transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Das Bad als funktionale Landschaft
26. Mai 2011
Philippe Grohe, alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Thomas Wagner: Herr Grohe, Sie leben auf einem alten Schwarzwaldhof, Sie sind naturverbunden, gehen Tauchen und Wellenreiten. Wie kann aus einer Nasszelle eine Badlandschaft werden?

Philippe Grohe: Sicher kann nicht jedes Bad eine Art „Landschaft" sein. Deshalb spreche ich, wenn es um das Thema „integrierte Ablagen" geht, lieber von „funktionalen Landschaften". Sie zu entwerfen, ist nicht nur eine Herausforderung für Designer, es bedeutet für ein Unternehmen wie Hansgrohe auch, sich noch intensiver als bisher mit Architekten und Innenarchitekten auseinanderzusetzen, also mit all jenen zu reden, die sich jeden Tag mit der Einrichtung von Bädern beschäftigen und zu fragen, welche Erwartungen wir heute mit dem Bad verbinden. All das steckt im Stichwort „funktionale Landschaft".

Was genau verstehen Sie unter einer „funktionalen Landschaft"?

Philippe Grohe: Der Waschtisch als Miniaturlandschaft bildet eine Ebene, die Wanne eine weitere, die Dusche abermals eine andere – und mit den Ablagen kommen weitere Ebenen hinzu. Zusammen bilden diese Elemente so etwas wie eine gestaltete Landschaft. Denken Sie an terrassierte Reisfelder. Dabei kommt es darauf an, Design und Funktionalität miteinander in Einklang zu bringen.

Welche Art von Produkt erlaubt es, eine solche „Landschaft" zu entwickeln?

Philippe Grohe: Gemeinsam mit Ronan & Erwan Bouroullec haben wir mit „Axor Bouroullec" eine überzeugende Lösung für eine „funktionale Landschaft" entwickelt, auf die wir stolz sind. Ob Seife, Lotion oder Zahnputzbecher, jedes Objekt kann frei auf verschiedenen Ablagen und unterschiedlichen Ebenen präsentiert werden. Das ist aber längst nicht alles. Worum es geht, ist ein in viele Richtungen offenes System, bei dem auch die Anordnung der Armatur eine wichtige Rolle spielt. Im Grunde genommen bedeutet die Möglichkeit, mit verschiedenen Armaturen „spielen" zu können, wirklich eine Innovation. Die Freiheiten, die dieses System bietet, müssen aber erst verstanden werden.

Welche Möglichkeiten stecken in dem System?

Philippe Grohe: Mit verschiedenen Typen von Armaturen und deren Anordnung spielen zu können, bedeutet für uns als Hersteller einen großen Schritt nach vorne, auch im Kopf. Das zieht vieles nach sich, auch im Markt. Für den Endverbraucher sind die vielen Ablageflächen natürlich das Wichtigste, da die Armaturen – hat man sich erst einmal für eine Variante entschieden – ja fest montiert sind. Das heißt, wir versuchen nicht mehr einen Seifenspender oder eine Seifenschale zu verkaufen, die an die Wand geschraubt werden. Stattdessen geben wir dem Architekten, Bauherrn und Nutzer die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzten – funktional und ästhetisch. Schließlich haben wir es mit Produkten zu tun, die fünfzehn oder zwanzig Jahre lang bestehen müssen. Auch deshalb laden wir den Nutzer ein, selbst Akzente zu setzen. Wenn Ihnen ihre hellgrüne Seifenschale nicht mehr gefällt, nehmen Sie einfach eine andere ...

Wie wichtig sind die Armaturen dabei?

Philippe Grohe: Es sind die Armaturen, die es bei „Axor Bouroullec" möglich machen, besser auf die Architektur einzugehen. Hat man ein Fenster hinter dem Waschbecken, setzt man die Armatur einfach auf die Seite. Will man lieber eine Standarmatur – kein Problem. Das System macht es möglich, individuelle Lösungen zu entwickeln, ganz gleich ob der Endverbraucher eher funktional oder ästhetisch orientiert ist, ob er eine eher konventionelle Lösung bevorzugt oder mutig genug ist, eine extravagante Variante zu entwickeln.

Wird das Baddesign mit „Axor Bouroullec" demokratischer?

