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After Shows
Eine Kolumne von Michael Erlhoff
22. Oktober 2015
Es wird offenbar immer mehr gesammelt. Womit aber hängt der Hang zum Sammeln zusammen? Mit frühkindlichen Erfahrungen?

Wahrscheinlich wurde noch niemals in der Geschichte so viel archiviert, also aufbewahrt und gesammelt, wie heute. Alles taugt dafür, und es gibt Museen für Knöpfe, Autos, Tassen, Verpackung, Maschinen jeglicher Art, Kleidung, Schuhe, Taschentücher, Computer und so weiter. Nichts sperrt sich der Sammelwut.

Nun ist das umso erstaunlicher oder umso plausibler angesichts einer Gesellschaft mit einem Wirtschaftssystem, das auf den permanenten Konsum setzt, also auf fortwährende Produktion und den entsprechenden Verzehr. Kaufen und verbrauchen und das möglichst eilig: das ist das Prinzip.

Zugegeben ein Prinzip, dem dieselben Menschen, die ihm folgen, gedanklich und in etlichen Äußerungen gelegentlich widersprechen mögen. Da ist dann von Ökologie und von Nachhaltigkeit die Rede. Was allerdings zu dem merkwürdigen Phänomen führt, weiterhin heftig und schnell zu konsumieren und zugleich alles aufzubewahren. Was im Ergebnis zu den vielen Sammlungen und Museen führt. Mithin darf man ruhig formulieren: Museen sind geadelte Müllhalden.

Doch das Sammeln basiert häufig auf ganz privaten Initiativen, die üblicherweise erst dann, wenn man eine große Menge gesammelt hat, sich öffentlich machen mögen, um so sich zusätzlich zu legitimieren und als ehrenwert zu erscheinen. Als hätte man ohnehin schon immer an die Allgemeinheit gedacht, als man zu sammeln begann.

Wenn nun aber die privaten Initiativen des Sammelns ins Spiel geraten, dann kommt man doch nicht umhin, an jenen großartigen Text des ungarischen Psychoanalytikers Sandor Ferenczi von 1925 zu erinnern. Denn in jenem Text begründet dieser Theoretiker sehr präzise den Hang zum Sammeln. Er beginnt seine Analyse bei einem sehr einleuchtenden Phänomen der frühen Kindheit: Das Kleinkind nämlich erfährt womöglich die Artikulation seiner Exkremente als erste körperliche Entäußerung, mithin als ersten kreativen Akt – und genießt das. Man kennt dies und die Freude der sehr kleinen Kinder bei dieser Äußerung: Sie jubeln. Blöd für die Kleinkinder ist allerdings, dass die Eltern oder andere betreuende ältere Menschen diese Artikulation nicht mit derselben Begeisterung aufnehmen, vielmehr negativ reagieren, sofort jene Exkremente entsorgen und die Reste davon, die am Körper des Kindes verblieben sind, wegwischen. Man hat dafür sogar gesonderte Produkte, die Windeln, entwickelt.

Wie traurig für die kleinen Kinder. Und noch dann, wenn diese etwas älter geworden sind, sieht man, wenn sie nun auf der Toilette sich der Exkremente entledigt haben, wie glücklich sie über diesen Akt sind und wie traurig sie werden, wenn dann blitzschnell die sie Erziehenden auf jene Vorrichtung der Toilette drücken, um jene Exkremente sofort davon zu spülen, also zu vernichten.

