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Perfektionierung des Unsichtbaren
von Thomas Wagner | 05.03.2010

„Design ist unsichtbar", hat Lucius Burckhardt schon vor fünfzehn Jahren festgestellt. Hinter der bekannten und griffigen Formel steckt die Einsicht, dass Design mehr ist und mehr zu sein hat, als Dinge innerhalb eines vorgegebenen Rahmens technisch verbessern und ästhetisch ansprechend gestalten zu helfen. Aus Burckhardts Perspektive kommt es stattdessen darauf an, auch den gesellschaftlichen Rahmen in den Blick zu nehmen und diesen selbst mit zu gestalten. Design hat, so Burckhardts noch immer provozierende These, also prinzipiell eine „unsichtbare Komponente, nämlich die institutionell-organisatorische, über welche der Designer ständig mitbestimmt, die aber durch die gängige Einteilung unserer Umwelt im Verborgenen bleibt. Indem nämlich die Welt nach Gegenständen eingeteilt wird und das Unsichtbare dabei als Randbedingung auftritt, wird die Welt auch gestaltet. Auch das Nicht-Verändern der Institutionen ist ja - bei sich entwickelnder technischer Gegenstandswelt - eine Gestaltung: Der Röntgenapparat wird für die Bedienung durch die Röntgenschwester ausgestattet."

Bei allen Unterschieden, die sich zwischen Design und Architektur sowie einzelnen Produkten ausmachen lassen, auch die hier vorgestellten neuartigen Architektursysteme sind davon geprägt, dass in ihnen Unsichtbarkeit als Randbedingung auftritt. Unsichtbar sind sie aber noch in ganz anderer Hinsicht. Denn zumeist ist es ihre Funktion oder ihre technische Funktionsweise, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Unsichtbar im übertragenen Sinn ist nicht nur die Sozialfunktion des jeweiligen Produkts. Der alltäglichen Wahrnehmung entzogen und unsichtbar im Sinn einer optischen Dominanz sind vor allem ihre zum Teil raffinierten technischen Eigenschaften. Man könnte das ihren „Heinzelmänncheneffekt" nennen.

Was solche Produkte und Systeme zu leisten vermögen - ganz gleich, ob sie einen freien Blick aus einem Zimmer nach draußen ermöglichen, ob sie Schall dämmen, Wasser abfließen lassen, Helligkeit erzeugen statt Leuchten auszustellen oder Räume heizen, ohne den Bau und mit den dazu nötigen Geräten oder Apparaturen zu beschweren -, sie tun es mehr oder weniger im Verborgenen. Damit einher geht, dass der Zweck eines solchen Systems oder Gegenstandes oft nicht sofort erkennbar ist.

Das bedeutet: Die Technik erzeugt ihre eigene Art von Unsichtbarkeit. Und das fordert auch ein besonderes Design. Mögen dabei nach wie vor bestimmte institutionelle und soziale Rahmenbedingungen ausgeblendet bleiben, so wird dem Architekten durch ihren Einsatz jedoch vor allem neue Möglichkeiten der Gestaltung eröffnet. An all diesen Systemen wird deutlich: Ihre Art der Unsichtbarkeit, bei der es sich letzten Endes um eine intelligente Form des Sich-Verbergens handelt, eröffnet neue gestalterische Möglichkeiten. Sie erlauben es dem Architekten, Räume ohne sichtbare Heizkörper und aufwendige Kühlsysteme zu entwerfen, Fassaden zu planen, die nicht nur gut aussehen, sondern auch zur Energieversorgung beitragen, oder eine angenehme Raumakustik zu realisieren, ohne allzu große Abstriche machen zu müssen, was die Kubatur und Gestalt des Gebäudes und seiner Räume angeht. Aus einer solchen „Unsichtbarkeit" von Produkten, die ihre Funktion der Wahrnehmung entziehen, erwächst ohne Zweifel eine neue gestalterische Freiheit.

All die von Stylepark unter dem Titel „Unsichtbarkeit - der Wahrnehmung entzogen" ausgewählten und zusammengestellten Produkte haben auf die eine oder andere Weise diesen Effekt. Macht man sich klar, dass mit dem Begriff der Ästhetik einerseits die sinnliche Wahrnehmung als solche und andererseits der Bereich des sinnlich Schönen und der Gegenstände der Kunst bezeichnet wird, so spielt Ästhetik bei solchen Produkten also im doppelten Sinn des Wortes eine wichtige Rolle. Einmal, indem sie sich mitsamt ihrer Funktion der Wahrnehmbarkeit entziehen, und das andere Mal, indem sie selbst gut gestaltet sind und dadurch bestimmte ästhetische Entscheidungen allererst möglich machen.