Philippe Grohe: In jedem Fall. Bauherr und Nutzer sind heutzutage gut informiert und kompetent, das darf man nicht vergessen. Deshalb sagen wir: Feel free to compose. Trotzdem ist „Axor Bouroullec" auch eine perfekte Kollektion für Architekten. Man kann einem Planer sagen: Mithilfe dieser Kollektion kannst du etwas ganz Eigenes erfinden. Es geht also nicht nur darum, viele Varianten von Becken oder Ablagen auf den Markt zu werfen. Es geht auch um Respekt vor der Kreativität der Planer und der Nutzer. Das eine ist Respekt, das andere ist Innovation, wirkliche Innovation; und das dritte ist die langfristige Perspektive, die das System eröffnet. Wer einfach viele unterschiedliche Produkte anbietet, der kann nur im niedrigen Preissegment erfolgreich sein. Gleichwohl ist es nicht leicht, den langfristigen Wert einer Sache zu vermitteln, auch wenn sich, was im ersten Moment teuer scheint, auf lange Sicht als günstig erweist. Das Wichtigste bei der ganzen Geschichte aber ist der Dialog. Dass dieser intensiviert wird, kann man demokratisch nennen. Vor allem aber zwingt er alle Beteiligten, sich über ihre Vorstellungen klar zu werden und sie untereinander abzustimmen.

Es geht also darum, auf Augenhöhe miteinander zu reden. Diskutieren und entscheiden macht ja auch Spaß.

Philippe Grohe: Der Verbraucher sieht vor allem das Ergebnis, der Architekt kennt die Möglichkeiten und berät ihn; und auch der Handwerker ist froh darüber, wenn der Kunde kompetent auftritt. Am Ende muss die Gesamtlösung stimmen, darin liegt das gemeinsame Interesse. Ein Bad ist ja zum Glück immer weniger die funktionale Nasszelle, in der man sich schnell mal reinigt.

Sind Sie da so sicher? Spukt die funktionale und standardisierte Nasszelle der Moderne nicht noch immer durch die Baumärkte?

Philippe Grohe: Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Ich bin sogar überrascht, wie groß die Dynamik der Entwicklung ist. Wir sprechen ja von einer eher konservativen Branche. Außerdem ist das Bad ein technisch sehr komplexer Raum innerhalb des Hauses. Bei der Planung kann man im Umgang mit Wasser vieles falsch machen; wenn das geschieht, dann hat man ein richtiges Problem. Das andere ist, dass es in Deutschland viele Häuschenbauer gibt, die keine Architekten hinzuziehen, sondern allein auf einen technischen Planer vertrauen. Und was machen sie dann? Sie bauen das Haus ihrer Eltern nach und verändern nur einige Details, um es in die Jetztzeit zu projizieren. Hier gibt es noch viel zu tun. Architekten und Innenarchitekten haben das Thema angenommen. Und auch wir haben viel dafür getan. Wir haben bei jeder Neuheit nicht einfach gesagt: „Wow, sieht das toll aus!", sondern anhand von Beispielräumen vorgeführt, wie ein neues Bad aussehen könnte. Wo Fragen des Geschmacks eine Rolle spielen, gibt es nicht das eine, perfekte Bad für alle. Ich glaube, am Ende muss sich jeder, der ein Bad plant, mit seinen persönlichen Vorstellungen auseinandersetzen! Dabei sehen wir „Axor Bouroullec" durchaus als Katalysator.

Sind Sie sicher, dass der durchschnittliche Bauherr nicht doch vor allem ein funktionales Bad will? Auch wenn es anschließend individuell dekoriert wird?

