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Das Palästina-Syndrom: Venezianische Streifzüge Folge 9
von Georg-Christof Bertsch | 25. August 2009
Stazione von Emily Jacir, Vorschlag für die Vaporetto Haltestellen in Venedig; © Emily Jacir 2009

Geboren werden, wachsen, sich paaren oder sich gegenseitig erschlagen; von der Flut verschlungen werden. Geboren werden, wachsen, sich paaren oder sich gegenseitig erschlagen; von der Flut verschlungen werden. Geboren werden... In Shadi HabibAllahs Animationsarbeit „Ok, hit, hit but don't run" von 2009 ist die Paranoia auf den Punkt gebracht. Die Begrenztheit des Raumes, die Bevölkerungsdichte, die Ausweglosigkeit - das tiefe Trauma der Palästinenser. Wenn es so etwas wie eine Metapher für diese Situation gibt, dann diese. Ohne Pathos, trocken, konstatierend, ohne Verzweiflung und zugleich ohne Flausen im Kopf.

Im Lärm der Welt

Die Soundinstallation „Ramallah Syndrome" bedröhnt in einem dunklen Raum den Besucher. Sie attackiert ihn mit Straßengeräuschen aus der Verwaltungshauptstadt in der West Bank, einem ungeheuer lebendigen Städtchen von gut 26.000 Einwohnern. Dieser Lärm von Autos, Musik, von Muezzine, Kinder und Händler überfallen die Ohren im beschaulichen Venedig mit einer Wucht und einem Drängen, dem man reflexartig ausweicht. Die darin verborgene Vitalität und Energie vermitteln sich jedoch sofort, gerade durch den Entzug der Bilder. Im Biennale Katalog bilden die Künstler Sandi Hilal und Alessandro Petti nur eine weiße Fläche ab und schreiben darunter: „Die Autoren verfügen, dass dieses Bild ohne Lizenzgebühren in jedwedem Medium abgebildet werden darf." Ein konzeptionelles Werk vom Schlage eines Joseph Kosuth, jedoch mitten aus dem Leben und nicht aus dem Elfenbeinturm der akademischen Diskurse.

Zur Untermiete

Der Palästinensische nationale Ausstellungsraum ist kein Palast in den eleganten Parkanlagen der Giardini. Er ist überhaupt kein nationaler Beitrag, denn die palästinensische Nation findet sich nicht auf der Liste der offiziellen Teilnehmer. Es gibt noch keinen anerkannten Staat, der diesen Pavillon beschicken könnte. Es ist der erste, also a priori bedeutsame Auftritt der Palästinenser bei einem der weltweit wichtigsten Kunstereignisse. Unter „Palestine c/o Venice" treten sie gewissermaßen als Untermieter auf. Standesgemäß an einem abseitigen Ort, auf der Nebeninsel Giudecca. Und auch dort etwas versteckt, in Nebenräumen eines Tanz- und Theaterzentrums, dem ehemaligen Convento dei Santi Cosma e Damiano. Abgelegen, ja: Aber sie sind da! Hierin läge schon eine kleine Sensation, wären nicht auch die Arbeiten bemerkenswert.

Arabisch für Linie 1

Die Projekte sind allesamt schnörkellos, offensiv und selbstbewusst, so wie der Coup von Emily Jacir, gleich sämtliche Vaporetto-Stationen der Linie 1 neben den italienischen Bezeichnungen auch mit solchen auf Arabisch zu versehen. Sicherlich ein Alptraum für Silvio Berlusconi und dessen neofaschistischen Minister Umberto Bossi, der tönt: „Illegale Immigranten müssen verjagt werden, auf die freundliche oder hässliche Art. Irgendwann kommt der Moment, wo Gewalt angewendet werden muss." Die palästinensische Schau, der Beitrag einer Flüchtlingsnation, ist in solch einem frostigen Ambiente fraglos auch ein Plädoyer für ein offeneres Italien - und zwangsläufig hochpolitisch.

Für die Kuratorin der Gruppenausstellung, Salwa Mikdadi, geht es in der Lagune auch um kulturelle Innenpolitik der Palästinenser, um, wie sie sagt, den Start eines zur Zeit „fast nicht-existenten kreativen Dialogs in unserer Community". Die Künstler aus Palästina nutzen Italien und den hier aktiven Palestine Think Tank, um sich mit Landsleuten, die in aller Welt verstreut arbeiten, zu treffen, Symposien abzuhalten, Reden zu hören, sich zu streiten und neue Allianzen zu schmieden.

