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Spezial | das BÜro nach dem BÜro
initiiert von Evoline
Das Leben jenseits des Schreibtisches wird wichtiger
Adeline Seidel im GesprÄch mit

Raphael Gielgen


16.10.2013

Adeline Seidel: Herr Gielgen, hat sich die Bürohausarchitektur und Büroausstattung in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert?

Raphael Gielgen: Wir erleben gerade eine spannende Zeit! Zum einen werden heute noch Gebäude fertiggestellt, die alle Vorzüge der industriellen Ökonomie in sich vereinen – im Sinne der generischen Wiederholung von Arbeitszimmern. Zum anderen gibt es Büros, die sowohl der industriellen als auch einer wissensbasierten Ökonomie Rechnung tragen. Die Bandbreite war meines Erachtens noch nie so groß wie heute. Die positiven Beispiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits identitätsstiftend sind und eine unternehmensspezifische Authentizität vermitteln und andererseits eine Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten anbieten.


Raphael Gielgen beobachtet seit mehr als 22 Jahren die globalen Veränderungen des „Ortes“ Büro. Foto © Adam Drobiec

Was genau braucht Vielfalt, damit sie sich entwickeln kann?

Raphael Gielgen: Mit Vielfalt meine ich zum einen abwechslungsreiche Tätigkeiten im Arbeitsalltag eines jeden. Aber auch eine Vielfalt von Orten, an denen diese unterschiedlichen Tätigkeiten letztlich verrichtet werden. Ein weiterer, wichtiger Aspekt betrifft eine Vielfalt im Sinne einer vitalen, lebendigen und anregenden Arbeitsumgebung. Eine Büroumgebung sollte sein wie eine tolle Stadt! Man wohnt in seinem „Kiez“, hat zahlreiche Versorgungsmöglichkeiten und Freizeitangebote zur Auswahl. Selbst wenn man nur zur Mittagspause die Wohnung verlässt, um sich ins Gewusel zu stürzen, ist das schon anregend genug. Denn allein die Tatsache, dass unterschiedliche Angebote existieren, vermittelt ein gutes Lebensgefühl. Auch wenn man sie nicht alle nutzt.


Oft werden Architekten von ihren Bauherren dazu angehalten, einen flexiblen Grundriss zu entwerfen, um alle Formen der Büronutzung zu ermöglichen. Wird der Gestaltungsraum der Architekten damit nicht erheblich eingeschränkt?

Raphael Gielgen: Nein, ich denke nicht. Architekten legen heutzutage vielleicht nicht mehr jedes Möbelstück fest, aber sie schaffen die essentielle Grundstruktur des Gebäudes. Im Grunde ist Büroplanung dem Städtebau sehr ähnlich. Man strukturiert Nutzungen, legt öffentliche und private Bereiche ebenso fest wie Orte des Zusammenkommens und die Infrastruktur – unabhängig von der daraus resultierenden Architektur. Meiner Meinung nach sind die Bauherrenwünsche nach maximaler Nutzungsflexibilität im Fall von Bürogebäuden weniger dramatisch. Vielmehr verlangt diese Entwicklung von Architekten und beteiligten Fachplanern den intensiven und kritischen Dialog mit den Nutzern. Das ist leider nicht immer möglich.


Foto © Adam Drobiec
Foto © Adam Drobiec

Wenn das Gebäude steht, kommen Sie ins Spiel. „Bene“ als Büroausstatter ist ja maßgeblich an der Planung und Gestaltung von Bürostrukturen beteiligt. Wie gehen Sie vor? Wie entstehen „urbane“, vielfältig nutzbare Büros?

Raphael Gielgen: Zunächst einmal haben wir die Aufgabe, dem Kunden Anleitung und Orientierung zu geben, wenn er sich dem Thema „Büro“ nähert, ohne es dabei zu verwissenschaftlichen. Denn es ist wichtig, das er während der Planungsphase die eigenen, unternehmensinternen Prozesse, die Einfluss auf das operative Geschäft und damit die Wertschöpfung haben, räumlich reflektieren kann.


Jeder Kunde ist anders und die internen Arbeitsprozesse unterscheiden sich von Fall zu Fall. Lässt sich dennoch mit bestimmten Kategorien und Typologien planen?

Raphael Gielgen: Jeder Kunde ist hat andere Bedürfnisse und Wünsche, aber einige „Muster“ in den Arbeitsprozessen kehren immer wieder. So haben wir beispielsweise vier „Wissensarbeiter-Typologien“: „Anchor“, „Connector“, „Gatherer“ und „Navigator“. Sie unterschieden sich voneinander durch den Grad der Interaktion. Dabei gilt grundsätzlich: je mehr Mobilität, desto mehr Interaktion. Ein „Anchor“ ist beispielsweise ein „Sachbearbeiter“, der permanent einen eigenen Platz beansprucht. Der „Navigator“ hingegen ist fast nie im Büro, große Teile seiner Aufgaben erledigt er unterwegs. Das ist die erste Ebene, die ein Büro strukturiert. Die zweite Ebene sind die „We-“ und „Me-Places“. „We-Places“ sind Zonen für formellen und informellen Austausch und Orte der Zusammenarbeit. Und mit „Me-Place“ bezeichnen wir Rückzugsorte, beispielsweise zum konzentrierten Arbeiten oder zum Ausspannen.


Foto © Adam Drobiec
Das Frankfurter Büro des Herstellers Bene befindet sich im "Squaire", dem Knotenpunkt am Flughafen Frankfurt am Main zum Arbeiten, Wohnen und Einkaufen. Foto © Adam Drobiec

Basieren diese Typologien allein auf Erfahrungswerten?

