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Weiß nicht nur zur Winterszeit
von Thomas Wagner | 5. Januar 2011
Weiß? Weiß! Was ist nicht alles weiß. Frisch gefallener Pulverschnee, haufenweise flaumige Daunen, ein kleiner Milchsee und stapelweise feines Papier. Oder: Ein Gemälde von Robert Ryman, die „Weiße Zelle" einer Kunstgalerie, Richard Meiers Bauten, knirschendes Backpulver, staubfeiner Gips und ein vor Schreck kalkweißes Gesicht, ein Sommersonntagsanzug, ein Berg aus Mehl, frische Apfelblüten und und und. Vieles, was uns begleitet und umgibt, ist weiß, besonders seit diese Nichtfarbe - neben Silber und allerlei Naturtönen - in die erste Reihe der Trendfarben aufgestiegen ist. Autos und Sofas, Sideboards, Leuchten, Waschbecken und Badarmaturen werden immer häufiger auch in Weiß angeboten. Was hat es auf sich mit dem Phänomen „Weiß"? Was macht Weiß so attraktiv?

Weiß, soviel scheint festzustehen, zerrinnt geradezu unterm Begriffsmikroskop wie feiner weißer Sand. Es entzieht sich, gibt sich neutral und geheimnisvoll. Das bekommen auch die Dinge zu spüren, die weiß eingekleidet daherkommen: Werden sie von hartem Seitenlicht beleuchtet, so werden Unterschiede und Feinheiten ihres Körpers oder ihrer Form sichtbar, ja sogar hervorgehoben. Weiße Dinge erscheinen ungeschönt, eben so, wie sie sind. Andererseits wirkt ein weißer Körper homogen. Betrachten wir ihn in diffusem Licht, werden seine Kanten, Grate, Erhebungen und Vertiefungen in einer Art Nebel auflöst. Der Gegenstand bietet dem Auge wenig Halt. Man kennt das vom Skifahren bei Nebel, wenn man nicht genau weiß, ob das vor einem auftauchende Gelände ansteigt oder abfällt, es bergauf oder bergab geht. Extreme Helle stellt unsere Wahrnehmung also gleichermaßen auf die Probe wie völlige Dunkelheit.

Metaphorisch betrachtet verbindet man Weiß zunächst und zumeist mit Reinheit und Unschuld, mit etwas Unberührtem, denken wir nur an Knut, den kleinen Eisbären. Überhaupt gelten weiße Tiere als außergewöhnlich und einzigartig, und das nicht nur in ihrer harmlosen Form wie etwa beim Einhorn, sondern auch in ihrer Gefährlichkeit, sei es bei weißen Elefanten, Tigern, Haien oder einem weißem Wal.

Weil Weiß viele Facetten hat, liefert Herman Melville, der Autor des Romans „Moby Dick", eine ausführliche, kulturell geprägte Phänomenologie der Farbe, bevor er auf den gefährlichen weißen Wal zu sprechen kommt. „Obschon, beginnt er, das Weiß „vieles Schöne aus dem Reiche der Natur noch veredelt und verfeinert, so als verleihe es ihm etwas ganz Eigenes und Besonderes - wie bei Marmor, Kamelien und Perlen; und obschon verschiedene Völker eine gewisse königliche Erhabenheit in dieser Farbe gesehen haben - selbst Pegus große alte Barbarenkönige stellten den Titel ,Herr der Weißen Elefanten' über all ihre anderen hochtrabenden Herrschertitel, und die Könige von Siam unserer Zeit entrollen ebendiesen schneeweißen Vierbeiner mit ihrem Königsbanner, und die einsame Gestalt eines schneeweißen Schlachtrosses ziert die Flagge des Hauses Hannover, und im großen österreichischen Kaiserreiche, dem Cäsarenerbe des weltbeherrschenden Rom, ist selbiges Weiß die kaiserliche Farbe; und obschon ... und obschon - so geht es noch ein ganze Weile mit lauter klugen historischen und kulturellen Charakterisierungen der Farbe Weiß. Immer andere Beispiele zitiert Melville herbei.

Obschon Weiß zu einem Zeichen der Freude geworden sei und obschon die Majestät des Rechts im Hermelin des Richters sichtbar werde, obschon es zur Prachtentfaltung von Königen diene, deren Kutschen von milchweißen Rossen gezogen würden, obschon es in den Mysterien der Religionen zum „Sinnbild göttlicher Macht und Makellosigkeit" wurde und obschon dem „Erlöser in der Offenbarung des Johannes weiße Kleider gegeben werden und die vierundzwanzig Ältesten, angetan mit weißen Kleidern, vor dem großen weißen Stuhl und dem Heiligen stehen, der dort sitzet wie weiße Wolle - trotz all der hier aufgehäuften Anklänge an alles, was anmutig und ehrenvoll und erhaben ist, lauert doch in der innersten Vorstellung von diesem Farbton etwas Ungreifbares, das die Seele stärker in Panik versetzt als jenes Rot des Blutes, das soviel Furcht erregt."

Es sei dieses Ungreifbare, so Melville, „was dazu führt, dass der Gedanke an die Farbe Weiß, sobald er freundlicher Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert." Zum Beweis führt er den Eisbär und den weißen Hai an, bevor er schreibt: „Denkt an den Albatros: Woher kommen diese Wolken inneren Staunens und aschfahler Furcht, welche dieses weiße Phantom in der Vorstellung aller Menschen umgeben?" Und natürlich dreht sich am Ende alles um „Moby Dick", dieses einzigartige weiße Monstrum.

Die Farbe Weiß, so scheint es, ist alles andere als „neutral". Aber begegnet uns deshalb in jedem weißen Auto ein unfassbarer Schrecken? Döst das Staunen neben uns auf jedem Sofa, wenn es nur weiß ist, und wartet es nur darauf, uns anzufallen? Wahrscheinlich haben wir Gegenwartsnarren längst alle freundlichen und alle schrecklichen Verbindungen zum Weiß verloren und Weiß ist nichts als eine modische Art, die Dinge einzukleiden. Ganz sicher fühlen wir uns in ihrer Gegenwart aber nicht.
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