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von 2140 Forward End
Für den damaligen Weltkonzern AEG entwarf Behrens praktisch alles, was einer Gestaltung bedurfte. Foto © AEG / Electrolux
Andere waren radikaler
von Mathias Remmele
31. Mai 2013
Peter Behrens (1868 bis 1940) ist, man kann es nicht anders sagen, ein Monument der deutschen Architektur- und Designgeschichte. In den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts war er eine der prägenden Figuren auf diesen Gebieten und er gilt deshalb, zur Bekräftigung seines historischen Ranges, als ein Vater der Moderne. Das hängt einerseits mit dem eigenen Werk zusammen, das sich vom Jugendstil über den Neo-Klassizismus und den Expressionismus zu einer gemäßigten Moderne entwickelte. Andererseits wird es durch den Umstand gestützt, dass in Behrens’ Büro in Potsdam-Neubabelsberg Anfang des 20 Jahrhunderts gleich drei spätere Großmeister der Moderne gearbeitet haben: Walter Gropius, Mies van der Rohe und für eine kurze Zeit auch Le Corbusier.

Bekannt wurde Peter Behrens, der abgesehen von einer künstlerischen Ausbildung ein Autodidakt war (worauf er gerne und mit Stolz hinwies), um die Jahrhundertwende als Jugendstilgestalter. Von München aus, wo der gebürtige Hamburger seine Karriere als Maler und Grafiker begann, wurde er 1899 auf die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt berufen. Hier entfaltete er eine breit gefächerte entwerferische Tätigkeit, die im 1901 fertiggestellten eigenen Wohnhaus gipfelte. Mit diesem im Rahmen der Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ zu Schauzwecken realisierten Haus, für das Behrens auch die komplette Einrichtung geschaffen hatte, etablierte er sich als ein führender Meisters des neuen Stils. Nach einem Zwischenspiel in Düsseldorf, wo er 1903 für vier Jahre als Direktor der Kunstgewerbeschule amtierte und eine grundlegende Reform auf den Weg brachte, wurde er 1907 als künstlerischer Beirat der „Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft“ AEG nach Berlin engagiert. Für den damaligen Weltkonzern entwarf Behrens in den folgenden Jahren praktisch alles, was einer Gestaltung bedurfte: Fabrikgebäude und Werkswohnungen, Produkte – also Elektrogeräte –, Kataloge, Messestände und Geschäfte sowie das noch heute gebräuchliche Logo. Er prägte damit das Erscheinungsbild des Unternehmens und schuf für die AEG eine viel beachtete frühe Form des Corporate Designs. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg konzentrierte sich seine Arbeit dann im Wesentlichen auf architektonische Aufgaben.

Erstmals seit Jahrzehnten ist jetzt Behrens Schaffen als Designer wieder einmal Gegenstand einer Ausstellung, die für sich in Anspruch nehmen kann, fast das gesamte Œuvre des Meisters im Bereich der angewandten Kunst zu präsentieren. Die Grundlage für die in der Kunsthalle Erfurt präsentierte Schau „Peter Behrens – Vom Jugendstil zum Industriedesign“ bildet eine bedeutende Hamburger Privatsammlung, die nicht nur Arbeiten von Behrens, sondern auch wichtige Werke seiner Vorgänger, Vorbilder und Zeitgenossen umfasst. Das ermöglicht ihre Einbettung in den historischen Kontext und regt zu Vergleichen an, die freilich, nebenbei bemerkt, nicht immer zu Behrens Gunsten ausfallen.

