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Kreativ unter einer Naht aus Licht

Über Büroarchitektur und Arbeitsplatzgestaltung wird viel diskutiert: Was braucht der Büroarbeiter, um effizient, aber dennoch mit Lust und kreativen Ideen arbeiten zu können? Nach welchen Räumen und Atmosphären verlangen die unterschiedlichen Tätigkeiten? Und welche Modelle gibt es zwischen den verspielten Google-Zentralen und den auf Rendite optimierten Bürotürmen, deren Grundrisse nach dem Prinzip „one fits all“ entwickelt wurden?

Ein Beispiel dafür, dass es in einem Bürogebäude weder zu bunt zugehen noch dass es zu trivial ausfallen muss, bietet der neue Firmensitz des niederländischen Modeunternehmen G-Star. Entworfen wurde er von keinem Geringeren als dem „Office of Metropolitain Architecture“ (OMA), das bei der Entwicklung eng mit G-Star zusammen gearbeitet hat. Knapp ein Jahr ist es nun her, dass der Bau bezogen wurde. Ein guter Zeitpunkt, um herauszufinden, ob die Wünsche und Vorstellungen, die das Unternehmen mit dem Neubau verbunden hat, sich erfüllt haben und welche Veränderungen sich durch die neuen Räumlichkeiten hinsichtlich der Zusammenarbeit unter den Abteilungen und für die Mitarbeiter von G-Star RAW ergeben haben. Zu diesem Zweck haben wir uns mit dem Architekten Reinier de Graaf – Partner bei OMA und Leiter von AMO – und dem Design Direktor von G-Star, Pieter Kool, in der Amsterdamer Zentrale verabredet.

Reinier de Graaf – Partner bei OMA und Leiter von AMO. Foto © Adam Drobiec, Stylepark

Adeline Seidel: Weshalb hat sich das Unternehmen dazu entschlossen, hier auf der grünen Wiese zu bauen, statt näher an die Stadt und das urbane Leben heranzurücken?

Pieter Koop: G-Star RAW wollte alle sieben Abteilungen an einen Standort zusammen bringen – das braucht Platz. In einer Stadt wie Amsterdam ist das ein erheblicher Kostenfaktor. Außerdem lassen sich die unterschiedlichen Ansprüche der Abteilungen an „Arbeitsräume“ – wir haben hier unter anderem Designteams, Schneider, Marketing und so weiter – nicht in einem typischen Bürobau umsetzen.

Reinier de Graaf: Zwei Punkte sollte der Neubau erfüllen: Er sollte den Austausch zwischen den unterschiedlichen Abteilungen erhöhen und großzügig sein. Großzügig im Sinne von doppelter Raumhöhe, Blickbeziehungen und so weiter. Wenn man einen Blick auf die Kosten pro Quadratmeter wirft, dann ist der Bau mit einer Fläche von 27.500 Quadratmetern sehr preiswert. Und wenn man auf die Kubikmeter umbauten Raums schaut, dann haben wir sogar ein fantastisch günstiges Gebäudes hergestellt. Im Stadtzentrum wäre das nicht möglich gewesen.

Adeline Seidel: Als ich an der Firmenzentrale vorbeigefahren bin, hat sich bei mir sofort die Assoziation eingestellt: Das Gebäude ist ein überdimensionales Werbeschild. Im Verhältnis zur Umgebung sicher ein gewünschter Effekt. Welche Idee steckt hinter der Architektur?

Pieter Kool: (lacht) Sie soll eine Maschine für Innovation sein!

Reiner de Graaf: Das Konzept ist im Grunde ganz einfach: Der „Rahmen“ aus schwarzem Beton beherbergt Büros für jene Abteilungen, die Diskretion benötigen wie zum Beispiel die Buchhaltung und so weiter; Parkebenen und andere Funktionsnutzungen wie Lagerräume umschließen den Kreativ-Bereich. Die Fassade des Kreativbereichs ist im Gegensatz zu der des Rahmens verglast. Das ist zumindest das Grundkonzept.

Das Foyer ist eher bescheiden gehalten: Zwei Bereiche für den kurzen Aufenthalt und eine Empfangstheke – gestaltet von Designer Marc Newson – begrüßen die Besucher. Foto © Adam Drobic, Stylepark

Adeline Seidel: Foyer und Empfang wirken recht bescheiden. Hier hätte ich einen Bereich mit doppelter Raumhöhe erwartet.

