top
Marcel und der wasserlose Brunnen
von Thomas Wagner | 22.03.2011

Es braust und gurgelt, fließt und sprudelt, es blubbert und rauscht - durch flexible Schläuche und edle Leitungen, in Wannen und Becken, auf weiter Fläche und in engen Kabinen. Überall ist Wasser, überall ist Wunderland, auf den Messeständen wie irgendwo daneben. Mal ziert ein Kolibri eine WC-Kabine, mal der Busen einer drallen bayrischen Bierserviererin einen Klodeckel, mal Leonardos Renaissance-Mensch. Nichts scheint verrückt genug, um nicht angeboten zu werden. Selbst Handtuchspender werden neuerdings medial aufgerüstet, damit man beim Händeabtrocknen keine Werbebotschaft verpasse oder die Mitteilungen der Geschäftsführung am rechten Ort erfahre.

Waschbecken und Waschtisch gibt es heute in jeder nur erdenklichen Form - exquisit und gewöhnlich, tatsächlich als Waschschüssel auf einem Tisch, als Badmöbel samt Unterschrank passend zu jedwedem Stil, auf einer Standsäule oder an der Wand, versehen mit einer die schnöden Anschlüsse verbergenden Hülle. Aus weißem oder schwarzen Porzellan, verziertem Glas oder emailliertem Blech. Und von nun an auch mitten im Raum, als feine Waschtheke, die Technik im noblen Unterschrank den Blicken entzogen.

Alles wird gut in dieser Wasserwunderwelt: Der Handtrockner läuft mit „High Speed" und spart doch Energie, Marat findet endlich wieder eine freistehende Wanne, bei Klobürste und Seifenspender können wir zwischen „Romantik", „Landhaus", „Klassik" und „Modern" wählen, nur der Duschkopf in der Hand ist seltsamerweise kein Telefon. Der zweite, groß wie eine Deckenleuchte, gießt dafür prickelnden Sommerregen über unserem vertrockneten Alltag aus, je nach Wunsch mit oder ohne einen Nimbus aus blauen, roten oder bunten LEDs über unserem eingeseiften Kopf. Nur manchmal fragt sich der Flaneur mit bangem Herzen: Heilige Wasser, wo will der sanitäre Geist nur hin, der einst über euch schwebte? Die Erlösung aber naht. Alles, wie konnten wir es nur vergessen, geschieht selbstverständlich mit weniger Verbrauch, besserem Design und nachhaltiger Technik. Schließlich wollen wir „Wasser auf unverwechselbare Art erleben" - solange es noch geht.

Um es wieder loszuwerden, bedarf es anderer Maßnahmen. Nicht nur Ausgüssen, Fallrohren und feiner, in den Boden eingelassener Abläufe. Seit der große Marcel Duchamp vor bald schon einhundert Jahren aus einem gewöhnlichen Urinoir des amerikanischen Sanitärhandels eine „Fountain", also einen Brunnen, gemacht hat und damit die Kunst des 20. Jahrhunderts revolutionierte, waren die für das dringende Bedürfnis des Mannes entwickelten Becken nie so arm an Wasser. Schluss mit der Fontäne! Heute wird wasserlos gespült! Das Drumherum in so vielen Formen und Farben, dass Richard Mutt, Duchamps „alter ego", heutzutage nicht mehr wüsste, welches er denn nun auswählen solle. Schließlich gilt nun überall, was den „Urimat" aus Schweizer Produktion auszeichnet: „Jeder Tropfen zählt!" Was aus der Kunst im Allgemeinen und dem Readymade Duchamps im Besonderen angesichts solcher Sparsamkeit hätte werden sollen, so sie denn 1917 schon verbreitet gewesen wäre, wollen wir uns gar nicht ausdenken. Eben so wenig, was man sich unter einem Urinoir als einer „komplett öffentlichen Lösung" vorzustellen hat. Der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß hat einmal gesagt, Politik sei Wettpinkeln in der Öffentlichkeit. Ob es sich ein politisches Readymade handelt?

Halten wir uns, um niemanden zu kompromittieren, also lieber an all die inneren Werte der Hähne und schwelgen wir in der Sinnlichkeit all der Keramikscheiben aus dem Inneren einer Mischbatterie und in den Bergen aus roten Dichtungsringen. Vor allem aber, lassen wir uns das wohl schönste Wort der Wunderwasserwelt genüsslich auf der von feinem Getränk benetzten Zunge zergehen: Perlator. Lasst einfach perlen, ihr Händler des Genießens!

Bad
Verschiedene Urinale auf der diesjährigen ISH in Frankfurt Urinal aus der Architec-Serie von Duravit, Foto: Thomas Wagner
Urinal von Roca, Foto: Thomas Wagner
Wasserloses Urinal "Urimat"
Papierhandtuchspender mit Werbung
Klodeckel mit Leonardos vitruvianischem Menschen
Duschkopf mit farbigen LEDs
Fontaine Replica of Marcel Duchamp. Musee Maillol, Paris, France. Foto: Micha L. Rieser
Urinal aus der Architec-Serie von Duravit, Foto: Thomas Wagner
Wasserloses Urinal "Urimat"
Das wasserlose Urinal "Senza Aqua" von Luigi Colani für S+K Energie, Schweiz
Handtuchspender mit digitaler Anzeige