert hat, absetzen und sich nach der Anschrift erkundigen mußte.’ – ,Woran können Sie das sehen?’– ,Wie Sie sehen, ist der Name in völlig schwarzer Tinte geschrieben worden, die von selbst getrocknet ist. Der Rest ist in jener gräulichen Farbe, die zeigt, daß Löschpapier verwendet worden ist. (...) Natürlich ist das nur eine Nebensächlichkeit, aber nichts ist so wichtig wie das Nebensächliche.“

Sir Arthur Conan Doyle,
Der Mann mit der entstellten Lippe


Grobe Handschrift? Wer schreibt denn heute noch mit der Hand? Und Löschpapier, nein, das verwendet schon lange keiner mehr. Das kennt man höchstens noch aus der Schule. Hatte sich der Meisterdetektiv Sherlock Holmes noch mit verschiedenen Trocknungsgraden schwarzer Tinte beschäftigt, so pflegen Tatort-Kommissare jedweder Couleur heutzutage bei der Abteilung Spurensicherung routinemäßig die Analyse von Festplatten und Handys zu veranlassen. Überhaupt tönt der Fortschrittsglaube laut und deutlich: Wer mit der Hand schreibt, ist von vorgestern!

Ausnahmen bestätigen die Regel: Wer eine persönliche Zeile unter die gedruckte Weihnachtskarte setzen möchte oder Freunden und Verwandten die Geburt des ersten Kindes anzeigt, der greift eher zum Füller als zum billigen Kugelschreiber; auch wo Personalisierung und Wertigkeit gefragt sind, wird gern von Hand geschrieben. Zumindest die, wie es so schön heißt, „eigenhändige“ Unterschrift scheint als Identitäts- und Echtheitsnachweis nach wie vor unverzichtbar zu sein – mehr oder weniger, wie von Automaten ausgeführte Unterschriften, eine wachsende Zahl elektronischer Signaturen und diejenigen offiziösen Schreiben belegen, die den Empfänger sogleich über ihre maschinelle Herkunft und das absichtliche Fehlen einer solchen belehren. Und obwohl Pädagogen, Linguisten, Ergotherapeuten und Schreibforscher mit Nachdruck und guten Argumenten auf die enorme Bedeutung des Schreibenlernens hinweisen, bei dem Kinder nicht nur wichtige feinmotorische Fähigkeiten erwerben und trainieren, sondern sich auch auszudrücken lernen, scheint die Handschrift keineswegs mehr mitten in unserer Gegenwart zuhause zu sein. Auch dieser Text wurde nicht zufällig per Tastatur und mittels eines Textverarbeitungsprogramms auf einem Rechner der neuesten Generation geschrieben – die Notizen dazu allerdings mit diversen Füllfederhaltern.

Stimmt es also wirklich? Wird das Schreiben mit der Hand nicht nur verdrängt, an den Rand und in eine Nische geschoben, ist es sogar in Gefahr, ganz zu verschwinden? Und wie steht es um das alphabetisierte Schreiben generell? Welche Entwicklungen sind es, die das Schicksal beider beeinflussen? Auf welchen Voraussetzungen beruhen sie? Und mit welchen Folgen hätten wir zur rechnen, käme es tatsächlich so weit, dass wir in Zukunft nur noch tippen, wischen, klicken?
Füllhalter „Lamy 2000“, Design: Gerd A. Müller. Foto © Lamy
Schreibfluss und Produktivität


„Füller, ein guter Füller ist etwas ganz Besonderes. Er passt sich seinem Schreiber mit den Jahren an. Kratzt die Feder zu Beginn noch über das Papier, wird sie mit der Zeit und dem Gebrauch geschmeidiger, das Schreiben von der Last immer mehr zur Lust.

