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Architektur mit Witz und Verve: Venezianische Streifzüge Folge 11
von Georg-Christof Bertsch | 11. Oktober 2009
MP 17 Visionaries of the ´60s Confront the Upheavals of Today by Marjetica Potrč Courtesy the artist and Galerie Nordenhake, Berlin

Diese Wand voller kleiner, weiß gerahmter Blätter mit bunten Zeichnungen ist ein Unikum auf der diesjährigen Biennale in Venedig. Ganze Familien stehen davor, lesen, diskutieren. Kinder und Eltern feixen gemeinsam über erstaunliche Erfindungen und Möglichkeiten, über Aufforderungen, Pamphlete und Anweisungen. Hier blitzt eine freudvolle Zukunft auf; ein Leben jenseits unserer hausgemachten Katastrophen wie Wassermangel und Zersiedelung. Die Künstlerin hat eine nachhaltige und überdies machbare Welt vor Augen - und sie kennt sich erstaunlich gut aus auf diesem Globus: in Favelas und Slums, mit Solarthermie und Regenwassersammeln, mit Verkehrslasten und Aquiferen. Sie beschreibt keine Utopien. Was sie dokumentiert, sind konkrete Ideen, erreichbare Vorhaben, stolze Haltungen.

Was macht die Arbeit so ungewöhnlich? Marjetica Potrč, 1953 geboren, erklärt vermeintlich Kompliziertes ganz einfach und schlicht. Für Daniel Birnbaum, der sie innerhalb seiner Schau „Fare Mondi" präsentiert, ist der schöpferische Aspekt wichtig, ihre Fähigkeit, eine neue Sichtweise zu etablieren: „Der Kontext, auf den sie sich bezieht", sagt er, „mag recht apokalyptisch erscheinen. Aber die Zeichnungen zeigen doch auch, dass es gute Gründe gibt, optimistisch zu sein." Sie entwirft Städteplanung ohne Planfeststellungsbeschluss und Katasteramt. Sie zeigt, dass Architektur und Urbanismus oft dort besser, lebenswerter gedeihen, wo keine Regularien existieren - in Ländern des Übergangs, in selbstgebauten Vierteln informeller Städte. Sie lässt erkennen, welche Orte es geben könnte, wenn man kafkaeske Vorschriften und raubritterische Kapitalinteressen los wäre, die uns das Leben vergällen. Sie geht dabei weit über Zivilisationsflucht und Lehmbau-Eskapismus früher Öko-Architektur hinaus. Was sie anspricht ist Heutiges, Konkretes: vermeidbare Katastrophen, wie die Katrina-Flut. Machbare Projekte, wie der Rückbau von Betonflächen und vor allem die Beatmung verschütteter Träume von lebenswerten Städten.

Ihre Arbeit wirkt befreiend, denn sie ist nicht sarkastisch, nicht monumentalistisch und nicht hermetisch. Sie steckt den Kopf nicht in den Sand. Und: Marjetica Potrč kann erzählen! Sie erzählt in einem epischen Fluss, mit Verve, Lockerheit und einer mächtigen Kondition. Sie ist bereit und in der Lage, seit Jahren komplizierte Zusammenhänge als Folge von Anekdoten zu skizzieren, die einem Teppich von Bayeux des 21. Jahrhunderts gleichkommen. Und sie entwirft, projektiert, baut auch selbst.

Ihr Vater, Ivan Potrč, war einer der bedeutendsten slowenischen Schriftsteller und Dramatiker, Mitbegründer des sozialen Realismus. Ihre Mutter, Branca Jurca gehört zu den produktivsten Kinderbuchautorinnen Europas. Beides vereint Marjetica Potrč in sich: die Leichtigkeit einer für jeden verständlichen Story und die Kälte und Härte der Themen. Potrč studierte in Ljubljana Architektur und Skulptur. Vor der Unabhängigkeitserklärung und dem Zehn-Tage-Krieg wanderte sie 1990 in die Vereinigten Staaten aus. Dort hielt es sie jedoch nicht lange. Nach vier Jahren kam sie zurück und entwickelt sich seitdem zu einer prägenden Persönlichkeit der europäischen Kunstszene. Sie ist eher ein Familienmensch, weniger eine Frau der großen Bühne. Diese biografische Schleife ist unumgänglich, ihr Hintergrund auf dem Balkan ist essentiell, um das Werk zu verstehen. Potrč ist jedoch eine Weltbürgerin erster Klasse: In Caracas, Venezuela, entwickelte sie eine Trockentoilette für den Slum La Vega (2003), und im indischen Rajastan arbeitete sie mit „Barefoot College" zusammen.

