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Was auf den Tisch kommt
von Thomas Edelmann
27. April 2016
Küche und Kirche: Bulthaup präsentierte in San Carpoforo anbetungswürdige Neuheiten wie die Werkbank B1. Foto © Bulthaup
Demonstrationsobjekt für Materialhersteller, verfeinerte Gegenstände zur Repräsentation oder Rezepte für den Alltag – Küchen haben derzeit so viele Zwecke wie Erscheinungsformen.
Küchenjahr in Mailand: Auf der Messe und in den Fuori der Stadt werden Neuheiten installiert. So komplex und raumgreifend wie Küchen sind wenige andere Projekte. Zudem gehören sie unterschiedlichen Sphären an, sind beinahe schon Architektur, im Detail oftmals Design, gelegentlich gar ingeniöse Konstruktionen. Mehr noch als in der Welt der Möbel sind Markenbildung, Imagetransfer und Nutzversprechen in einer kaum entwirrbaren Gemengelage miteinander vermischt.

Im Küchenjahr 2016 ist das Wort Neuheit ein relativer Begriff. Erkennbar wird der Trend, eingeführte Modellnamen beinahe wie in der Autoindustrie einem Facelift oder dem Modellwechsel zu unterziehen. „Wir haben vier neue Küchen!“ verkündet ein Hersteller voller Euphorie. Tatsächlich sind es Oberflächen und Materialien, die neu oder anders angeordnet werden.
Erweiterte Kombinationsmöglichkeiten und verbesserte Beschläge, oftmals gemeinsam mit Zulieferern entwickelt, sind es, die das Neue bezeichnen. Das Spiel allerdings funktioniert. Denn alles, was sich anfassen und ansehen lässt, steht für den ersten Eindruck, auf den hin viele Küchen konzipiert sind. Und obwohl die Branche davon lebt, dass Küchen gestalterisch und technisch veralten und von Zeit zu Zeit ersetzt werden müssen, propagiert zumindest das obere Luxussegment Materialien, die den Glanz ewiger Beständigkeit suggerieren.

Material als Botschaft

Längst gilt auch hier: „What you see is not what you get“. Während im Museum „Mudec“ die Ausstellung „Sempering“ von Cino Zucchi und Luisa Collinia Prozesse und Muster nach dem Vorbild von Gottfried Semper feiert und seiner Wirkung auf zeitgenössische Architektur und Design nachspürt, spielt Sempers Gedanke des materialgerechten Entwerfens heute eine revidierte Rolle. „Es spreche das Material für sich und trete auf, unverhüllt, in der Gestalt, in den Verhältnissen, die als die zweckmäßigsten für dasselbe durch Erfahrungen und Wissenschaften erprobt sind“, schrieb Semper einst. Soweit so aktuell. Die Forderung allerdings „Backstein erscheine als Backstein, Holz als Holz, Eisen als Eisen, ein jedes nach den ihm eigenen Gesetzen der Statik“, ist mit den Küchenherstellern und -gestaltern von heute nicht mehr zu machen. Quarz- und HPL-Platten sowie andere Verbundwerkstoffe erlauben es, Konstruktion und Dekor voneinander zu lösen. Der Wechsel der Furniermaterialien und der Oberflächenbehandlung schaffen einen veränderten Look. Das ermöglicht es, immer neue Kombinationen durchzuspielen.
Monumental angerichtet: Tom Dixon inszeniert für Caesarstone „The Restaurant“. Küchen stünden zu oft an der Wand, erklärte der Designer.
Foto © Caesarstone
Komposit mit Elektronik: Der „Smartslab“-Tisch von Clemens Weisshaar und Reed Kram hält Teller warm, kühlt Getränke und hat zwei Induktionskochfelder. Foto © Jürgen Schwope, Sapienstone
Monumentalformen mit maximalem Showeffekt