Andrea Maria Schenkel


Das Hinübergleiten der Empfindung von der Last zur Lust, von dem die Schriftstellerin spricht, ist mehr als ein Akt der Gewöhnung. Das Schreiben mit Füller entbehrt nicht eines eigenen Glanzes. Allein schon den Füller mit seiner Schreibfeder umgibt eine Aura der Authentizität. Dem ganzen Vorgang haftet etwas Magisches an. Oder bilden wir uns das nur ein, seit wir den Füller nur noch selten benutzen? Wann haben Sie zuletzt mit einem Füllfederhalter geschrieben, dem noch immer edelsten unter den Schreibgeräten? Erst vor kurzem? Dann kennen Sie sicher das Gefühl, wenn Auge, Hirn und Hand im flüssigen Zug der Feder miteinander verschmelzen und das kleine Stück Metall, aus dem die Tinte fließt, sanft und fast berührungslos, frei und doch kontrolliert über die in ihrer Leere unendlich erscheinende weiße Fläche des Papiers gleitet, um wie ein hart am Wind gehaltenes und mit Gedanken voll gepacktes Schiff davon zu segeln. In solchen Momenten verschmelzen Körper und Geist, Hand und Schrift. Individuum und Sprachsystem verbinden sich beglückend zu einem artikulierten Strom. Sicher, das kommt nicht alle Tage vor. Der Schreibakt aber bleibt ein Ereignis, das mit der Materialität der Schreibwerkzeuge verbunden gedacht werden muss. Warum sonst hätte Georg Christoph Lichtenberg – in Zeiten, als Feder und Tintenfass Standard waren – notieren können: „Es klingt lächerlich, aber es ist wahr: wenn man etwas Gutes schreiben will, so muss man eine gute Feder haben, hauptsächlich eine, die, ohne daß man viel drückt, leichtweg schreibt.“ [1]



Schriftzug „Thinking Tools“. Zeichnung © Christoph Niemann für C. Joseph Lamy GmbH
Nicht nur wer zum Schreiben eine gute Feder oder einen Füller gewählt hat, bemerkt: Beim Schreiben geht es um mehr als um den Gebrauch eines beliebigen Werkzeugs. Sicher, auch andere Schreibgeräte wie Bleistift, Kugelschreiber oder Tintenroller, und nicht weniger Schreibmaschine oder der Computer als Textverarbeitungsmaschine, wirken auf ihre Art am Schreiben und seiner Gestaltung mit. Ein sogenannter „Fountain Pen“ aber tut es offenbar auf eine besonders intensive Art und Weise. Nicht ohne Grund sehen sich Schriftsteller, um Gedankenfluss und Schreibfluss nicht ins Stocken geraten zu lassen, oft zu einer List im Umgang mit ihrem Schreibwerkzeug genötigt, „wollen sie den Widerstand überwinden, den diese ihrem schöpferischen, wenn auch somnambulen Willen entgegensetzen“. [2] Der Schriftsteller und Literaturtheoretiker Maurice Blanchot geht sogar soweit, die Bewegung der Hand beim Schreiben „als eine im ,Schatten’ des Bewußtseins angesiedelte Produktivität zu begreifen“ [3]. Es gehe, so seine Überlegung, auf dieser Ebene des Schreibens gar nicht darum, etwas Bestimmtes mitzuteilen. Die Bewegung der Hand sei vielmehr Indiz einer namenlosen Produktivität, die sich weder ökonomisch noch semantisch, weder in ihrer Fülle noch in ihrer Bedeutung, beherrschen lasse. [4] Auch das gehört wohl zum Schreiben: Dass wir, wenn wir schreiben, zum Echo dessen werden, „was nicht aufhören kann zu sprechen“[5]. Es schreibt also immer schon, auch wenn wir die Feder halten – so obskur das im ersten Moment auch klingen mag.
Füllhalter „AL-star“, Design: Wolfgang Fabian. Foto © Lamy
Mit dem Paläoanthropologen André Leroi-Gourhan, der die Evolution von Technik, Sprache und Kunst untersucht hat [6], lässt sich darüber hinaus festhalten, dass bei Zeichen und Wort schon in prähistorischer Zeit etwas Abstraktes mit einer fortschreitenden Anpassung der Motorik des Ausdrucks an immer nuanciertere zerebrale Anforderungen korrespondiert. [7] So hätten sich schon in der Frühzeit der Menschwerdung im Ausgang von den gleichen Quellen zwei Sprachen herausgebildet: „Die eine ist dem Hörsinn verhaftet und mit der Evolution jener Bereiche verbunden, die für eine Koordination der Töne zuständig sind; die andere beruht auf visueller Wahrnehmung und ist mit der Evolution der Bereiche verknüpft, die für eine Koordination der in materielle graphische Symbole übersetzten Gesten sorgen“. [8] Dabei habe der graphische Ausdruck der Sprache, ähnlich wie bei Maurice Blanchot, die Dimension des Unaussprechlichen wiedergeben. Ohne einen Ausdrucksmodus habe sich die wirkliche Situation des Menschen in einem Kosmos nicht erfassen lassen, „in dessen Zentrum er sich selbst stellt und den er noch nicht durch eine Vernunft zu durchdringen versucht, in der die Buchstaben aus dem Denken eine buchstäblich eindringende Linie machen, eine Linie, die zwar von großer Reichweite, aber dünn wie ein Faden ist.“ [9] – Eine Linie von großer Reichweite, aber dünn wie ein Faden – knapper lässt sich kaum sagen, was Schrift bedeutet. Hand und Schreibwerkzeug, in rhythmischer Bewegung vereint, haben also schon in prähistorischer Zeit das Gerüst eines ersten Notationssystems hervorgebracht. Seither, so drückt es der Philosoph Vilém Flusser aus, presse der Schreibende „die Buchstaben, diese toten Lettern, gegen den lebendigen Leib der Sprache, damit sie daraus Leben saugen mögen, und siehe da: diese Vampire beginnen unter seinen Fingern ein abenteuerliches Eigenleben“. [10]

