top
Spezial | das BÜro nach dem BÜro
initiiert von Evoline
Flurfunk Total
Franziska Eidner | 09.10.2013

„Wir wollten einen Crash-Umzug“, erinnert sich Pascal Havy, der als verantwortlicher Projektleiter bei „Total“ den Neubau und den Umzug in die neue Deutschlandzentrale des französischen Mineralölkonzerns koordinierte. Damit spielt er auf die beeindruckende Geschwindigkeit an, mit der quasi aus dem laufenden Betrieb heraus 500 Mitarbeiter vom alten an den neuen Standort zogen.

Innerhalb eines Wochenendes wurden die Arbeitsplätze im Mosse-Haus in Berlin-Mitte, das mehr als zehn Jahre lang als Total-Firmensitz diente, geräumt und im neuen „Tour Total“ am Berliner Hauptbahnhof wieder eingerichtet. Im Vorfeld hatte das Unternehmen allerdings einiges getan, um mit diesem „Crash“ keine Bruchlandung hinzulegen. Wir haben uns ein Jahr nach der Eröffnung in dem neuen Büroturm, der kürzlich nur knapp die Wahl zum „Europäischen Hochhaus des Jahres 2013“ verfehlt hat, umgesehen und wollten wissen, wie die „partizipative Büroplanung“ à la Total funktioniert hat.


b

Der 69 Meter hohe Turm mit seiner sowohl in der Fach- als auch in der Tagespresse hochgelobten, spannungsreichen Fassade aus hellen Betonmodulen wurde vom Architekturbüro „Barkow Leibinger“ im Auftrag des Grundstückseigentümers „CA Immo“ entworfen. 2009 unterzeichnete „Total“ einen Generalmietvertrag für den 17 Geschosse hohen Turm und beauftragte mit dem Ausbau, der Planung der Büroflächen und der Gestaltung der Arbeitsplätze und -prozesse die Immobilienberater von „Jones Long Lasalle“. Im Inneren waren „Barkow Leibinger“ daher lediglich für die Gestaltung der Lobby zuständig, in der eine Wandverkleidung aus weiß glasierten Keramikfliesen das Fassadenmotiv im Gebäude fortsetzt. Allerdings schufen die Berliner Architekten mit der „geknickten“ Kubatur des Gebäudes und der raumhohen, zum größten Teil zu öffnenden Verglasung, helle, angenehm proportionierte Räume und damit die Voraussetzung für ein Bürohochhaus, dem man im Äußeren wie im Inneren die Effizienzsteigerungs- und Optimierungsvorgaben von Raum und Mensch auf den ersten Blick nicht ansieht.


Mendelssohn-Fassade und Ministerialbüros: Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte „Total“ seinen Sitz im denkmalgeschützten Berliner Mosse-Haus. „Schön, aber unflexibel, unklimatisiert und unkommunikativ“, resümiert Pascal Havy von Total.

Bottom-Up statt Top-Down

Bis zu 20 Prozent weniger kostet ein Arbeitsplatz im Großraumbüro im Vergleich zu einer klassischen Einzel- oder Doppelzelle und ermöglicht zugleich flexiblere Arbeitsstrukturen und eine direktere Kommunikation. Dass die neuen Büroebenen bei Total zukünftig als „Open Space“, also als Großraumetage für jeweils 40 bis 50 Mitarbeiter, gestaltet werden sollten, stand von Beginn an fest. Dass das für die Mitarbeiter, die bislang in ihren Büros allein oder zu zweit gearbeitet hatten und nun Lautstärke und Verlust von Privatsphäre fürchteten, ein gravierender Einschnitt sein würde, auch.

Das Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger entwarf Bürohaus (Bild links) und Lobby (Bild rechts). Foto © Christian Richters

„Wir wussten, dass wir diesen Wechsel nicht einfach von oben überstülpen können“, so Projektleiter Pascal Havy. Total hat deshalb einen großen Kommunikationsaufwand betrieben und mit seinen Beratern ein umfangreiches Partizipationsverfahren entwickelt, um Akzeptanz für das neue Arbeitsumfeld zu schaffen, mit dem auch eine Neustrukturierung von Arbeitsabläufen einherging. Eine umfassende Beteiligung der Mitarbeiter an der Planung ist keineswegs selbstverständlich und angesichts der streng hierarchischen Firmenkultur von Total umso bemerkenswerter.

In verschiedenen Veranstaltungen wurde die Belegschaft drei Jahre im Voraus über das Vorhaben informiert und dazu eingeladen, in einer der insgesamt elf Arbeitsgruppen zum „Tour Total“ mitzuarbeiten. So trafen sich mehr als zwei Jahre lang in der Arbeitsgruppe „Arbeitsplatzgestaltung“ regelmäßig15 Mitarbeiter, formulierten Anforderungen an die Einrichtung, bewerteten gemeinsam die eingereichten Gestaltungskonzepte und entschieden bei der finalen Auswahl mit.