In Deutschland haben sie in den letzten Jahren gleich zwei Kunsthallen mit einer Premieren-Ausstellung geehrt. Im Jahr 2007 hatte sie eine Einzelausstellung in der Galerie Berlin in Berlin. 2006 zeigte der umgezogene Frankfurter Portikus ihr Prishtina-Haus, 2009 die Kunsthalle Lingen (Ems) ihr Tirana-Haus, ein farbenfrohes, keiner Bauordnung folgender Häusertyp aus Albanien. Meike Behm, die Leiterin der Kunsthalle Lingen, schätzt „das Politische, aber auch Zugängliche" an der Künstlerin. Auf die Frage, ob Marjetica Potrč sich als Propagandistin versteht, sagt sie: „Nein, sie ist nicht agitativ. Ihre Arbeit basiert auf der Beobachtung des realen Lebens, nicht auf Ideologie. Wichtig ist nicht nur die künstlerische Arbeit im Atelier oder der Galerie, sondern auch die architektonische Arbeit vor Ort. Ich habe hier in Lingen sehr klar gemacht, dass die Ausstellung für uns eine politische Dimension hat. Das kam in der Öffentlichkeit genau so an und hat viele spannende Diskussionen ausgelöst."

Eine ihrer besonderen Stärken, das wird in der Schau im Arsenale klarer als zuvor, liegt in der Bildergeschichte, in einer fesselnden Narration. Die Subtilität der raschen Geste auf einem Blatt Papier, die Freude am Schöpfen aus dem Nichts, gehen über das tatsächliche Bauen und Machen hinaus. Hier ist Potrč vollkommen frei und ganz sie selbst. Und sie ist in der Lage, diese Freiheit zu nutzen, wobei sie dem kleinen Format eine Würde, eine Freude und visionäre Kraft zu geben imstande ist, die den Betrachter und Leser mitreißt. Dass es ihr gelingt, wichtige Aussagen auf unprätentiöse Art zu machen, ist selten genug in der oft zynischen „Art World". Diese leicht zugängliche Arbeit strahlt Hoffnung aus.

Homo Ludens 2 by Marjetica Potrč; Courtesy the artist and Galerie Nordenhake, Berlin
Homo Ludens 4 by Marjetica Potrč; Courtesy the artist and Galerie Nordenhake, Berlin
by Marjetica Potrč; Courtesy the artist and Galerie Nordenhake, Berlin
News & Stories › 2009 › Oktober
Architektur mit Witz und Verve: Venezianische Streifzüge Folge 11
von Georg-Christof Bertsch | 11. Oktober 2009
Wie würden wir bauen, wenn wir bauen könnten, wie wir wollten? Wie würden unsere Städte aussehen, würden unsere verschütteten Träume wahr? Marjetica Potrč führt es im Arsenale in Venedig spielerisch leicht vor Augen.
Diese Wand voller kleiner, weiß gerahmter Blätter mit bunten Zeichnungen ist ein Unikum auf der diesjährigen Biennale in Venedig. Ganze Familien stehen davor, lesen, diskutieren. Kinder und Eltern feixen gemeinsam über erstaunliche Erfindungen und Möglichkeiten, über Aufforderungen, Pamphlete und Anweisungen. Hier blitzt eine freudvolle Zukunft auf; ein Leben jenseits unserer hausgemachten Katastrophen wie Wassermangel und Zersiedelung. Die Künstlerin hat eine nachhaltige und überdies machbare Welt vor Augen - und sie kennt sich erstaunlich gut aus auf diesem Globus: in Favelas und Slums, mit Solarthermie und Regenwassersammeln, mit Verkehrslasten und Aquiferen. Sie beschreibt keine Utopien. Was sie dokumentiert, sind konkrete Ideen, erreichbare Vorhaben, stolze Haltungen.

Was macht die Arbeit so ungewöhnlich? Marjetica Potrč, 1953 geboren, erklärt vermeintlich Kompliziertes ganz einfach und schlicht. Für Daniel Birnbaum, der sie innerhalb seiner Schau „Fare Mondi" präsentiert, ist der schöpferische Aspekt wichtig, ihre Fähigkeit, eine neue Sichtweise zu etablieren: „Der Kontext, auf den sie sich bezieht", sagt er, „mag recht apokalyptisch erscheinen. Aber die Zeichnungen zeigen doch auch, dass es gute Gründe gibt, optimistisch zu sein." Sie entwirft Städteplanung ohne Planfeststellungsbeschluss und Katasteramt. Sie zeigt, dass Architektur und Urbanismus oft dort besser, lebenswerter gedeihen, wo keine Regularien existieren - in Ländern des Übergangs, in selbstgebauten Vierteln informeller Städte. Sie lässt erkennen, welche Orte es geben könnte, wenn man kafkaeske Vorschriften und raubritterische Kapitalinteressen los wäre, die uns das Leben vergällen. Sie geht dabei weit über Zivilisationsflucht und Lehmbau-Eskapismus früher Öko-Architektur hinaus. Was sie anspricht ist Heutiges, Konkretes: vermeidbare Katastrophen, wie die Katrina-Flut. Machbare Projekte, wie der Rückbau von Betonflächen und vor allem die Beatmung verschütteter Träume von lebenswerten Städten.

