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Vom Neuen Bauen zum Neuen Feiern
von Jörg Stürzebecher | 26. April 2016
Mondschein-Romantik in Grafikersprache: Typographisches Kalenderbilder für den Monat Mai von Lieselotte Müller © Sammlung Albinus im Museum Angewandte Kunst Frankfurt a.M.
Grafische Gestaltung ist gefragt. Immer mehr junge Menschen wollen Visuelle Kommunikation, Informationsdesign, Grafik-Design oder wie das Fach sonst noch genannt wird, studieren. Säulendiagramme bilden in den Nachrichten regelmäßig den „Was wäre wenn“-Wählerwillen ab, Tortengrafiken informieren über Wunsch und Realität, und dann sind da noch die vielen kleinen Bildchen auf den Smartphones, die Beliebigkeiten vorgeblich übersichtlich ordnen. Grafische Gestaltung – das ist Folge der Konsum- und Informationswelt und unverzichtbares Element der Urbanisierung seit der zweiten industriellen Revolution. Und somit etwa 150 Jahre alt.

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst versucht nun, diese Entwicklung seit den ersten farbigen Werbeplakaten, also seit etwas mehr als 100 Jahren, anhand der grafischen Gestaltung, die in Frankfurt oder mit Bezug auf Frankfurt entstand, aufzuzeigen. Das ist ein berechtigtes, weit über die Lokalgeschichte hinausgehendes Vorhaben, denn mindestens zweimal gingen von Frankfurt Impulse für die kulturelle Entwicklung aus, die weltweit wirkten. Da ist zum einen der sozialreformerische Ansatz des Neuen Frankfurts mit modernen Wohnungen für viele und praktischen Haushaltsverbesserungen wie der Frankfurter Küche; und zum anderen die Techno- und Clubszene seit den 1990er Jahren. Beides zog Menschen von weither an, im ersten Fall Architekten, Philosophen, Soziologen und Regisseure, später dann DJs, Musik- und Modeproduzenten.

Das eine wie das andere hatte Folgen für die grafische Gestaltung. Oder war vielleicht sogar die Grafik gelegentlich Vorreiter? Solche Wechselbeziehungen etwa zwischen typographischer und architektonischer Formgebung oder der Übereinanderlagerung von grafischen Flächen mit dem musikalischen Sampling aufzuzeigen, wäre sicherlich aufschlussreich, wenn ein jeweiliger Zeitgeist an Objekten dingfest gemacht werden soll, allein, solche Schlüsse zu ziehen, bleibt den Besuchern in Frankfurt selbst überlassen, denn die Ausstellung liefert dazu keinerlei Hinweise.
Konstruktives in Rot-Schwarz: Zwei Entwürfe von Max Bittrof, links das Poster „Initialen" (um 1930), rechts die Einladungskarte „Stadtrat May über das Reklamewesen“ von 1927
© Sammlung Friedrich Friedl Frankfurt a.M.
Einer der Gründe dafür ist wohl, dass das Thema der Ausstellung mehrfach verändert wurde und die Auswahl der Exponate so subjektiv erfolgte, dass weder ein historischer noch ein auch nur regionaler Überblick zustande kommen konnte. So heißt die Schau im aktuellen Heft der Kunstzeitschrift „artcaleidoscope“ noch „Typografie und Grafikdesign in Frankfurt und Rhein-Main von 1910 bis 1990“, obwohl etwa die Hochschule Darmstadt, das dortige Institut für neue technische Form mit seinen epochalen Ausstellungen oder Helmut Lortz, der die bundesdeutsche Grafik der 1960er Jahre entscheidend mitbildete, außen vor bleiben und lediglich die Hochschule in Offenbach, an der zwei Kuratoren der Ausstellung lehr(t)en, rezipiert wird.

Vom gegenwartsbezogenen Teil der Schau ist da noch keine Rede, er wird also erst in den letzten Monaten entstanden sein. Dieser Teil, vorwiegend kuratiert von Peter Zizka, will eingreifen in die historische Folge, stören und verstören. Wer also in der Ausstellung eben noch nostalgisch auf die sechziger Jahre blickte, sieht sich nun mit einer Lichtinstallation konfrontiert, und wer wissen will, was das soll, benötigt eben ein Smartphone, um den QR-Code zu öffnen.