Philippe Grohe: Ich glaube, das kann man so nicht sagen. Natürlich ist Funktionalität wichtig, am Ende muss man sich in jedem Bad waschen können. Bei allem, was darüber hinausgeht, wird es jedoch sehr persönlich. Was wir vermitteln wollen ist: Ein Bad ist mehr als eine Nasszelle. Nehmen Sie ein Beispiel: Als wir begonnen haben, mit Patricia Urquiola zusammenzuarbeiten, habe ich sie gefragt: „Was bedeutet das Bad für Dich?" – das ist meine Standardfrage, wenn ich einen Designer zum ersten Mal treffe. Sie hat mich angeschaut und gesagt: „Für mich ist das Bad der Raum, in dem ich mich jeden Morgen im Spiegel betrachten muss." Das wäre einem Mann nie eingefallen. Sie will sich nicht in einem Spiegel direkt über dem Waschtisch anschauen müssen. Deshalb haben wir gemeinsam mit ihr Alternativen entwickelt. Außerdem hat sie hat die Position der Waschtische in Frage gestellt. Müssen diese nebeneinander stehen, wenn die Frau unzählige Töpfchen darauf abstellt und der Mann irgendwie mit seinem Rasierapparat hantieren muss? Also gibt es einen Waschtisch für sie und einen für ihn. Ich behaupte, dass die Mehrzahl der Bäder, die heutzutage in Deutschland gebaut werden, von gestern sind. Das ist keine Frage des Platzes und des Budgets. Hier gibt es noch viel zu tun.

Wie beantworten Sie selbst die Frage? Wie sieht Ihre Idealvorstellung eines Badezimmers aus?

Philippe Grohe: Wasser ist per se ein fantastisches Medium, nicht nur emotional oder was Hygiene und Gesundheit angeht. Für mich persönlich ist Duschen das Wichtigste. Das Wellness-Center, auch eines sehr kleinen Badezimmers, ist eine gute Dusche. Licht spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Beides natürlich in guter Qualität und ansprechendem Design.

Die Küchenhersteller sagen: Die Küche war schon immer Mittelpunkt des Hauses. Die Badhersteller sagen: Eigentlich steht das Bad im Zentrum des Hauses. Wie sehen Sie das?

Philippe Grohe: Küche und Bad sind zwei ganz zentrale Bereiche des Hauses. Wenn ich ehrlich bin: Zuerst muss ich essen und trinken; das Waschen kommt danach. Allerdings beobachten wir auch, dass das Bad in der Architektur des Wohnens zunehmend an Bedeutung und an Aufmerksamkeit gewinnt. Im Zentrum steht es da sicher noch nicht, aber eben auch nicht mehr am Rand.

Das Schlafbad haben wir schon, ein Wohnbad ist eher selten – oder?

Philippe Grohe: Wir hatten in den neunziger Jahren mit „Cocoon" eine Dusche im Programm, die auf offene Wohnsituationen wie in einem Loft abzielte. Aber ganz so offen ist es dann oftmals doch nicht! Ich glaube, das Bad ist ein wichtiger Ort der familiären Kommunikation. Hier begegnet man sich morgens und abends, hier kann man sich entspannen und regenerieren, hier kann man erleben, wie erfrischend und belebend Wasser ist. In der Küche, beim Essen, trifft man ja nicht nur die Familie, sondern auch Freunde und Bekannte. Die Küche ist deshalb sicher der sozialere Ort. Was den privaten Bereich angeht, steht aber das Bad im Zentrum.

Sicher, das Bad ist eher ein privater Raum. Aber sind Badezimmer in den letzten Jahren nicht zunehmend repräsentativ geworden? Welche Repräsentationsfunktionen muss ein Bad heutzutage erfüllen? Ist es der Stolz der Hausfrau oder des Bauherrn? Führt man einen Besucher ins Bad? Muss es überhaupt repräsentativ sein oder ist es der Ort, an dem man sich selbst etwas Gutes tut, sich entspannt, die alltäglichen Probleme hinter sich lässt?

Philippe Grohe: Für mich ist das Repräsentative nicht wirklich relevant. Ich würde viel lieber daran glauben, dass die Leute sich im Badezimmer etwas Gutes tun wollen, statt es anderen zeigen zu wollen. Vielleicht ist es für jemanden im Alter zwischen dreißig und vierzig wichtiger, sein neues Badezimmer vorzuzeigen – keine Ahnung. Für mich geht es um Lebensqualität und nicht um Repräsentation.

Was denken Sie, wie wird sich das Bad als Landschaft oder Topographie weiterentwickeln?