_____________________________________________________________
[1] Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher 2, H 129, in: ders., Schriften u. Briefe, Bd. 2, hrsg. v. Wolfgang Promies, München Wien 1971, S. 194.
[2] Martin Stingelin, „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“, Die poetologische Reflexion der Schreibwerkzeuge bei Georg Christoph Lichtenberg und Friedrich Nietzsche, in: Sandro Zanetti, Schreiben als Kulturtechnik, Berlin 2012, S. 284.
[3] Sandro Zanetti, Schreiben als Kulturtechnik, Einleitung, Berlin 2012, S. 17.
[4] vgl. ibid.
[5] Maurice Blanchot, Das verfolgende Greifen, in: Zanetti, a.a.O., S. 239.
[6] André Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt am Main 1980.
[7] vgl. a.a.O., S. 240. „Die ältesten bekannten bildlichen Darstellungen stellen daher keine Jagdszenen, Tiere oder ergreifenden Familienszenen dar, es sind vielmehr graphische Pflöcke ohne deskriptiven Bezug, Stützpunkte eines mündlichen Kontextes, der unwiederbringlich verloren ist.“
[8] Leroi-Gourhan, a.a.O., S. 216.
[9] Leroi-Gourhan, a.a.O., S. 249.
[10] Flusser, Die Schrift, a.a.O., S. 37.



Ausstellung:
Thinking Tools
Design als Prozess: Wie Schreibgeräte entstehen
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main
24. September 2016 bis 29. Januar 2017

www.museumangewandtekunst.de

News & Stories › 2016 › September
Vollkommen vertraut,
absolut revolutionär - Teil 1
von Thomas Wagner | 20. September 2016
Wer schreibt heute noch von Hand? Werden wir schon bald nur noch tippen, wischen und klicken? Oder erwerben wir beim Schreibenlernen Fähigkeiten, die wir auch künftig brauchen werden?
Ein Überbleibsel aus romantischeren Zeiten


„,Grobe Handschrift!’ murmelte Holmes. ,Das ist doch sicher nicht die Handschrift Ihres Mannes, Madame.’ – ,Auf dem Umschlag nicht, aber auf dem Brief.’ – ,Ich stelle weiterhin fest, daß derjenige, der den Umschlag adressiert hat, absetzen und sich nach der Anschrift erkundigen mußte.’ – ,Woran können Sie das sehen?’– ,Wie Sie sehen, ist der Name in völlig schwarzer Tinte geschrieben worden, die von selbst getrocknet ist. Der Rest ist in jener gräulichen Farbe, die zeigt, daß Löschpapier verwendet worden ist. (...) Natürlich ist das nur eine Nebensächlichkeit, aber nichts ist so wichtig wie das Nebensächliche.“

Sir Arthur Conan Doyle,
Der Mann mit der entstellten Lippe


Grobe Handschrift? Wer schreibt denn heute noch mit der Hand? Und Löschpapier, nein, das verwendet schon lange keiner mehr. Das kennt man höchstens noch aus der Schule. Hatte sich der Meisterdetektiv Sherlock Holmes noch mit verschiedenen Trocknungsgraden schwarzer Tinte beschäftigt, so pflegen Tatort-Kommissare jedweder Couleur heutzutage bei der Abteilung Spurensicherung routinemäßig die Analyse von Festplatten und Handys zu veranlassen. Überhaupt tönt der Fortschrittsglaube laut und deutlich: Wer mit der Hand schreibt, ist von vorgestern!