Reinier de Graaf: Warum? Es ist ein Ort, der Mitarbeiter und Besucher willkommen heißen soll, aber keiner außer der Empfangscrew hält sich hier den ganzen Tag auf. Großzügigkeit heißt nicht Verschwendung. Und G-Star RAW ist ein Unternehmen, das auf dem Boden geblieben ist.

Adeline Seidel: Der Boden besteht aus Metall, die Fassade aus Glas – wie haben Sie es geschafft, dass in den offenen Büros des Kreativbereichs trotzdem ein beim Arbeiten angenehmer Lärmpegel herrscht?

Reinier de Graaf: Jeder denkt, es ist ein lauter Arbeitsort. Und das war auch einer der wichtigsten Punkte, die es technisch zu lösen galt. Die Lösung besteht in einer abgehängten Decke – und was die Gestaltung angeht, war es eine Herausforderung, eine Lösung oder ein Produkt zu finden, das die Architektur des Gebäudes bestimmen darf. Seien wir ehrlich: Die abgehängte Decke ist eine notwendige Realität moderner Gebäude, der man nicht entkommen kann und die zumeist nicht gemocht wird. Aber ohne die abgehängte Decke sind die meisten Gebäude in dieser Größe nicht zu realisieren – Stichpunkt: Belüftung, Akustik, Stromversorgung. Auch sonst ist der Bau herrlich generisch: Stützen, Unterzüge, Boden – alles Standard-Features der niederländischen Bauindustrie. Und es handelt sich um einen absolut rationalen Bau, der – Boden wie Fassade – auf einem Raster von 40 mal 80 Zentimeter aufgebaut ist.

Adeline Seidel: Was genau hat sich durch diese Architektur mit großzügigen und offenen Büroräumen in der Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen verändert?

Pieter Kool: Ich höre von den Mitarbeitern, dass sie weniger Emails bekämen. Die Aussage steht sinnbildlich für den besseren Austausch zwischen den Abteilungen. Das liegt ganz sicher an der Architektur. Die Mitarbeiter begegnen sich einfach viel öfter. Man sieht einander häufiger – schon allein durch die Offenheit des Baus. Man sieht, was der andere gerade macht und fragt danach. Es ergeben sich also viele zufällige Begegnungen. Das inspiriert.

Pieter Kool ist Design Direktor bei G-Star RAW. Foto © Adam Drobiec, Stylepark

Adeline Seidel: An der Decke sind lineare Leuchten montiert, die sich wie eine durchgängige Naht aus Licht durch das Gebäude ziehen. Das erinnert sehr an eine Fabrik.

Reinier de Graaf: Durch die Glasfassade erhalten die Büros viel Tageslicht. Außerdem sind die „Lichtlinien“ in einzelne Zonen eingeteilt, innerhalb derer man die Helligkeit der Leuchten einstellen kann. Dadurch können unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt werden.

Adeline Seidel: Dafür gibt es an den jeweiligen Arbeitsplätzen keine Leuchten. Ich beispielsweise würde solche Leuchten vermissen, da ich, um konzentriert arbeiten zu können, einen hellen Arbeitsplatz bevorzuge – der Rest des Raumes sollte aber eher dunkel sein.

Pieter Kool: Bisher gab es in dieser Richtung noch keine Anfragen.

Adeline Seidel: Der Bau gibt sich angenehm „farblos“. Grün-, Braun- und Grautöne prägen die Inneneinrichtung. Hat man heute nicht sofort bunte „Arbeitslandschaften“ im Kopf, wenn man an kreative Arbeit denkt?

Reinier de Graf: Wir konnten das glücklicherweise vermeiden. Das hier ist ja in gewisser Weise noch eine industrielle Arbeitswelt, es wird tatsächlich noch gearbeitet. Den Spaßfaktor, wie ich ihn in vielen Büros – vor allem in den USA und in Kalifornien gesehen habe – hat meiner Meinung nach etwas ausgesprochen Bedrückendes. Es wird eine vermeintlich private Atmosphäre erzeugt, so dass sich die Mitarbeiter wie zu Hause fühlen. Seltsamerweise hat dies jedoch offenbar genau den umgekehrten Effekt, denn die Arbeit dringt in die häusliche Sphäre ein. Es ist eine Unterwanderung des Privaten durch die Arbeit. Ein äußerst zweifelhafter Pakt zwischen den Beiden, wie ich finde. Desto mehr Signale ich um mich herum sehe, die für meine Entspannung sorgen sollen, desto weniger kann ich mich entspannen.

