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Vom einfachen Leben in der Stadt
von Adeline Seidel | 6. Juni 2014
Wohnlichkeit scheint hier eher am unteren Ende der „Heimeligkeits-Skala“ angesiedelt zu sein. Dafür ist die Akustik beachtlich. Ganz gleich, wo im Raum man sich aufhält, stets hat man das Gefühl, jedes noch so kleine Geräusch entspringe in unmittelbarer Nähe. Foto © Ronald Tilleman
Wie sieht das gebaute Minimum aus, das maximale Lebensqualität verspricht? Dieser Frage geht das niederländische Architekturbüro SeARCH mit ihrem Pavillon für das „Het Nieuwe Instituut“ in Rotterdam nach. „Architektur ist immer weniger mit dem Menschen, dafür aber immer mehr mit Luxus verbunden“, meint Bjarne Mastenbroek, Gründer des Büros, beim Besuch des Pavillons. „Yourtopia“ nennen die Architekten den Bau ganz unbescheiden. Er ist kein „Nicht-Ort“, sondern direkt neben dem Gebäude des „Het Nieuwe Instituut“ platziert. Ihm gegenüber stehen die Wohnvorstellungen der niederländischen Moderne in Gestalt der weißen, sachlichen Bauten des „Nieuwe Bouwen“ von Brinkman und Van der Vlugt. Der Pavillon fällt von Weitem nicht sofort ins Auge, tritt er doch als grasbedeckter Hügel auf, der in seiner Form an ein Iglu oder an eine Jurte erinnert. Ist maximale Lebensqualität unter der Erde zu finden?

Allerlei Worte sind aus der stählernen Eingangstür gelasert worden: „Krieg – Tier“, „Freiheit – Geld“, „Erde – Paradies“, „Stadt – Dschungel“. Die forcierte Vieldeutigkeit der einander gegenübergestellten Worte, der schwarze Stahl der Eingangssituation, das alles verstärkt den Eindruck, man stehe hier eher vor einem sakralen Ort als vor einem Architekturexperiment. Betritt man den Pavillon durch den düsteren Eingang, öffnet sich ein heller, weißer, runder Raum, in dessen Mitte eine Art Dschungel sprießt. Kein Fenster unterbricht die glatte Wand, Licht fällt allein von oben in den Raum. Auch die Assoziationen des Betrachters beginnen zu wuchern: „Yourtopia“, das vorgebliche Minimum, erweist sich als ein stählernes Pantheon, als eine festgefügte Jurte oder ein geglättetes Iglu. Befinden wir uns in einem klar umgrenzten Paradies unter Gras mit Blick in den Himmel? Die Hängematten und der dichte Dschungel – die Toilette übrigens, wie sich später herausstellt – scheinen zu bestätigen: Wohnlichkeit scheint hier eher am unteren Ende der „Heimeligkeits-Skala“ angesiedelt zu sein. Die Akustik indes ist beachtlich. Ganz gleich, wo im Raum man sich aufhält, stets hat man das Gefühl, jedes noch so kleine Geräusch entspringe in unmittelbarer Nähe. So also soll es aussehen, das architektonische Minimum für ein Maximum an Lebensqualität? Wo ist der Blick in die Stadt geblieben? Wo Bett und Schrank, Küche und Tisch? Jedes Zelt scheint gemütlicher zu sein.
Die forcierte Vieldeutigkeit der einander gegenübergestellten Worte, der schwarze Stahl der Eingangssituation, das alles verstärkt den Eindruck, man stehe hier eher vor einem sakralen Ort als vor einem Architekturexperiment. Fotos © Ronald Tilleman
Man ist geneigt, den Architekten vorzuwerfen, sie hätten wieder einmal einen Fetisch für das Asketische entworfen, für den reinen Raum, der idealerweise nicht vom Menschen und seinen Gebrauchsgegenständen verschmutzt wird. Und man möchte ihnen sagen, ihre Architektur sei ganz sicher am Nutzer und seinen Bedürfnissen vorbei gebaut. Doch würde man Bjarne Mastenbroek und seinem Team damit unrecht tun. Denn es ist die eigene Subjektivität, die zu solch voreiligen Urteilen treibt, weil man der Vorstellung von einer Behausung lediglich seine persönlichen Vorlieben und alltäglichen Gewohnheiten zu Grunde legt. Man selbst hat gefühlt immer zu wenig Platz in der Wohnung, glaubt, man brauche den Blick nach draußen und allerlei Mobiliar. Aus der eigenen Komfortzone heraus betrachtet, glaubt man nur zu gut zu wissen, wie das Minimum dessen auszusehen hat, das man benötigt. Aber sind die 45 Quadratmeter Wohnfläche, die eine Person heute im Durchschnitt allein für sich beansprucht, in der Debatte um Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit gerechtfertigt – während man jedem SUV-Fahrer den moralischen Zeigefinger entgegenstreckt? Zum Vergleich: Vor gerade einmal 40 Jahren waren es nur 29 Quadratmeter, die eine Person für sich reklamierte.