Die Ausstellung findet im Rahmen des Van-de-Velde-Jahres 2013 statt. Von diesem thematischen Kontext abgesehen, gibt es keinen besonderen Anlass und keinen speziellen Bezug zu Erfurt. Das ist vielleicht das Problem dieser Schau. Sicher, was dem Publikum hier präsentiert wird, ist in Qualität und Umfang herausragend. Es dürfte vermutlich länger dauern, bis sich wieder einmal die Chance bietet, das Design von Behrens in dieser Breite zu betrachten. Schon dafür lohnt der Weg in die Thüringer Landeshauptstadt, die ja überhaupt und ganz abgesehen von dieser Ausstellung immer mal eine Reise wert ist. Aber der Funke der Begeisterung will in dieser Behrens-Ausstellung einfach nicht so recht überspringen. Das mag zum Teil an der zwar bemühten, aber nicht wirklich überzeugenden Ausstellungsgestaltung (Holzer Kobler Architekturen) liegen, hat aber einen tieferen Grund.

Man fragt sich am Ende, warum man sich gerade jetzt und heute mit Behrens beschäftigen soll. Die andauernde Aktualität des Meisters wird zwar im Katalog (mit seinen bisweilen recht akademischen Aufsätzen) mehrfach behauptet, in der Ausstellung selbst aber nicht nachgewiesen. Die Schau wirft im Ganzen kein neues Licht auf das vergleichsweise gut erforschte, oft publizierte Werk. Bisweilen lässt sie seine Arbeiten doch sehr datiert, sprich: zeitgebunden erscheinen. Wie bei allen bedeutenden Jugendstilgestaltern, so beeindruckt auch bei Behrens die unglaubliche Vielfalt des (teilweise überaus komplexen) Ornaments und die Virtuosität, mit der sie gehandhabt wird. Zugleich wird, vor allem anhand einiger seiner Besteck-Entwürfe, eine alte Kritik am Jugendstil nachvollziehbar: Dass nämlich das Jugendstilornament den Objekten meist ebenso äußerlich appliziert sei, wie zuvor der historisierende Schmuck. Andere Gestalter der Zeit, etwa Riemerschmid, van de Velde und Josef Hoffmann, sind zumindest bei Essbestecken viel radikaler zu Werke gegangen als Behrens. In dem sie auch funktionale Aspekte wie etwa die Handhabung des Bestecks neu bedachten, gelangen ihnen entschieden zukunftsweisendere Entwürfe.

Als problematisch erweist es sich auch, Möbel und Einrichtungsobjekte, die als aufeinander abgestimmte Teile eines gestalterischen Gesamtkunstwerkes konzipiert wurden, in der Ausstellung isoliert zu zeigen. So verlieren beispielsweise die aus Behrens’ Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe stammenden Esszimmerstühle – es gab ein mit Armlehnen ausgestattetes Damenmodell und ein einfacheres Herrenmodell –, wenn sie für sich genommen auf ein Podest gestellt werden, fast dramatisch an Überzeugungskraft.

Behrens’ historischer Rang als Designer ist unbestritten. Die Erfurter Ausstellung erweist das sowohl durch die thematische Breite seiner Arbeiten als auch durch die zeitbeständige Schönheit einzelner Werke – etwa durch die für das Darmstädter Haus entworfenen Kelchgläser mit rubinrotem Fuß. Insgesamt aber gewinnt man hier den Eindruck, es sei doch zeitgebundener als gedacht.


„Peter Behrens – Vom Jugendstil zum Industriedesign“
16.06. 2013
Kunsthalle Erfurt, bis zum 16. Juni
www.kunsthalle-erfurt.de