So haben die Hersteller entsprechender Materialien speziell in den Forums-Veranstaltungen traditionell großes Gewicht. Besonders spektakulär: „The Restaurant“ von Tom Dixon für Caesarstone, inszeniert in der Rotonda della Besana. Der Event, der dem gemeinsamen Essen und Trinken gewidmet war – mit vergleichsweise preiswertem Menü –, kreiste um vier Konzeptküchen zu den vier Elementen, die Dixon entwarf. Einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Küche bieten sie nicht. Als Antwort auf den Raum sind es Monumentalformen mit maximalem Showeffekt. Damit verglichen präsentiert sich Sapienstone innovativ. Reed Kram und Clemens Weisshaar gestalteten den „Smartslab Table“, der im öffentlichen Experimentallabor Palazzo Clerici gezeigt wurde. Die Designer kombinierten den extrem beständigen Plattenwerkstoff mit einem Touch Interface. Zudem versahen sie ihren Tisch mit einem flachen elektronischen Unterbau, der induktives Kochen ermöglicht. Zudem erwärmen ideal temperierte Warmhaltezonen die Teller auf dem Tisch. Wein- oder Wasserflaschen werden gekühlt. Die Funktionen lassen sich per Fingerzeig auf der Oberfläche regeln. So ist „Smartslab“, der im Palazzo gleich in Rudeln auftrat, ein Tisch mit elektronischer Zusatzfunktion, wenn man so will auch eine kompakte Gelegenheitsküche, bei der die Höhe der Arbeitsplatte allerdings der Sitzhöhe am Tisch entspricht.
Hat den Bogen raus: Karim Rashid entwarf die Küche „Floo“ für Rational aus Corian. Deren gerundeter Griff erfreut Gelegenheitsköche. Foto © Rational
Massivholz trifft Stein: Team 7 zeigt Küchen in veränderten Materialkombinationen, wie „Vao“ von Sebastian Desch. Foto © Thomas Edelmann
Spiegelblanker Stahl: Varenna macht die Küche zur Zone der Reflexion. Foto © Thomas Edelmann
Ganz in Weiß

Vergleichsweise simpel sieht dagegen aus, was Karim Rashid für Rational entwarf: Eine Küche aus Corian, die sich „floo“ nennt. Ihr Wiedererkennungszeichen ist ein nach außen gewölbter durchgehender Griff. Blöd nur, dass Feuchtes und Flüssiges, das beim Zubereiten und Kochen nun mal entsteht, genau zwischen Korpus und Griff fließen wird. Oder aber, man nutzt diese Küche ganz in Weiß gar nicht erst zum Zubereiten, dann bleibt sie unnahbar pur und clean. Kochen war gestern. Oder etwa nicht?

Team 7 hat einige seiner Küchen stark überarbeitet. Bereits im Januar gab es die neue Küche „Linee“ in Köln zu sehen, die nun in unterschiedlichen Varianten mit weißen und schwarzen Fronten kombiniert in Mailand gezeigt wird. Insgesamt dokumentieren die Österreicher, dass sie nicht nur Massivholz bearbeiten können, das sich stets im Innenleben findet, sondern auch viele andere Materialien beherrschen, wenn es darum geht, das insgesamt richtige und passende Küchenrezept an- und umzusetzen.

Ein paar Schritte weiter bei Varenna wechseln ebenfalls Materialien und Oberflächen. Man arbeite, ist zu hören, für einen immer anspruchsvoller werdenden internationalen Markt. Kassettierte Fronten, hochglänzende dunkle Flächen und großzügiger Einsatz von Stahl kennzeichnen die neuesten Versionen und Konfigurationen.