Henry David Thoreau zumindest würde die Ansprüche, die wir an unseren Wohnraum stellen, in Frage stellen. Der Autor des Buches „Walden – oder Leben in den Wäldern“ entsagte um 1850 dem Leben in der Stadt. Dabei trieb ihn nicht ein naive Weltflucht in den Wald, sondern der Wunsch, einen alternativen und ausgewogenen Lebensstil zu verwirklichen. Ein Wunsch der auch heute oft formuliert wird, allerdings zumeist nur im Besuch eines Biosupermarkt zum Ausdruck kommt. Im ersten Kapitel von „Walden“, das Thoreau der „Wirtschaftlichkeit“ widmet, hinterfragt er den Besitz eines Hauses, der aus seiner Sicht allein weitere Zwänge mit sich bringt: „Die meisten Menschen scheinen nie darüber nachgedacht zu haben, was ein Haus ist; sie sind tatsächlich, wenn auch unnötigerweise, ihr ganzes Leben lang arm, weil sie glauben, ein gleiches Haus wie ihre Nachbarn haben zu müssen.“ Ein Dilemma, das uns mit der letzten Bankenkrise mehr als deutlich vor Augen geführt wurde. Doch wir haben nichts daraus gelernt. Wir bauen weiter unsere Penthouses, Stadtpalais’ und all unsere anderen Wohnträume, die kaum noch einer bezahlen kann und die uns aus den Städten verdrängen, in die wir doch gerade erst zurückgekehrt sind.
Gegenüber von „Yourtopia“ stehen die Wohnvorstellungen der niederländischen Moderne in Gestalt der weißen, sachlichen Bauten des „Nieuwe Bouwen“.
Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Thoreau selbst hat Konsequenzen gezogen und sich eine einfache Hütte aus Holz gebaut. Ein Raum mit einem Fenster, ein paar selbstgebauter Möbel und wenigen Habseligkeiten. Was man zum Leben braucht, nicht mehr. Denn er beobachtet scharf: „Fast jeder Luxus und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur absolut überflüssig, sondern geradezu Hindernisse für die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechtes. In Hinsicht auf Luxus und Bequemlichkeit haben die Weisesten immer ein einfacheres und armseligeres Leben geführt als die Armen. (...) Nur wer den freien Blick besitzt, den freiwillige Armut eröffnet, kann unparteiisch und weise das menschliche Leben betrachten.

Betrachtet man den Pavillon von SeARCH aus dieser Perspektive, so ist er ein mutiges Experiment. Keine Hütte im Wald, aber weder luxuriös und gefällig noch bequem. Der Bau ist eben all das nicht, was wir sonst so gerne in Anspruch nehmen, um uns von dem vermeintlich stressgeplagten Alltag unserer industrialisierten und durchorganisierten Zeit zu erholen und uns mit Komfort zu entschädigen. „Yourtopia“ ist ein Weckruf, die Komfortzone zu verlassen, ein Versuch, in einem Bau aus Stahl und Dschungel unter einer Grasdecke mitten in der Stadt der Stadt und ihrem Luxus zu entkommen.


