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2012 oder Was der Kuckuck uns lehrt
von Thomas Wagner | 1. Januar 2012
Grafik: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Der Glanzkuckuck ist ein hübscher Vogel und ein schlauer Parasit. Er passt, wie ein australisches Forscherteam zu Beginn des vergangenen Jahres herausgefunden hat, nicht nur die Farbe und Musterung seiner Eier an die des fremden Geleges an. Auch die frisch geschlüpften Kuckucke ähneln vom äußeren Erscheinungsbild her den Küken ihrer Wirte – sowohl in der Hautfärbung als auch in der Farbe des offenen Schnabels und mitunter sogar der Daunen. Die Forscher vermuten darin eine Reaktion auf besonders misstrauische Wirtsvögel. Diese werfen nämlich nicht nur fremdartige Eier aus dem Nest, sondern auch Jungvögel, die ihnen suspekt erscheinen. Indem der junge Kuckuck die Farbe der Wirtsnachkömmlinge imitiert, verhindert er den tödlichen Rauswurf. Die Täuschung währt acht Tage lang, dann haben die Vogeleltern alle Küken akzeptiert und der Kuckuck nimmt langsam das Aussehen seiner eigenen Art an.

In einem Interview der Online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit" hat der Philosoph Slavoj Žižek im vergangenen August auf die Frage, ob wir in einer „Endzeit" leben, geantwortet: „Wenn ich in meinem Buch von „Endzeit" spreche, geht es mir nicht um einzelne Katastrophen. Es geht mir um die Krise des globalen Kapitalismus aus der Perspektive einer Kritik der politischen Ökonomie. Auf verschiedenen Ebenen – Ökologie, Biogenetik, intellektuelles Eigentum und neuen Formen von Apartheid – steuern wir auf einen Nullpunkt des Kapitalismus zu. Die größte Utopie ist heute, dass wir dieses System mit ein paar kosmetischen Veränderungen unendlich lange aufrechterhalten können."

Da sagen wir doch einfach nur: Kuckuck! Oder hat das Tier etwa keine ökonomisch-kosmetische Ader bewiesen? Es hält seinen Wirt zum Narren wie all die Finanzjongleure ihre Kunden. Es nutzt die Macht der Tarnung und der Anpassung wie jeder clevere Werber oder Marketingchef. Und es verhindert, dass es aus der Gewinnzone rausgeworfen wird (sprich: pleite geht), indem es schamlos die „Produkte" eines anderen kopiert. Nun wollen wir dem armen Tier aber nicht Unrecht tun und die Natur nicht für die Auswüchse des Kapitalismus verantwortlich machen. Wir sind Kuckuck, niemand sonst. Eines aber ist klar: So geschickt wie Banker oder Politiker werden wir nie und nimmer mit Zahlen jonglieren können. Da wir aber nicht wissen, was sie mit 2 und 0 und mit 1 und 2 anzustellen wissen, sind wir auch bei diesem Jahreswechsel wieder auf uns selbst und einige zahlenmystische Grundlagen angewiesen.

Also: Lassen wir die für unser Zeitempfinden ohnehin willkürliche Unterscheidung zwischen Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen und Jahren für einen Moment beiseite, so bleibt im Fall von 2012, neben der 20, die ein ganzes Jahrhundert lang halten muss, die „12" stehen. Zwölf. Was für eine Zahl! Das Dutzend, nun ist es also voll. Zwölf Flaschen kommen in einen Kasten, nur der Fußball muss mit Elfen auskommen. Und müssen wir nicht schon seit Jahrzehnten gebetsmühlenhaft hören, es sei „fünf vor zwölf"? Immer schien etwas auf uns zuzukommen, etwas Unabänderliches bevorzustehen, das all das überbietet, was gerade ist. Und nun das: Zwölf! Plötzlich: Zwölf!

Also doch, wenn nicht Endzeit, so doch Endspiel? Beginnt heute etwa eine historische Geisterstunde? Sind wir angekommen? Aber wo? In einer Zeit, in der es keine Ausreden mehr gibt? Angekommen in einem weiten, offenen Feld, in das die Zeiger erst noch vorrücken müssen? Ist es Zwölf, stehen die Zeiger der Uhr übereinander, und alles in dem weiten Rund der Zeit scheint offen und unbestimmt. Ob das den Kuckuck interessiert?