Atmosphären schaffen

Die Arbeitsgruppe „Service“, zuständig für das neue Mitarbeiterbistro im Erdgeschoss, stand im regelmäßigen Austausch mit „LW Architects“ (LWA) aus Berlin, die mit der Gestaltung des Bistros beauftragt waren. Bis hin zur Porzellanauswahl war diese Arbeitsgruppe beteiligt. „Das hat für uns natürlich einen erhöhten Vermittlungs-Aufwand bedeutet“, sagt Dietmar Leyk, Partner bei LWA und Leiter des neuen Research-Studios „Knowledge Production and its Spaces“ des „Berlage Institutes“ in Rotterdam und verweist damit auf die unzähligen Visualisierungen zu Material- und Farbvariationen, die das Büro zur Entscheidungsfindung angefertigt hat. „Aber ich würde diesen Weg immer wieder gehen, weil man als Architekt im Rahmen eines solchen Prozesses mit den direkten Nutzererfahrungen aus verschiedenen Hierarchieebenen konfrontiert ist, viel mehr über tatsächlich vorhandene Bedürfnisse und Rituale erfährt und besser darauf reagieren kann.“

Eines der ersten Treffen mit den Mitarbeitern war etwa dem Thema „Atmosphäre“ gewidmet. Welche Stimmung sollte in dem Bistro geschaffen werden? Eine Fortsetzung der sehr offenen und weitgehend einsehbaren Bürobereiche war hier von Seiten der Mitarbeiter beispielsweise nicht gewünscht, vielmehr eine gewisse Geborgenheit und die Möglichkeit zum Rückzug. Im Gegensatz dazu sollte das Bistro als neuer Kommunikationsbereich funktionieren, möglichst wenig separieren und den hierarchieübergreifenden Austausch fördern. „Ein kollektives und gleichzeitig intimes Territorium“ war gewünscht, so Dietmar Leyk. Aus der Metapher des Waldes entwickelte LWA schließlich eine durchlässige Raumtrennung mit insgesamt 750 raumhohen, mattgoldenen Aluminiumstreben, die anstelle von Trendwänden die 320 Quadratmeter große Restaurantebene im Erdgeschoss des Gebäudes zonieren.

Links: Pascal Harvy, Projektleiter bei Total, begleitete den "Bottom-up"-Prozess. Foto © Franziska Eidner
Rechts: Eine alte Tanksäule errinnert an die Ursprünge der Firma. Foto © Franziska Eidner

Ideenwettbewerb und Probesitzen

Die Einrichtung der insgesamt zwölf Büroetagen, die – bis auf die Direktorenzimmer und die Büros der Rechtsabteilung – als Open Space in einem Nord- und Südtrakt mit jeweils zirka 400 Quadratmetern organisiert sind, wurde gemeinsam mit „Bene“ realisiert. Der Beauftragung des österreichischen Büroreinrichters war ein zweistufiges Ausschreibungsverfahren vorausgegangen. Im Rahmen eines Ideenwettbewerbs waren zunächst sieben Hersteller darum gebeten worden, Konzepte einzureichen, von denen die drei Bestplatzierten prämiert wurden. Daraus entwickelte die Arbeitsgruppe „Arbeitsplatzgestaltung“ ein Leistungsverzeichnis für die finale Ausschreibung und eine Bewertungsmatrix, die sogar dazu führte, dass am Ende nicht allein der Preis ausschlaggebend für den Zuschlag war.

Zuvor hat Total außerdem in einer Art „Pilotphase“ ein Jahr vor dem Umzug verschiedene Möbelsysteme, Teppiche und unterschiedliche Beleuchtung testen und auf ihre Alltagstauglichkeit prüfen lassen – von 40 Mitarbeitern, die vom Standort Düsseldorf nach Berlin wechselten und ihre Interimsbüros noch im alten Firmengebäude bezogen. So entschied man sich beispielsweise gegen ein sehr weißes Licht, das zwar die Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz steigern soll, von den Mitarbeitern aber als unangenehm empfunden wurde. Auch der favorisierte Drehsessel aus der „Goal-Air-Serie“ von „Interstuhl“ hatte zuvor im Praxistest überzeugt. Er wurde für alle Arbeitsplätze – vom einfachen Sachbearbeiter bis zum Direktorenschreibtisch – ausgewählt, ein Novum bei Total, wo der Ledersessel im Chefbüro zuvor zur Grundausstattung gehört hatte.