Ihre Arbeit wirkt befreiend, denn sie ist nicht sarkastisch, nicht monumentalistisch und nicht hermetisch. Sie steckt den Kopf nicht in den Sand. Und: Marjetica Potrč kann erzählen! Sie erzählt in einem epischen Fluss, mit Verve, Lockerheit und einer mächtigen Kondition. Sie ist bereit und in der Lage, seit Jahren komplizierte Zusammenhänge als Folge von Anekdoten zu skizzieren, die einem Teppich von Bayeux des 21. Jahrhunderts gleichkommen. Und sie entwirft, projektiert, baut auch selbst.

Ihr Vater, Ivan Potrč, war einer der bedeutendsten slowenischen Schriftsteller und Dramatiker, Mitbegründer des sozialen Realismus. Ihre Mutter, Branca Jurca gehört zu den produktivsten Kinderbuchautorinnen Europas. Beides vereint Marjetica Potrč in sich: die Leichtigkeit einer für jeden verständlichen Story und die Kälte und Härte der Themen. Potrč studierte in Ljubljana Architektur und Skulptur. Vor der Unabhängigkeitserklärung und dem Zehn-Tage-Krieg wanderte sie 1990 in die Vereinigten Staaten aus. Dort hielt es sie jedoch nicht lange. Nach vier Jahren kam sie zurück und entwickelt sich seitdem zu einer prägenden Persönlichkeit der europäischen Kunstszene. Sie ist eher ein Familienmensch, weniger eine Frau der großen Bühne. Diese biografische Schleife ist unumgänglich, ihr Hintergrund auf dem Balkan ist essentiell, um das Werk zu verstehen. Potrč ist jedoch eine Weltbürgerin erster Klasse: In Caracas, Venezuela, entwickelte sie eine Trockentoilette für den Slum La Vega (2003), und im indischen Rajastan arbeitete sie mit „Barefoot College" zusammen.

In Deutschland haben sie in den letzten Jahren gleich zwei Kunsthallen mit einer Premieren-Ausstellung geehrt. Im Jahr 2007 hatte sie eine Einzelausstellung in der Galerie Berlin in Berlin. 2006 zeigte der umgezogene Frankfurter Portikus ihr Prishtina-Haus, 2009 die Kunsthalle Lingen (Ems) ihr Tirana-Haus, ein farbenfrohes, keiner Bauordnung folgender Häusertyp aus Albanien. Meike Behm, die Leiterin der Kunsthalle Lingen, schätzt „das Politische, aber auch Zugängliche" an der Künstlerin. Auf die Frage, ob Marjetica Potrč sich als Propagandistin versteht, sagt sie: „Nein, sie ist nicht agitativ. Ihre Arbeit basiert auf der Beobachtung des realen Lebens, nicht auf Ideologie. Wichtig ist nicht nur die künstlerische Arbeit im Atelier oder der Galerie, sondern auch die architektonische Arbeit vor Ort. Ich habe hier in Lingen sehr klar gemacht, dass die Ausstellung für uns eine politische Dimension hat. Das kam in der Öffentlichkeit genau so an und hat viele spannende Diskussionen ausgelöst."

Eine ihrer besonderen Stärken, das wird in der Schau im Arsenale klarer als zuvor, liegt in der Bildergeschichte, in einer fesselnden Narration. Die Subtilität der raschen Geste auf einem Blatt Papier, die Freude am Schöpfen aus dem Nichts, gehen über das tatsächliche Bauen und Machen hinaus. Hier ist Potrč vollkommen frei und ganz sie selbst. Und sie ist in der Lage, diese Freiheit zu nutzen, wobei sie dem kleinen Format eine Würde, eine Freude und visionäre Kraft zu geben imstande ist, die den Betrachter und Leser mitreißt. Dass es ihr gelingt, wichtige Aussagen auf unprätentiöse Art zu machen, ist selten genug in der oft zynischen „Art World". Diese leicht zugängliche Arbeit strahlt Hoffnung aus.