„Fünf und Sieben, die heiligen Zahlen, ruhen in der Zwölfe", heißt es bei Schiller. Und wie die Zwölf einen außerordentlichen Wirkungskreis hat, so mit einem Mal auch wir? Glauben wir den alten Babyloniern, so wandert der Mond als der „Herrscher der Monate" durch zwölf Stationen. Zwölf Pforten des Himmels und zwölf Pforten der Unterwelt kannten die alten Ägypter. Überhaupt wurde die Zwölf im mittelmeerisch-orientalischen Gebiet zu einer wichtigen Rundzahl: Die zwölf Stämme Israels waren historisch nie zwölf und formten doch eine Einheit; zwölf Edelsteine trug das Brustschild des Hohepriesters; zwölf Kreuzwegstationen musste der Erlöser durchlaufen, zwölf Tore hat das himmlische Jerusalem, und zwölf mal zwölf Auserwählte nehmen an der Anbetung des Lammes teil. Wird Christus als der Tag angesehen, so weisen die zwölf Apostel auf die zwölf Stunden des Tages. Und weil Zwölf aus Drei mal Vier besteht, ist es die Aufgabe der zwölf Jünger, die er um sich geschart hat, den Glauben an die Trinität in den vier Weltteilen zu verbreiten. Die Tendenz, führende Gestalten in Zwölfergruppen einzuteilen, kennt man auch im Islam, wenn etwa die Schiiten die Reihe der Imame, der von Muhammad abstammenden rechtmäßigen Leitern der Gemeinde, bis zum zwölften Imam fortführten.

Wie auch immer man solche Konstellationen deuten mag, wir kommen nicht umhin anzuerkennen, dass unser Tun auf vielfältige Weise mit einem kosmischen Rhythmus verwoben scheint. Aber eröffnet das Zahlenspiel nicht gerade in seiner christlichen Variante ungeahnte Möglichkeiten? Wenn es jemand – wie Christus – vermöchte, zwölf Getreue um sich zu scharen, könnte er die Welt verändern? Zwölf Aufrechte, das müsste reichen! Wo aber sind sie? Und weshalb nur klebt der Gerichtsvollzieher ausgerechnet einen Kuckuck auf all die Dinge, die uns nicht mehr gehören? Schon bald, Sie werden sehen, schlägt's Dreizehn!

News & Stories › 2012 › Januar
2012 oder Was der Kuckuck uns lehrt
von Thomas Wagner | 1. Januar 2012
Und wieder einmal hat sich eine Zahl auf dem Kalender verändert. Hinter der 20 steht nun statt der 11 eine 12. Aus dem System mitsamt all seiner Unerbittlichkeit kommen wir einfach nicht heraus. Also bleibt uns auch diesmal nur eines übrig: mit der Zahlenkonstellation zu spielen. Vielleicht wird das neue Jahr aber auch nur ein weiteres Jahr im Zeichen des Glanzkuckucks?
Der Glanzkuckuck ist ein hübscher Vogel und ein schlauer Parasit. Er passt, wie ein australisches Forscherteam zu Beginn des vergangenen Jahres herausgefunden hat, nicht nur die Farbe und Musterung seiner Eier an die des fremden Geleges an. Auch die frisch geschlüpften Kuckucke ähneln vom äußeren Erscheinungsbild her den Küken ihrer Wirte – sowohl in der Hautfärbung als auch in der Farbe des offenen Schnabels und mitunter sogar der Daunen. Die Forscher vermuten darin eine Reaktion auf besonders misstrauische Wirtsvögel. Diese werfen nämlich nicht nur fremdartige Eier aus dem Nest, sondern auch Jungvögel, die ihnen suspekt erscheinen. Indem der junge Kuckuck die Farbe der Wirtsnachkömmlinge imitiert, verhindert er den tödlichen Rauswurf. Die Täuschung währt acht Tage lang, dann haben die Vogeleltern alle Küken akzeptiert und der Kuckuck nimmt langsam das Aussehen seiner eigenen Art an.

In einem Interview der Online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit" hat der Philosoph Slavoj Žižek im vergangenen August auf die Frage, ob wir in einer „Endzeit" leben, geantwortet: „Wenn ich in meinem Buch von „Endzeit" spreche, geht es mir nicht um einzelne Katastrophen. Es geht mir um die Krise des globalen Kapitalismus aus der Perspektive einer Kritik der politischen Ökonomie. Auf verschiedenen Ebenen – Ökologie, Biogenetik, intellektuelles Eigentum und neuen Formen von Apartheid – steuern wir auf einen Nullpunkt des Kapitalismus zu. Die größte Utopie ist heute, dass wir dieses System mit ein paar kosmetischen Veränderungen unendlich lange aufrechterhalten können."