Peter Behrens, ein deutscher Architekt, Maler, Designer und Typograf, gilt als ein führender Vertreter des modernen Industriedesigns. Foto © AEG / Electrolux
Peter Behrens wurde 1907 als künstlerischer Beirat der „Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft“ nach Berlin engagiert. Foto © AEG / Electrolux
Behrens entwarf nicht nur das Logo, sondern prägte das komplette Erscheinungsbild der AEG. Foto © AEG / Electrolux
Auf der Mathildenhöhe in Darmstadt entfalte Behrens seine breit gefächerte entwerferische Tätigkeit, die im 1901 fertiggestellten eigenen Wohnhaus gipfelte. CC flickr / dalbera
Teile eines Kaffeeservices, Porzellan mit Aufglasurmalerei in Grün, 1901 © Sammlung Schröder, Foto © Alexander Burzik
Die Esszimmerstühle, ein Damen- und ein Herrenmodell, stammen aus Behrens' Haus in der Darmstädter Künstlerkolonie. Foto © Mathias Remmele
Für sein eigenes Wohnhaus, das im Rahmen der Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ zu Schauzwecken realisiert wurde, schuf Behrens auch die komplette Einrichtung. CC flickr / dalbera
Für das Darmstädter Haus entwarf Peter Behrens 1901 Kelchgläser mit rubinrotem Fuß. © Sammlung Schröder, Foto © Alexander Burzik
Behrens' Teekessel Entwurf für die AEG. Foto © AEG / Electrolux
Architektur › 2013 › Mai
Andere waren radikaler
von Mathias Remmele | 31. Mai 2013
Im Rahmen des Van-de-Velde-Jahres findet in Erfurt zu Zeit eine Ausstellung über den Architekten und Designer Peter Behrens statt. Sein Rang als ein Vater der Moderne ist zwar unbestritten, im Rückblick aber wirkt so mancher seiner Entwürfe doch recht zeitgebunden.

Peter Behrens (1868 bis 1940) ist, man kann es nicht anders sagen, ein Monument der deutschen Architektur- und Designgeschichte. In den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts war er eine der prägenden Figuren auf diesen Gebieten und er gilt deshalb, zur Bekräftigung seines historischen Ranges, als ein Vater der Moderne. Das hängt einerseits mit dem eigenen Werk zusammen, das sich vom Jugendstil über den Neo-Klassizismus und den Expressionismus zu einer gemäßigten Moderne entwickelte. Andererseits wird es durch den Umstand gestützt, dass in Behrens’ Büro in Potsdam-Neubabelsberg Anfang des 20 Jahrhunderts gleich drei spätere Großmeister der Moderne gearbeitet haben: Walter Gropius, Mies van der Rohe und für eine kurze Zeit auch Le Corbusier.

Bekannt wurde Peter Behrens, der abgesehen von einer künstlerischen Ausbildung ein Autodidakt war (worauf er gerne und mit Stolz hinwies), um die Jahrhundertwende als Jugendstilgestalter. Von München aus, wo der gebürtige Hamburger seine Karriere als Maler und Grafiker begann, wurde er 1899 auf die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt berufen. Hier entfaltete er eine breit gefächerte entwerferische Tätigkeit, die im 1901 fertiggestellten eigenen Wohnhaus gipfelte. Mit diesem im Rahmen der Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ zu Schauzwecken realisierten Haus, für das Behrens auch die komplette Einrichtung geschaffen hatte, etablierte er sich als ein führender Meisters des neuen Stils. Nach einem Zwischenspiel in Düsseldorf, wo er 1903 für vier Jahre als Direktor der Kunstgewerbeschule amtierte und eine grundlegende Reform auf den Weg brachte, wurde er 1907 als künstlerischer Beirat der „Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft“ AEG nach Berlin engagiert. Für den damaligen Weltkonzern entwarf Behrens in den folgenden Jahren praktisch alles, was einer Gestaltung bedurfte: Fabrikgebäude und Werkswohnungen, Produkte – also Elektrogeräte –, Kataloge, Messestände und Geschäfte sowie das noch heute gebräuchliche Logo. Er prägte damit das Erscheinungsbild des Unternehmens und schuf für die AEG eine viel beachtete frühe Form des Corporate Designs. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg konzentrierte sich seine Arbeit dann im Wesentlichen auf architektonische Aufgaben.

Erstmals seit Jahrzehnten ist jetzt Behrens Schaffen als Designer wieder einmal Gegenstand einer Ausstellung, die für sich in Anspruch nehmen kann, fast das gesamte Œuvre des Meisters im Bereich der angewandten Kunst zu präsentieren. Die Grundlage für die in der Kunsthalle Erfurt präsentierte Schau „Peter Behrens – Vom Jugendstil zum Industriedesign“ bildet eine bedeutende Hamburger Privatsammlung, die nicht nur Arbeiten von Behrens, sondern auch wichtige Werke seiner Vorgänger, Vorbilder und Zeitgenossen umfasst. Das ermöglicht ihre Einbettung in den historischen Kontext und regt zu Vergleichen an, die freilich, nebenbei bemerkt, nicht immer zu Behrens Gunsten ausfallen.

