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Bunte Stäbchen und Cy Twombly
von Sandra Hofmeister | 27. Mai 2009
36 000 Keramikstäbe in 23 Farben sind vertikal an der Fassade angebracht - das neue Museum Brandhorst in München präsentiert sich von Außen in irisierenden Flächen, die ihre Farbigkeit je nach Perspektive und Blickwinkel des Betrachters verändern. „Ein großes abstraktes Bild", meint Louisa Hutton vom Berlin-Londoner Büro Sauerbruch Hutton. Ihr Farbkonzept wird als fröhliche, flimmernde Geste erfahrbar, die sich zwischen den Häusern der Münchner Maxvorstadt eingenistet hat und deren Traufhöhe aufnimmt. Die erfrischend unkonventionelle Stäbchenkiste ergänzt das Münchner Museumsareal nach langen Querelen nicht nur mit gelungener Architektur - bei öffentlichen Gebäuden an der Isar nicht immer eine Selbstverständlichkeit - sondern auch mit einer beeindruckenden Kunstsammlung, die die staatlichen Bestände ergänzt. Bewusst haben sich die Architekten dafür entschieden, den Haupteingang des hundert Meter langen Neubaus nicht in Richtung der angrenzenden Pinakothek der Moderne zu platzieren, sondern in die entgegen gesetzte Richtung, nach Schwabing. Ein Entschluss, der nachvollziehbar ist - bedenkt man die nicht ungenügende und weiterhin ungelöste Erschließungssituation der staatstragenden Architektur der Pinakothek der Moderne - und die des gesamten Museumsareals.

Wechselnde Hängung

Der Neubau nimmt die Sammlung von Udo und Annette Brandhorst auf - Gemälde, Videoinstallationen und Skulpturen von Kasimir Malewitsch bis Cy Twombly und Damien Hirst. Nur ein kleiner Teil der insgesamt 700 Werke ist auf den 3.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu sehen - die restliche Kunst will Museumsdirektor Armin Zweite nach einer Übergangsphase in wechselnden Hängungen zeigen. Mit jährlich rund zwei Millionen Euro Ankaufsetat ist die Stiftung im Gegensatz zu den umliegenden staatlichen Museen, deren Budget insgesamt nur 40.000 Euro beträgt, mehr als gut ausgestattet. „Der Ankaufsetat der drei Münchner Pinakotheken ist eine Lachnummer", spottete Armin Zweite in einem Interview. Große öffentliche Häuser könnten unter diesen Bedingungen keine Sammlungspolitik betreiben. Museen wie das der Sammlung Brandhorst, dessen Bau und Betrieb aus öffentlichen Geldern finanziert wird, müssen die leeren Länderkassen ausgleichen und es bleibt zu hoffen, dass Armin Zweite seine Ankaufspolitik auf Ziele ausrichtet, die den Ansprüchen von staatlichen Museen nahe kommen.

Im Inneren des Museums öffnet sich nach einem hellen Foyer eine großzügige Treppenskulptur aus dänischer Eiche, die die Besucher in das Erdgeschoss, den ersten Stock und den Keller verteilt. Die einzelnen Säle sind entsprechend einer klassischen Enfilade angeordnet. Doch Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton haben darauf geachtet, die Raumproportionen unterschiedlich auszuloten und die Durchgänge zu versetzen, damit keine Monotonie aufkommt. Die Innenräume sind in weiß gehalten - nüchtern und zurückhaltend im Gegensatz zur Fassade. Sie öffnen sich kaum nach Außen, schotten sich von ihrer städtischen Umgebung ab und konzentrieren sich ganz auf die Kunst. Ein White Cube also - mit Eichenholzböden. Dank der raffinierten Lichtführung des Londoner Büros Arup gelingt es, Tageslicht in fensterlose Räume umzuleiten, das bei Bedarf mit Kunstlicht gemischt werden kann.

Isaac Julien und Cy Twombly

Die Kunst ist der eigentliche Akteur des Innenraums - die Architektur hält sich im Hintergrund. Das Erdgeschoss trumpft mit Sigmar Polke und Gerhard Richter auf, im Untergeschoss ist Damien Hirsts Pilleninstallation „In this Terrible Moment" (2002) zu sehen. Neben Räumen für lichtempflindliche Arbeiten, in denen aber derzeit unter anderem Mike Kelly Platz gefunden hat, gibt es auch dunkle Boxen für Videokunst - dort ist auch Isaac Juliens beeindruckende Arbeit „Western Union: Small Boats" (2002) zu sehen, als umfassendes Medienerlebnis. Am nachhaltigsten wird Besuchern die Belle étage in Erinnerung bleiben - sie ist ausschließlich Cy Twombly gewidmet. Wunderbare, poetische Tafeln breiten sich auf den weißen Wänden aus - nicht zu dicht gehängt, was angesichts der Formate Cy Twomblys nicht einfach ist. Für den Lepanto-Zyklus entwickelten die Architekten einen eigenen Raum im Kopfbau, dessen polygonale Maße auf die Leinwandgrößen ausgerichtet sind. Ein Kunstereignis, das mit der Raumerfahrung korrespondiert und zu einer fabelhaften Synergie verschmilzt. Als überraschend erweist sich das erstmals ausgestellte Alterswerk des Künstlers: Cy Twombly hat seine ruhige, poetische Patina in Pop-Art-ähnlicher Blütenmotive mit knalligen Farben verwandelt. Die frischen Leihgaben des Künstlers haben selbst den Sammler Udo Brandhorst überrascht, der auf Nachfragen die Antwort von dem medienscheuen Künstler erhielt, das dies nichts anderes wäre als das, was Twombly schon seit Jahren praktiziere.

Allein schon für diesen Saal ist München in Zukunft eine Reise wert. Die Architektur des Museums Brandhorst und die Sammlung selbst bieten erstaunliche Entdeckungen, die den Kunststandort an der Isar in eine neue, zeitgenössische Ära katapultieren.
Museum Brandhorst © NOSHE
Museum Brandhorst © NOSHE
Cy Twombly Lepanto | 2001; Foto: Haydar Koyupinar © Bayerische Staatsgemäldesammlungen | Museum Brandhorst München
Bruce Nauman Mean Clown Welcome | 1989; Foto: Friedrich Rosenstiel © VG-Bildkunst, Bonn 2008
Museum Brandhorst
Museum Brandhorst (links) und Pinakothek der Moderne
Museum Brandhorst © NOSHE
Museum Brandhorst © NOSHE
Museum Brandhorst mit Werken von Andy Warhol; Foto: Haydar Koyupinar; © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst München
Museum Brandhorst mit Werken von Cy Twombly; Foto: Haydar Koyupinar © Bayerische Staatsgemäldesammlungen | Museum Brandhorst München
Museum Brandhorst; Foto: Haydar Koyupinar; © Museum Brandhorst
Museum Brandhorst