Diese Konfrontationen historischer Positionen mit 13 aktuellen Gestaltungsbüros von Sandra Doeller bis zu vier5 ist nicht ohne Reiz und sorgt wohl auch dafür, dass jüngere Menschen stärker in die Schau gelockt werden. Allein, die Großformate dieser „Störungen“ stehen eher dominierend denn korrespondierend zu den eher kleinteiligen und -formatigen papiernen Exponaten der grafikgeschichtlichen Abteilungen.
Von figürlich bis abstrakt: Von Max Bittrof entworfene Neujahrskarte (1952) und Umschlag mit den Katalog „Mercedes-Benz 1929“ © Sammlung Friedrich Friedl Frankfurt a.M.
Dieser zentrale Teil der Ausstellung beginnt mit historischen Reklamemarken, ohne deren unmittelbare Vorbilder, die motivgleichen großformatigen Plakate, wenigstens zu nennen oder ausgewählt als Originale zu berücksichtigen. Es folgen Werkstättenarbeiten, dann willkürlich und längst nicht immer nach Qualitätskriterien ausgewählte Beispiele von einzelnen Gestaltern der 1920er Jahre. Jegliches Konzept ist einem bloßen Sammelsurium geopfert. Statt etwa Hans Leistikows Gestaltung der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ mit deren Weiterentwicklung durch Willi Baumeister ab 1930 zu konfrontieren, werden einige Leistikow-Arbeiten mit denen von Albert Fuss in eine Vitrine gepresst. Den hatte 1930 der Satiriker Hans Reimann als einzigen Frankfurter Grafiker in „Was nicht im Baedeker steht“ unter Hinweis auf seine Gestaltung für den Societäts-Verlag gewürdigt, doch von diesen Foto- und Typomontagen ist nichts zu sehen. Auch fehlen Plakate von Leistikow vollständig – ein umfangreiches Konvolut zum Sommer der Musik 1927 befindet sich in der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek. Viele der „zugeschrieben“ oder „unbekannt“ bezeichneten Arbeiten wären leicht durch Vergleich etwa mit Artikeln in der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ oder, für die Jahre nach 1945, durch Nachfragen vor Ort zu verifizieren gewesen.

Anders als Leistikow und Baumeister, deren Arbeiten verstreut präsentiert werden, ist dem mittelmäßigen Art-Deco-Entwerfer Max Bittrof dagegen ein ganzer Raum gewidmet, mit Textunsinn über stilistische Nähe zum russischen Konstruktivismus an der Wand. Mit der Neuen Typographie, die Tschichold im gleichnamigen Buchtitel 1928 selbstverständlich mit „ph“ schrieb und die Illustration als Information-, nicht als Stimmungsmittel behandelte, haben Bittrofs gefällige Reklamen nichts zu tun. Die Tatsache, dass sich sein Nachlass im Besitz eines der Kuratoren befindet, könnte diese räumliche Dominanz erklären gegenüber den eigentlichen Gestaltern des Neuen Frankfurt Leistikow und Baumeister, von den beschämend schlecht behandelten Walter Dexel und Robert Michel gar nicht zu reden.
Klare Sache: Von Adam Schick gestaltete Neujahrskarte 1927 der Ortsgruppe Frankfurt im Bund der deutschen Buchdrucker
© Sammlung Albinus im Museum Angewandte Kunst Frankfurt a.M.
Dreimal G: Neujahrskarte für 1927 der Berufsschule III für Graphik und Gestaltende Gewerbe © Sammlung Albinus im Museum Angewandte Kunst Frankfurt a.M.
Solche räumliche Unausgewogenheit ist für die Schau bestimmend. Denn sicher, die zahlreichen Arbeiten aus dem Werkunterricht von Philipp Albinus wurden zuvor nie gezeigt, aber Vergleichbares ist umfangreich seinerzeit in den „Typographischen Mitteilungen“, übrigens auch aus der Klasse Albinus, gedruckt worden, und es wäre besser gewesen, Albinus einmal eine Kabinett-Ausstellung zu widmen, als so von tatsächlich Veröffentlichtem, in die Öffentlichkeit Wirkendem abzulenken. Und ja, es ist freundlich, auf Liselotte Müller hinzuweisen, deren Figurensatzarbeiten während der Eröffnung vor allem bei Frauen Anklang fanden, aber die Typographiegeschichte ist eben bis zur Einführung des Apple MacIntosh überwiegend eine Männergeschichte, und hervorragende Gestalterinnen wie Muriel Cooper beim MIT waren Ausnahme, nicht Regel.
Die Eleganz geometrischer Einfachheit hat die Futura von Paul Renners zu einer der wichtigsten Schriften des 20. Jahrhunderts werden lassen: Links eine Anzeige für die Futura © Nachlass Lieselotte Müller; rechts ein Schriftmusterheft zur Futura © Sammlung Albinus im Museum Angewandte Kunst Frankfurt a.M.
Irritierend ist auch die Auseinandersetzung mit dem wohl wichtigsten Schriftentwurf der Zeit, Paul Renners „Futura“, wo die visuelle Auseinandersetzung mit der sogenannten Kramer-Grotesk erhebliche Laufleistungen verlangt und die Dokumentation zu Kramer zeitlich den 1960er Jahren zugeordnet ist. Als kurioses Ausstellungsobjekt sei hier eine Damenmelone erwähnt, um 1930, mit typografischen Etikett, das den Hut als Produkt von Kramers Vater ausweist – der einzige alte Hut in realiter in der Ausstellung, die metaphorisch an solchen reich ist.
Kreativität braucht ein eingängiges Motiv und eine klare Farbigkeit: Plakate von Wolfgang Schmidt; links Blatt 38.73 „Ich sehe schwarz“ (1973), rechts Blatt 09.72 „mobil“ (1977)
© Sammlung Albinus im Museum Angewandte Kunst Frankfurt a.M.
Die Missverhältnisse und Irrtümer setzen sich nach 1945 fort – die 12 Jahre der Diktatur bleiben nicht unbebildert, werden aber zu Recht kurz abgehandelt, da es eben kaum relevante Gestaltung gab. Schön, dass Wolfgang Schmidt so ausführlich gewürdigt wird, aber bei einem Frankfurtbezug, wie er im Titel der Schau behauptet wird, dürfte seine Arbeit für die U-Bahn, die zusammen mit der Nordweststadt so etwas wie das Anknüpfen an das Neue Frankfurt der 1920er Jahre bedeutete, nicht fehlen. Ja, Gunter Rambow wird gewürdigt, aber ohne Hinweis darauf, dass er gegenwärtig im Frankfurter Stadtbild mit seinen Oper-Plakaten omnipräsent ist; und sein Plakatentwurf für eine Ferdinand Kramer-Ausstellung war für das Berliner Bauhaus-Archiv und nicht für den Deutschen Werkbund und zehn Jahre früher als 1992.

