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Spezial | das BÜro nach dem BÜro
initiiert von Evoline
Dänen lieben die Gemeinschaft
Adeline Seidel im Gespräch mit

Werner Frosch


11.10.2013

Adeline Seidel: Henning Larsen Architects bauen international: Wie groß sind die Unterschiede in den Arbeitskulturen und wie bilden sich diese in der Architektur ab?

Werner Frosch: Es sind durchaus sozio-kulturelle Unterschiede, die eine Arbeitskultur prägen. Ich glaube beispielsweise, dass man in Dänemark sehr viel früher als in Deutschland, offener im Umgang miteinander geworden. In den letzten zehn Jahren wurden in Dänemark fast nur noch offene Bürostrukturen realisiert, während in Deutschland noch immer sehr viele Zellenbüros gebaut werden. Aber auch Bauvorschriften formulieren Grundlagen, die eine offene Bürokultur beeinflussen. Wir nehmen es nur nicht wahr. Bei dem Rathaus, das wir in der dänischen Stadt Viborg realisieren konnten, haben wir 800 Menschen in einem großen Raum über mehrere Geschosse zusammengebracht. Das wäre in Deutschland niemals möglich gewesen. Der Brandschutz beschränkt das deutsche Büro nun mal auf die klassische Vierhundert-Quadratmeter-Einheit. In Dänemark genügt der Nachweis, dass man in soundsoviel Minuten aus dem Gebäude flüchten kann. Dieser Unterschied in den gesetzlichen Regelungen schafft natürlich viel mehr Freiheiten in der Gestaltung und Planung von Bürolandschaften.

Werner Frosch im Müncher Büro von Henning Larsen Architects. Foto © Adam Drobiec

Im Ernst, 800 Personen in einem Büroraum – muss ich mir das Rathaus als eine Art „Büroarbeiterfarbik“ vorstellen?

Werner Frosch: Nein! Nun, um genau zu sein sind es 799 Menschen, die in einem Büroraum untergebracht sind. Der Bürgermeister ist der einzige, der ein separates Büro beansprucht, um vertrauliche Gespräche führen zu können. Ansonsten gibt es in dem fünfgeschossigen Haus keine Einzelbüros mehr. Das war natürlich auch für die dänischen Mitarbeiter zunächst ein Schock. Sie waren Büros mit drei- bis vier Personen gewohnt und sollten nun mit 798 anderen zusammensitzen. Es ist aber mitnichten eine „Büroarbeiterfabrik“ entstanden, das Haus wird von Nutzern und Mitarbeitern sogar sehr positiv bewertet. Wir haben das große Gebäude so strukturiert, dass alle paar Achsen ein Multifunktionsraum platziert wurde. Diese Multifunktionsräume sind unterschiedlich eingerichtet, manchmal als Arbeitsplatz mit ein oder zwei Tischen und Stühlen, manchmal als eine Art Lounge mit weichen, bequemen Möbeln. Der Bauherr probiert mit diesen Räumen ganz unterschiedliche Konzepte aus. Denn nach Jahren des Arbeitens in Zellenbüros muss man erst einmal herausfinden, welche Potentiale in solchen Multifunktionsräumen stecken, welche bevorzugt angenommen und welche benötigt werden.

Und, welchen Typus haben die Mitarbeiter bevorzugt?

Werner Frosch: Oft wurden Räume, die zu „flauschig“ eingerichtet waren, weniger gut angenommen. Das liegt, denke ich, dann doch noch in unserer arbeitskulturellen Gewohnheiten, dass man eben im Büro ist und hier nicht zu bequem und lässig daher kommen möchte. Was sagt denn der Chef, wenn ich auf dem Sofa herumlümmle und lese – so richtig nach Arbeit schaut das ja nicht aus.

