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Verflüssigt
von Barton Patrick | 15.03.2010
Alle Fotos Serpentine Gallery Pavilion © Antonia Henschel, SIGN Kommunikation

Toyo Ito ist ein feinsinniger Mensch mit freundlichen Gesten. Er versteht Englisch perfekt, aber wenn man mit ihm spricht, antwortet er oft auf Japanisch und lässt von einem Assistenten übersetzen. Das spiegelt nicht nur seine Liebe zur Genauigkeit wider, sondern ist auch Ausdruck einer Biographie, die durch und durch japanisch geprägt ist. 1967, mit 26 Jahren, verließ Ito sein Heimatland zum ersten Mal. Er reiste nach Berlin. Zwei Gebäude wollte er sehen, Hans Scharouns Philharmonie und die soeben fertig gestellte Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Es war für ihn eine Erhellung, eine Offenbahrung anderer, ungeahnter Art, von der Ito sagt, sie präge ihn bis heute. Sie hat ihm gezeigt, wie sehr sich das Bauen in Japan von anderen Teilen der Welt unterscheidet.

„Für mich stellen die Gebäude im Westen, eigentlich schon seit Griechenland, etwas Autarkes dar, etwas Autonomes, etwas in sich Abgeschlossenes", sagt Toyo Ito. „Bei uns in Japan ist das anders: In Japan sollen Gebäude immer einen Teil der Natur bilden. Sie sollen eine Einheit mit ihr anstreben."

Und genau dieses Ziel verfolgen Gebäude in Europa und den USA auf der gestalterischen Ebene selten, seien sie auch noch so biomorph geformt oder ökologisch konstruiert. Die Einheit mit der Natur sucht Ito seit jeher, in besonderer Weise ist sie ihm gelungen, als er 2004 auf der Omotesando, der Prachtstraße, die Tokios Bezirk Harajuku teilt, ein mehrstöckiges Ladengeschäft für Tod's fertig stellte, dessen Fassade das Baummotiv seines Londoner Serpentine Pavillons aufnimmt. Die in Beton gegossenen Verästelungen geben dem Gebäude eine durchlässige Hülle, deren Formen ungleich und organisch sind.

Mit Tod's bewegte sich Toyo Ito auf den Pfaden seiner Schülerin Kazuyo Sejima, die 1981 in seinem Büro angefangen und sich sechs Jahre später selbständig gemacht hatte. Inzwischen hat Sejima ihren Lehrer überholt, auf der Omotesando und anderswo. Ein Jahr, bevor bei Tod's die Schuhe eingeräumt wurden, hatte Sejima eines der vielleicht schönsten Kaufhäuser dieser Erde fertig gestellt: Tokios Filiale von Christian Dior. Mit diesem Gebäude begann für ihr Büro, das inzwischen unter dem Namen Sanaa firmierte, Reigen des Ruhms, den sich der zurückhaltende Ito vermutlich für sich selbst nie erträumt hätte.

Auch bei Christian Dior spielt ein Baum eine Rolle, und zwar ein echter, der direkt vor dem Haupteingang steht: Ein etwas schief gewachsener Kirschbaum. Tagsüber tritt das Gebäude hinter ihm zurück, sich selbst verhüllend in einer Watte aus hellgrauen Vorhängen hinter der vollständig verglasten Fassade, die alles Äußere fein reflektiert. Bei Dunkelheit bildet die erleuchtete Fassade die Konturen des Baumes umso stärker ab. Dann wird auch gut sichtbar, wie ungleich die Geschosshöhen sind. Ganz gleich, ob diese Asymmetrie dem Betrachter nun natürlich oder unnatürlich vorkommt, ganz getreu den Gedanken von Toyo Ito, ganz getreu des japanischen Bauverständnisses ist auch dieses Haus auf seine Art Teil der Natur.

Sejima hat das Dior-Gebäude zusammen mit Ryue Nishizawa entworfen, mit dem sie sich 1997 zu Sejima and Nishizawa and Associates, kurz Sanaa, zusammengeschlossen hatte. Dior war ein so durchschlagender Erfolg, dass der Goldene Löwe der Architektur-Biennale in Venedig 2004 postwendend folgte. Noch im selben Jahr wurde das Museum für zeitgenössische Kunst des 21. Jahrhunderts in Kanazawa, gut 400 Kilometer östlich von Tokio, fertig gestellt. Sechs Jahre später, 2010, steht Sejima der Biennale nun als Direktorin vor. Und auch sonst ist das Büro stark in Europa und ebenso in den USA beschäftigt. All das war aus einer Not geboren, denn wegen der schlechten Wirtschaftslage in Japan mussten sich Sejima und Nishizawa im Ausland nach Arbeit umschauen.

In London hat Sanaa den letzten Serpentine Pavillon entworfen: Schmale Stahlstelzen tragen ein kurviges Dach, das von unten verspiegelt ist. Das umliegende Parkland wird darin ebenso reflektiert wie der Besucher. In Lausanne haben Sejima und Nishizawa jüngst ein Bibliotheksgebäude fertig gestellt, das Rolex Learning Center. Es nimmt das Naturmotiv einmal mehr auf. In Lens, 200 Kilometer nördlich von Paris, bauen Sanaa dem Louvre eine Filiale - ebenfalls ein fließendes Gebäude, ebenfalls ganz in weiß, mit einem 130 Meter langen Dach, das auf einer großen grünen Wiese mitten in der Stadt schwebt.