www.search.nl
www.hetnieuweinstituut.nl
In nur zehn Wochen wurde der Pavillon geplant und gebaut. Aufgrund des nur geringen Zeit entschied man sich für eine Stahlkonstruktion, die sich unter dem Gras versteckt. Würde man den Pavillon an einem anderen Ort wieder aufbauen wollen, bräuchte es fünf Lastwagen zum Transport und zwei Tage Zeit zum Ab- und Aufbau. Foto © Ronald Tilleman
News & Stories › 2014 › Juni
Vom einfachen Leben in der Stadt
von Adeline Seidel | 6. Juni 2014
„Yourtopia“ hat das niederländische Architekturbüro SeARCH ihren Pavillon neben dem Het Nieuwe Instituut genannt. Ein urbanes „Walden“ und ein Aufruf, die Komfortzone zu verlassen.

Wie sieht das gebaute Minimum aus, das maximale Lebensqualität verspricht? Dieser Frage geht das niederländische Architekturbüro SeARCH mit ihrem Pavillon für das „Het Nieuwe Instituut“ in Rotterdam nach. „Architektur ist immer weniger mit dem Menschen, dafür aber immer mehr mit Luxus verbunden“, meint Bjarne Mastenbroek, Gründer des Büros, beim Besuch des Pavillons. „Yourtopia“ nennen die Architekten den Bau ganz unbescheiden. Er ist kein „Nicht-Ort“, sondern direkt neben dem Gebäude des „Het Nieuwe Instituut“ platziert. Ihm gegenüber stehen die Wohnvorstellungen der niederländischen Moderne in Gestalt der weißen, sachlichen Bauten des „Nieuwe Bouwen“ von Brinkman und Van der Vlugt. Der Pavillon fällt von Weitem nicht sofort ins Auge, tritt er doch als grasbedeckter Hügel auf, der in seiner Form an ein Iglu oder an eine Jurte erinnert. Ist maximale Lebensqualität unter der Erde zu finden?

Allerlei Worte sind aus der stählernen Eingangstür gelasert worden: „Krieg – Tier“, „Freiheit – Geld“, „Erde – Paradies“, „Stadt – Dschungel“. Die forcierte Vieldeutigkeit der einander gegenübergestellten Worte, der schwarze Stahl der Eingangssituation, das alles verstärkt den Eindruck, man stehe hier eher vor einem sakralen Ort als vor einem Architekturexperiment. Betritt man den Pavillon durch den düsteren Eingang, öffnet sich ein heller, weißer, runder Raum, in dessen Mitte eine Art Dschungel sprießt. Kein Fenster unterbricht die glatte Wand, Licht fällt allein von oben in den Raum. Auch die Assoziationen des Betrachters beginnen zu wuchern: „Yourtopia“, das vorgebliche Minimum, erweist sich als ein stählernes Pantheon, als eine festgefügte Jurte oder ein geglättetes Iglu. Befinden wir uns in einem klar umgrenzten Paradies unter Gras mit Blick in den Himmel? Die Hängematten und der dichte Dschungel – die Toilette übrigens, wie sich später herausstellt – scheinen zu bestätigen: Wohnlichkeit scheint hier eher am unteren Ende der „Heimeligkeits-Skala“ angesiedelt zu sein. Die Akustik indes ist beachtlich. Ganz gleich, wo im Raum man sich aufhält, stets hat man das Gefühl, jedes noch so kleine Geräusch entspringe in unmittelbarer Nähe. So also soll es aussehen, das architektonische Minimum für ein Maximum an Lebensqualität? Wo ist der Blick in die Stadt geblieben? Wo Bett und Schrank, Küche und Tisch? Jedes Zelt scheint gemütlicher zu sein.
Man ist geneigt, den Architekten vorzuwerfen, sie hätten wieder einmal einen Fetisch für das Asketische entworfen, für den reinen Raum, der idealerweise nicht vom Menschen und seinen Gebrauchsgegenständen verschmutzt wird. Und man möchte ihnen sagen, ihre Architektur sei ganz sicher am Nutzer und seinen Bedürfnissen vorbei gebaut. Doch würde man Bjarne Mastenbroek und seinem Team damit unrecht tun. Denn es ist die eigene Subjektivität, die zu solch voreiligen Urteilen treibt, weil man der Vorstellung von einer Behausung lediglich seine persönlichen Vorlieben und alltäglichen Gewohnheiten zu Grunde legt. Man selbst hat gefühlt immer zu wenig Platz in der Wohnung, glaubt, man brauche den Blick nach draußen und allerlei Mobiliar. Aus der eigenen Komfortzone heraus betrachtet, glaubt man nur zu gut zu wissen, wie das Minimum dessen auszusehen hat, das man benötigt. Aber sind die 45 Quadratmeter Wohnfläche, die eine Person heute im Durchschnitt allein für sich beansprucht, in der Debatte um Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit gerechtfertigt – während man jedem SUV-Fahrer den moralischen Zeigefinger entgegenstreckt? Zum Vergleich: Vor gerade einmal 40 Jahren waren es nur 29 Quadratmeter, die eine Person für sich reklamierte.