The restaurant provides a new communication zone, inspire people to get together as much as possible and encourage information flow across hierarchies. The Berlin architecture office Leyk Wollenberg (LWA) designed it. Photo © diephotodesigner.de

Inseln und Kokons

Die offenen Arbeitszonen im „Tour Total“ verlaufen ringförmig um den Erschließungskern. Zur besseren Orientierung wird je nach Laufrichtung zwischen „Berliner“ und „Paris Straße“ unterschieden, die mit dem entsprechenden Gebäudesignet – Fernsehturm und Eiffelturm – gekennzeichnet sind. Die Arbeitsplätze sind überwiegend in Vierer-Inseln organisiert. Auf Trennwände wurde verzichtet, brusthohe Schränke strukturieren den Raum.


Die Arbeitsplätze von Bene wurden von den Mitarbeiter zuvor getestet. Foto © Werner Huthmacher Photography

Neben verschiedenen Meetingräumen, einer Lounge und einer Teeküche bieten sogenannte „Cocoons“ Raum für spontane Teamzusammenkünfte und dienen zudem als Rückzugsort. Insgesamt 35 dieser akustisch hoch-absorbierenden Leichtbau-Kabinen wurden von Bene als Sonderanfertigung für Total hergestellt. In den 2,10 Meter hohen und 2,30 Meter breiten Modulen mit Whiteboard, Strom- und EDV-Anschluss finden bis zu vier Personen Platz. Wie beim übrigen Mobiliar der Arbeitsbereiche wird auch hier das dominierende Weiß durch ein helles Grün akzentuiert. Über die Farbwahl hat übrigens im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung die gesamte Belegschaft abgestimmt. „Natürlich können Sie nicht jeden bei allen Punkten mitsprechen lassen“, resümiert Pascal Havy, „aber Transparenz und Möglichkeiten der echten Mitsprache zu bieten, das ist ganz entscheidend für die spätere Akzeptanz.“


Individualisierung 2.0
Die Landschaft zukÜnftiger Arbeit
Der durchschnittliche deutsche Beschäftigte arbeitet 38,25 Stunden die Woche bei 30 Tagen bezahltem Urlaub, seine Überstunden...

› zum Artikel
Ein Haus vernetzter Wissensarbeit
Eine Arbeitsorganisation, die vermehrt auf Netzwerke statt Hierarchien baut, stellt vollkommen andere Anforderungen an Architektur, technische Infrastruktur...

› zum Artikel
Man mÜsste Computer entwerfen, die kÜhlen, anstatt zu heizen
Wie beeinflussen veränderte Arbeitsprozesse die Architektur von Bürogebäuden?...

› zum Artikel
DÄnen lieben die Gemeinschaft
Das dänische Architekturbüro „Henning Larsen Architects“ baut weltweit Orte...

› zum Artikel
Das Leben jenseits des Schreibtisches wird wichtiger
Raphael Gielgen beschäftigt sich seit mehr als 22 Jahren mit Büroentwicklung und Gestaltung. Als Leiter der Consulting-Abteilung bei dem Büromöbelhersteller „Bene“...

› zum Artikel
Ein Büro ist wie die Formel 1
Tanya Ruegg, Kreativdirektorin im Architekturbüro„Camenzind Evolution“, und Stefan Camenzind, Gründer und Geschäftsführer des Büros, haben mit ihren Bürowelten für „Google“ den Blick auf...

› zum Artikel
Dicke Wände sorgen für Flexibilität
"NL Architects" haben ein Bürogebäude aus den 1970er Jahren in einen Ort verwandelt, der heutigen Arbeitsprozessen gerecht wird und Möglichkeiten für künftige Veränderungen schafft...

› zum Artikel
Das updatefÄhige BÜro
er Arbeitnehmer arbeitet, wo er sich am wohlsten fühlt und wann es ihm passt....

› zum Artikel
Jedem das Licht, das er braucht
Licht ist aus unserer Arbeitswelt nicht wegzudenken. Trotzdem lässt es sich nur selten an die individuellen Bedürfnisse der Nutzer anpassen...

› zum Artikel
An der Steckdose im Zug Freunde finden
Das Arbeiten in Büros ist heutzutage in hohem Maße abhängig von der Versorgung mit Elektrizität und dem Zugang zu Datennetzen...

› zum Artikel

Produkte

Kataloganfrage

Zum Anfragen eines Katalogs, füllen Sie bitte unser Formular aus.

Angebotsanfrage

Zum Anfragen eines Angebots, füllen Sie bitte unser Formular aus.

Download

Dateiformat Bezeichnung Größe Download
PDF Datenblatt XYZ 356kb
PDF Datenblatt 123 1356kb
DWG-3D Modell 656kb
DWG-2D Querschnitt 256kb