Immer wieder überschneiden sich die einzelnen Büroebenen, lassen neue Blickbeziehungen entstehen – so soll der Austausch unter der Mitarbeitern angeregt werden. Foto © G-Star RAW

Adeline Seidel: Spielt die Architektur tatsächlich eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, Kreativität zu fördern?

Reinier de Graaf: Das ist in der Architektur eine große Debatte. Menschen treffen sich nun mal in Räumen. Ist Kreativität das Produkt einer sorgsam kultivierten Zurückgezogenheit? Oder ist sie das Ergebnis der Begegnung und des Austausches zweier Menschen? Beides trifft wohl zu. Ich bin jetzt schon eine ganze Weile im kreativen Geschäft und daher überzeugt, dass es vielmehr das Gleichgewicht zwischen Interaktion und Privatheit ist. Raus gehen und Eindrücke sammeln und sich dann zurückziehen und die eigene Idee entwickeln. Und Architektur organisiert diese Balance.

Adeline Seidel: Wenn Sie auf das Projekt zurückblicken, was hätten Sie bei nicht erwartet, was hat Sie überrascht?

Reinier de Graaf: Ich bin angenehm überrascht wie viele Rückzugsbereiche es tatsächlich in diesem Gebäude gibt; viele intime Situationen. Ich hatte eigentlich eher eine Fabrik mit dem Charakter eines Panoptikums erwartet, aber das ist es ganz und gar nicht. Auf der einen Seite ist da das große Ganze mit dem Überblick über alle Arbeitsplätze und auf der anderen Seite kann man aber auch das Gefühl haben, geschützt in einer Ecke zu sein, während man sich inmitten des großen Raumes befindet.

Pieter Kool: Ein Highlight in dem Neubau ist für uns der „Raw Space“. Es brauchte eine Weile, bis man als Unternehmen die Räume erkundet und Möglichkeiten eines Baus ausprobiert und sich das Ganze angeeignet hat. Wir nutzen den RAW Space für Präsentationen, Marketing und andere Events. Die Mitarbeiter kommen immer wieder mit neuen Ideen, was man mit solch einem Raum machen kann. Für unser Unternehmen bedeutet er Inspiration und Freiheit. In einem „normalen“ Büro hätten wir so etwas nicht gehabt. Ich persönlich mag den Blick auf die vorbeifahrenden Autos auf der Autobahn sehr – es hat etwas Meditatives.

Standardmaterialien für einen doch unkonventionellen Bau: Stahl und Glas – alles basiert auf ein 80 x 40 Zentimeter Raster.
Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Ohne die schallabsorbierende, abgehängte Decke wären die überraschend ruhigen Großraumbüros nicht möglich gewesen. Foto © G-Star RAW
Auch die Büromöbel wurden mit schallabsorbierenden Stoffen versehen. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Im Untergeschoss befinden sich flexibel nutzbare Funktionsräume, beispielsweise für Präsentationen. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Das “Heiligtum” und Ort für Inspiration bei G-Star RAW ist ein Kleidungs-Archiv, in dem unterschiedliche Uniformen, Funktionskleidungen und andere Fashion-Sammlungsstücke – teilweise über 200 Jahre alt – aufbewahrt werden. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Jene Abteilungen die Diskretion benötigen, wie zum Beispiel die Buchhaltung, sind weniger offen gehalten. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Inspiration beim Vorbeigehen: Kunstwerke und Designobjekte, mit denen sich das Unternehmen identifiziert, sind im ganzen Haus arrangiert.
Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Jean Prouvé so weit das Auge reicht: Gemeinsam mit Vitra hat G-Star RAW eine eigene Edition entwickelt. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
"Ich persönlich mag den Blick auf die vorbeifahrenden Autos auf der Autobahn sehr – es hat etwas Meditatives.", sagt Kool. Foto © G-Star RAW
Die unterschiedlichen Ansprüche der Abteilungen an „Arbeitsräume“ – hier schaffen unter anderem Designteams, Schneider, Marketing und so weiter – waren einem typischen Bürobau nicht umzusetzen. Foto © G-Star RAW
Die „Lichtlinien“ sind in einzelne Zonen eingeteilt, innerhalb derer man die Helligkeit der Leuchten einstellen kann. Foto © Adam Drobiec, Stylepark
Das 140 Meter lange Gebäude befindet sich neben der A10 im Amsterdamer Industriegebiet Zuid-Oost. Foto © Adam Drobiec, Stylepark

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