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Pinar Yoldas inmitten ihrer Ausstellung „An Ecosystem of Excess“ im „White Cube“ der Berliner Schering Stiftung. Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
Willkommen im Plastivorizän
von Jochen Stöckmann
9. März 2014
Schwere Panzer müssen Pinar Yoldas‘ Schildkröten nicht mehr mit sich herumschleppen, ein zarter blauer Luftballon auf dem Rücken lässt sie durchs Wasser treiben. Meeresinsekten der türkischstämmigen Künstlerin, die in den Vereinigten Staaten lebt, schlüpfen aus farbenfrohen Nestern, ihre Schnecken und Schlangen bewohnen filigran wuchernde Gespinste. Die possierlichen Monstren verkörpern im kleinen „White Cube“ der Berliner Schering Stiftung „An Ecosystem of Excess“. Wie schön, ein Ökosystem der „Ausschweifung“, der zweckfreien Verausgabung von Formen und Farben!

Dann aber stellt sich heraus, dass Yoldas mit ihren Geschöpfen kein postmodernes Kuriositätenkabinett aufgebaut, sondern ein imaginäres Labor täuschend echt in Szene gesetzt hat: Um einen rein quantitativen „Überfluß“ dreht sich die desillusionierende biogenetische Versuchsanordnung, um den erdrückenden „Excess“ von Plastikmüll. Ein Malstrom in der Retorte, ein Meeres-Sog en miniature mit darin kreisenden kunterbunten Teilchen verweist auf „The Great Pacific Garbage Patch“, einen vom Schiffskapitän und Umweltaktivisten Charles Moore entdeckten Plastikstrudel mit den Ausmaßen Mitteleuropas. Aus dieser „Ursuppe“ des 21. Jahrhunderts lässt die Künstlerin nun ihre Plastivoren (Verdauungsorgan, das Plastik verarbeiten kann) hervorgehen.

Plastikfresser, das sind streng darwinistisch gesehen jene Wesen, die im Gegensatz zum Menschen die Müllschwemme überleben werden. Sie passen sich der durch und durch synthetischen Welt an, fressen und verwerten anorganische Materialien, die spätestens seit den 1950er Jahren nicht nur die westliche Welt überschwemmen, die den Planeten ersticken. Yoldas, die eng mit der Meeresforscherin Sylvia Alice Earle zusammenarbeitet, hat mit diesen Fantasietierchen nicht einfach nur ein beliebiges Bestiarium, eine Kollektion von Fabelwesen in der Manier des Fotocollagisten Joan Fontcuberta ersonnen. Das deutet bereits die Art der Präsentation an: Ein klinisch weißes Display aus dreieckigen und kubisch schrägen Sockeln, ein stilisierter Nierentisch, funktionale Retorten- und Petrischalen sowie barock anmutende Reagenz-Vasen – bereits das äußerliche Formenrepertoire weist darauf hin, dass hier die skeptisch beäugte Vergangenheit in die Zukunft verlängert wird.

Die kommende Evolution beginnt mit sorgfältig gerahmten Skizzen ausgewählter Exemplare der Plastik-Fauna. Zwischen diesen Bildern aus dem Linnéschen Bestimmungsbuch der Zukunft tauchen aber auch verblichene Dokumente der 1950er Jahre auf: Siebdruck-Collagen aus einer der Synthetik-Phantasterei anheimgefallenen Werbung mit dem Slogan „You will have a greater chance to be yourself than any people in the history of civilization“, dazu die zeitgenössische Variation dieser „Selbstfindung“, nämlich der Tanz um das Goldene Kalb in Gestalt eines vier bis fünf Stockwerke hohen veritablen Frauenbeines mit übergestreiften Nylons.