Auch hier mangelt es leider an Recherche und Präzision. Es fehlen Entwerfernamen, der Schriftzug des Rambow/Lienemeyer-Plakates „Egoißt“ erscheint inmitten von Wolfgang Schmidts „Lebenszeichen“, Ortshinweise wie der zur „göppinger galerie“ bleiben ohne Erläuterung. Beziehungslos folgen Buchumschläge auf Filmplakate, das Geflecht der Frankfurter Grafik-Szene bleibt unsichtbar.
Internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung: „Das Neue Frankfurt“, Skizzen für das Deckblatt der Zeitschrift von Lieselotte Müller (1929/1931)
© Nachlass Lieselotte Müller Frankfurt a.M.
Das wäre anders möglich. So hätten sich etwa Brüche und Kontinuitäten der Gestaltung am Beispiel des Suhrkamp-Verlages zeigen lassen, für den unter Peter Suhrkamp Hans Leistikow und sein Schüler Rudolf Kroth tätig waren. Auch der Baumeister-Schüler Peter Zollna in Frankfurt gehört in diesen Zusammenhang. Doch Suhrkamp-Gestaltung, das ist für die Kuratoren der nicht in der Stadt lebende Willy Fleckhaus, dessen unter Siegfried Unseld entwickelte „edition suhrkamp“ gegenüber der üblichen Praxis Erscheinungsjahr=Gestaltungsjahr vordatiert wird; auch der durch die hfg-Ulmerin Ann Lamche parallel zu Fleckhaus vollzogene Bruch mit der kalligrafischen Gestaltung bleibt unerwähnt. Denn Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem, wie Bücher ihre Leser finden, und das schlug sich nach Suhrkamps Tod in der Gestaltung nieder. Wenn aber beide Verleger im großen Wandtext zu Peter Unseld (!) zusammengezogen werden, bleibt solche (Er-)Kenntnis natürlich außen vor. Und wenn Suhrkamp, warum nicht auch der Verlag „Neue Kritik“, für den der Berliner Christian Chruxin mit die aufregendsten Gestaltungen der Revolte um 1968 lieferte?
Man könnte die Kritik noch eine Weile weitertreiben, zumal sich vieles im Katalog fortsetzt. Wer also mit dem Thema vertraut ist, den wird die Schau zornig machen. Und das, obwohl sie viel Sehenswertes bietet, und auch wirklich Neues wie eben den Albinus-Nachlass. Doch wie das so ist, vor dem Zorn, der nach Brecht die Züge verzerrt, kommt der Ärger, und auf den Zorn folgt die Melancholie, die Trauer um so viele verpasste Gelegenheiten. Trotzalledem: Wer sich für grafische Gestaltung interessiert, dem sei diese Schau empfohlen, ausdrücklich aber nur wegen des Materials. Zu oft führen Auswahl, Präsentation und Katalog den Besucher in die Irre.