Foto © Adam Drobiec

Alle betonen immer nur die Vorteile des Großraumbüros, vor allem, was die bessere Kommunikation untereinander angeht. Die räumliche Trennung aufzuheben bedeutet aber auch mehr soziale Kontrolle durch die Kollegen – oder wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Werner Frosch: Meine persönliche Erfahrung ist, dass ich mich ausgegrenzt fühlte, als ich in einem Doppelbüro gearbeitet habe. Für mich war das in meinem Arbeitsalltag nicht angenehm, gerade weil ich gemerkt habe, dass ich nicht viel von den Gesprächen der anderen mitbekomme. Außerdem, das Miteinander macht die dänische Bürokultur aus – ebenso wie die gemeinschaftlichen Zonen, die einen ungezwungenen Austausch ermöglichen, und das gemeinsame Mittagessen. In Dänemark ist die Mittagpause Bestandteil des Arbeitstages und wird vergütet, während die Pause in Deutschland nicht zur Arbeitszeit gehört. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Faktor, der die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern erhöht.

Diese Form von Offenheit wollten Sie auch in der „Spiegel“-Zentrale in Hamburg einführen – sind aber gescheitert. Was ist passiert?

Werner Frosch: Ja, das stimmt. Im Wettbewerb haben wir offene Bürostrukturen mit vielfältigen Blickbeziehungen über das zentrale, offene Foyer vorgeschlagen. Es sollte ein großer Raum für viel Austausch entstehen. Was wir nicht bedacht hatten: Journalisten und Medienschaffende wollen nicht in dieser Offenheit und Flexibilität arbeiten. Ob aus Konkurrenzdruck oder aus dem Wunsch heraus, Ruhe und Konzentration am Arbeitsplatz zu finden und diesen auch nicht wechseln zu wollen – jedenfalls mussten wir die Gestaltung der Büros und der Arbeitsplätze komplett überarbeiten. Die Umplanung wirkte sich auch auf die Architektur aus: Das Atrium ist jetzt geschlossener, es gibt viel mehr Gänge mit entsprechend langen, geschlossenen Wandflächen, von denen aus man dann in die Büros gelangt, in denen ein, zwei oder vier Mitarbeiter untergebracht sind.

Foto © Adam Drobiec

„Siemens“ ist auch kein dänisches Unternehmen: Welche Ansprüche hat der Konzern an die neue Zentrale in München formuliert und wie wirken sich diese Vorgaben auf die Architektur aus?

Werner Frosch: Internationale Großkonzerne wie „Siemens“, „Microsoft“ oder „Novo Nordisk“ haben als Bauherren oft schon eine eigene Bürostrategie beziehungsweise eine „Architekturphilosophie“. Das heißt: Intern wurden bereits Konzepte formuliert, wie man zusammenarbeiten und sitzen möchte und wie sich der Arbeitsalltag in einem neuen Gebäude gestalten soll. Darauf bauen wir dann letztlich auf.

Aber welche Rolle spielt dabei der Architekt, wenn er durch die vorhandene Architekturstrategie nur noch bedingt Strukturen beeinflussen kann?

Werner Frosch: Wir glauben, dass wir als Architekten durchaus großen Einfluss darauf nehmen können, welche Elemente der firmeninternen Architekturstrategie letztendlich umgesetzt werden. Denn auch wenn eine Firma – sei es „Siemens“, sei es „Microsoft“, sei es ein anderer Weltkonzern – eine Architektur-Guideline formuliert hat, so gilt es für uns als Architekten doch, diese lokal zu verankern. Wir Europäer haben andere „Bürogewohnheiten“ und Vorschriften als die Amerikaner mit ihren „Cubicals“ oder die Asiaten, die Ellenbogen an Ellenbogen zum Nachbarn arbeiten. Unsere Aufgabe ist es, die Übersetzung dieses „Manuals“ auf die jeweiligen lokalen Erfordernisse oder Anforderungen zu formulieren. Wir müssen die Architektur so gestalten, dass sie flexibel, aber trotzdem interessant und von hoher Aufenthaltsqualität ist.

Foto © Adam Drobiec
Foto © Adam Drobiec

Wie gehen Sie mit dem Wunsch vieler Bauherren um, Büroräume so flexibel wie möglich zu gestalten und welchen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Werner Frosch: Meiner Meinung nach sind die derzeitigen Tendenzen der Büroplanung nicht in der veränderten Technik begründet. Also durch Geräte wie „Laptops“ und „Tablets“, die es uns ermöglichen, flexibel und ortsunabhängig zu arbeiten. Vielmehr sehe ich den Wandel in der Planungskultur verbunden mit dem Bestreben, Wissen zu teilen. Wir produzieren nicht nur etwas, sondern wir generieren Wissen, indem wir kommunizieren und sozial interagieren. Darauf muss die Architektur Rücksicht nehmen, dafür muss sie den Rahmen schaffen. Die neuen Konzepte der Büroplanung möchten die Mitarbeiter wieder näher zueinander bringen und so die Kommunikation fördern.