Solche mentalitätsgeschichtlichen Monstrositäten versuchten einst einige Hippies zu konterkarieren, die sich mit bitterer Ironie „Plastic People“ nannten – eine Form des Protests, die ebenso wenig bewirkte wie die „Flower Power“ der Blumenkinder. Die Künstlerin versucht es jetzt mit ungewohnten Mitteln, mit naturkundlichen Installationen, wie man sie allenfalls von Mark Dion kennt. Dieser Virtuose im Nachstellen von musealen Schaukästen, ausgestopften Jahrmarkts-Sensationen oder computerbestückten Forschungsstationen stößt sein Publikum auf die gegenwärtigen Probleme im Umgang mit der Natur. Pinar Yoldas treibt sehr viel weniger Aufwand, eröffnet dem Betrachter aber einen Blick in die Zukunft. Sie liest nicht aus dem Kaffeesatz, sondern Statistiken. In ihrer anschaulichen Interpretation dieser Zahlenkolonnen tritt hervor, was wir im Alltag übersehen – und was die Wissenschaftlerin Susan Freinkel jüngst in ihrem Buch „Plastic: A Toxic Love Story“ angeprangert hat: Mikroplastikteilchen als Ausgangsprodukt der Plastikindustrie. 113 Milliarden Kilogramm dieser hauchdünnen, durchsichtigen Pellets, „Nurdles“ genannt, werden jährlich produziert.

Das Plastikpulver dringt unbemerkt, unkontrolliert in die Ökosphäre ein, Tiere nehmen den Stoff mit der Nahrung auf, fühlen sich gesättigt – und verhungern elendig. Statt nun diese vorhersehbare, aber ignorierte Katastrophe als Horrorszenario auszumalen, dekliniert Yoldas mit wissenschaftlichem Kalkül die möglichen Fälle einer synthetischen Ökologie: Was wäre, wenn Bakterien in einem Vielkammer-Verdauungsorgan Plastik abbauen könnten (Yoldas nennt das „Stomaximus“), Tiere mit Plastosensorien entsprechende Nahrung aufspüren und durch ihre Niere (Yoldas: „Petronephros“) Schadstoffe filtern würde?

Die künstlerische Realisierung dieses wissenschaftlichen Gedankenspiels nennt Yoldas „Metabolismus“. Im Gegensatz zur gleichnamigen Stilrichtung vorwiegend japanischer Architekten, die ihre Planungen als hoffnungsvolle Zukunftskonzepte anlegten, kann es heute nur noch um das ohnmächtige, fatalistische Nachzeichnen vorausberechneter Bahnen gehen, auf denen die Umweltkatastrophe ablaufen wird. Also um eine „Evolution“ nach altbekanntem Muster, mit prima facie farbenfrohen, am Ende aber fatalen Auswüchsen: Federn von Plastikvögeln, die auf einem Tisch ausgebreitet liegen, folgen der Pantone-Skala. In der synthetischen Konsumwelt von Homo Sapiens garantieren diese Farbtöne den größten Konsumanreiz, demnächst werden sie bei plastivorischen Balzritualen für die sexuelle Auswahl ausschlaggebend sein.

Das alles ist „transhuman“ gedacht, also unter Ausschluss der sehr speziellen Spezies Mensch. Dabei hatten wir uns doch stets bemüht, als Meister der Anpassung ganz vorne dabei zu sein. Insbesondere mit unseren Farberfindungen: In Apfel- oder Pappelgrün, Bleu Mourant und Hechtgrau, Karmosin oder Pompadour (eine Art Purpurrot) grenzten sich die in ganzer Pracht aufmarschierenden Kabinettsarmeen des 18. Jahrhunderts voneinander ab. Und als Trommelfeuer, Fliegerbomben, Chlor- und Senfgas im Ersten Weltkrieg die Soldaten in die Deckung und in eine möglichst unscheinbare feldgraue Uniform zwang, sorgte die chemische Industrie für einen zivilen Ausgleich mit Anilinfarben wie Resorcingelb, Azoflavin (Gelb), Supranol-Brillantrot oder Methylenblau.