Wie überall machen sich LED-Lichtelemente bemerkbar, die Schränke, Wände und Arbeitsflächen gezielt beleuchten. Bei Dada hat Vincent Van Duysen, der neue Creative Director von Molteni und Dada, das Modell „Hi-Line“ überarbeitet. Auch hier steht die veränderte Material-Farbkombination im Vordergrund. Nicht überall muss Stahl noch glänzen, neue „Rustico“-Varianten scheinen pflegeleichter zu sein und finden breite Verwendung.
Spüle vor Bühnenlandschaft: Da wird man neugierig, wer genau hinter den Details steckt, die das Bulthaup Gestaltungsteam erdacht hat.
Foto © Thomas Edelmann
Einzig unter den Kochtischen: Bulthaup Solitär mit mehrachsigem Drehknopf zur Bedienung von sechs Kochfeldern. Foto © Thomas Edelmann
Tisch als Ausgangspunkt: Bulthaups Inszenierung kreist um den Treffpunkt im Sitzen, von dem aus die Blicke im Raum umherschweifen.
Foto © Thomas Edelmann
Die neue Küchenreligion

Profanierte Kirchen werden zu neuen Pilgerorten der Designgemeinde in Mailand. San Carpoforo im Bezirk Brera gehört seit 1864 der Stadt Mailand, die sie der Pinacoteca di Brera für deren Zwecke überließ. Der Bau ist im Innern so sehr heruntergekommen, dass Bulthaup als Event-Mieter den historischen Ort weitgehend ausblenden musste, um hier ungefährdet von herabfallenden Bauteilen neue Produkte zu präsentieren. Die haben es dann aber auch in sich. Da ist das System „b3“, einst konzipiert, um aus der Küche heraus das gesamte Haus mit dem Systemgedanken zu durchdringen und es einer Ordnungsstruktur zu unterwerfen. Mit vielen Details wird es in der Version „milano 2016“ nun sehr viel atmosphärischer präsentiert.

Auffällig sind etwa das detaillierte Gaskochfeld und die mit feinen Radien gefassten Spülbecken aus Edelstahl oder Stein. So gibt es die Wandpaneele (jetzt „Bulthaup Wand“ genannt) nun auch mit Japanpapier bespannt und mittels verdecktem LED-Licht beleuchtet. Der Blick des Sitzenden, so erfährt man bei Bulthaup, strukturiere die Wand. Diese wird begrifflich und räumlich in die „Arbeitslinie“ (AL) und die „Funktionslinie“ (FL) unterteilt, wobei erstere der Höhe der Arbeitsplatte entspricht und letztere zum Träger zahlreicher optionaler Scheibenelemente wird, die einen Teil des Raumes auf Zeit zur Küche machen. Nach Gebrauch können sämtliche Utensilien seitlich verschoben in der Wand verschwinden, um, siehe oben, dem Bulthaup’schen Ordnungsdenken zu seinem Recht zu verhelfen. Mittelpunkt des Konzepts wie auch der Inszenierung ist ein langer Tisch, an dem Besucher, Händler, Fans der Marke und andere sich kurz niederlassen, diskutieren, wieder zu Kräften kommen.

Auch die „b+ Solitäre“ mit ihrer Kreuzkonstruktion wurden erweitert und erhalten nun neuen Sinn, etwa als kompakter „Kochtisch“, der sich von gegenüberliegenden Nutzern mittels Drehknebeln bedienen lässt. Auch ein neues „b1 system“, eine Werkbank mit differenziertem, beweglichen Innenleben, brachten die Bayern mit in die Lombardei. So entstand eine neue Mischung aus präziser Gestaltung und maschinengestützter handwerklicher Produktion, die außer Bulthaup wohl nur wenige beherrschen. Kritik? Merkwürdig ist, dass all dies auf das „Bulthaup Gestaltungsteam“ zurückgeht. Gestalter der Produkte werden nicht genannt. Man muss kein Anhänger des Autorendesigns sein, um Beteiligte am Entwurfsprozess namhaft zu machen. Aber das nur am Rande.
Erfrischend übersichtlich: Giulio Cappellini und Alfonso Arioso entwarfen für Del Tongo drei Versionen der Küche KS. Foto © Del Tongo
Erste Küche vom Mâitre: „Lepic“ von Jasper Morrison wirkt gemeinsam mit seinen Möbeln und Alltagsobjekten äußerst stimmig.
Foto © Thomas Edelmann
An den Alltag gedacht

Zu den Überraschungen der Messe, besser gesagt der Fuori, gehören zwei neue Küchen, die nicht auf das oberste Ende der Luxusskala abzielen, sondern sich mit Alltagsfragen von Funktionalität und Großstadttauglichkeit auseinandersetzen. Sie sind für kleine Wohnungen gemacht, in denen mitten in der Küche womöglich auch gegessen wird. Ein realistisches Szenario.

