top
Spezial | das BÜro nach dem BÜro
initiiert von Evoline
Ein Büro ist wie die Formel 1
Adeline Seidel im GesprÄch mit
Tanya Ruegg und Stefan Camenzind
22.10.2013

Adeline Seidel: Sie sagen von sich, Sie würden emotionales Design mit Schweizer Qualität verbinden. Unter Schweizer Qualität kann ich mir etwas vorstellen – was aber ist „emotionales Design“ und wozu braucht man das?

Tanya Ruegg: Häufig werden Räume so neutral wie möglich gestaltet – insbesondere Büros. Schließlich hat jeder einen anderen Geschmack und man möchte niemanden „vergraulen“. Die Folge ist: Man fühlt sich in diesen Räumen auch irgendwie „neutral“. Wir möchten mit unserer Gestaltung den Menschen und seine Empfindungen in den Mittelpunkt stellen. Er soll sich wohlfühlen – und vor allem: überhaupt etwas fühlen. Man kann verschiedene Gefühle wecken, wenn man Räume bewusst unterschiedlich gestaltet. Wichtig ist die „Mischung“ der Räume, so dass für jede gestalterische Präferenz und für unterschiedliche Stimmungslagen etwas dabei ist.

Tanya Ruegg und Stefan Camenzind von "Camenzind Evolution“ in ihrem Büro in Zürich. Foto © Adam Drobiec

Wie gehen Sie vor, um die Vorlieben, Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer herauszufiltern?

Stefan Camenzind: Je nach Unternehmensgröße haben wir verschiedene Werkzeuge, um mit den Nutzern in Kontakt zu treten: Workshops, Interviews, Online-Umfragen und auch Gespräche mit Psychologen. Möchten wir aber etwas kreieren, das die Nutzer noch nicht erlebt haben, so führt die Frage „Was wünschen sie sich?“ nicht ans Ziel. Aber mit Fragen wie „Was sind ihre Bedürfnisse?“, „Was sind die Werte des Unternehmens?“, „Mit welchen Werten können sie sich identifizieren?“ kann man die nicht artikulierbaren Wünsche ganz gut herauskitzeln.

Tanya Ruegg: Die Gestaltung der „Google“-Büros ist eine Mischung aus Ideen, die wir in gemeinsamen Workshops mit den Mitarbeitern erarbeitet haben, und den Werten und der Identität, die das Unternehmen vermitteln möchte. Zudem haben wir mit verschiedenen psychologischen Erhebungs- und Analysemethoden gearbeitet, um unter anderem Persönlichkeitstypen und Wahrnehmungsmuster zu untersuchen. Interessant bei „Google“ war, dass dort mehrheitlich ein bestimmter Typus Mensch arbeitet und die spezifische Gestaltung der Umgebung das tagtägliche Tun der Menschen dort unterstützen sollte.

Wir haben einen Blick in das Büro geworfen, das mit seinen Entwürfen die Gestaltung von Arbeitsplätzen nachhaltig verändert hat. © Adam Drobiec
Foto © Adam Drobiec

Diese Form der Untersuchung ist eher im Bereich der qualitativen Analyse angesiedelt. Arbeiten Sie auch mit quantitativen Erhebungsmethoden?

Tanya Ruegg: Ja natürlich! Wir messen beispielsweise, wie häufig und wie lange ein Sitzungszimmer beansprucht wird. Aber auch die Größen von Büros und die Wege, die Mitarbeiter gehen, werden erfasst. Dennoch ist es für unseren Gestaltungsansatz wichtig, mit Psychologen und Raumpsychologen zu arbeiten.

Wenn vor dem eigentlichen Entwurfsbeginn so viel Vorarbeit geleistet wird – messen Sie dann auch nach Fertigstellung der Projekte, ob die Gestaltung ihre Ziele erreicht hat?

Stefan Camenzind: Ein Büro ist wie die „Formel 1“: Man muss immer besser werden. Und das wird man nicht, wenn man sich nur alle fünf Jahre zusammensetzt. Viele Firmen stellen deswegen ein jährliches Budget für die Anpassung und Verbesserung ihrer Räumlichkeiten zur Verfügung. Für sie ist der Mitarbeiter das wichtigste Gut, aber auch der höchste Kostenfaktor – und deswegen sollte die Umgebung für ihn und seine Bedürfnisse die bestmögliche sein.

Tanya Ruegg: Für das „Monitoring“ arbeiten wir auch mit quantitativen Methoden, etwa der Nutzungsmessung: Wie oft werden welche Räume genutzt und wie lange. Qualitative Messungen sind beispielsweise „Wertschätzungsmessung“. Dabei ist es wichtig, beide Messmethoden anzuwenden. Erst wenn wir Wertschätzung und Nutzung zusammen betrachten, bekommen wir den echten Wert einer Sache in den Blick: funktionell, aber auch kulturell.