Da sagen wir doch einfach nur: Kuckuck! Oder hat das Tier etwa keine ökonomisch-kosmetische Ader bewiesen? Es hält seinen Wirt zum Narren wie all die Finanzjongleure ihre Kunden. Es nutzt die Macht der Tarnung und der Anpassung wie jeder clevere Werber oder Marketingchef. Und es verhindert, dass es aus der Gewinnzone rausgeworfen wird (sprich: pleite geht), indem es schamlos die „Produkte" eines anderen kopiert. Nun wollen wir dem armen Tier aber nicht Unrecht tun und die Natur nicht für die Auswüchse des Kapitalismus verantwortlich machen. Wir sind Kuckuck, niemand sonst. Eines aber ist klar: So geschickt wie Banker oder Politiker werden wir nie und nimmer mit Zahlen jonglieren können. Da wir aber nicht wissen, was sie mit 2 und 0 und mit 1 und 2 anzustellen wissen, sind wir auch bei diesem Jahreswechsel wieder auf uns selbst und einige zahlenmystische Grundlagen angewiesen.

Also: Lassen wir die für unser Zeitempfinden ohnehin willkürliche Unterscheidung zwischen Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen und Jahren für einen Moment beiseite, so bleibt im Fall von 2012, neben der 20, die ein ganzes Jahrhundert lang halten muss, die „12" stehen. Zwölf. Was für eine Zahl! Das Dutzend, nun ist es also voll. Zwölf Flaschen kommen in einen Kasten, nur der Fußball muss mit Elfen auskommen. Und müssen wir nicht schon seit Jahrzehnten gebetsmühlenhaft hören, es sei „fünf vor zwölf"? Immer schien etwas auf uns zuzukommen, etwas Unabänderliches bevorzustehen, das all das überbietet, was gerade ist. Und nun das: Zwölf! Plötzlich: Zwölf!

Also doch, wenn nicht Endzeit, so doch Endspiel? Beginnt heute etwa eine historische Geisterstunde? Sind wir angekommen? Aber wo? In einer Zeit, in der es keine Ausreden mehr gibt? Angekommen in einem weiten, offenen Feld, in das die Zeiger erst noch vorrücken müssen? Ist es Zwölf, stehen die Zeiger der Uhr übereinander, und alles in dem weiten Rund der Zeit scheint offen und unbestimmt. Ob das den Kuckuck interessiert?

„Fünf und Sieben, die heiligen Zahlen, ruhen in der Zwölfe", heißt es bei Schiller. Und wie die Zwölf einen außerordentlichen Wirkungskreis hat, so mit einem Mal auch wir? Glauben wir den alten Babyloniern, so wandert der Mond als der „Herrscher der Monate" durch zwölf Stationen. Zwölf Pforten des Himmels und zwölf Pforten der Unterwelt kannten die alten Ägypter. Überhaupt wurde die Zwölf im mittelmeerisch-orientalischen Gebiet zu einer wichtigen Rundzahl: Die zwölf Stämme Israels waren historisch nie zwölf und formten doch eine Einheit; zwölf Edelsteine trug das Brustschild des Hohepriesters; zwölf Kreuzwegstationen musste der Erlöser durchlaufen, zwölf Tore hat das himmlische Jerusalem, und zwölf mal zwölf Auserwählte nehmen an der Anbetung des Lammes teil. Wird Christus als der Tag angesehen, so weisen die zwölf Apostel auf die zwölf Stunden des Tages. Und weil Zwölf aus Drei mal Vier besteht, ist es die Aufgabe der zwölf Jünger, die er um sich geschart hat, den Glauben an die Trinität in den vier Weltteilen zu verbreiten. Die Tendenz, führende Gestalten in Zwölfergruppen einzuteilen, kennt man auch im Islam, wenn etwa die Schiiten die Reihe der Imame, der von Muhammad abstammenden rechtmäßigen Leitern der Gemeinde, bis zum zwölften Imam fortführten.

Wie auch immer man solche Konstellationen deuten mag, wir kommen nicht umhin anzuerkennen, dass unser Tun auf vielfältige Weise mit einem kosmischen Rhythmus verwoben scheint. Aber eröffnet das Zahlenspiel nicht gerade in seiner christlichen Variante ungeahnte Möglichkeiten? Wenn es jemand – wie Christus – vermöchte, zwölf Getreue um sich zu scharen, könnte er die Welt verändern? Zwölf Aufrechte, das müsste reichen! Wo aber sind sie? Und weshalb nur klebt der Gerichtsvollzieher ausgerechnet einen Kuckuck auf all die Dinge, die uns nicht mehr gehören? Schon bald, Sie werden sehen, schlägt's Dreizehn!