top
Dr. Christine Lemaitre

NACHHALTIGKEIT
Mehrwert schaffen

Dr. Christine Lemaitre ist Geschäftsführender Vorstand der DGNB e.V., der "Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen". Zudem ist sie Jurymitglied des Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design, der dieses Jahr zum dritten Mal vergeben wird. Wir sprachen mit ihr über ganzheitliche Nachhaltigkeitskonzepte, Greenwashing und zukunftsfähige Designlösungen.
31.05.2022

Alexander Russ: Die DGNB, die "Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen" ist Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Welche Ziele verfolgen Sie?

Christine Lemaitre: Die DGNB ist eine Non-Profit-Organisation, die 2007 gegründet wurde und sich mit den Themen nachhaltiges Bauen und nachhaltige Stadtentwicklung beschäftigt. Dazu bieten wir unter anderem ein Zertifizierungssystem an. Dieses liefert allen Beteiligten der Baubranche eine gemeinsame Qualitätsvorgabe, mit der sie auf festgelegte Nachhaltigkeitsziele hinarbeiten können.

Können Sie beschreiben, wie dieses Zertifizierungssystem funktioniert?

Christine Lemaitre: Das Thema des nachhaltigen Bauens gibt es ja schon länger, aber oftmals ist im Detail gar nicht klar, was das Ganze eigentlich bedeutet. Deshalb haben wir ein Zertifizierungssystem geschaffen, dem Transparenz und eine Methodik zugrunde liegt. Beim Bauen trifft eine Vielzahl von Akteuren aufeinander und das oft zu unterschiedlichen Zeitpunkten – die Planungs- und Entscheidungszeiträume können sich bei Projekten ja mitunter über Jahrzehnte erstrecken. Das Zertifizierungssystem dient deshalb als verbindendes Element, an dem sich die jeweiligen AkteurInnen orientieren können. Das Ganze ist ein Kriterienkatalog, der sich dynamisch weiterentwickelt. So gibt es alle zwei bis drei Jahre ein Update, das sich aus unserer Praxiserfahrung speist.

Sie sind dieses Jahr auch Teil der Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design. Wo überschneiden sich Architektur und Design, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht?

Christine Lemaitre: In der Frage, was wirklich sinnvoll ist. Vielleicht brauchen wir bestimmte Produkte in der Zukunft nicht mehr. Damit verknüpft ist die Frage, wie schmerzhaft dieser Transformationsprozess sein wird und ob wir in der Lage sind, ihn zu vollziehen. Das ist mir bei den Jurydiskussionen auch immer sehr wichtig: dass es um Produkte geht, die einen Mehrwert schaffen. Das kann eine bestimmte Funktion sein oder eine Problemlösung, mit der sich die DesignerInnen konstruktiv auseinandergesetzt haben. Ich finde es zum Beispiel spannend zu schauen, was ein Produkt leisten kann, damit die Verantwortung für nachhaltiges Handeln nicht immer beim Endverbraucher liegt. Ein Beispiel wäre eine bestimmte Form der Kreislaufwirtschaft, die das Produkt bietet.

Lassen sich beim Design ähnliche Zertifizierungsmodelle wie beim nachhaltigen Bauen umsetzen?

Christine Lemaitre: Es gibt im Produkt- und Designbereich ja bereits einige Zertifikate. Allerdings werden dort meist nur Teilaspekte bewertet, während die ganzheitliche Betrachtungsweise oftmals fehlt. Deshalb ist der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design so wichtig, weil er nicht nur DesignerInnen und HerstellerInnen in die Verantwortung nimmt, sondern auch ein Qualitätsversprechen und eine Einordnung der Produkte liefert.

Preisverleihung Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2022

Nachhaltigkeit ist mittlerweile auch ein Marketingwerkzeug für Unternehmen. Wie schützen Sie sich vor Greenwashing?