Philippe Grohe: Es gibt mehr als einen Weg, dem man folgen kann. Es sind vor allem zwei Faktoren, die beeinflussen, was wir tun. Das eine ist das Bedürfnis, sich wohlzufühlen. Das ist in den letzten dreißig oder vierzig Jahren erheblich gewachsen. Und weil sich unser Leben immer schneller verändert und nicht eben ruhiger zu werden scheint, wird es weiter zunehmen. Jeder möchte sich wohlfühlen, und er tut auch etwas dafür, nicht nur am Wochenende oder im Urlaub. Das zweite ist die Notwenigkeit, die Ressource „Wasser" zu schonen. „Wellness" können Sie auch ohne aufwendige Technologie haben, meist brauchen Sie dann aber viel Wasser. Je effizienter sie beim Wasserverbrauch werden, umso wichtiger wird die Technologie. Dasselbe gilt für das Thema „Energie". Kaltes Wasser kann sehr erfrischend sein, ein Genuss wird es nicht immer sein. Auf all das muss das „System Bad" überzeugende Antworten geben.

Wo wird sich technologisch und ästhetisch am meisten verändern? Wie sieht eine Kombination aus intelligenter Technik und gelungenem Design aus?

Philippe Grohe: Das Stichwort, das beides vereint, heißt Komfort. Das Streben nach Komfort war immer eine Motivation, etwas zu verändern. Als in Zürich Kantonalwahlen anstanden, gab eine Initiative, die es Eltern verbieten wollte, ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Das ist nicht das Komfortabelste, aber in einer Welt, die von Abgasen und Stau bestimmt wird und in der Kinder immer häufiger fettleibig werden, ist das Komfortabelste nicht unbedingt das Beste. Die Grenzen verschieben sich permanent. Darüber diskutieren wir im Unternehmen. Gegenwärtig denke ich: Technologie wird wieder wichtiger werden, Design aber seine Bedeutung behalten. Ein guter Mix aus beidem hilft der Umwelt und dem, der sich in seinem Bad wohlfühlen möchte.

Armaturen und Accessoires von Patricia Urquiola für Axor/Hansgrohe
Mehrere Produkte von Ronan und Erwan Bouroullec für Axor/Hansgrohe
Axor Bouroullec Waschtischarmatur
News & Stories › 2011 › Mai
Das Bad als funktionale Landschaft
26. Mai 2011
„Axor Bouroullec" ist ein variables System aus Waschbecken, Ablagen und Armaturen. Thomas Wagner hat mit Philippe Grohe, dem Enkel des Firmengründers Hans Grohe und Leiter der Marke „Axor", über Badlandschaften, die Einbeziehung des Nutzers und die Zukunft des Bades gesprochen.
Thomas Wagner: Herr Grohe, Sie leben auf einem alten Schwarzwaldhof, Sie sind naturverbunden, gehen Tauchen und Wellenreiten. Wie kann aus einer Nasszelle eine Badlandschaft werden?

Philippe Grohe: Sicher kann nicht jedes Bad eine Art „Landschaft" sein. Deshalb spreche ich, wenn es um das Thema „integrierte Ablagen" geht, lieber von „funktionalen Landschaften". Sie zu entwerfen, ist nicht nur eine Herausforderung für Designer, es bedeutet für ein Unternehmen wie Hansgrohe auch, sich noch intensiver als bisher mit Architekten und Innenarchitekten auseinanderzusetzen, also mit all jenen zu reden, die sich jeden Tag mit der Einrichtung von Bädern beschäftigen und zu fragen, welche Erwartungen wir heute mit dem Bad verbinden. All das steckt im Stichwort „funktionale Landschaft".

Was genau verstehen Sie unter einer „funktionalen Landschaft"?

Philippe Grohe: Der Waschtisch als Miniaturlandschaft bildet eine Ebene, die Wanne eine weitere, die Dusche abermals eine andere – und mit den Ablagen kommen weitere Ebenen hinzu. Zusammen bilden diese Elemente so etwas wie eine gestaltete Landschaft. Denken Sie an terrassierte Reisfelder. Dabei kommt es darauf an, Design und Funktionalität miteinander in Einklang zu bringen.

Welche Art von Produkt erlaubt es, eine solche „Landschaft" zu entwickeln?