Raphael Gielgen: Die grundlegenden Eckpfeiler unser Beratungsdienstleistung haben wir gemeinsam mit Jeremy Myerson, dem Direktor des „Helen Hamlyn Research Centre“ am Londoner „Royal College of Art“ und seinen Kollegen erarbeitet. Die so gelegten Grundlagen unterstützen uns bei unserer täglichen Arbeit und helfen auch unseren Kunden, die Konzepte nachzuvollziehen. Aber natürlich basiert ein großer Teil unserer Kompetenz auf Erfahrung.


Arbeitsorte sind auch hochtechnisierte Welten. Wie beurteilen sie kommende technische Entwicklungen und welche werden das Büro verändern?

Raphael Gielgen: Ein wichtiges Thema bei aktuellen und zukünftigen Arbeitsprozessen ist die Systemintegration von Arbeitsumgebung und -werkzeugen sowie die effizientere Kooperation zwischen Mitarbeitern. Besonders bei wissensbasierten Unternehmen mit mehr als 400 Mitarbeitern und mehreren Standorten. Dabei überschneiden sich virtuelle und physische Welt zunehmend. Ein Beispiel ist „Double Robotics“. Mitarbeiter sehen ihren Kollegen über ein „iPad“ und der Kollege „im“ iPad kann mit Hilfe der integrierten Kamera die Umgebung wahrnehmen. Soweit ist das bereits durch Videokonferenzen bekannt. Den Unterschied macht der fahrbare Untersatz, auf dem das iPad angebracht ist und das von der Person gesteuert wird, die nur virtuell mit den Kollegen verbunden ist. So kann sie sich durch das Büro bewegen, ohne physisch vor Ort zu sein. Das verändert die Interaktion zwischen Kollegen und ist mit einer Videokonferenz nicht mehr vergleichbar. Oder nehmen sie eine Software wie „Bluescape“: Unabhängig vom Ort kann man gemeinsam an hochkomplexen Projekten arbeiten – man teilt sich einen virtuellen „Workshopbereich“, der eine Mischung aus Pinnwand, Schreibtisch und Flipchart ist. Wer es sich leisten kann, verwendet diese Software mit einem extrem großen Touchscreen und kann direkt daran arbeiten. Die Technik ist ein wenig vergleichbar mit einigen Szenen aus dem Film „Minority Report“: Statt nur die Maus hin und her zu schieben, verwendet man seine Hände – wie wir es schon bei „Tablets“ machen. Bedenkt man das „mooresche Gesetz“, nach dem sich die Komplexität integrierter Schaltkreise in kurzen Zeiträumen verdoppelt, so kann man sich gut vorstellen, dass diese Arbeitsmedien in nicht allzu ferner Zukunft unsere Bürowände verändern werden.


Wie beeinflussen solche technischen Veränderungen die Entwicklungen der Büroausstatter und damit auch das Möbeldesign?

Raphael Gielgen: Ich arbeite seit 22 Jahren im Kontext „Büro“. Hat sich irgendetwas wirklich verändert, außer vielleicht Aspekte wie Nachhaltigkeit, Energiesparen und Flexibilität? Ein richtiges Highlight – gefühlt für mich? Jetzt haben wir einen abklappbaren Kabelkanal oder Technikdosen mit unterschiedlichen Anschlüssen – das ist für mich keine Revolution. Ob Laptop oder stationärer Rechner, ob ein, zwei oder drei Monitore – das sind alles keine Quantensprünge, die Büromöbel total verändern würden. Tisch bleibt Tisch und Schrank bleibt Schrank. Und ein Arbeitsplatz braucht Strom und Daten, am besten unsichtbar. Diese technisch-funktionalen Aspekte interessieren den Nutzer nicht – die Technik soll einfach nur funktionieren und vor allem in die Zeit passen.


Foto © Adam Drobiec
Foto © Adam Drobiec

Welche Rolle spielt dann die Büromöbelindustrie, wenn man über zukünftige Arbeitswelten redet?

Raphael Gielgen: Die „Betahäusler“ des Berliner „Co-Working Space“ haben einmal gesagt, Wertschöpfung finde nicht am Arbeitstisch statt. Das würde ich unterschreiben! Dafür wird das Leben jenseits des Schreibtisches wichtiger werden. Insofern ist ein gescheites Angebot zum Arbeiten jenseits der Schreibtische etwas, das eine echte „Usability“ hat und eine wichtige Aufgabe ist. Und ich denke, es braucht eine gute Mischung zwischen analog und digital. Viele Wandflächen sind vollkommen ungenutzt. Die müssen aktiviert werden, um ohne besonderen Aufwand etwas darauf schmieren, aufschreiben oder etwas festpinnen zu können. Am Ende ist es wieder wie beim Städtebau: Wir müssen ein attraktives, wertschöpfendes und vor allem authentisches Umfeld um den Arbeitsplatz herum schaffen.


Ein Tisch hat sich im Vergleich zum Computer nur wenig verändert. Wie bleiben Produkte von Büroherstellern update-fähig?

Raphael Gielgen: Indem man additiv denkt. Es muss nicht immer alles integriert sein und „wie geleckt“ aussehen. Display-Technologien sind da das beste Beispiel. Das ist das erste Bauteil im Auto, das durch seine schlechte Auflösung nach einem halben Jahr alt aussieht. Wieso kann denn heute der Monitor nicht einfach an der Wand hängen? In ein paar Jahren ist es dann vielleicht eine Glasscheibe oder eine andere Oberfläche, die als Monitor dient? Stattdessen packt man den Monitor in Wandschränke oder Rahmen. Wer heutzutage noch versucht, alles perfekt und fugenlos integriert unterzubringen, der wird darin stecken bleiben.


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