Christine Lemaitre: Ja, das stimmt und meiner Meinung nach müsste man das eigentlich verbieten. Bei den Jurysitzungen werfen wir grundsätzlich einen ganzheitlichen Blick auf das Nachhaltigkeitskonzept des jeweiligen Produkts. Dabei spielt auch immer die Transparenz des Herstellers oder des Designers eine Rolle: Wenn zum Beispiel angegeben ist, dass bei einem Produkt zu 50 Prozent recyceltes Material verwendet wurde, dann stellt sich ja automatisch die Frage, was es mit den anderen 50 Prozent auf sich hat. Als EndverbraucherIn sieht man das alles gar nicht, aber das sind genau die Fragen, mit denen wir uns im Namen der VerbraucherInnen beschäftigen. Die Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design ist zudem interdisziplinär besetzt. Dadurch haben wir einen sehr guten Überblick darüber, welche Produkte tatsächlich neue Impulse liefern.

Welche gesamtgesellschaftliche Rolle spielt Design bei der Verwirklichung einer nachhaltigen Lebensweise?

Christine Lemaitre: Objekte müssen Menschen auch emotional berühren – und ohne gute Gestaltung kann weder ein Produkt noch ein Gebäude nachhaltig sein. Um nochmal auf die Architektur zu kommen: Ein Gebäude, das diesen Gestaltungsbeitrag liefert, wird auch lange und gerne genutzt. Damit einher geht der Wunsch nach einer Bewahrung der Bausubstanz und dieser Faktor ist meiner Meinung nach auch bei Produkten essenziell: Ein Gegenstand, dem ich eine emotionale Bedeutung und einen Wert beimesse, werfe ich nicht so schnell weg. Und falls ein Produkt doch für eine kürzere Nutzung gedacht ist, dann sollte es so gestaltet sein, dass es sich gut entsorgen lässt. Solche Kriterien sollten den EndverbraucherInnen aber nicht zu Werbezwecken präsentiert werden, sondern einfach eine Selbstverständlichkeit sein.

Welche nachhaltigen Designlösungen würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Christine Lemaitre: Tatsächlich gibt es beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design wenig Einreichungen aus dem Möbelbereich. Dazu ein kurzer Exkurs zum Zertifizierungssystem der DGNB: Ein wichtiges Kriterium ist hier die Messung der Qualität der Innenraumluft, die vier Wochen nach Baufertigstellung vorgenommen werden muss. Wenn dann bestimmte Werte überschritten werden, ist das Gebäude nicht zertifizierbar. Wir messen die Räume grundsätzlich im unmöblierten Zustand, weil das Mobiliar die Werte oftmals erhöht. Da hat die Möbelindustrie noch einiges nachzuholen, was sich schlussendlich auch an den fehlenden Einreichungen zeigt.

Worauf sollten DesignerInnen bei der Entwicklung ihrer Produkte zukünftig achten?

Christine Lemaitre: DesignerInnen sollten sich nicht nur mit guter Gestaltung, sondern auch mit funktionalen Themen beschäftigen – zum Beispiel mit der Entsorgungslogistik der von ihnen entworfenen Produkte. Das Thema der Kreislaufwirtschaft ist zwar schon seit einiger Zeit im Design angekommen, aber das Wissen über die damit verknüpften Prozesse und Abhängigkeiten ist bei DesignerInnen nicht immer vorhanden. Deshalb sollten sie sich auch mit den technischen Möglichkeiten bei der Mülltrennung auseinanderzusetzen. Das würde ich tatsächlich jeder jungen Designstudentin und jedem jungen Designstudenten raten: Geht zu einem Müllentsorgungsunternehmen und schaut euch an, wie das Ganze dort funktioniert. Das würde eine Sensibilisierung für die damit verknüpften Problematiken schaffen und hätte dann hoffentlich eine entsprechende Auswirkung auf das grundsätzliche Designverständnis.

Einreichungen zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design 2023 sind noch bis zum 20. Juni 2022 möglich.