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100 Jahre Schweizer Grafik
von Jörg Stürzebecher | 7. März 2012
Der typografische Raster, der Einsatz serifenloser Schriften im Brotsatz, der Flattersatz auch bei längeren Texten, seit Jahrzehnten bewährte Schriften wie die Ende der fünfziger Jahre entworfenen Typen „Helvetica" und „Univers", all dies ist Allgemeingut der grafischen Sprache der Gegenwart weltweit und hat seinen Ursprung in der Schweiz. Wie es dazu kam, dass ein kleines Land, das bis etwa 1930 im grafischen Bereich vor allem durch Tourismus- und Verbrauchsgüterplakate auffiel, zu einer Weltmacht im Grafikdesign wurde, beleuchtet jetzt eine Ausstellung in Züricher Museum für Gestaltung, das mit seinen Plakaten und Publikationen selbst Grafikgeschichte geschrieben hat und weiterhin schreibt.

Grund für diesen Überblick ist weniger, dass es 1912 ein bedeutendes Ereignis, etwa die Festsetzung des Schweizer Plakatformates gegeben hätte, sondern dass das Museum für Gestaltung vor einem Umbruch steht. Der seit 1930/31 zusammen mit der früheren Kunstgewerbeschule bespielte Standort wird aufgegeben, der Umzug der Züricher Universität der Künste in das Toni-Areal – ein früheres Molkereigelände, dessen Produkte ebenfalls bemerkenswert beworben wurden – mit dem Museum steht bevor, womit größere Ausstellungsflächen und vor allem eine Zusammenfassung der bislang verstreut untergebrachten Sammlungen verbunden sind.

Es wird also Bilanz gezogen über die Sammlungstätigkeit, der im Lauf der Zeit zusammengekommene Reichtum aus Geldscheinen und Firmengeschenken, Etiketten und Verpackungen, Briefbögen und Büchern, Prospekten und Plakaten ausgebreitet. Einen Katalog gibt es nicht, wohl aber eine Gesprächsreihe mit zwei Grafikern, die Grenzlinien der schweizer Grafik markieren. Das ist zum einen Ernst Hiestand, ein typischer Vertreter der Gestaltung in Fortführung der klassischen Moderne der zwanziger Jahre in der Schweiz, für die Namen wie Anton Stankowski, Max Bill oder Richard Paul Lohse stehen. Und zum anderen Wolfgang Weingart, der mit seinen Schichtungen von Flächen, dem Zusammenführen von mechanischer und handgemachter Grafik die Mac-Gestaltung schon vor der Einführung des Computers in den Gestaltungsbüros vorwegnahm. Beide sind auch in der Ausstellung mit gewichtigen Beiträgen vertreten, Hiestand etwa mit Werbearbeiten der frühen sechziger Jahre für die Kaufhauskette ABM, in denen reduzierte Grafik kongenial die mit wenigen Worten operierenden Texte des Begründers der konkreten Poesie Eugen Gomringer umsetzt. Bei Wolfgang Weingart konzentrierten sich die Kuratorinnen auf Titel der „Typographischen Monatsblätter", wobei der Lehrer Weingart leider unberücksichtigt bleibt.

Damit ist auch ein mögliches Manko der visuell enorm reichhaltigen Schau benannt, deren Exponate auch durch einen zumeist hervorragenden Erhaltungszustand beeindrucken. Denn so richtig es ist, Ernst Keller, Armin Hofmann, Josef Müller-Brockmann, Emil Ruder, Hans-Rudolf Lutz und eben auch Weingart als Gestalter wichtiger Plakate und Publikationen vorzustellen, so wichtig wäre es auch gewesen, ihre Lehre in Basel, Zürich und Luzern – zumindest mit einigen Schülerarbeiten oder Verweisen auf weitere Exponate – anzudeuten. Denn Schweizer Grafik ist eben nicht nur Produkt, sondern auch internationaler Unterrichtsexport, man denke nur an Lars Müller in New York oder Sandra Hoffmann in Darmstadt. Auch hätten die grafischen Arbeiten aus dem Tessin mehr Aufmerksamkeit verdient, war doch das Mailänder Studio Boggeri in den vierziger und fünfziger Jahren ein wichtiger Ort für schweizer Gestalter und trug zur Durchsetzung der „Präzisionsgrafik" wesentlich bei.

Doch die Vorzüge der Schau überwiegen bei Weitem. Da gibt es Witziges zu entdecken wie Zigarrenhüllen der Swissair, die formal auf die Boeing-Stratoliner Bezug nehmen, oder einen miniaturisierten IBM-Kugelkopf als Schmuckstück von der noch immer vielzu wenig gewürdigten Werbeagentur GGK. Verfolgen lässt sich auch der Einfluss von Richard Paul Lohses Plakat „Wie wohnen" (1943) auf die grafische Sprache der Nachkriegszeit, und die umfassende Vorstellung der Arbeit Georg Staehelins – samt ihrem Einfluss etwa auf Andreas Christens „Lehni"-Möbel – ist geradezu als Entdeckung im internationalen Kontext zu begreifen. Auch, dass Grafik in der Schweiz nicht kurzfristigen Trends folgt, lässt sich etwa an der Präsentation der gerade einmal vier Banknotengenerationen von Ferdinand Hodler 1911 bis zu den zurzeit im Umlauf befindlichen Entwürfen Jörg Zintzmeyers ablesen.

Wie bei einer Überblicksausstellung zu erwarten, sind auch gegenwärtige und jüngste Tendenzen berücksichtigt. So kann die Zusammenstellung der Werbung für Toni-Joghurt als Anthologie von Photoshop-Möglichkeiten aufgefasst werden, die gerade – das Plakat für das Montreux-Jazz-Festival 2011 von Nicolas Eigenheer in der französischen Sonderschau mag dies belegen – durch Retro-Design-Tendenzen abgelöst werden. Als jüngstes Plakat haben die Kuratorinnen Karin Gimmi und Barbara Junod die Arbeit des jungen Büros Norm, das 2008 auch das Redesign des Museums entwarf, eben für diese Ausstellung gewählt. Eine kluge Entscheidung, sind hier doch historische Zeichen, gegenwärtige Kombinatorik und drucktechnische Präzision zusammengekommen.

100 Jahre Schweizer Grafik
Von 10. Februar bis 3. Juni 2012
Museum für Gestaltung Zürich
www.museum-gestaltung.ch