transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Das Stadtpanorama als kosmische Schönheit: Venezianische Streifzüge Folge 8
von Georg-Christof Bertsch | 15. August 2009
Orbite Rosse (Red Orbits) von Grazia Toderi Studio, Video Installation 2009

Was Grazia Toderi mit „Orbite Rosse" geschaffen hat, entwickelt Sogwirkung und Suchtpotential. Und sie prägt einen ganz eigenen Stil, eine Art Apokalypse-Barock. Ihre Mittel: der Blick vom erhöhten Standpunkt auf die schaurig-schöne Ästhetik dessen, was wir Megalopolis nennen. Grazia Toderi inszeniert bewegte Lichter: landende Flugzeuge, Autobahnkreuze, Riesenräder, Leuchtraketen - all dies steckt darin. Ihre 10 Meter breite und knapp 4 Meter hohe Videodoppelprojektion lässt sich nicht angemessen in Bildern wiedergeben. Nicht auf Youtube und nicht auf Fotos. Toderi hält ein striktes Plädoyer für den Gang vor das Breitwand-Original.

Der Aufbau ist einfach, ja simpel: Zwei in einem stumpfen Winkel aneinander stoßende Projektionswände. In einiger Entfernung davor stehende Sitzbänke für die Zuschauer. Das markiert den Raum der Arbeit. Die Projektionen auf den beiden Leinwänden gehen an der Stoßkante ineinander über und sind aufeinander abgestimmt. Je eine ovale Fläche bietet eine Art Durchblick beziehungsweise eine Überlagerung auf der Hintergrundprojektion. Diese beiden ovalen Flächen kann man auch als Brille oder Augen interpretieren, durch die man die Szene sieht. Die Projektion wird so auch in den Betrachter hinein verlegt, gleichsam als eine Innenprojektion, eine Vision, eine Phantasie.

Die Italienerin Grazia Toderi, 1963 in Padua geboren, hat selbstverständlich Dantes Werk „Die Göttliche Komödie" gelesen, in dem auch hundert Seiten Beschreibung der trichterförmigen Hölle vorkommen. Sie ist, wie wir alle, nächtlich auf Großstädte zugeflogen, hat die Lichtermeere von Los Angeles, Tokio und London gesehen. Sie hat sicherlich Jackson Pollocks Maltechnik bei den „Drip Paintings" studiert. Und aus all dem formt sie etwas ganz Neues. Es ist etwas Neues ganz im Sinne des Biennale-Mottos von Daniel Birnbaum: „Fare Mondi - Welten Machen".

Italo Calvino, einer der geistigen Paten zahlreicher „Fare-Mondi"- Künstler, hat in seinen „Unsichtbaren Städte" die fiktive Stadt Andria beschrieben, wo „jeder Straßenzug der Bahn eines Planeten folgt". Toderi greift diese Stadt Andria auf, deren Bürger sich laut Calvino durch „Selbstsicherheit und Umsicht auszeichnen". Sie schafft daraus einen visuellen Strudel, der akustisch von durchdringendem Wummern untermalt ist, von einem fernen Dröhnen, das so nur Großstädte hervorbringen. Ihr ist ein verblüffend starkes Bild des Urbanen gelungen. „Das Urbane" - ein Begriff, der in Architektur und Design oft bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft synonym mit Stadtmöblierung und „viele Leute auf der Straße" verwendet wird. Toderi entwirft eine künftige City, eine Stadt, die nicht sympathisch ist; eine Metropole auf Distanz, die aber ungeheuer viel pulsierende Realität und Poesie in sich birgt. In ihrer Metropolen-Collage überlagern sich Erinnerungen, Medienbilder und Panoramen - von der magischen „cité de la lumière", Paris im 19. Jahrhundert, bis zum Live-Kommentar aus der Raketensalven gleißenden Nacht des 17.Januar 1991: „This is CNN. Peter Arnett live from Badgad."

Toderi bekennt sich zur Faszination, dem Atem, der Gewalt, der Größe und Schrecklichkeit dieses unendlichen Stadtraums. Ein Stadtraum, dem der britische Städtebautheoretiker Deyan Sudjic in seinem Epoche machenden Buch 1993 den Namen gab: „The 100 Mile City".

Diese Megalopolis hat bislang jedoch noch kein Designer, Architekt, Künstler in ein positives Bild fassen können. Am nächsten kamen dem vielleicht Ron Herron mit seiner damals rein utopischen „Walking City" (1964) oder Yona Friedman mit der schwebenden „space city" (1959-63). Großstädte von dieser Dimension kennen wir heute nur als negative Realitäten, als „urban sprawl", als Zersiedlung und Verslummung. Die Künstlerin ist sich selbstverständlich der fatalen Ökologie und der Brutalität dieser 20-Millionen-Molochs bewusst.

Dass die heutige und die unvermeidbare künftige Riesenstadt jedoch eine eigene, geradezu kosmische Schönheit in sich birgt, das zeigt Toderi in kristalliner Form. Sie präsentiert diese schreckliche bellezza in einer so sicheren Geste, dass man sprachlos immer wieder vor die Projektion zurückkehrt, um sich ihr staunend auszuliefern.