Vom Flüchtlingslager zur Stadt

Jawad Al Malhi konfrontiert uns in der Fotoarbeit „House No. 197" (2007-09) mit der architektonischen Tristesse des Flüchtlingslagers Shufat, einer Zusammenballung von ein- bis fünfstöckiger Stahlbetonkisten. Shufat wird kommentarlos präsentiert. Das 1966 in Ost-Jerusalem gegründete Lager wird von 35.000 Menschen bewohnt und befindet sich im Übergangsstadium vom Dauerprovisorium zu einer normalen Stadt mit funktionierender Infrastruktur, was politisch weder von Israel noch von der palästinensischen Politik gewünscht wird. Diese gewaltige Siedlung hat eine bessere Bausubstanz als ein ärmeres Viertel, etwa in Istanbul. Wüsste man nicht, dass es ein Lager ist, man käme nicht von selbst darauf. Mit dieser Ambivalenz arbeitet Jawad Al Malhi, indem er die Häuser aus nüchterner Distanz zeigt, ein ärmliches aber kompaktes Stadtbild präsentiert und den Beobachter ratlos über die Intention zurücklässt. Die Kühle und Nüchternheit der Fotografien von Thomas Struth kommt einem in den Sinn - und es ist kein Wunder, dass Al Malhi Finalist beim Cartier Award der Londoner Frieze Foundation war. Diese Nüchternheit entledigt sich souverän des vordergründig Politischen. Gerade dadurch gewinnt Al Malhis Werk Format und Kraft.

Geschichte als Postkarte

Das wichtigste Projekt innerhalb der Ausstellung ist jedoch sicherlich die Dokumentation der 3rd Riwaq-Biennale, einer Initiative fünfzig historische Stätten ins Bewusstsein zu rufen, sie zu restaurieren, zu pflegen, um den mehrheitlich jungen und sehr jungen Palästinensern auch eine architektonische Geschichte zu geben. Es geht darum, ihnen und uns Orte zu zeigen, an denen sich palästinensische Identität festhalten, ja teils erst bilden könnte. Die Riwaq-Biennale ist in Venedig mit einem Symposium, Dokumenten in der Ausstellung und kostenlosen Postkarten der fünfzig Orte präsent. Die Postkartenstrategie des Künstlers Khalil Rabah macht aus völlig unbekannten Orten vermeintliche touristische Attraktionen. Als Mitbegründer und Direktor der Riwaq-Biennale will er aber auch „einen Denkprozess darüber anregen, welche Vorstellungen und Erwartungen über Biennalen existieren." Die historischen Orte möchte er auch für weitere Kunstaktionen und künstlerische Arbeiten nutzen. Entstehen könnten eine Vielzahl kleiner Bühnen, Minikunstvereine, Aktionsplätze.

Haltungen im Hier und Jetzt

Die Bedeutung, die der Kunst hier gegeben wird, hat etwas Bewegendes. Wie in der späten Sowjetunion kristallisieren sich in künstlerischen Positionen neue gesellschaftliche Haltungen heraus. Es bereiten sich kulturelle Umbrüche vor. In einer Gesellschaft, die ihre Identität heute vielleicht allzu sehr auf Gewalt und Gegengewalt, vorkoloniales Landrecht und Vertriebenenstatus baut, wirkt Kunst krampflösend, befreiend. Sie bietet einen Weg neben UN-Resolutionen und Kassam-Raketen, neben dem Konflikt zwischen Fatah und Hamas, deren Positionen sich hier übrigens nirgends explizit finden.
Ein Palästinensischer Pavillon, vielmehr ein Palestine c/o Venice ist an sich schon eine starke Aussage, ein Pamphlet. Der Kuratorin Salwa Mikdadi und den ausgewählten Künstlern ist es gelungen, daraus einen kleinen Triumph zu machen: eine Aussage von Palästinensern über sich und über Palästina. Ein Statement, das nie verhärtet und zynisch wirkt, sondern lebendig, klar und mitten im Hier und Jetzt.