Philippe Grohe: Gemeinsam mit Ronan & Erwan Bouroullec haben wir mit „Axor Bouroullec" eine überzeugende Lösung für eine „funktionale Landschaft" entwickelt, auf die wir stolz sind. Ob Seife, Lotion oder Zahnputzbecher, jedes Objekt kann frei auf verschiedenen Ablagen und unterschiedlichen Ebenen präsentiert werden. Das ist aber längst nicht alles. Worum es geht, ist ein in viele Richtungen offenes System, bei dem auch die Anordnung der Armatur eine wichtige Rolle spielt. Im Grunde genommen bedeutet die Möglichkeit, mit verschiedenen Armaturen „spielen" zu können, wirklich eine Innovation. Die Freiheiten, die dieses System bietet, müssen aber erst verstanden werden.

Welche Möglichkeiten stecken in dem System?

Philippe Grohe: Mit verschiedenen Typen von Armaturen und deren Anordnung spielen zu können, bedeutet für uns als Hersteller einen großen Schritt nach vorne, auch im Kopf. Das zieht vieles nach sich, auch im Markt. Für den Endverbraucher sind die vielen Ablageflächen natürlich das Wichtigste, da die Armaturen – hat man sich erst einmal für eine Variante entschieden – ja fest montiert sind. Das heißt, wir versuchen nicht mehr einen Seifenspender oder eine Seifenschale zu verkaufen, die an die Wand geschraubt werden. Stattdessen geben wir dem Architekten, Bauherrn und Nutzer die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzten – funktional und ästhetisch. Schließlich haben wir es mit Produkten zu tun, die fünfzehn oder zwanzig Jahre lang bestehen müssen. Auch deshalb laden wir den Nutzer ein, selbst Akzente zu setzen. Wenn Ihnen ihre hellgrüne Seifenschale nicht mehr gefällt, nehmen Sie einfach eine andere ...

Wie wichtig sind die Armaturen dabei?

Philippe Grohe: Es sind die Armaturen, die es bei „Axor Bouroullec" möglich machen, besser auf die Architektur einzugehen. Hat man ein Fenster hinter dem Waschbecken, setzt man die Armatur einfach auf die Seite. Will man lieber eine Standarmatur – kein Problem. Das System macht es möglich, individuelle Lösungen zu entwickeln, ganz gleich ob der Endverbraucher eher funktional oder ästhetisch orientiert ist, ob er eine eher konventionelle Lösung bevorzugt oder mutig genug ist, eine extravagante Variante zu entwickeln.

Wird das Baddesign mit „Axor Bouroullec" demokratischer?

Philippe Grohe: In jedem Fall. Bauherr und Nutzer sind heutzutage gut informiert und kompetent, das darf man nicht vergessen. Deshalb sagen wir: Feel free to compose. Trotzdem ist „Axor Bouroullec" auch eine perfekte Kollektion für Architekten. Man kann einem Planer sagen: Mithilfe dieser Kollektion kannst du etwas ganz Eigenes erfinden. Es geht also nicht nur darum, viele Varianten von Becken oder Ablagen auf den Markt zu werfen. Es geht auch um Respekt vor der Kreativität der Planer und der Nutzer. Das eine ist Respekt, das andere ist Innovation, wirkliche Innovation; und das dritte ist die langfristige Perspektive, die das System eröffnet. Wer einfach viele unterschiedliche Produkte anbietet, der kann nur im niedrigen Preissegment erfolgreich sein. Gleichwohl ist es nicht leicht, den langfristigen Wert einer Sache zu vermitteln, auch wenn sich, was im ersten Moment teuer scheint, auf lange Sicht als günstig erweist. Das Wichtigste bei der ganzen Geschichte aber ist der Dialog. Dass dieser intensiviert wird, kann man demokratisch nennen. Vor allem aber zwingt er alle Beteiligten, sich über ihre Vorstellungen klar zu werden und sie untereinander abzustimmen.

Es geht also darum, auf Augenhöhe miteinander zu reden. Diskutieren und entscheiden macht ja auch Spaß.

Philippe Grohe: Der Verbraucher sieht vor allem das Ergebnis, der Architekt kennt die Möglichkeiten und berät ihn; und auch der Handwerker ist froh darüber, wenn der Kunde kompetent auftritt. Am Ende muss die Gesamtlösung stimmen, darin liegt das gemeinsame Interesse. Ein Bad ist ja zum Glück immer weniger die funktionale Nasszelle, in der man sich schnell mal reinigt.