Foto © Adam Drobiec
Foto © Adam Drobiec

Können Sie ein Beispiel geben, wie die Ergebnisse dieser Untersuchungen sich auf die Anpassung der Büroarchitektur auswirken?

Tanya Ruegg: Ein gutes Beispiel ist die Rutsche in der „Google“-Zentrale in Zürich. Laut Nutzungsmessung wird eher sporadisch genutzt. Man könnte also annehmen, das „Ding“ ist reine Platzverschwendung und sollte besser weg. Fragten wir die „Google“-Mitarbeiter aber: „Was bedeutet euch die Rutsche?“, dann stellten wir fest, dass sie von allen geschätzt wurde, selbst wenn sie die Rutsche nicht benutzen. Insgesamt hat die Rutsche den höchsten Identifikationsfaktor im ganzen Gebäude. Sie zu entfernen wäre fatal! Andere Elemente – wie beispielsweise die Iglus – wurden selten benutzt und auch nicht wertgeschätzt – die sind heute nicht mehr da.

Sie glauben, Unternehmen sollten lieber in eine Bürogestaltung investieren, die einen echten Nutzen hat. Was meinen Sie damit?

Tanya Ruegg: Ein Schreibtisch hat für die meisten Arbeitnehmer keinerlei Bedeutung. Ob das ein teurer Tisch ist oder nicht, steigert weder die Produktivität, noch macht er den Mitarbeiter glücklich. Aber es macht einen Riesenunterschied, ob die Kaffeemaschine gut ist! Ein Unternehmen sollte also besser in das investieren, das für die Mitarbeiter wichtig und wertig ist.

Aber die von Ihnen gestalteten „Google“-Büros sehen nicht gerade kostengünstig aus.

Stefan Camenzind: „Google“ ist super kostengünstig! Dort wurden die günstigsten Arbeitstische verwendet, die man auf dem Markt kaufen kann. Auch das Trennwandsystem war sehr günstig. Akustisch ist es gut, gestalterisch tut einem als Architekten das Herz weh. Aber das ist nicht wichtig – denn diese Details nehmen die Nutzer weder wahr, noch schätzen sie diese. Dafür haben aber zwanzig „Googler“ ein halbes Jahr lang diskutiert, welche Billardtische von welcher Marke und mit welcher Oberfläche angeschafft werden sollen.

Was sind die größten technischen Herausforderungen bei Bürolandschaften wie für „Google“?

Tanya Ruegg: Die Technik ist unglaublich wichtig. Licht, Beleuchtung, Belüftung, das Ambiente – wenn das nicht passt, dann funktionieren solche Konzepte auch nicht. Die Nutzerbedürfnisse sind aber eindeutig: Heute muss man davon ausgehen, dass die Mitarbeiter all das, was sie einst nur am Schreibtisch taten, ortsungebunden erledigen wollen, ganz gleich, ob in der Teeküche, auf dem Sofa oder Zuhause. Mitarbeiter sollte man nicht einschränken. Das gehört meiner Meinung nach zur Grundannahme für alle Büros.

Stefan Camenzind: Dank W-LAN ist das einzige, das jeden von uns einschränkt, die limitierte Batterielaufzeit eines jeden Gerätes. Daraus folgt für unsere Planung: die Stromversorgung beginnt am Arbeitsplatz, muss aber überall gewährleistet sein, ganz gleich ob Gondel, Diner, Küche oder Garten. Alle informellen Möbel in einem „Google“-Büro haben deswegen technische Komponenten im Hintergrund.

Foto © Adam Drobiec

Wie flexibel sind solche Bürostrukturen hinsichtlich ihrer Elektrifizierung, wenn es zu räumlichen Veränderungen kommt?

Stefan Camenzind: Wir planen in der Regel so, dass sich die Technikdosen auf dem Boden befinden, also nicht im Doppelboden fest eingebaut sind. Normalerweise gibt es ein Raster und so können wir sehr leicht den Boden aufmachen und bei Bedarf die Dose ein paar Meter versetzen. Man kann sehr einfach ein zusätzliches Loch in den Doppelboden bohren und die Kabel entsprechend verlegen. Diese Dinge funktionieren alle problemlos.