53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org
www.palestinecoveniceb09.org

Stazione von Emily Jacir, Vorschlag für die Vaporetto Haltestellen in Venedig; © Emily Jacir 2009
Riwaq-Biennale: Postkarten von fünfzig historischen Stätten des Künstlers Khalil Rabah
Riwaq-Biennale: Postkarten von fünfzig historischen Stätten des Künstlers Khalil Rabah
News & Stories › 2009 › August
Das Palästina-Syndrom: Venezianische Streifzüge Folge 9
von Georg-Christof Bertsch | 25. August 2009
Kann Kunst dazu beitragen, dem Kreislauf der Gewalt zu entkommen? Palästina ist kein anerkannter Staat, hat also keinen offiziellen Pavillon. Trotzdem zeigt die Schau „Palestine c/o Venice", wie vielfältig und lebendig man als Untermieter agieren kann.
Geboren werden, wachsen, sich paaren oder sich gegenseitig erschlagen; von der Flut verschlungen werden. Geboren werden, wachsen, sich paaren oder sich gegenseitig erschlagen; von der Flut verschlungen werden. Geboren werden... In Shadi HabibAllahs Animationsarbeit „Ok, hit, hit but don't run" von 2009 ist die Paranoia auf den Punkt gebracht. Die Begrenztheit des Raumes, die Bevölkerungsdichte, die Ausweglosigkeit - das tiefe Trauma der Palästinenser. Wenn es so etwas wie eine Metapher für diese Situation gibt, dann diese. Ohne Pathos, trocken, konstatierend, ohne Verzweiflung und zugleich ohne Flausen im Kopf.

Im Lärm der Welt

Die Soundinstallation „Ramallah Syndrome" bedröhnt in einem dunklen Raum den Besucher. Sie attackiert ihn mit Straßengeräuschen aus der Verwaltungshauptstadt in der West Bank, einem ungeheuer lebendigen Städtchen von gut 26.000 Einwohnern. Dieser Lärm von Autos, Musik, von Muezzine, Kinder und Händler überfallen die Ohren im beschaulichen Venedig mit einer Wucht und einem Drängen, dem man reflexartig ausweicht. Die darin verborgene Vitalität und Energie vermitteln sich jedoch sofort, gerade durch den Entzug der Bilder. Im Biennale Katalog bilden die Künstler Sandi Hilal und Alessandro Petti nur eine weiße Fläche ab und schreiben darunter: „Die Autoren verfügen, dass dieses Bild ohne Lizenzgebühren in jedwedem Medium abgebildet werden darf." Ein konzeptionelles Werk vom Schlage eines Joseph Kosuth, jedoch mitten aus dem Leben und nicht aus dem Elfenbeinturm der akademischen Diskurse.

Zur Untermiete

Der Palästinensische nationale Ausstellungsraum ist kein Palast in den eleganten Parkanlagen der Giardini. Er ist überhaupt kein nationaler Beitrag, denn die palästinensische Nation findet sich nicht auf der Liste der offiziellen Teilnehmer. Es gibt noch keinen anerkannten Staat, der diesen Pavillon beschicken könnte. Es ist der erste, also a priori bedeutsame Auftritt der Palästinenser bei einem der weltweit wichtigsten Kunstereignisse. Unter „Palestine c/o Venice" treten sie gewissermaßen als Untermieter auf. Standesgemäß an einem abseitigen Ort, auf der Nebeninsel Giudecca. Und auch dort etwas versteckt, in Nebenräumen eines Tanz- und Theaterzentrums, dem ehemaligen Convento dei Santi Cosma e Damiano. Abgelegen, ja: Aber sie sind da! Hierin läge schon eine kleine Sensation, wären nicht auch die Arbeiten bemerkenswert.

Arabisch für Linie 1

Die Projekte sind allesamt schnörkellos, offensiv und selbstbewusst, so wie der Coup von Emily Jacir, gleich sämtliche Vaporetto-Stationen der Linie 1 neben den italienischen Bezeichnungen auch mit solchen auf Arabisch zu versehen. Sicherlich ein Alptraum für Silvio Berlusconi und dessen neofaschistischen Minister Umberto Bossi, der tönt: „Illegale Immigranten müssen verjagt werden, auf die freundliche oder hässliche Art. Irgendwann kommt der Moment, wo Gewalt angewendet werden muss." Die palästinensische Schau, der Beitrag einer Flüchtlingsnation, ist in solch einem frostigen Ambiente fraglos auch ein Plädoyer für ein offeneres Italien - und zwangsläufig hochpolitisch.

