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Wie man sieht, dass man nicht sieht
von Thomas Wagner | 03.03.2010

Wenn wir etwas sehen, etwas wahrnehmen, so hat das so seine Tücken. Also ist man sich beim Wahrnehmen zunächst und zumeist sicher, dass man sich nicht täuscht. Man hält, was einem durch die Sinne dargeboten wird, nicht nur für wahr, man nimmt, was man sieht oder fühlt - das Wort „wahr-nehmen" selbst zeigt es an -, buchstäblich als etwas an, das wahr ist, ja wahr sein muss. Was wir sehen oder fühlen, das sehen und fühlen wir. Wir sind unserer Wahrnehmung subjektiv gewiss.
Was aber nehmen wir wahr, wenn sich etwas verbirgt? Was sehen wir, wenn wir etwas nicht sehen, beziehungsweise nicht sehen können? Da, was sich unserer Wahrnehmung entzieht, nicht notwendigerweise inexistent oder verschwunden sein muss, wechseln wir zumeist einfach die Perspektive, aus der wir etwas betrachten. Dabei ersetzen wir, was wir sehen, also Fakten, zumeist durch Daten. Hierzu haben wir allerei Meß- und Darstellungsverfahren erfunden, Möglichkeiten, um mittels Röntgenstrahlen, Rasterelektronenmikroskop oder Infrarotaufnahmen „sehen" zu können, was wir eigentlich nicht sehen können. Auf diese Weise versetzen wir uns in die Lage, „sehen" zu können, was wir im Grunde nur wissen oder erklären können.

Doch kehren wir auf die Ebene der Wahrnehmung zurück. Hier erinnert das Spiel mit Zeigen und Verbergen immer auch ein wenig an Zauberei, also an die Kunst, auf offener Bühne leicht bekleidete Damen verschwinden und in einen weißen Pelz gehüllte Kaninchen erscheinen lassen. Wer es beispielsweise versteht, Spiegel auf besonders raffinierte Weise anzuordnen, der ist in der Lage, die Illusion zu erzeugen, etwas, sagen wir: eine Taube, sei nicht mehr an dem Platz, an dem wir sie gerade noch sitzen sahen. Sogar die aktuelle Debatte um den Einsatz sogenannter „Nacktscanner" an Flughäfen hat hier ihren Platz, sollen die Geräte doch sichtbar machen, was aus böser Absicht verborgen gehalten wird: Waffen und Sprengstoff.

Auch wenn wir uns also noch so sehr bemühen, unseren Wahrnehmungen zu vertrauen, so ist deren Reichweite doch begrenzt. Um selbst die Erfahrung machen zu können, dass sich selbst dann noch etwas verbirgt und unserer Wahrnehmung entzogen bleibt, wenn wir ganz sicher etwas wahrnehmen, gibt es einen einfachen Test. Mit seiner Hilfe lässt sich feststellen, dass man sehen kann, was man nicht sieht. Bekannt gemacht hat den Test Heinz von Foerster, der Erfinder der Kybernetik zweiter Ordnung, mittels seines Gleichnisses vom Blinden Fleck.

Probieren Sie es selbst aus. Das Ergebnis ist verblüffend. Nehmen sie ein Blatt Papier und zeichnen sie auf einer gedachten waagrechten Line im Abstand von etwa zehn Zentimeter links einen Stern und rechts einen Punkt von etwa einem Zentimeter Durchmesser. Nun halten sie das Blatt in der rechten Hand, schließen Sie das linke Auge und fixieren Sie mit dem rechten den Stern. Bewegen Sie das Blatt nun vor- und rückwärts längs der Blickrichtung und achten Sie darauf, wann der schwarze Punkt verschwindet. Denn er verschwindet tatsächlich. (Das ist, grob gesagt, bei einem Abstand zum Auge zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Zentimeter der Fall.) Ist der Punkt verschwunden, dann halten Sie den Stern weiter fixiert und bewegen Sie das Blatt parallel zu sich; Sie werden sehen, der schwarze Punkt bleibt verschwunden.

Wenn Ihr Bildschirm groß genug ist, können Sie es auch gleich hier versuchen, Sie müssen, statt des Blattes, nur ihren Kopf längs der Blickrichtung auf den Bildschirm zu bewegen.


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Sehen Sie, wie der Punkt verschwindet - und Sie sehen, dass Sie nicht sehen?

Physiologen können das Phänomen des Verschwindens des schwarzen Punktes leicht erklären. Bei einem bestimmten Abstand von Stern und Punkt und dem des Auges zu beiden, trifft der Punkt bei seiner Projektion auf die Netzhaut auf den Blinden Fleck. Das ist die Stelle, an der die Nervenbündel der Netzhaut in Form des optischen Nervs das Auge verlassen. Da es dort keine Sensoren gibt, entsteht in unserem Gehirn auch kein „Bild"; wir sehen also keinen Punkt.

Das Wunderbare daran ist, erklärt Heinz von Foerster, „dass unser Gesichtsfeld überall als lückenlos und geschlossen erscheint. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen. Wie sind blind gegenüber unserer Blindheit."

In ganz ähnlicher Weise haben wir keine Ahnung davon, welche technischen Lösungen sich hinter einer Fassade befinden, wie Fassadenteile aufgehängt sind, wenn sie sich öffnen lassen, oder dass neuartige Dachziegel auch die Funktion von Wärmetauschern erfüllen können. Die Architektur hat also ihre eigenen blinden Bereiche, ihre eigenen blinden Flecken.

Wir werden Ihnen in den folgenden Wochen unter dem Stichwort „Unsichtbarkeit - der Wahrnehmung entzogen" an dieser Stelle unterschiedliche Produkte und Architektursysteme rund ums Bauen vorstellen, die sich allesamt dadurch auszeichnen, dass sie in ihrer technischen Anlage oder in ihrem Aufbau besonders klein beziehungsweise kompakt sind. Oder die sich optisch so weit zurücknehmen, dass sie entweder selbst nahezu unsichtbar werden oder ihre oft zusätzliche Funktionen zu verbergen wissen.

Dabei geht es uns darum, bestimmte Phänomene des Bauens zu sichten und zu bündeln. Ob es sich nun um besonders dünne Fenster- oder Trennwandprofile oder eine versteckte Garagentore handelt, ob nicht als solche erkennbare Akustikdecken den Hall im Raum reduzieren oder Fassaden und Gebäudehüllen nicht nur die Außengrenze des Gebäudes bilden, sondern auch Energie erzeugen oder Temperaturschwankungen ausgleichen - zumeist handelt es sich um technisch hoch komplexe und integrierte Systeme, deren Funktion auf raffinierte Weise „versteckt" wird. Sie besitzen neben ihrer technischen Funktion somit auch eine ästhetische. Nicht zuletzt diese ästhetische Funktion ist es, die neuartige architektonische Lösungen möglich und besonders attraktiv macht.