All diese Auswüchse hat die Moderne hingenommen, meist begeistert, berauscht von den neuen Möglichkeiten. Frühere Epochen dagegen deuteten Abirrungen und Ausreißer der Natur, Monstrositäten wie Akephalen und Skiapoden, also Kopflose und Schattenfüßler, als göttliche Zeichen, als Aufforderung zur Umkehr. Mit religiöser Mystik allerdings lassen sich heute allenfalls Sekten gründen. Deshalb hat Pinar Yoldas den Weg des wissenschaftlichen Ausstellungsdesigns gewählt, auf die Überzeugungskraft des Laborexperiments gesetzt. Getreu der Einsicht Francis Bacons – nicht der Maler, sondern der Philosoph des 17. Jahrhunderts –, dass genetische Deformationen unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen, weil sie geeignet sind, die menschliche Erfindungskraft anzuregen. Und die Einsicht zu fördern, dass sich nur durch eine grundlegende Veränderung des Lebensstils jenes Plastivorizän (also ein Zeitalter, in dem Plastik verdauende Lebewesen leben) verhindern lässt, in dem für den Menschen kein Platz mehr wäre.

Schade eigentlich, denn in diesem Labor sieht sie wirklich sehr schön aus, die neue Welt von Chelonia Globus Aerostaticus und Dermochelys Oris Scortum, der Lebensraum der pazifischen Ballonschildkröte oder ihrer Schwester, der Schredderschildkröte.

www.pinaryoldas.info
www.scheringstiftung.de

Buchtipp:
Plastic: A toxic Love Story.
Von Susan Freinkel
336 Seiten, Englisch, Houghton Mifflin Harcourt, 2011
www.hmhco.com
Pinar Yoldas, „Chelonia Globus Aerostaticus”, Ballonschildkröte (Schildkröten mit pneumatischem Gehäuse). Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
Pinar Yoldas, „Neolabium”, Latex, Polymer Knetmasse, 2012. Foto © Pinar Yoldas
Pinar Yoldas, „PolyPhallii: männliches Gebärorgan", Polymer Knetmasse, 2012.
Foto © Pinar Yoldas
Was wäre, wenn Bakterien in einem Vielkammer-Verdauungsorgan Plastik abbauen könnten? Yoldas nennt das „Stomaxismus”. Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
Pinar Yoldas, „P-Plastozeptor: plastosensorisches Organ" (besondere Sensibilität für die Polypropylen-Familie), Polymer Knetmasse, 2013. Foto © Pinar Yoldas
Plastik, überall: Die Müllschwemme, hier im Ozean, dringt unbemerkt, unkontrolliert in die Ökosphäre ein. Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
Fatale Auswüchse: Federn von Plastikvögeln folgen der Pantone-Skala.
Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
Dokumente der 1950er Jahre: Siebdruck-Collagen aus einer der Synthetik-Phantasterei anheimgefallenen Werbung. Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
Eine Welt ohne Menschen? Yoldas Szenario stimmt nachdenklich… Foto © Julia Zimmermann/ Schering Stiftung
News & Stories › 2014 › März
Willkommen im Plastivorizän
von Jochen Stöckmann | 9. März 2014
Um den erdrückenden Überfluß von Plastikmüll dreht sich die Ausstellung „An Ecosystem of Excess“ in der Schering-Stiftung in Berlin, in der die Macherin Pinar Yoldas eine Laborwelt mit Plastik verdauenden Monstrositäten entwirft.
Schwere Panzer müssen Pinar Yoldas‘ Schildkröten nicht mehr mit sich herumschleppen, ein zarter blauer Luftballon auf dem Rücken lässt sie durchs Wasser treiben. Meeresinsekten der türkischstämmigen Künstlerin, die in den Vereinigten Staaten lebt, schlüpfen aus farbenfrohen Nestern, ihre Schnecken und Schlangen bewohnen filigran wuchernde Gespinste. Die possierlichen Monstren verkörpern im kleinen „White Cube“ der Berliner Schering Stiftung „An Ecosystem of Excess“. Wie schön, ein Ökosystem der „Ausschweifung“, der zweckfreien Verausgabung von Formen und Farben!