Da ist zum einen die „KS Kitchen“, die Giulio Cappellini mit Alfonso Arosio für Del Tongo entworfen hat. Das ist eine Firma, die in Italien eher auf den Massenmarkt abzielt und entsprechend industrialisiert und weniger handwerklich ihre Produkte konzipiert. Arioso gestaltete lange Cappellini-Showrooms, bevor er Designchef der Küchenmarke wurde. Vorgestellt wurden die Varianten „Borghese“, eine Kombination aus Zeilen- und Inselküche, „Radicale“, eine lineare Struktur mit angeschlossenem kompakten Essplatz, und „Laboratorio“, eine langgezogene Insel mit frei zugänglicher Aufbewahrung für Küchengeräte und Utensilien. Ergänzend gibt es Tische und ein offenes Regal.

Noch überzeugender wirkt der Entwurf „Lepic“, den Cappellinis Freund Jasper Morrison für Schiffini entwickelt hat. Kaum zu glauben, dass es die erste Küche des Briten ist. In drei Versionen ist sie im Showroom ausgestellt: „Stockholm“, „Paris“ und „Tokyo“ heißen sie, was beinahe biografische Anklänge an Morrisons Entwurfswelten zu haben scheint. Nicht ganz einfach für den Hersteller, aber schön wäre die Variante aus Douglasien-Paneelen. Noch ist über ihr Schicksal nicht entschieden. „Lepic“ soll über dem Basis-Modell von Schiffini, aber unterhalb von Alfredo Häberlis Modell „Pampa“ positioniert werden. Sparsam hat Morrison die Küchen mit eigenen Entwürfen dekoriert, bis hin zu Alltagsobjekten aus seinem Shop.

„Lepic“ hat viele kluge Details, die so wirken, als koche Maître Morrison für sich und seine Freunde, Mitarbeiter und Gäste mitunter selbst. Und ist Kochen nicht auch eine Art Designprozess? Ist Design nicht eine besonders beständige Art des Kochens? Mailand 2016: Designer und Hersteller haben zubereitet. Mal sehen, was nun tatsächlich auf den Tisch kommt, was begeistert und was Käufer findet.
Unsichtbare Technik: Bei Boffi zeigen Undertop-Induktionskochfelder mit kleinen Kreuzen an, wo man einen Topf platzieren kann.
Foto © Thomas Edelmann
Produkte
bulthaup: bulthaup b3 @ Stylepark
bulthaup
bulthaup b3
Bulthaup Design
TEAM 7: vao Küche @ Stylepark
TEAM 7
vao Küche
Sebastian Desch
 
Dada: Hi-Line VVD @ Stylepark
Dada
Hi-Line VVD
Vincent van Duysen
 
TEAM 7: linee @ Stylepark
TEAM 7
linee
News & Stories › 2016 › April
Was auf den Tisch kommt
von Thomas Edelmann | 27. April 2016
Demonstrationsobjekt für Materialhersteller, verfeinerte Gegenstände zur Repräsentation oder Rezepte für den Alltag – Küchen haben derzeit so viele Zwecke wie Erscheinungsformen.
Küchenjahr in Mailand: Auf der Messe und in den Fuori der Stadt werden Neuheiten installiert. So komplex und raumgreifend wie Küchen sind wenige andere Projekte. Zudem gehören sie unterschiedlichen Sphären an, sind beinahe schon Architektur, im Detail oftmals Design, gelegentlich gar ingeniöse Konstruktionen. Mehr noch als in der Welt der Möbel sind Markenbildung, Imagetransfer und Nutzversprechen in einer kaum entwirrbaren Gemengelage miteinander vermischt.