Alles Neu – 100 Jahre Neue Typografie und
Neue Grafik in Frankfurt am Main
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main
bis 21. August 2016
Katalog, av Edition Stuttgart, kostet 39,00 Euro

www.museumangewandtekunst.de
Kritische Plakatkunst oder Anarcho-Branding? – links das Blatt „Happy-Branding“ © Eike König, 2016; rechts „Less is…“ © Sandra Doeller, 2015
News & Stories › 2016 › April
Vom Neuen Bauen zum Neuen Feiern
von Jörg Stürzebecher | 26. April 2016
In Frankfurt am Main zeigt eine Ausstellung Gebrauchsgrafik und Grafik-Design vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.
Grafische Gestaltung ist gefragt. Immer mehr junge Menschen wollen Visuelle Kommunikation, Informationsdesign, Grafik-Design oder wie das Fach sonst noch genannt wird, studieren. Säulendiagramme bilden in den Nachrichten regelmäßig den „Was wäre wenn“-Wählerwillen ab, Tortengrafiken informieren über Wunsch und Realität, und dann sind da noch die vielen kleinen Bildchen auf den Smartphones, die Beliebigkeiten vorgeblich übersichtlich ordnen. Grafische Gestaltung – das ist Folge der Konsum- und Informationswelt und unverzichtbares Element der Urbanisierung seit der zweiten industriellen Revolution. Und somit etwa 150 Jahre alt.

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst versucht nun, diese Entwicklung seit den ersten farbigen Werbeplakaten, also seit etwas mehr als 100 Jahren, anhand der grafischen Gestaltung, die in Frankfurt oder mit Bezug auf Frankfurt entstand, aufzuzeigen. Das ist ein berechtigtes, weit über die Lokalgeschichte hinausgehendes Vorhaben, denn mindestens zweimal gingen von Frankfurt Impulse für die kulturelle Entwicklung aus, die weltweit wirkten. Da ist zum einen der sozialreformerische Ansatz des Neuen Frankfurts mit modernen Wohnungen für viele und praktischen Haushaltsverbesserungen wie der Frankfurter Küche; und zum anderen die Techno- und Clubszene seit den 1990er Jahren. Beides zog Menschen von weither an, im ersten Fall Architekten, Philosophen, Soziologen und Regisseure, später dann DJs, Musik- und Modeproduzenten.

Das eine wie das andere hatte Folgen für die grafische Gestaltung. Oder war vielleicht sogar die Grafik gelegentlich Vorreiter? Solche Wechselbeziehungen etwa zwischen typographischer und architektonischer Formgebung oder der Übereinanderlagerung von grafischen Flächen mit dem musikalischen Sampling aufzuzeigen, wäre sicherlich aufschlussreich, wenn ein jeweiliger Zeitgeist an Objekten dingfest gemacht werden soll, allein, solche Schlüsse zu ziehen, bleibt den Besuchern in Frankfurt selbst überlassen, denn die Ausstellung liefert dazu keinerlei Hinweise.
Einer der Gründe dafür ist wohl, dass das Thema der Ausstellung mehrfach verändert wurde und die Auswahl der Exponate so subjektiv erfolgte, dass weder ein historischer noch ein auch nur regionaler Überblick zustande kommen konnte. So heißt die Schau im aktuellen Heft der Kunstzeitschrift „artcaleidoscope“ noch „Typografie und Grafikdesign in Frankfurt und Rhein-Main von 1910 bis 1990“, obwohl etwa die Hochschule Darmstadt, das dortige Institut für neue technische Form mit seinen epochalen Ausstellungen oder Helmut Lortz, der die bundesdeutsche Grafik der 1960er Jahre entscheidend mitbildete, außen vor bleiben und lediglich die Hochschule in Offenbach, an der zwei Kuratoren der Ausstellung lehr(t)en, rezipiert wird.