Henry David Thoreau zumindest würde die Ansprüche, die wir an unseren Wohnraum stellen, in Frage stellen. Der Autor des Buches „Walden – oder Leben in den Wäldern“ entsagte um 1850 dem Leben in der Stadt. Dabei trieb ihn nicht ein naive Weltflucht in den Wald, sondern der Wunsch, einen alternativen und ausgewogenen Lebensstil zu verwirklichen. Ein Wunsch der auch heute oft formuliert wird, allerdings zumeist nur im Besuch eines Biosupermarkt zum Ausdruck kommt. Im ersten Kapitel von „Walden“, das Thoreau der „Wirtschaftlichkeit“ widmet, hinterfragt er den Besitz eines Hauses, der aus seiner Sicht allein weitere Zwänge mit sich bringt: „Die meisten Menschen scheinen nie darüber nachgedacht zu haben, was ein Haus ist; sie sind tatsächlich, wenn auch unnötigerweise, ihr ganzes Leben lang arm, weil sie glauben, ein gleiches Haus wie ihre Nachbarn haben zu müssen.“ Ein Dilemma, das uns mit der letzten Bankenkrise mehr als deutlich vor Augen geführt wurde. Doch wir haben nichts daraus gelernt. Wir bauen weiter unsere Penthouses, Stadtpalais’ und all unsere anderen Wohnträume, die kaum noch einer bezahlen kann und die uns aus den Städten verdrängen, in die wir doch gerade erst zurückgekehrt sind.
Thoreau selbst hat Konsequenzen gezogen und sich eine einfache Hütte aus Holz gebaut. Ein Raum mit einem Fenster, ein paar selbstgebauter Möbel und wenigen Habseligkeiten. Was man zum Leben braucht, nicht mehr. Denn er beobachtet scharf: „Fast jeder Luxus und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur absolut überflüssig, sondern geradezu Hindernisse für die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechtes. In Hinsicht auf Luxus und Bequemlichkeit haben die Weisesten immer ein einfacheres und armseligeres Leben geführt als die Armen. (...) Nur wer den freien Blick besitzt, den freiwillige Armut eröffnet, kann unparteiisch und weise das menschliche Leben betrachten.

Betrachtet man den Pavillon von SeARCH aus dieser Perspektive, so ist er ein mutiges Experiment. Keine Hütte im Wald, aber weder luxuriös und gefällig noch bequem. Der Bau ist eben all das nicht, was wir sonst so gerne in Anspruch nehmen, um uns von dem vermeintlich stressgeplagten Alltag unserer industrialisierten und durchorganisierten Zeit zu erholen und uns mit Komfort zu entschädigen. „Yourtopia“ ist ein Weckruf, die Komfortzone zu verlassen, ein Versuch, in einem Bau aus Stahl und Dschungel unter einer Grasdecke mitten in der Stadt der Stadt und ihrem Luxus zu entkommen.


www.search.nl
www.hetnieuweinstituut.nl