Dann aber stellt sich heraus, dass Yoldas mit ihren Geschöpfen kein postmodernes Kuriositätenkabinett aufgebaut, sondern ein imaginäres Labor täuschend echt in Szene gesetzt hat: Um einen rein quantitativen „Überfluß“ dreht sich die desillusionierende biogenetische Versuchsanordnung, um den erdrückenden „Excess“ von Plastikmüll. Ein Malstrom in der Retorte, ein Meeres-Sog en miniature mit darin kreisenden kunterbunten Teilchen verweist auf „The Great Pacific Garbage Patch“, einen vom Schiffskapitän und Umweltaktivisten Charles Moore entdeckten Plastikstrudel mit den Ausmaßen Mitteleuropas. Aus dieser „Ursuppe“ des 21. Jahrhunderts lässt die Künstlerin nun ihre Plastivoren (Verdauungsorgan, das Plastik verarbeiten kann) hervorgehen.

Plastikfresser, das sind streng darwinistisch gesehen jene Wesen, die im Gegensatz zum Menschen die Müllschwemme überleben werden. Sie passen sich der durch und durch synthetischen Welt an, fressen und verwerten anorganische Materialien, die spätestens seit den 1950er Jahren nicht nur die westliche Welt überschwemmen, die den Planeten ersticken. Yoldas, die eng mit der Meeresforscherin Sylvia Alice Earle zusammenarbeitet, hat mit diesen Fantasietierchen nicht einfach nur ein beliebiges Bestiarium, eine Kollektion von Fabelwesen in der Manier des Fotocollagisten Joan Fontcuberta ersonnen. Das deutet bereits die Art der Präsentation an: Ein klinisch weißes Display aus dreieckigen und kubisch schrägen Sockeln, ein stilisierter Nierentisch, funktionale Retorten- und Petrischalen sowie barock anmutende Reagenz-Vasen – bereits das äußerliche Formenrepertoire weist darauf hin, dass hier die skeptisch beäugte Vergangenheit in die Zukunft verlängert wird.

Die kommende Evolution beginnt mit sorgfältig gerahmten Skizzen ausgewählter Exemplare der Plastik-Fauna. Zwischen diesen Bildern aus dem Linnéschen Bestimmungsbuch der Zukunft tauchen aber auch verblichene Dokumente der 1950er Jahre auf: Siebdruck-Collagen aus einer der Synthetik-Phantasterei anheimgefallenen Werbung mit dem Slogan „You will have a greater chance to be yourself than any people in the history of civilization“, dazu die zeitgenössische Variation dieser „Selbstfindung“, nämlich der Tanz um das Goldene Kalb in Gestalt eines vier bis fünf Stockwerke hohen veritablen Frauenbeines mit übergestreiften Nylons.

Solche mentalitätsgeschichtlichen Monstrositäten versuchten einst einige Hippies zu konterkarieren, die sich mit bitterer Ironie „Plastic People“ nannten – eine Form des Protests, die ebenso wenig bewirkte wie die „Flower Power“ der Blumenkinder. Die Künstlerin versucht es jetzt mit ungewohnten Mitteln, mit naturkundlichen Installationen, wie man sie allenfalls von Mark Dion kennt. Dieser Virtuose im Nachstellen von musealen Schaukästen, ausgestopften Jahrmarkts-Sensationen oder computerbestückten Forschungsstationen stößt sein Publikum auf die gegenwärtigen Probleme im Umgang mit der Natur. Pinar Yoldas treibt sehr viel weniger Aufwand, eröffnet dem Betrachter aber einen Blick in die Zukunft. Sie liest nicht aus dem Kaffeesatz, sondern Statistiken. In ihrer anschaulichen Interpretation dieser Zahlenkolonnen tritt hervor, was wir im Alltag übersehen – und was die Wissenschaftlerin Susan Freinkel jüngst in ihrem Buch „Plastic: A Toxic Love Story“ angeprangert hat: Mikroplastikteilchen als Ausgangsprodukt der Plastikindustrie. 113 Milliarden Kilogramm dieser hauchdünnen, durchsichtigen Pellets, „Nurdles“ genannt, werden jährlich produziert.