Vom gegenwartsbezogenen Teil der Schau ist da noch keine Rede, er wird also erst in den letzten Monaten entstanden sein. Dieser Teil, vorwiegend kuratiert von Peter Zizka, will eingreifen in die historische Folge, stören und verstören. Wer also in der Ausstellung eben noch nostalgisch auf die sechziger Jahre blickte, sieht sich nun mit einer Lichtinstallation konfrontiert, und wer wissen will, was das soll, benötigt eben ein Smartphone, um den QR-Code zu öffnen.

Diese Konfrontationen historischer Positionen mit 13 aktuellen Gestaltungsbüros von Sandra Doeller bis zu vier5 ist nicht ohne Reiz und sorgt wohl auch dafür, dass jüngere Menschen stärker in die Schau gelockt werden. Allein, die Großformate dieser „Störungen“ stehen eher dominierend denn korrespondierend zu den eher kleinteiligen und -formatigen papiernen Exponaten der grafikgeschichtlichen Abteilungen.
Dieser zentrale Teil der Ausstellung beginnt mit historischen Reklamemarken, ohne deren unmittelbare Vorbilder, die motivgleichen großformatigen Plakate, wenigstens zu nennen oder ausgewählt als Originale zu berücksichtigen. Es folgen Werkstättenarbeiten, dann willkürlich und längst nicht immer nach Qualitätskriterien ausgewählte Beispiele von einzelnen Gestaltern der 1920er Jahre. Jegliches Konzept ist einem bloßen Sammelsurium geopfert. Statt etwa Hans Leistikows Gestaltung der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ mit deren Weiterentwicklung durch Willi Baumeister ab 1930 zu konfrontieren, werden einige Leistikow-Arbeiten mit denen von Albert Fuss in eine Vitrine gepresst. Den hatte 1930 der Satiriker Hans Reimann als einzigen Frankfurter Grafiker in „Was nicht im Baedeker steht“ unter Hinweis auf seine Gestaltung für den Societäts-Verlag gewürdigt, doch von diesen Foto- und Typomontagen ist nichts zu sehen. Auch fehlen Plakate von Leistikow vollständig – ein umfangreiches Konvolut zum Sommer der Musik 1927 befindet sich in der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek. Viele der „zugeschrieben“ oder „unbekannt“ bezeichneten Arbeiten wären leicht durch Vergleich etwa mit Artikeln in der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ oder, für die Jahre nach 1945, durch Nachfragen vor Ort zu verifizieren gewesen.

Anders als Leistikow und Baumeister, deren Arbeiten verstreut präsentiert werden, ist dem mittelmäßigen Art-Deco-Entwerfer Max Bittrof dagegen ein ganzer Raum gewidmet, mit Textunsinn über stilistische Nähe zum russischen Konstruktivismus an der Wand. Mit der Neuen Typographie, die Tschichold im gleichnamigen Buchtitel 1928 selbstverständlich mit „ph“ schrieb und die Illustration als Information-, nicht als Stimmungsmittel behandelte, haben Bittrofs gefällige Reklamen nichts zu tun. Die Tatsache, dass sich sein Nachlass im Besitz eines der Kuratoren befindet, könnte diese räumliche Dominanz erklären gegenüber den eigentlichen Gestaltern des Neuen Frankfurt Leistikow und Baumeister, von den beschämend schlecht behandelten Walter Dexel und Robert Michel gar nicht zu reden.
Solche räumliche Unausgewogenheit ist für die Schau bestimmend. Denn sicher, die zahlreichen Arbeiten aus dem Werkunterricht von Philipp Albinus wurden zuvor nie gezeigt, aber Vergleichbares ist umfangreich seinerzeit in den „Typographischen Mitteilungen“, übrigens auch aus der Klasse Albinus, gedruckt worden, und es wäre besser gewesen, Albinus einmal eine Kabinett-Ausstellung zu widmen, als so von tatsächlich Veröffentlichtem, in die Öffentlichkeit Wirkendem abzulenken. Und ja, es ist freundlich, auf Liselotte Müller hinzuweisen, deren Figurensatzarbeiten während der Eröffnung vor allem bei Frauen Anklang fanden, aber die Typographiegeschichte ist eben bis zur Einführung des Apple MacIntosh überwiegend eine Männergeschichte, und hervorragende Gestalterinnen wie Muriel Cooper beim MIT waren Ausnahme, nicht Regel.Irritierend ist auch die Auseinandersetzung mit dem wohl wichtigsten Schriftentwurf der Zeit, Paul Renners „Futura“, wo die visuelle Auseinandersetzung mit der sogenannten Kramer-Grotesk erhebliche Laufleistungen verlangt und die Dokumentation zu Kramer zeitlich den 1960er Jahren zugeordnet ist. Als kurioses Ausstellungsobjekt sei hier eine Damenmelone erwähnt, um 1930, mit typografischen Etikett, das den Hut als Produkt von Kramers Vater ausweist – der einzige alte Hut in realiter in der Ausstellung, die metaphorisch an solchen reich ist.Die Missverhältnisse und Irrtümer setzen sich nach 1945 fort – die 12 Jahre der Diktatur bleiben nicht unbebildert, werden aber zu Recht kurz abgehandelt, da es eben kaum relevante Gestaltung gab. Schön, dass Wolfgang Schmidt so ausführlich gewürdigt wird, aber bei einem Frankfurtbezug, wie er im Titel der Schau behauptet wird, dürfte seine Arbeit für die U-Bahn, die zusammen mit der Nordweststadt so etwas wie das Anknüpfen an das Neue Frankfurt der 1920er Jahre bedeutete, nicht fehlen. Ja, Gunter Rambow wird gewürdigt, aber ohne Hinweis darauf, dass er gegenwärtig im Frankfurter Stadtbild mit seinen Oper-Plakaten omnipräsent ist; und sein Plakatentwurf für eine Ferdinand Kramer-Ausstellung war für das Berliner Bauhaus-Archiv und nicht für den Deutschen Werkbund und zehn Jahre früher als 1992.