Ferenczi folgert ganz plausibel, dass aus dieser Frustration heraus, das Ergebnis der so frühen persönlichen Kreation im Nichts zerrinnen zu sehen, ein Trieb entstünde, möglichst alles, was mit persönlicher Artikulation zu tun hat, weiter auszuprobieren und aufzubewahren. Im Sandkasten würden zumindest die Jungs gerne in den Sand pinkeln und den mit solcher Feuchtigkeit benetzten Sand als praktikables Material zum Bauen nutzen. Was wiederum von den Erziehungsberechtigten negativ sanktioniert und möglichst vernichtet wird. Woraus, so Ferenczi nach wie vor plausibel, sich als Kompensation jene Kinder, wenn sie denn etwas älter geworden sind, eifrig als Sammler betätigen. Womöglich Steine, dann andere Sachen und gegebenenfalls auch Geld. Immerhin springt berühmterweise Dagobert Duck, die Inkarnation des Besitzers von Geld, leidenschaftlich in sein Geld hinein, um sich darin zu säubern, zu erfrischen und reinzuwaschen.

Somit wäre, folgen wir jenem ungarischen Psychoanalytiker, das Sammeln pures Ergebnis analer Frustration und späte Rache daran. Gegebenenfalls ein Gedanke, der helfen könnte, den derzeitigen Boom an Sammlungen jeglicher und partiell völlig abstruser Art und deren öffentliche Präsenz zu erläutern. Noch plausibler wird das in einer Gesellschaft der ständigen Behütung und Säuberung der Kinder. – Erwähnenswert in diesem Kontext ist aber auch noch, dass gerade die sogenannten Kreativen, zum Beispiel Leute aus dem Design, aus der Architektur und aus der Kunst, sehr gerne sammeln. Eine doppelte Frustrations-Bewältigung des Verdrängten.

Michael Erlhoff
Er ist Autor, Design-Theoretiker, Unternehmensberater, Kurator und Organisator; einst CEO des Rat für Formgebung, Mitglied des Beirats der documenta 8 und Gründungsdekan (und dann bis 2013 Professor) der Köln International School of Design/KISD. Erlhoff war Gründer der Raymond Loewy Foundation, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und leitete als Gastdozent Projekte und Workshops an Universitäten in Tokio, Nagoya, Fukuoka, Hangzhou, Shanghai, Taipei, Hongkong, New York und Sydney.
News & Stories › 2015 › Oktober
After Shows
von Michael Erlhoff | 22. Oktober 2015
Es wird offenbar immer mehr gesammelt. Womit aber hängt der Hang zum Sammeln zusammen? Mit frühkindlichen Erfahrungen?
Es wird offenbar immer mehr gesammelt. Womit aber hängt der Hang zum Sammeln zusammen? Mit frühkindlichen Erfahrungen?

Wahrscheinlich wurde noch niemals in der Geschichte so viel archiviert, also aufbewahrt und gesammelt, wie heute. Alles taugt dafür, und es gibt Museen für Knöpfe, Autos, Tassen, Verpackung, Maschinen jeglicher Art, Kleidung, Schuhe, Taschentücher, Computer und so weiter. Nichts sperrt sich der Sammelwut.

Nun ist das umso erstaunlicher oder umso plausibler angesichts einer Gesellschaft mit einem Wirtschaftssystem, das auf den permanenten Konsum setzt, also auf fortwährende Produktion und den entsprechenden Verzehr. Kaufen und verbrauchen und das möglichst eilig: das ist das Prinzip.

Zugegeben ein Prinzip, dem dieselben Menschen, die ihm folgen, gedanklich und in etlichen Äußerungen gelegentlich widersprechen mögen. Da ist dann von Ökologie und von Nachhaltigkeit die Rede. Was allerdings zu dem merkwürdigen Phänomen führt, weiterhin heftig und schnell zu konsumieren und zugleich alles aufzubewahren. Was im Ergebnis zu den vielen Sammlungen und Museen führt. Mithin darf man ruhig formulieren: Museen sind geadelte Müllhalden.

Doch das Sammeln basiert häufig auf ganz privaten Initiativen, die üblicherweise erst dann, wenn man eine große Menge gesammelt hat, sich öffentlich machen mögen, um so sich zusätzlich zu legitimieren und als ehrenwert zu erscheinen. Als hätte man ohnehin schon immer an die Allgemeinheit gedacht, als man zu sammeln begann.