53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org

News & Stories › 2009 › August
Das Stadtpanorama als kosmische Schönheit: Venezianische Streifzüge Folge 8
von Georg-Christof Bertsch | 15. August 2009
Es ließ mich nicht los. Dorthin musste ich zwei, drei, viermal zurück. Aus der gleißend hellen Wasserstadt zurück zu diesem Werk: „Orbite Rosse", eine Video-Doppelprojektion in der stockdunklen Arsenale-Halle von Venedig.
Was Grazia Toderi mit „Orbite Rosse" geschaffen hat, entwickelt Sogwirkung und Suchtpotential. Und sie prägt einen ganz eigenen Stil, eine Art Apokalypse-Barock. Ihre Mittel: der Blick vom erhöhten Standpunkt auf die schaurig-schöne Ästhetik dessen, was wir Megalopolis nennen. Grazia Toderi inszeniert bewegte Lichter: landende Flugzeuge, Autobahnkreuze, Riesenräder, Leuchtraketen - all dies steckt darin. Ihre 10 Meter breite und knapp 4 Meter hohe Videodoppelprojektion lässt sich nicht angemessen in Bildern wiedergeben. Nicht auf Youtube und nicht auf Fotos. Toderi hält ein striktes Plädoyer für den Gang vor das Breitwand-Original.

Der Aufbau ist einfach, ja simpel: Zwei in einem stumpfen Winkel aneinander stoßende Projektionswände. In einiger Entfernung davor stehende Sitzbänke für die Zuschauer. Das markiert den Raum der Arbeit. Die Projektionen auf den beiden Leinwänden gehen an der Stoßkante ineinander über und sind aufeinander abgestimmt. Je eine ovale Fläche bietet eine Art Durchblick beziehungsweise eine Überlagerung auf der Hintergrundprojektion. Diese beiden ovalen Flächen kann man auch als Brille oder Augen interpretieren, durch die man die Szene sieht. Die Projektion wird so auch in den Betrachter hinein verlegt, gleichsam als eine Innenprojektion, eine Vision, eine Phantasie.

Die Italienerin Grazia Toderi, 1963 in Padua geboren, hat selbstverständlich Dantes Werk „Die Göttliche Komödie" gelesen, in dem auch hundert Seiten Beschreibung der trichterförmigen Hölle vorkommen. Sie ist, wie wir alle, nächtlich auf Großstädte zugeflogen, hat die Lichtermeere von Los Angeles, Tokio und London gesehen. Sie hat sicherlich Jackson Pollocks Maltechnik bei den „Drip Paintings" studiert. Und aus all dem formt sie etwas ganz Neues. Es ist etwas Neues ganz im Sinne des Biennale-Mottos von Daniel Birnbaum: „Fare Mondi - Welten Machen".

Italo Calvino, einer der geistigen Paten zahlreicher „Fare-Mondi"- Künstler, hat in seinen „Unsichtbaren Städte" die fiktive Stadt Andria beschrieben, wo „jeder Straßenzug der Bahn eines Planeten folgt". Toderi greift diese Stadt Andria auf, deren Bürger sich laut Calvino durch „Selbstsicherheit und Umsicht auszeichnen". Sie schafft daraus einen visuellen Strudel, der akustisch von durchdringendem Wummern untermalt ist, von einem fernen Dröhnen, das so nur Großstädte hervorbringen. Ihr ist ein verblüffend starkes Bild des Urbanen gelungen. „Das Urbane" - ein Begriff, der in Architektur und Design oft bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft synonym mit Stadtmöblierung und „viele Leute auf der Straße" verwendet wird. Toderi entwirft eine künftige City, eine Stadt, die nicht sympathisch ist; eine Metropole auf Distanz, die aber ungeheuer viel pulsierende Realität und Poesie in sich birgt. In ihrer Metropolen-Collage überlagern sich Erinnerungen, Medienbilder und Panoramen - von der magischen „cité de la lumière", Paris im 19. Jahrhundert, bis zum Live-Kommentar aus der Raketensalven gleißenden Nacht des 17.Januar 1991: „This is CNN. Peter Arnett live from Badgad."

Toderi bekennt sich zur Faszination, dem Atem, der Gewalt, der Größe und Schrecklichkeit dieses unendlichen Stadtraums. Ein Stadtraum, dem der britische Städtebautheoretiker Deyan Sudjic in seinem Epoche machenden Buch 1993 den Namen gab: „The 100 Mile City".

Diese Megalopolis hat bislang jedoch noch kein Designer, Architekt, Künstler in ein positives Bild fassen können. Am nächsten kamen dem vielleicht Ron Herron mit seiner damals rein utopischen „Walking City" (1964) oder Yona Friedman mit der schwebenden „space city" (1959-63). Großstädte von dieser Dimension kennen wir heute nur als negative Realitäten, als „urban sprawl", als Zersiedlung und Verslummung. Die Künstlerin ist sich selbstverständlich der fatalen Ökologie und der Brutalität dieser 20-Millionen-Molochs bewusst.

Dass die heutige und die unvermeidbare künftige Riesenstadt jedoch eine eigene, geradezu kosmische Schönheit in sich birgt, das zeigt Toderi in kristalliner Form. Sie präsentiert diese schreckliche bellezza in einer so sicheren Geste, dass man sprachlos immer wieder vor die Projektion zurückkehrt, um sich ihr staunend auszuliefern.

53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org