Ausnahmen bestätigen die Regel: Wer eine persönliche Zeile unter die gedruckte Weihnachtskarte setzen möchte oder Freunden und Verwandten die Geburt des ersten Kindes anzeigt, der greift eher zum Füller als zum billigen Kugelschreiber; auch wo Personalisierung und Wertigkeit gefragt sind, wird gern von Hand geschrieben. Zumindest die, wie es so schön heißt, „eigenhändige“ Unterschrift scheint als Identitäts- und Echtheitsnachweis nach wie vor unverzichtbar zu sein – mehr oder weniger, wie von Automaten ausgeführte Unterschriften, eine wachsende Zahl elektronischer Signaturen und diejenigen offiziösen Schreiben belegen, die den Empfänger sogleich über ihre maschinelle Herkunft und das absichtliche Fehlen einer solchen belehren. Und obwohl Pädagogen, Linguisten, Ergotherapeuten und Schreibforscher mit Nachdruck und guten Argumenten auf die enorme Bedeutung des Schreibenlernens hinweisen, bei dem Kinder nicht nur wichtige feinmotorische Fähigkeiten erwerben und trainieren, sondern sich auch auszudrücken lernen, scheint die Handschrift keineswegs mehr mitten in unserer Gegenwart zuhause zu sein. Auch dieser Text wurde nicht zufällig per Tastatur und mittels eines Textverarbeitungsprogramms auf einem Rechner der neuesten Generation geschrieben – die Notizen dazu allerdings mit diversen Füllfederhaltern.

Stimmt es also wirklich? Wird das Schreiben mit der Hand nicht nur verdrängt, an den Rand und in eine Nische geschoben, ist es sogar in Gefahr, ganz zu verschwinden? Und wie steht es um das alphabetisierte Schreiben generell? Welche Entwicklungen sind es, die das Schicksal beider beeinflussen? Auf welchen Voraussetzungen beruhen sie? Und mit welchen Folgen hätten wir zur rechnen, käme es tatsächlich so weit, dass wir in Zukunft nur noch tippen, wischen, klicken?
Schreibfluss und Produktivität


„Füller, ein guter Füller ist etwas ganz Besonderes. Er passt sich seinem Schreiber mit den Jahren an. Kratzt die Feder zu Beginn noch über das Papier, wird sie mit der Zeit und dem Gebrauch geschmeidiger, das Schreiben von der Last immer mehr zur Lust.

Andrea Maria Schenkel


Das Hinübergleiten der Empfindung von der Last zur Lust, von dem die Schriftstellerin spricht, ist mehr als ein Akt der Gewöhnung. Das Schreiben mit Füller entbehrt nicht eines eigenen Glanzes. Allein schon den Füller mit seiner Schreibfeder umgibt eine Aura der Authentizität. Dem ganzen Vorgang haftet etwas Magisches an. Oder bilden wir uns das nur ein, seit wir den Füller nur noch selten benutzen? Wann haben Sie zuletzt mit einem Füllfederhalter geschrieben, dem noch immer edelsten unter den Schreibgeräten? Erst vor kurzem? Dann kennen Sie sicher das Gefühl, wenn Auge, Hirn und Hand im flüssigen Zug der Feder miteinander verschmelzen und das kleine Stück Metall, aus dem die Tinte fließt, sanft und fast berührungslos, frei und doch kontrolliert über die in ihrer Leere unendlich erscheinende weiße Fläche des Papiers gleitet, um wie ein hart am Wind gehaltenes und mit Gedanken voll gepacktes Schiff davon zu segeln. In solchen Momenten verschmelzen Körper und Geist, Hand und Schrift. Individuum und Sprachsystem verbinden sich beglückend zu einem artikulierten Strom. Sicher, das kommt nicht alle Tage vor. Der Schreibakt aber bleibt ein Ereignis, das mit der Materialität der Schreibwerkzeuge verbunden gedacht werden muss. Warum sonst hätte Georg Christoph Lichtenberg – in Zeiten, als Feder und Tintenfass Standard waren – notieren können: „Es klingt lächerlich, aber es ist wahr: wenn man etwas Gutes schreiben will, so muss man eine gute Feder haben, hauptsächlich eine, die, ohne daß man viel drückt, leichtweg schreibt.“ [1]