Sind Sie da so sicher? Spukt die funktionale und standardisierte Nasszelle der Moderne nicht noch immer durch die Baumärkte?

Philippe Grohe: Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Ich bin sogar überrascht, wie groß die Dynamik der Entwicklung ist. Wir sprechen ja von einer eher konservativen Branche. Außerdem ist das Bad ein technisch sehr komplexer Raum innerhalb des Hauses. Bei der Planung kann man im Umgang mit Wasser vieles falsch machen; wenn das geschieht, dann hat man ein richtiges Problem. Das andere ist, dass es in Deutschland viele Häuschenbauer gibt, die keine Architekten hinzuziehen, sondern allein auf einen technischen Planer vertrauen. Und was machen sie dann? Sie bauen das Haus ihrer Eltern nach und verändern nur einige Details, um es in die Jetztzeit zu projizieren. Hier gibt es noch viel zu tun. Architekten und Innenarchitekten haben das Thema angenommen. Und auch wir haben viel dafür getan. Wir haben bei jeder Neuheit nicht einfach gesagt: „Wow, sieht das toll aus!", sondern anhand von Beispielräumen vorgeführt, wie ein neues Bad aussehen könnte. Wo Fragen des Geschmacks eine Rolle spielen, gibt es nicht das eine, perfekte Bad für alle. Ich glaube, am Ende muss sich jeder, der ein Bad plant, mit seinen persönlichen Vorstellungen auseinandersetzen! Dabei sehen wir „Axor Bouroullec" durchaus als Katalysator.

Sind Sie sicher, dass der durchschnittliche Bauherr nicht doch vor allem ein funktionales Bad will? Auch wenn es anschließend individuell dekoriert wird?

Philippe Grohe: Ich glaube, das kann man so nicht sagen. Natürlich ist Funktionalität wichtig, am Ende muss man sich in jedem Bad waschen können. Bei allem, was darüber hinausgeht, wird es jedoch sehr persönlich. Was wir vermitteln wollen ist: Ein Bad ist mehr als eine Nasszelle. Nehmen Sie ein Beispiel: Als wir begonnen haben, mit Patricia Urquiola zusammenzuarbeiten, habe ich sie gefragt: „Was bedeutet das Bad für Dich?" – das ist meine Standardfrage, wenn ich einen Designer zum ersten Mal treffe. Sie hat mich angeschaut und gesagt: „Für mich ist das Bad der Raum, in dem ich mich jeden Morgen im Spiegel betrachten muss." Das wäre einem Mann nie eingefallen. Sie will sich nicht in einem Spiegel direkt über dem Waschtisch anschauen müssen. Deshalb haben wir gemeinsam mit ihr Alternativen entwickelt. Außerdem hat sie hat die Position der Waschtische in Frage gestellt. Müssen diese nebeneinander stehen, wenn die Frau unzählige Töpfchen darauf abstellt und der Mann irgendwie mit seinem Rasierapparat hantieren muss? Also gibt es einen Waschtisch für sie und einen für ihn. Ich behaupte, dass die Mehrzahl der Bäder, die heutzutage in Deutschland gebaut werden, von gestern sind. Das ist keine Frage des Platzes und des Budgets. Hier gibt es noch viel zu tun.

Wie beantworten Sie selbst die Frage? Wie sieht Ihre Idealvorstellung eines Badezimmers aus?

Philippe Grohe: Wasser ist per se ein fantastisches Medium, nicht nur emotional oder was Hygiene und Gesundheit angeht. Für mich persönlich ist Duschen das Wichtigste. Das Wellness-Center, auch eines sehr kleinen Badezimmers, ist eine gute Dusche. Licht spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Beides natürlich in guter Qualität und ansprechendem Design.

Die Küchenhersteller sagen: Die Küche war schon immer Mittelpunkt des Hauses. Die Badhersteller sagen: Eigentlich steht das Bad im Zentrum des Hauses. Wie sehen Sie das?