Tanya Ruegg: Ein Kabel muss leicht erreichbar sein. Am besten direkt am Tisch. Auch möchte ich mein Ladegerät nicht mitschleppen, sondern am besten überall eine Lademöglichkeit vorfinden. Das sind ganz banale Dinge, die heute in bis zu 90 Prozent der Fälle falsch gelöst sind. Wie oft sieht man Kabel herumliegen? Oder bekommt die Kabel nicht mehr in den Kabelkanal des Sitzungstisches. Was man da so alles sieht, ist immer wieder erstaunlich. Und gleichzeitig hat man die schicksten und teuersten Möbel!

Woran liegt das?

Tanya Ruegg: Das liegt schlicht daran, dass der Nutzerfokus oft zwischen „schöne Möbeln kaufen“ und „schöne Architektur machen“ verloren geht. Hinzu kommt, dass beim Planungsprozess in großen Unternehmen Einkauf- und IT-Abteilung selten an einem Tisch sitzen. Dass wir das bei der „Credit Suisse“ geschafft haben, war fast revolutionär.

Stefan Camenzind: Gemeinsam mit der IT-Abteilung, dem Telekommunikations-Provider, dem Einkauf und der „Architekturabteilung“ haben wir gemeinsam einen Tisch als Test verkabelt. Erst da hat man gesehen, dass es zu viele Kabel für den ausgewählten Tisch sind. Man kann also erheblich Kosten sparen und Fehlentwicklungen beziehungsweise Fehlkäufe vermeiden, wenn man die einzelnen Abteilungen an einen Tisch bringt.

Foto © Adam Drobiec

Wie langlebig sind die hochgradig gestalten Räume einer „Credit Suisse“ oder eines „Google“-Büros – auch wenn eine Bandbreite von unterschiedlichen Räumen geboten wird?

Tanya Ruegg: Was wir machen, machen wir nicht, weil es gerade „trendy“ ist oder weil es uns so gefällt. Wir tun die Dinge wirklich, weil wir wissen, dass sie den Nutzerbedürfnissen, den Werten und der Kultur der Firma entsprechen. Wenn die Räume mit Werten verknüpft sind, dann entspricht es unserer Erfahrung, dass sie nicht an „Beliebtheit“ abnehmen. Unsere Bedürfnisse mögen sich verändern, unsere Werte und Einstellungen aber ändern sich nur selten bis gar nicht.

› www.camenzindevolution.com

Man mÜsste Computer entwerfen, die kÜhlen, anstatt zu heizen
Wie beeinflussen veränderte Arbeitsprozesse die Architektur von Bürogebäuden?...

› zum Artikel
Ein Haus vernetzter Wissensarbeit
Eine Arbeitsorganisation, die vermehrt auf Netzwerke statt Hierarchien baut, stellt vollkommen andere Anforderungen an Architektur, technische Infrastruktur...

› zum Artikel
Flurfunk Total
„Wir wollten einen Crash-Umzug“, erinnert sich Pascal Havy...

› zum Artikel
DÄnen lieben die Gemeinschaft
Das dänische Architekturbüro „Henning Larsen Architects“ baut weltweit Orte...

› zum Artikel
Individualisierung 2.0
Die Landschaft zukÜnftiger Arbeit
Der durchschnittliche deutsche Beschäftigte arbeitet 38,25 Stunden die Woche bei 30 Tagen bezahltem Urlaub, seine Überstunden...

› zum Artikel
Das Leben jenseits des Schreibtisches wird wichtiger
Raphael Gielgen beschäftigt sich seit mehr als 22 Jahren mit Büroentwicklung und Gestaltung...

› zum Artikel
Dicke Wände sorgen für Flexibilität
"NL Architects" haben ein Bürogebäude aus den 1970er Jahren in einen Ort verwandelt, der heutigen Arbeitsprozessen gerecht wird und Möglichkeiten für künftige Veränderungen schafft...

› zum Artikel
Das updatefÄhige BÜro
er Arbeitnehmer arbeitet, wo er sich am wohlsten fühlt und wann es ihm passt....

› zum Artikel
Jedem das Licht, das er braucht
Licht ist aus unserer Arbeitswelt nicht wegzudenken. Trotzdem lässt es sich nur selten an die individuellen Bedürfnisse der Nutzer anpassen...

› zum Artikel
An der Steckdose im Zug Freunde finden
Das Arbeiten in Büros ist heutzutage in hohem Maße abhängig von der Versorgung mit Elektrizität und dem Zugang zu Datennetzen...

› zum Artikel

Produkte

Kataloganfrage

Zum Anfragen eines Katalogs, füllen Sie bitte unser Formular aus.

Angebotsanfrage

Zum Anfragen eines Angebots, füllen Sie bitte unser Formular aus.

Download

Dateiformat Bezeichnung Größe Download
PDF Datenblatt XYZ 356kb
PDF Datenblatt 123 1356kb
DWG-3D Modell 656kb
DWG-2D Querschnitt 256kb