Im Küchenjahr 2016 ist das Wort Neuheit ein relativer Begriff. Erkennbar wird der Trend, eingeführte Modellnamen beinahe wie in der Autoindustrie einem Facelift oder dem Modellwechsel zu unterziehen. „Wir haben vier neue Küchen!“ verkündet ein Hersteller voller Euphorie. Tatsächlich sind es Oberflächen und Materialien, die neu oder anders angeordnet werden.
Erweiterte Kombinationsmöglichkeiten und verbesserte Beschläge, oftmals gemeinsam mit Zulieferern entwickelt, sind es, die das Neue bezeichnen. Das Spiel allerdings funktioniert. Denn alles, was sich anfassen und ansehen lässt, steht für den ersten Eindruck, auf den hin viele Küchen konzipiert sind. Und obwohl die Branche davon lebt, dass Küchen gestalterisch und technisch veralten und von Zeit zu Zeit ersetzt werden müssen, propagiert zumindest das obere Luxussegment Materialien, die den Glanz ewiger Beständigkeit suggerieren.

Material als Botschaft

Längst gilt auch hier: „What you see is not what you get“. Während im Museum „Mudec“ die Ausstellung „Sempering“ von Cino Zucchi und Luisa Collinia Prozesse und Muster nach dem Vorbild von Gottfried Semper feiert und seiner Wirkung auf zeitgenössische Architektur und Design nachspürt, spielt Sempers Gedanke des materialgerechten Entwerfens heute eine revidierte Rolle. „Es spreche das Material für sich und trete auf, unverhüllt, in der Gestalt, in den Verhältnissen, die als die zweckmäßigsten für dasselbe durch Erfahrungen und Wissenschaften erprobt sind“, schrieb Semper einst. Soweit so aktuell. Die Forderung allerdings „Backstein erscheine als Backstein, Holz als Holz, Eisen als Eisen, ein jedes nach den ihm eigenen Gesetzen der Statik“, ist mit den Küchenherstellern und -gestaltern von heute nicht mehr zu machen. Quarz- und HPL-Platten sowie andere Verbundwerkstoffe erlauben es, Konstruktion und Dekor voneinander zu lösen. Der Wechsel der Furniermaterialien und der Oberflächenbehandlung schaffen einen veränderten Look. Das ermöglicht es, immer neue Kombinationen durchzuspielen.
Monumentalformen mit maximalem Showeffekt

So haben die Hersteller entsprechender Materialien speziell in den Forums-Veranstaltungen traditionell großes Gewicht. Besonders spektakulär: „The Restaurant“ von Tom Dixon für Caesarstone, inszeniert in der Rotonda della Besana. Der Event, der dem gemeinsamen Essen und Trinken gewidmet war – mit vergleichsweise preiswertem Menü –, kreiste um vier Konzeptküchen zu den vier Elementen, die Dixon entwarf. Einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Küche bieten sie nicht. Als Antwort auf den Raum sind es Monumentalformen mit maximalem Showeffekt. Damit verglichen präsentiert sich Sapienstone innovativ. Reed Kram und Clemens Weisshaar gestalteten den „Smartslab Table“, der im öffentlichen Experimentallabor Palazzo Clerici gezeigt wurde. Die Designer kombinierten den extrem beständigen Plattenwerkstoff mit einem Touch Interface. Zudem versahen sie ihren Tisch mit einem flachen elektronischen Unterbau, der induktives Kochen ermöglicht. Zudem erwärmen ideal temperierte Warmhaltezonen die Teller auf dem Tisch. Wein- oder Wasserflaschen werden gekühlt. Die Funktionen lassen sich per Fingerzeig auf der Oberfläche regeln. So ist „Smartslab“, der im Palazzo gleich in Rudeln auftrat, ein Tisch mit elektronischer Zusatzfunktion, wenn man so will auch eine kompakte Gelegenheitsküche, bei der die Höhe der Arbeitsplatte allerdings der Sitzhöhe am Tisch entspricht.
Ganz in Weiß