Die Ausstellung findet im Rahmen des Van-de-Velde-Jahres 2013 statt. Von diesem thematischen Kontext abgesehen, gibt es keinen besonderen Anlass und keinen speziellen Bezug zu Erfurt. Das ist vielleicht das Problem dieser Schau. Sicher, was dem Publikum hier präsentiert wird, ist in Qualität und Umfang herausragend. Es dürfte vermutlich länger dauern, bis sich wieder einmal die Chance bietet, das Design von Behrens in dieser Breite zu betrachten. Schon dafür lohnt der Weg in die Thüringer Landeshauptstadt, die ja überhaupt und ganz abgesehen von dieser Ausstellung immer mal eine Reise wert ist. Aber der Funke der Begeisterung will in dieser Behrens-Ausstellung einfach nicht so recht überspringen. Das mag zum Teil an der zwar bemühten, aber nicht wirklich überzeugenden Ausstellungsgestaltung (Holzer Kobler Architekturen) liegen, hat aber einen tieferen Grund.

Man fragt sich am Ende, warum man sich gerade jetzt und heute mit Behrens beschäftigen soll. Die andauernde Aktualität des Meisters wird zwar im Katalog (mit seinen bisweilen recht akademischen Aufsätzen) mehrfach behauptet, in der Ausstellung selbst aber nicht nachgewiesen. Die Schau wirft im Ganzen kein neues Licht auf das vergleichsweise gut erforschte, oft publizierte Werk. Bisweilen lässt sie seine Arbeiten doch sehr datiert, sprich: zeitgebunden erscheinen. Wie bei allen bedeutenden Jugendstilgestaltern, so beeindruckt auch bei Behrens die unglaubliche Vielfalt des (teilweise überaus komplexen) Ornaments und die Virtuosität, mit der sie gehandhabt wird. Zugleich wird, vor allem anhand einiger seiner Besteck-Entwürfe, eine alte Kritik am Jugendstil nachvollziehbar: Dass nämlich das Jugendstilornament den Objekten meist ebenso äußerlich appliziert sei, wie zuvor der historisierende Schmuck. Andere Gestalter der Zeit, etwa Riemerschmid, van de Velde und Josef Hoffmann, sind zumindest bei Essbestecken viel radikaler zu Werke gegangen als Behrens. In dem sie auch funktionale Aspekte wie etwa die Handhabung des Bestecks neu bedachten, gelangen ihnen entschieden zukunftsweisendere Entwürfe.

Als problematisch erweist es sich auch, Möbel und Einrichtungsobjekte, die als aufeinander abgestimmte Teile eines gestalterischen Gesamtkunstwerkes konzipiert wurden, in der Ausstellung isoliert zu zeigen. So verlieren beispielsweise die aus Behrens’ Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe stammenden Esszimmerstühle – es gab ein mit Armlehnen ausgestattetes Damenmodell und ein einfacheres Herrenmodell –, wenn sie für sich genommen auf ein Podest gestellt werden, fast dramatisch an Überzeugungskraft.

Behrens’ historischer Rang als Designer ist unbestritten. Die Erfurter Ausstellung erweist das sowohl durch die thematische Breite seiner Arbeiten als auch durch die zeitbeständige Schönheit einzelner Werke – etwa durch die für das Darmstädter Haus entworfenen Kelchgläser mit rubinrotem Fuß. Insgesamt aber gewinnt man hier den Eindruck, es sei doch zeitgebundener als gedacht.


„Peter Behrens – Vom Jugendstil zum Industriedesign“
16.06. 2013
Kunsthalle Erfurt, bis zum 16. Juni
www.kunsthalle-erfurt.de