Für die Kuratorin der Gruppenausstellung, Salwa Mikdadi, geht es in der Lagune auch um kulturelle Innenpolitik der Palästinenser, um, wie sie sagt, den Start eines zur Zeit „fast nicht-existenten kreativen Dialogs in unserer Community". Die Künstler aus Palästina nutzen Italien und den hier aktiven Palestine Think Tank, um sich mit Landsleuten, die in aller Welt verstreut arbeiten, zu treffen, Symposien abzuhalten, Reden zu hören, sich zu streiten und neue Allianzen zu schmieden.

Vom Flüchtlingslager zur Stadt

Jawad Al Malhi konfrontiert uns in der Fotoarbeit „House No. 197" (2007-09) mit der architektonischen Tristesse des Flüchtlingslagers Shufat, einer Zusammenballung von ein- bis fünfstöckiger Stahlbetonkisten. Shufat wird kommentarlos präsentiert. Das 1966 in Ost-Jerusalem gegründete Lager wird von 35.000 Menschen bewohnt und befindet sich im Übergangsstadium vom Dauerprovisorium zu einer normalen Stadt mit funktionierender Infrastruktur, was politisch weder von Israel noch von der palästinensischen Politik gewünscht wird. Diese gewaltige Siedlung hat eine bessere Bausubstanz als ein ärmeres Viertel, etwa in Istanbul. Wüsste man nicht, dass es ein Lager ist, man käme nicht von selbst darauf. Mit dieser Ambivalenz arbeitet Jawad Al Malhi, indem er die Häuser aus nüchterner Distanz zeigt, ein ärmliches aber kompaktes Stadtbild präsentiert und den Beobachter ratlos über die Intention zurücklässt. Die Kühle und Nüchternheit der Fotografien von Thomas Struth kommt einem in den Sinn - und es ist kein Wunder, dass Al Malhi Finalist beim Cartier Award der Londoner Frieze Foundation war. Diese Nüchternheit entledigt sich souverän des vordergründig Politischen. Gerade dadurch gewinnt Al Malhis Werk Format und Kraft.

Geschichte als Postkarte

Das wichtigste Projekt innerhalb der Ausstellung ist jedoch sicherlich die Dokumentation der 3rd Riwaq-Biennale, einer Initiative fünfzig historische Stätten ins Bewusstsein zu rufen, sie zu restaurieren, zu pflegen, um den mehrheitlich jungen und sehr jungen Palästinensern auch eine architektonische Geschichte zu geben. Es geht darum, ihnen und uns Orte zu zeigen, an denen sich palästinensische Identität festhalten, ja teils erst bilden könnte. Die Riwaq-Biennale ist in Venedig mit einem Symposium, Dokumenten in der Ausstellung und kostenlosen Postkarten der fünfzig Orte präsent. Die Postkartenstrategie des Künstlers Khalil Rabah macht aus völlig unbekannten Orten vermeintliche touristische Attraktionen. Als Mitbegründer und Direktor der Riwaq-Biennale will er aber auch „einen Denkprozess darüber anregen, welche Vorstellungen und Erwartungen über Biennalen existieren." Die historischen Orte möchte er auch für weitere Kunstaktionen und künstlerische Arbeiten nutzen. Entstehen könnten eine Vielzahl kleiner Bühnen, Minikunstvereine, Aktionsplätze.

Haltungen im Hier und Jetzt

Die Bedeutung, die der Kunst hier gegeben wird, hat etwas Bewegendes. Wie in der späten Sowjetunion kristallisieren sich in künstlerischen Positionen neue gesellschaftliche Haltungen heraus. Es bereiten sich kulturelle Umbrüche vor. In einer Gesellschaft, die ihre Identität heute vielleicht allzu sehr auf Gewalt und Gegengewalt, vorkoloniales Landrecht und Vertriebenenstatus baut, wirkt Kunst krampflösend, befreiend. Sie bietet einen Weg neben UN-Resolutionen und Kassam-Raketen, neben dem Konflikt zwischen Fatah und Hamas, deren Positionen sich hier übrigens nirgends explizit finden.
Ein Palästinensischer Pavillon, vielmehr ein Palestine c/o Venice ist an sich schon eine starke Aussage, ein Pamphlet. Der Kuratorin Salwa Mikdadi und den ausgewählten Künstlern ist es gelungen, daraus einen kleinen Triumph zu machen: eine Aussage von Palästinensern über sich und über Palästina. Ein Statement, das nie verhärtet und zynisch wirkt, sondern lebendig, klar und mitten im Hier und Jetzt.


53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org
www.palestinecoveniceb09.org