Vergleichsweise simpel sieht dagegen aus, was Karim Rashid für Rational entwarf: Eine Küche aus Corian, die sich „floo“ nennt. Ihr Wiedererkennungszeichen ist ein nach außen gewölbter durchgehender Griff. Blöd nur, dass Feuchtes und Flüssiges, das beim Zubereiten und Kochen nun mal entsteht, genau zwischen Korpus und Griff fließen wird. Oder aber, man nutzt diese Küche ganz in Weiß gar nicht erst zum Zubereiten, dann bleibt sie unnahbar pur und clean. Kochen war gestern. Oder etwa nicht?

Team 7 hat einige seiner Küchen stark überarbeitet. Bereits im Januar gab es die neue Küche „Linee“ in Köln zu sehen, die nun in unterschiedlichen Varianten mit weißen und schwarzen Fronten kombiniert in Mailand gezeigt wird. Insgesamt dokumentieren die Österreicher, dass sie nicht nur Massivholz bearbeiten können, das sich stets im Innenleben findet, sondern auch viele andere Materialien beherrschen, wenn es darum geht, das insgesamt richtige und passende Küchenrezept an- und umzusetzen.

Ein paar Schritte weiter bei Varenna wechseln ebenfalls Materialien und Oberflächen. Man arbeite, ist zu hören, für einen immer anspruchsvoller werdenden internationalen Markt. Kassettierte Fronten, hochglänzende dunkle Flächen und großzügiger Einsatz von Stahl kennzeichnen die neuesten Versionen und Konfigurationen.

Wie überall machen sich LED-Lichtelemente bemerkbar, die Schränke, Wände und Arbeitsflächen gezielt beleuchten. Bei Dada hat Vincent Van Duysen, der neue Creative Director von Molteni und Dada, das Modell „Hi-Line“ überarbeitet. Auch hier steht die veränderte Material-Farbkombination im Vordergrund. Nicht überall muss Stahl noch glänzen, neue „Rustico“-Varianten scheinen pflegeleichter zu sein und finden breite Verwendung.
Die neue Küchenreligion

Profanierte Kirchen werden zu neuen Pilgerorten der Designgemeinde in Mailand. San Carpoforo im Bezirk Brera gehört seit 1864 der Stadt Mailand, die sie der Pinacoteca di Brera für deren Zwecke überließ. Der Bau ist im Innern so sehr heruntergekommen, dass Bulthaup als Event-Mieter den historischen Ort weitgehend ausblenden musste, um hier ungefährdet von herabfallenden Bauteilen neue Produkte zu präsentieren. Die haben es dann aber auch in sich. Da ist das System „b3“, einst konzipiert, um aus der Küche heraus das gesamte Haus mit dem Systemgedanken zu durchdringen und es einer Ordnungsstruktur zu unterwerfen. Mit vielen Details wird es in der Version „milano 2016“ nun sehr viel atmosphärischer präsentiert.

Auffällig sind etwa das detaillierte Gaskochfeld und die mit feinen Radien gefassten Spülbecken aus Edelstahl oder Stein. So gibt es die Wandpaneele (jetzt „Bulthaup Wand“ genannt) nun auch mit Japanpapier bespannt und mittels verdecktem LED-Licht beleuchtet. Der Blick des Sitzenden, so erfährt man bei Bulthaup, strukturiere die Wand. Diese wird begrifflich und räumlich in die „Arbeitslinie“ (AL) und die „Funktionslinie“ (FL) unterteilt, wobei erstere der Höhe der Arbeitsplatte entspricht und letztere zum Träger zahlreicher optionaler Scheibenelemente wird, die einen Teil des Raumes auf Zeit zur Küche machen. Nach Gebrauch können sämtliche Utensilien seitlich verschoben in der Wand verschwinden, um, siehe oben, dem Bulthaup’schen Ordnungsdenken zu seinem Recht zu verhelfen. Mittelpunkt des Konzepts wie auch der Inszenierung ist ein langer Tisch, an dem Besucher, Händler, Fans der Marke und andere sich kurz niederlassen, diskutieren, wieder zu Kräften kommen.