Wie schafft es die Architektur, dass die Mitarbeiter das Wissen, das sie generieren, mehr als früher miteinander teilen?

Werner Frosch: Es braucht eine Architektur, die zufällige Interaktionen zwischen Menschen ermöglicht, eine offene Architektur. Dabei sollten die Räume des zufälligen Miteinanders im Mittelpunkt stehen und entsprechend vielfältige Aufenthaltsqualitäten bieten. Ein Beispiel: Bei dem Forschungs- und Laborgebäude für das norwegischen „Radium Hospital“ in Oslo haben wir hart für großzügige Teeküchen und Begegnungsflächen gekämpft. Denn das Raumprogramm sah zunächst keine zusätzlichen Flächen als die eigentlichen Labore und die dafür notwendigen Verkehrsflächen vor. Jetzt, vier Jahre nach Fertigstellung, kommen die Bauherren auf uns zu: Sie hätten anfangs gar nicht verstanden, welchen Nutzen diese Flächen haben sollten. Nun aber würden sie sehen, dass diese Flächen oft zum Austausch und sogar zum Arbeiten genutzt werden. Gerade daraus entstände Wissen und mehr Zusammenhalt.

Foto © Adam Drobiec
Foto © Adam Drobiec

Benötigen flexible Arbeitsstrukturen auch eine flexible Ausstattung? Wie flexibel ist ein flexibles Büro eigentlich?

Werner Frosch: In vielen Unternehmen gibt es flexible Arbeitsstrukturen, beispielsweise Desktop-Sharing, die gut in die internen Arbeitsprozesse integriert sind und funktionieren. Räumlich können wir hier die entsprechenden Angebote schaffen. Das Grundproblem ist immer die räumliche Flexibilität solcher Arbeitsstrukturen. Je nachdem, wie flexibel Räume auf sich wandelnde Prozesse reagieren sollen, wird es mehr oder weniger teuer. Sprich, ein völlig flexibles Büro bedeutet, man kann Wände schnell und einfach einklicken und wieder ausklicken, vielleicht sogar automatisch verschieben. Und je flexibler alles sein soll, desto mehr muss man auch technisch und von Seiten der Gebäudeausstattung her vorhalten. Es stellt sich also die Frage, wie viel Flexibilität braucht der Bauherr wirklich? Wie oft werden beispielsweise Abteilungen umgesiedelt oder wie oft ändern sich Gruppenstrukturen? Der Bauherr muss abwägen, wie seine Mitarbeiter Räume nutzen und welche Zyklen die Arbeitsprozesse durchlaufen. Anscheinend beanspruchen nur wenige Unternehmen das hyper-flexible Büro, denn wir bauen viele Bürohäuser, deren Büros gar nicht so flexibel sind.

Betrachtet man Bürogebäude, wie sie noch in den 1980 Jahren realisiert wurden, dann erscheinen diese, weil sie kaum Flexibilität zulassen, heute kaum mehr verwendbar. Was sollte man ändern?

Werner Frosch: Der Minimierungswahn der 1960er bis 1980er Jahre passte zu einer Gesellschaft, die permanent effizienter werden musste und noch in der Logik des fordistischen Systems verhaftet war. Aber da sind sie auch stehen geblieben: Die Gebäude sind einfach nicht mehr umrüstbar und können nicht an neue Anforderungen angepasst werden. Ob es um Elektroinstallation, Belüftung, oder Verschattung geht, es scheitert allein schon an der Raumhöhe, die zu niedrig ist. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir versuchen, Gebäude zu entwickeln, die es sowohl im Grundriss als auch im Schnitt – also in der Gebäudedisponierung –, aber auch in der Höhenentwicklung möglich machen, dass man sie später umrüsten und zusätzliche Installationen durchführen kann. Wenn in einer Architektur praktisch jede Nutzung möglich ist – von Wohnen bis zum Arbeiten – dann kann man von einer wirklich nachhaltigen und maximal flexiblen Architektur sprechen.

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