Das Plastikpulver dringt unbemerkt, unkontrolliert in die Ökosphäre ein, Tiere nehmen den Stoff mit der Nahrung auf, fühlen sich gesättigt – und verhungern elendig. Statt nun diese vorhersehbare, aber ignorierte Katastrophe als Horrorszenario auszumalen, dekliniert Yoldas mit wissenschaftlichem Kalkül die möglichen Fälle einer synthetischen Ökologie: Was wäre, wenn Bakterien in einem Vielkammer-Verdauungsorgan Plastik abbauen könnten (Yoldas nennt das „Stomaximus“), Tiere mit Plastosensorien entsprechende Nahrung aufspüren und durch ihre Niere (Yoldas: „Petronephros“) Schadstoffe filtern würde?

Die künstlerische Realisierung dieses wissenschaftlichen Gedankenspiels nennt Yoldas „Metabolismus“. Im Gegensatz zur gleichnamigen Stilrichtung vorwiegend japanischer Architekten, die ihre Planungen als hoffnungsvolle Zukunftskonzepte anlegten, kann es heute nur noch um das ohnmächtige, fatalistische Nachzeichnen vorausberechneter Bahnen gehen, auf denen die Umweltkatastrophe ablaufen wird. Also um eine „Evolution“ nach altbekanntem Muster, mit prima facie farbenfrohen, am Ende aber fatalen Auswüchsen: Federn von Plastikvögeln, die auf einem Tisch ausgebreitet liegen, folgen der Pantone-Skala. In der synthetischen Konsumwelt von Homo Sapiens garantieren diese Farbtöne den größten Konsumanreiz, demnächst werden sie bei plastivorischen Balzritualen für die sexuelle Auswahl ausschlaggebend sein.

Das alles ist „transhuman“ gedacht, also unter Ausschluss der sehr speziellen Spezies Mensch. Dabei hatten wir uns doch stets bemüht, als Meister der Anpassung ganz vorne dabei zu sein. Insbesondere mit unseren Farberfindungen: In Apfel- oder Pappelgrün, Bleu Mourant und Hechtgrau, Karmosin oder Pompadour (eine Art Purpurrot) grenzten sich die in ganzer Pracht aufmarschierenden Kabinettsarmeen des 18. Jahrhunderts voneinander ab. Und als Trommelfeuer, Fliegerbomben, Chlor- und Senfgas im Ersten Weltkrieg die Soldaten in die Deckung und in eine möglichst unscheinbare feldgraue Uniform zwang, sorgte die chemische Industrie für einen zivilen Ausgleich mit Anilinfarben wie Resorcingelb, Azoflavin (Gelb), Supranol-Brillantrot oder Methylenblau.

All diese Auswüchse hat die Moderne hingenommen, meist begeistert, berauscht von den neuen Möglichkeiten. Frühere Epochen dagegen deuteten Abirrungen und Ausreißer der Natur, Monstrositäten wie Akephalen und Skiapoden, also Kopflose und Schattenfüßler, als göttliche Zeichen, als Aufforderung zur Umkehr. Mit religiöser Mystik allerdings lassen sich heute allenfalls Sekten gründen. Deshalb hat Pinar Yoldas den Weg des wissenschaftlichen Ausstellungsdesigns gewählt, auf die Überzeugungskraft des Laborexperiments gesetzt. Getreu der Einsicht Francis Bacons – nicht der Maler, sondern der Philosoph des 17. Jahrhunderts –, dass genetische Deformationen unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen, weil sie geeignet sind, die menschliche Erfindungskraft anzuregen. Und die Einsicht zu fördern, dass sich nur durch eine grundlegende Veränderung des Lebensstils jenes Plastivorizän (also ein Zeitalter, in dem Plastik verdauende Lebewesen leben) verhindern lässt, in dem für den Menschen kein Platz mehr wäre.

Schade eigentlich, denn in diesem Labor sieht sie wirklich sehr schön aus, die neue Welt von Chelonia Globus Aerostaticus und Dermochelys Oris Scortum, der Lebensraum der pazifischen Ballonschildkröte oder ihrer Schwester, der Schredderschildkröte.

www.pinaryoldas.info
www.scheringstiftung.de

Buchtipp:
Plastic: A toxic Love Story.
Von Susan Freinkel
336 Seiten, Englisch, Houghton Mifflin Harcourt, 2011
www.hmhco.com