Auch die „b+ Solitäre“ mit ihrer Kreuzkonstruktion wurden erweitert und erhalten nun neuen Sinn, etwa als kompakter „Kochtisch“, der sich von gegenüberliegenden Nutzern mittels Drehknebeln bedienen lässt. Auch ein neues „b1 system“, eine Werkbank mit differenziertem, beweglichen Innenleben, brachten die Bayern mit in die Lombardei. So entstand eine neue Mischung aus präziser Gestaltung und maschinengestützter handwerklicher Produktion, die außer Bulthaup wohl nur wenige beherrschen. Kritik? Merkwürdig ist, dass all dies auf das „Bulthaup Gestaltungsteam“ zurückgeht. Gestalter der Produkte werden nicht genannt. Man muss kein Anhänger des Autorendesigns sein, um Beteiligte am Entwurfsprozess namhaft zu machen. Aber das nur am Rande.
An den Alltag gedacht

Zu den Überraschungen der Messe, besser gesagt der Fuori, gehören zwei neue Küchen, die nicht auf das oberste Ende der Luxusskala abzielen, sondern sich mit Alltagsfragen von Funktionalität und Großstadttauglichkeit auseinandersetzen. Sie sind für kleine Wohnungen gemacht, in denen mitten in der Küche womöglich auch gegessen wird. Ein realistisches Szenario.

Da ist zum einen die „KS Kitchen“, die Giulio Cappellini mit Alfonso Arosio für Del Tongo entworfen hat. Das ist eine Firma, die in Italien eher auf den Massenmarkt abzielt und entsprechend industrialisiert und weniger handwerklich ihre Produkte konzipiert. Arioso gestaltete lange Cappellini-Showrooms, bevor er Designchef der Küchenmarke wurde. Vorgestellt wurden die Varianten „Borghese“, eine Kombination aus Zeilen- und Inselküche, „Radicale“, eine lineare Struktur mit angeschlossenem kompakten Essplatz, und „Laboratorio“, eine langgezogene Insel mit frei zugänglicher Aufbewahrung für Küchengeräte und Utensilien. Ergänzend gibt es Tische und ein offenes Regal.

Noch überzeugender wirkt der Entwurf „Lepic“, den Cappellinis Freund Jasper Morrison für Schiffini entwickelt hat. Kaum zu glauben, dass es die erste Küche des Briten ist. In drei Versionen ist sie im Showroom ausgestellt: „Stockholm“, „Paris“ und „Tokyo“ heißen sie, was beinahe biografische Anklänge an Morrisons Entwurfswelten zu haben scheint. Nicht ganz einfach für den Hersteller, aber schön wäre die Variante aus Douglasien-Paneelen. Noch ist über ihr Schicksal nicht entschieden. „Lepic“ soll über dem Basis-Modell von Schiffini, aber unterhalb von Alfredo Häberlis Modell „Pampa“ positioniert werden. Sparsam hat Morrison die Küchen mit eigenen Entwürfen dekoriert, bis hin zu Alltagsobjekten aus seinem Shop.

„Lepic“ hat viele kluge Details, die so wirken, als koche Maître Morrison für sich und seine Freunde, Mitarbeiter und Gäste mitunter selbst. Und ist Kochen nicht auch eine Art Designprozess? Ist Design nicht eine besonders beständige Art des Kochens? Mailand 2016: Designer und Hersteller haben zubereitet. Mal sehen, was nun tatsächlich auf den Tisch kommt, was begeistert und was Käufer findet.