Nicht nur wer zum Schreiben eine gute Feder oder einen Füller gewählt hat, bemerkt: Beim Schreiben geht es um mehr als um den Gebrauch eines beliebigen Werkzeugs. Sicher, auch andere Schreibgeräte wie Bleistift, Kugelschreiber oder Tintenroller, und nicht weniger Schreibmaschine oder der Computer als Textverarbeitungsmaschine, wirken auf ihre Art am Schreiben und seiner Gestaltung mit. Ein sogenannter „Fountain Pen“ aber tut es offenbar auf eine besonders intensive Art und Weise. Nicht ohne Grund sehen sich Schriftsteller, um Gedankenfluss und Schreibfluss nicht ins Stocken geraten zu lassen, oft zu einer List im Umgang mit ihrem Schreibwerkzeug genötigt, „wollen sie den Widerstand überwinden, den diese ihrem schöpferischen, wenn auch somnambulen Willen entgegensetzen“. [2] Der Schriftsteller und Literaturtheoretiker Maurice Blanchot geht sogar soweit, die Bewegung der Hand beim Schreiben „als eine im ,Schatten’ des Bewußtseins angesiedelte Produktivität zu begreifen“ [3]. Es gehe, so seine Überlegung, auf dieser Ebene des Schreibens gar nicht darum, etwas Bestimmtes mitzuteilen. Die Bewegung der Hand sei vielmehr Indiz einer namenlosen Produktivität, die sich weder ökonomisch noch semantisch, weder in ihrer Fülle noch in ihrer Bedeutung, beherrschen lasse. [4] Auch das gehört wohl zum Schreiben: Dass wir, wenn wir schreiben, zum Echo dessen werden, „was nicht aufhören kann zu sprechen“[5]. Es schreibt also immer schon, auch wenn wir die Feder halten – so obskur das im ersten Moment auch klingen mag.Mit dem Paläoanthropologen André Leroi-Gourhan, der die Evolution von Technik, Sprache und Kunst untersucht hat [6], lässt sich darüber hinaus festhalten, dass bei Zeichen und Wort schon in prähistorischer Zeit etwas Abstraktes mit einer fortschreitenden Anpassung der Motorik des Ausdrucks an immer nuanciertere zerebrale Anforderungen korrespondiert. [7] So hätten sich schon in der Frühzeit der Menschwerdung im Ausgang von den gleichen Quellen zwei Sprachen herausgebildet: „Die eine ist dem Hörsinn verhaftet und mit der Evolution jener Bereiche verbunden, die für eine Koordination der Töne zuständig sind; die andere beruht auf visueller Wahrnehmung und ist mit der Evolution der Bereiche verknüpft, die für eine Koordination der in materielle graphische Symbole übersetzten Gesten sorgen“. [8] Dabei habe der graphische Ausdruck der Sprache, ähnlich wie bei Maurice Blanchot, die Dimension des Unaussprechlichen wiedergeben. Ohne einen Ausdrucksmodus habe sich die wirkliche Situation des Menschen in einem Kosmos nicht erfassen lassen, „in dessen Zentrum er sich selbst stellt und den er noch nicht durch eine Vernunft zu durchdringen versucht, in der die Buchstaben aus dem Denken eine buchstäblich eindringende Linie machen, eine Linie, die zwar von großer Reichweite, aber dünn wie ein Faden ist.“ [9] – Eine Linie von großer Reichweite, aber dünn wie ein Faden – knapper lässt sich kaum sagen, was Schrift bedeutet. Hand und Schreibwerkzeug, in rhythmischer Bewegung vereint, haben also schon in prähistorischer Zeit das Gerüst eines ersten Notationssystems hervorgebracht. Seither, so drückt es der Philosoph Vilém Flusser aus, presse der Schreibende „die Buchstaben, diese toten Lettern, gegen den lebendigen Leib der Sprache, damit sie daraus Leben saugen mögen, und siehe da: diese Vampire beginnen unter seinen Fingern ein abenteuerliches Eigenleben“. [10]

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[1] Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher 2, H 129, in: ders., Schriften u. Briefe, Bd. 2, hrsg. v. Wolfgang Promies, München Wien 1971, S. 194.
[2] Martin Stingelin, „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“, Die poetologische Reflexion der Schreibwerkzeuge bei Georg Christoph Lichtenberg und Friedrich Nietzsche, in: Sandro Zanetti, Schreiben als Kulturtechnik, Berlin 2012, S. 284.
[3] Sandro Zanetti, Schreiben als Kulturtechnik, Einleitung, Berlin 2012, S. 17.
[4] vgl. ibid.
[5] Maurice Blanchot, Das verfolgende Greifen, in: Zanetti, a.a.O., S. 239.
[6] André Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt am Main 1980.
[7] vgl. a.a.O., S. 240. „Die ältesten bekannten bildlichen Darstellungen stellen daher keine Jagdszenen, Tiere oder ergreifenden Familienszenen dar, es sind vielmehr graphische Pflöcke ohne deskriptiven Bezug, Stützpunkte eines mündlichen Kontextes, der unwiederbringlich verloren ist.“
[8] Leroi-Gourhan, a.a.O., S. 216.
[9] Leroi-Gourhan, a.a.O., S. 249.
[10] Flusser, Die Schrift, a.a.O., S. 37.



Ausstellung:
Thinking Tools
Design als Prozess: Wie Schreibgeräte entstehen
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main
24. September 2016 bis 29. Januar 2017

www.museumangewandtekunst.de