Philippe Grohe: Küche und Bad sind zwei ganz zentrale Bereiche des Hauses. Wenn ich ehrlich bin: Zuerst muss ich essen und trinken; das Waschen kommt danach. Allerdings beobachten wir auch, dass das Bad in der Architektur des Wohnens zunehmend an Bedeutung und an Aufmerksamkeit gewinnt. Im Zentrum steht es da sicher noch nicht, aber eben auch nicht mehr am Rand.

Das Schlafbad haben wir schon, ein Wohnbad ist eher selten – oder?

Philippe Grohe: Wir hatten in den neunziger Jahren mit „Cocoon" eine Dusche im Programm, die auf offene Wohnsituationen wie in einem Loft abzielte. Aber ganz so offen ist es dann oftmals doch nicht! Ich glaube, das Bad ist ein wichtiger Ort der familiären Kommunikation. Hier begegnet man sich morgens und abends, hier kann man sich entspannen und regenerieren, hier kann man erleben, wie erfrischend und belebend Wasser ist. In der Küche, beim Essen, trifft man ja nicht nur die Familie, sondern auch Freunde und Bekannte. Die Küche ist deshalb sicher der sozialere Ort. Was den privaten Bereich angeht, steht aber das Bad im Zentrum.

Sicher, das Bad ist eher ein privater Raum. Aber sind Badezimmer in den letzten Jahren nicht zunehmend repräsentativ geworden? Welche Repräsentationsfunktionen muss ein Bad heutzutage erfüllen? Ist es der Stolz der Hausfrau oder des Bauherrn? Führt man einen Besucher ins Bad? Muss es überhaupt repräsentativ sein oder ist es der Ort, an dem man sich selbst etwas Gutes tut, sich entspannt, die alltäglichen Probleme hinter sich lässt?

Philippe Grohe: Für mich ist das Repräsentative nicht wirklich relevant. Ich würde viel lieber daran glauben, dass die Leute sich im Badezimmer etwas Gutes tun wollen, statt es anderen zeigen zu wollen. Vielleicht ist es für jemanden im Alter zwischen dreißig und vierzig wichtiger, sein neues Badezimmer vorzuzeigen – keine Ahnung. Für mich geht es um Lebensqualität und nicht um Repräsentation.

Was denken Sie, wie wird sich das Bad als Landschaft oder Topographie weiterentwickeln?

Philippe Grohe: Es gibt mehr als einen Weg, dem man folgen kann. Es sind vor allem zwei Faktoren, die beeinflussen, was wir tun. Das eine ist das Bedürfnis, sich wohlzufühlen. Das ist in den letzten dreißig oder vierzig Jahren erheblich gewachsen. Und weil sich unser Leben immer schneller verändert und nicht eben ruhiger zu werden scheint, wird es weiter zunehmen. Jeder möchte sich wohlfühlen, und er tut auch etwas dafür, nicht nur am Wochenende oder im Urlaub. Das zweite ist die Notwenigkeit, die Ressource „Wasser" zu schonen. „Wellness" können Sie auch ohne aufwendige Technologie haben, meist brauchen Sie dann aber viel Wasser. Je effizienter sie beim Wasserverbrauch werden, umso wichtiger wird die Technologie. Dasselbe gilt für das Thema „Energie". Kaltes Wasser kann sehr erfrischend sein, ein Genuss wird es nicht immer sein. Auf all das muss das „System Bad" überzeugende Antworten geben.

Wo wird sich technologisch und ästhetisch am meisten verändern? Wie sieht eine Kombination aus intelligenter Technik und gelungenem Design aus?

Philippe Grohe: Das Stichwort, das beides vereint, heißt Komfort. Das Streben nach Komfort war immer eine Motivation, etwas zu verändern. Als in Zürich Kantonalwahlen anstanden, gab eine Initiative, die es Eltern verbieten wollte, ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Das ist nicht das Komfortabelste, aber in einer Welt, die von Abgasen und Stau bestimmt wird und in der Kinder immer häufiger fettleibig werden, ist das Komfortabelste nicht unbedingt das Beste. Die Grenzen verschieben sich permanent. Darüber diskutieren wir im Unternehmen. Gegenwärtig denke ich: Technologie wird wieder wichtiger werden, Design aber seine Bedeutung behalten. Ein guter Mix aus beidem hilft der Umwelt und dem, der sich in seinem Bad wohlfühlen möchte.