Gibt es ein Geheimnis von Sanaa? Mit welchen baulichen Mitteln erreichen es Sejima und Nishizawa, dass die Gebäude so ungewöhnlich erscheinen? Vollverglaste Fassaden, schlanke Stahl¬säulen, Weiß oder maximal helles Grau, feinmaschige Metallgitter - all dies sind Beispiele für das, was sich am Ende wie eine sphärische, ätherische, amöboide, grenzenlose, natürliche Architektur darstellt.

Aber es sind nicht die Materialien. Auch Sanaas Formensprache zielt auf das ungezwungen Andersartige, auf den Widerspruch zum Erwartbaren. Fließende, nicht unterteilte Räume führen zu einem Maximum an Offenheit, die Grenzen, die von Gebäuden gewöhnlich gezogen werden, verflüchtigen sich. Die Kurven, das Runde, Flüssige ermöglichen auch, dass die Interaktion nicht auf bloße Kreuzungen, auf bloßes Plus und Minus, beschränkt ist, sondern dass sehr viel geschmeidigere Zusammenhänge geschaffen werden, die dynamische, unvorhergesehene, natürliche Möglichkeiten des Erlebens und der Begegnung schaffen. Ein anderes Beispiel ist die Zollverein School of Design in Essen, deren Fassade aus glattpoliertem Beton einmal mehr das Motiv der geordneten Andersartigkeit aufnimmt, das Revolutionäre, das ganz normal daherkommt. Schon die Anordnung der Fenster, die in verschiedensten Größen versetzt und scheinbar ohne Ordnung auf dem Kubus verteilt sind, macht diesen Bau besonders. Und diese Fenster, allesamt rechteckig, allesamt gerade, zeigen auch, dass Sanaas Architektur des Unerwarteten weniger aus Gimmicks und Effekthascherei besteht, sondern dass in ihr alles aufeinander bezogen und stimmig ist.

Das Filigrane, Leichte, das der japanischen Architektur zueigen ist, kann sich auch der Tatsache verdanken, dass die Halbwertzeit eines Gebäudes in Japan sehr viel geringer ist als in anderen Ländern. Fanatisch nach Neuem, reißen Japaner Häuser gerne wieder ab, und sei es schon nach zehn oder zwanzig Jahren. Für den Architekten kann dies zur Folge haben, dass er beim Entwurf eine größere Leichtigkeit empfindet und deshalb mehr wagt - mal mit Gewinn, mal mit Verlust.

Denn natürlich ist nicht alles schön, was nur schön aussieht. In der gerade eröffneten Bibliothek in Lausanne stellten sich die fließenden Flächen als etwas unwägbar für Rollstuhlfahrer heraus - nun wird der Fluss optisch durch Rampen und Hebebühnen gestört. In Lausanne sieht man aber auch, dass ein Architekt, der dem Motiv des Reinen zum Sieg verhelfen will, rasch von der Realität eingeholt werden kann. Den Innenbereich schmücken diverse Wanduhren aus dem Haus des Hauptsponsor, dessen Designverständnis alles andere als puristisch und filigran ist. Und auch am New Museum in New York, der 2007 unter großer Aufmerksamkeit eröffneten Stapelung überdimensionierter Schuhkartons, ist zu besichtigen, dass eine reine, grau-weiße Fassade ihre Ruhe nur so lange ungestört ausstrahlen kann, bis der Nutzer quietschbunte Leuchtreklame an ihr anbringt, die nicht dadurch besser mit dem Bau harmoniert, dass sie zu Kunst erklärt wird.

Sanaa hat innerhalb nur weniger Jahre das Empfindsame, das Zerbrechliche zu einer feststehenden Größe beim Bauen werden lassen. Wie nachhaltig Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa damit die Architektur insgesamt beeinflussen, wie lange ihre Gebäude - in Japan und anderswo - gegen die Zeit bestehen, das alles wird man sehen. Ein Projekt jedenfalls fehlt noch. Sanaa müsste einmal im Jemen bauen, und wenn es nur zum Spaß wäre. Sejimas und Nishizawas Firmenname geht zwar aus ihren Anfangsbuchstaben zurück, aber einige glauben wirklich, die Baukunst der jeminitischen Hauptstadt diente dem Büro, und ihrem Namen, als Inspiration. Dabei wussten die beiden Architekten 1997 gar nicht, was Sanaa ist oder wo es liegt: „Ich war sehr überrascht, als ich am Pariser Flughafen auf der Anzeigetafel das Wort ‚Sanaa' sah", erzählte Ryue Nishizawa einmal. „Ein Flug in mein Büro? Perfekt!" Aber dann hat er es sich anders überlegt und ist doch nach Tokio geflogen.


Alle Fotos Serpentine Gallery Pavilion © Antonia Henschel, SIGN Kommunikation
EPFL Rolex Learning Center Lausanne, designed by SANAA