Auch hier mangelt es leider an Recherche und Präzision. Es fehlen Entwerfernamen, der Schriftzug des Rambow/Lienemeyer-Plakates „Egoißt“ erscheint inmitten von Wolfgang Schmidts „Lebenszeichen“, Ortshinweise wie der zur „göppinger galerie“ bleiben ohne Erläuterung. Beziehungslos folgen Buchumschläge auf Filmplakate, das Geflecht der Frankfurter Grafik-Szene bleibt unsichtbar.
Das wäre anders möglich. So hätten sich etwa Brüche und Kontinuitäten der Gestaltung am Beispiel des Suhrkamp-Verlages zeigen lassen, für den unter Peter Suhrkamp Hans Leistikow und sein Schüler Rudolf Kroth tätig waren. Auch der Baumeister-Schüler Peter Zollna in Frankfurt gehört in diesen Zusammenhang. Doch Suhrkamp-Gestaltung, das ist für die Kuratoren der nicht in der Stadt lebende Willy Fleckhaus, dessen unter Siegfried Unseld entwickelte „edition suhrkamp“ gegenüber der üblichen Praxis Erscheinungsjahr=Gestaltungsjahr vordatiert wird; auch der durch die hfg-Ulmerin Ann Lamche parallel zu Fleckhaus vollzogene Bruch mit der kalligrafischen Gestaltung bleibt unerwähnt. Denn Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem, wie Bücher ihre Leser finden, und das schlug sich nach Suhrkamps Tod in der Gestaltung nieder. Wenn aber beide Verleger im großen Wandtext zu Peter Unseld (!) zusammengezogen werden, bleibt solche (Er-)Kenntnis natürlich außen vor. Und wenn Suhrkamp, warum nicht auch der Verlag „Neue Kritik“, für den der Berliner Christian Chruxin mit die aufregendsten Gestaltungen der Revolte um 1968 lieferte?
Man könnte die Kritik noch eine Weile weitertreiben, zumal sich vieles im Katalog fortsetzt. Wer also mit dem Thema vertraut ist, den wird die Schau zornig machen. Und das, obwohl sie viel Sehenswertes bietet, und auch wirklich Neues wie eben den Albinus-Nachlass. Doch wie das so ist, vor dem Zorn, der nach Brecht die Züge verzerrt, kommt der Ärger, und auf den Zorn folgt die Melancholie, die Trauer um so viele verpasste Gelegenheiten. Trotzalledem: Wer sich für grafische Gestaltung interessiert, dem sei diese Schau empfohlen, ausdrücklich aber nur wegen des Materials. Zu oft führen Auswahl, Präsentation und Katalog den Besucher in die Irre.

Alles Neu – 100 Jahre Neue Typografie und
Neue Grafik in Frankfurt am Main
Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main
bis 21. August 2016
Katalog, av Edition Stuttgart, kostet 39,00 Euro

www.museumangewandtekunst.de