Wenn nun aber die privaten Initiativen des Sammelns ins Spiel geraten, dann kommt man doch nicht umhin, an jenen großartigen Text des ungarischen Psychoanalytikers Sandor Ferenczi von 1925 zu erinnern. Denn in jenem Text begründet dieser Theoretiker sehr präzise den Hang zum Sammeln. Er beginnt seine Analyse bei einem sehr einleuchtenden Phänomen der frühen Kindheit: Das Kleinkind nämlich erfährt womöglich die Artikulation seiner Exkremente als erste körperliche Entäußerung, mithin als ersten kreativen Akt – und genießt das. Man kennt dies und die Freude der sehr kleinen Kinder bei dieser Äußerung: Sie jubeln. Blöd für die Kleinkinder ist allerdings, dass die Eltern oder andere betreuende ältere Menschen diese Artikulation nicht mit derselben Begeisterung aufnehmen, vielmehr negativ reagieren, sofort jene Exkremente entsorgen und die Reste davon, die am Körper des Kindes verblieben sind, wegwischen. Man hat dafür sogar gesonderte Produkte, die Windeln, entwickelt.

Wie traurig für die kleinen Kinder. Und noch dann, wenn diese etwas älter geworden sind, sieht man, wenn sie nun auf der Toilette sich der Exkremente entledigt haben, wie glücklich sie über diesen Akt sind und wie traurig sie werden, wenn dann blitzschnell die sie Erziehenden auf jene Vorrichtung der Toilette drücken, um jene Exkremente sofort davon zu spülen, also zu vernichten.

Ferenczi folgert ganz plausibel, dass aus dieser Frustration heraus, das Ergebnis der so frühen persönlichen Kreation im Nichts zerrinnen zu sehen, ein Trieb entstünde, möglichst alles, was mit persönlicher Artikulation zu tun hat, weiter auszuprobieren und aufzubewahren. Im Sandkasten würden zumindest die Jungs gerne in den Sand pinkeln und den mit solcher Feuchtigkeit benetzten Sand als praktikables Material zum Bauen nutzen. Was wiederum von den Erziehungsberechtigten negativ sanktioniert und möglichst vernichtet wird. Woraus, so Ferenczi nach wie vor plausibel, sich als Kompensation jene Kinder, wenn sie denn etwas älter geworden sind, eifrig als Sammler betätigen. Womöglich Steine, dann andere Sachen und gegebenenfalls auch Geld. Immerhin springt berühmterweise Dagobert Duck, die Inkarnation des Besitzers von Geld, leidenschaftlich in sein Geld hinein, um sich darin zu säubern, zu erfrischen und reinzuwaschen.

Somit wäre, folgen wir jenem ungarischen Psychoanalytiker, das Sammeln pures Ergebnis analer Frustration und späte Rache daran. Gegebenenfalls ein Gedanke, der helfen könnte, den derzeitigen Boom an Sammlungen jeglicher und partiell völlig abstruser Art und deren öffentliche Präsenz zu erläutern. Noch plausibler wird das in einer Gesellschaft der ständigen Behütung und Säuberung der Kinder. – Erwähnenswert in diesem Kontext ist aber auch noch, dass gerade die sogenannten Kreativen, zum Beispiel Leute aus dem Design, aus der Architektur und aus der Kunst, sehr gerne sammeln. Eine doppelte Frustrations-Bewältigung des Verdrängten.

Er ist Autor, Design-Theoretiker, Unternehmensberater, Kurator und Organisator; einst CEO des Rat für Formgebung, Mitglied des Beirats der documenta 8 und Gründungsdekan (und dann bis 2013 Professor) der Köln International School of Design/KISD. Erlhoff war Gründer der Raymond Loewy Foundation, ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und leitete als Gastdozent Projekte und Workshops an Universitäten in Tokio, Nagoya, Fukuoka, Hangzhou, Shanghai, Taipei, Hongkong, New York und Sydney.