Natürlich denkt man, wo es um die ästhetische Wirkung verborgener Funktionen und Qualitäten in der Architektur geht, auch an Mies van der Rohe und sein Motto „Weniger ist mehr". Geht es bei Entwurf und Ausführung auch darum, möglichst umfassend und ohne allzu viele Einschränkungen ästhetische Entscheidungen treffen und gestalterisches Neuland betreten zu können, so liegt die ästhetische Funktion im Verborgenen arbeitender Systeme vor allem darin, dies zu befördern.

Das kann, muss aber nicht auf eine minimalistische Ästhetik und eine Art von Purifikation hinauslaufen. Neutralität ist ein ebenso wichtiger Teil ihres Auftretens wie ein gewisses Maß an Einfachheit. Einfach meint dabei etwas völlig anderes als primitiv. Schließlich sind viele der Produkte, die in ihrer Gestalt pur und simpel erscheinen, in technischer Hinsicht überaus kompliziert. Es bedarf also eines gewissen Raffinements, etwas einfach erscheinen oder ganz in den Hintergrund treten zu lassen. Bestimmte Produkte stehen dabei durchaus in einer bestimmten Tradition. Denn das Einfache und Puristische, das lehren Geschichte und Theorie, sind ebenso wenig Invarianten der Architektur wie Dekor oder Materialtreue.

Ein Paradebeispiel dafür, welche Wirkung eine Reduzierung der sichtbaren Funktion entfalten kann, sind zweifelsohne Fensterrahmen, die derart filigran ausgeführt sind, dass sie so gut wie nicht mehr wahrnehmbar sind. Zu nennen sind hier die unter dem Namen „Sky-Frame" angebotenen isolierten Schiebefenster der Firma R&G Metallbau aus der Schweiz. Da der umlaufende, an sich schon sehr schmale Rahmen dieses Systems großflächiger Schiebefenster, bündig in Wand, Decke und Boden eingelassen werden kann, bleibt nur eine senkrechte Sprosse von gerade einmal zwanzig Millimeter sichtbar. Das hat zum einen den Effekt, dass man beim Blick nach draußen ganz vergisst, dass man durch ein Fenster schaut; zum anderen werden die Fassadenausschnitte in der Wahrnehmung selbst zu einer Art ästhetischem Rahmen. In diesen „Himmelsrahmen" entsteht ein Bild der Landschaft draußen, von der man sich so gut wie nicht getrennt fühlt. Damit erfüllen die „Sky-Frames" einen Wunschtraum vieler Architekten der klassischen Moderne. Stets waren Architekten daran interessiert, die Grenze zwischen Innen und Außen möglichst transparent zu gestalten, ja sie optisch tendenziell aufzuheben. „Sky-Frame" bietet nun die Möglichkeit, Gebäude von Wand zu Wand verglasen zu können und mittels einer raumhohen Verglasung einen von Licht durchfluteten, fließenden Übergang - beispielsweise zwischen Wohn- oder Essbereich und Terrasse - zu realisieren.

Ein ähnlicher Effekt lässt sich auch im Innenbereich erzielen, wie das von Johannes Scherr gestaltete Glastrennwand-System RF Flurwand von Bene beweist. Auch dessen hervorstechende Eigenschaft ist Transparenz, und auch hier erwachsen aus einer scheinbar rein funktionalen Gestaltung Veränderungen institutionell-organisatorischer und kommunikativer Art. Räume können auf diese Weise optisch in der Horizontalen gestreckt werden, dabei aber den Charakter der Offenheit bewahren. Und indem ein Raum im Raum zwar akustisch separiert wird, optisch aber mit seiner Umgebung verbunden bleibt, wird, wer dort arbeitet, kommunikativ weder isoliert noch sozial ausgeblendet.

Man sieht also, dass ästhetische Entscheidungen untrennbar mit praktischen verbunden sind, ebenso wie umgekehrt aus jeder vermeintlich simplen praktischen Entscheidung unweigerlich ästhetische Konsequenzen erwachsen. Genau das macht Produkte so interessant, die selbst keine oder möglichst wenige ästhetische Vorgaben machen, ja die im Gegenteil den Architekten von mancher Last befreien.


Foto © Sky-Frame, Schiebefenster Projekt Bielersee
Foto © Sky-Frame, Schiebefenster Projekt Feldbalz
Foto © Bene, RF Flurwand
Foto © Bene, RF Flurwand