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Der Laufsteg des normalen Lebens
von Nina Reetzke | 20. Dezember 2010
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Eine junge Frau läuft bei Sonnenuntergang durch einen herbstlichen Wald. Sie trägt eine schwarze Mütze, einen grauen Pulli, eine große schwarzweiß melierte Jacke, eine helle Dreiviertelhose, rotschattierte Wollsocken und gelenkhohe Schnürschuhe mit Keilabsatz. Sie posiert für eine Kamera. Die Fotos wird sie später in ihrem Modeblog veröffentlichen. Wie sie schreibt, inspirierte sie ein Besuch im Londoner „Tabio Shop" zu dem Shooting. Außerdem nennt sie die Marken der Kleidungsstücke und bemerkt lapidar „Wenn ich diesen Mantel trage, mache ich mit den Armen merkwürdige Bewegungen. Sorry." Die Autorin heißt Nadia, wurde 1984 geboren, lebt in London und führt den Modeblog „froufrouu".

In ihrer Funktion als Modebloggerin ist Nadia nicht nur „online" zu sehen. Neben 39 anderen Modebloggern wird Nadia gerade auch in dem Buch „Style Diaries" von Simone Werle vorgestellt. Auf insgesamt vierhundert Seiten finden sich zu jedem Blogger - darunter beispielsweise Susanna Lau mit „stylebubble", Adrian Francis Wu mit „davisadrian" und Ulrike Schuman mit „dottisdots" - Angaben zum Geburtsjahr, zur Staatsangehörigkeit, Wohnort und die Internetadresse. Zudem hat jeder Blogger eine Seite, auf der er seine persönlichen Ansichten stichwortartig darstellen kann. Im Vordergrund steht bei jedem der Porträts aber eine Serie ausgewählter Bildern.

Modeblogs sind ein Phänomen der vergangenen zehn Jahre. Mit Kamera und Laptop ausgestattet sammeln Fashion-Nerds für ihre Blogs inspirierende Eindrücke auf der Straße, berichten von Modeereignissen oder inszenieren sich selbst. Inzwischen gibt es mehrere hunderte dieser Internetseiten - mit deutlichen Qualitätsunterschieden. Zu den etablierten Modeblogs gehören etwa „the sartorialist" des Amerikaners Scott Schuman, „facehunter" des Schweizers Yvan Rodic und „bryanboy" des Philippiners Bryan Grey-Yambao. Erklärter Medienliebling ist momentan die nur vierzehn Jahre alte Amerikanerin Tavi Gevinson, eine Art Blogger-Wunderkind, die „style rookie" 2008 gründete und selbst in der von Jugendverherrlichung und Exzentrik geprägten Modebranche auffällt. Die etablierten Modeblogs werden pro Tag von Tausenden besucht. Damit liegt die Deutungshoheit in der Mode längst nicht mehr ausschließlich bei den großen Modezeitschriften. So verwundert es wenig, dass ein Blog wie „lookbook.nu" sich kommerzialisiert und eine Kooperation mit der „Vogue" eingeht. Aber auch in der Kunst sind die Modeblogs inzwischen angekommen. Das NRW-Forum Düsseldorf etwa widmete dem Deutsch-Schweden Gunnar Hämmerle und seinem Modeblog „styleclickers" kürzlich eine eigene Ausstellung mit fast tausend Fotos.

Zu den potentiellen Lesern der Modeblogs - und von „Style Diaries" - gehören zum Beispiel Svenja und Franziska, beide neunzehn Jahre alt und aus Frankfurt am Main. Während Svenja regelmäßig Modeblogs liest, ist das Thema für Franziska Neuland. Beide sehen Modebloggen wie eine Art Tagebuch. Es geht nicht nur um Mode, sondern auch um Musik, Design, Freunde - und Lebenseinstellungen im allgemeinen. Wer einen Blog schreibt, muss also genau überlegen, was er veröffentlicht und bekommt unweigerlich Feedback von seinen Lesern - ob es nun positiv oder negativ ausfällt. Der Reiz für den Leser besteht vor allem darin, die Welt mit anderen Augen zu sehen oder in eine Welt einer anderen Person einzutauchen, wobei jeder selbst entscheiden sollte, was er für interessant findet - und natürlich sollte das Lesen von Modeblogs nicht dazu führen, die eigene Erfahrung oder den eigenen Geschmack über Bord zu werfen. Svenja mag persönlich den Blog „Birds of a Feather" von Cailin Klohk, einer siebzehnjährigen Schülerin aus Frankfurt am Main. Mit ihren Beiträgen kann sie sich gut identifizieren - weil Cailin Klohk ein ähnliches Lebensumfeld hat wie Svenja und noch nicht von großen Modehäusern mit - geschenkten - Kleidungsstücken ausgestattet wird.

Das Buch „Style Diaries" finden Svenja und Franziska als Einstieg ins Thema „Modeblogs" prima. Svenja sagt dazu: „Im Internet gibt es so unendlich viel... Wenn man noch nicht so häufig mit Modeblogs zu tun hatte, dann kann die Menge wie eine Welle sein, die nicht mehr stoppt. Der Leser muss selbst herausfinden, welche Blogs ihm gefallen und ob sie gut sind. „Style Diaries" bietet eine Auswahl, aus der man sich ein paar herauspicken und dann alleine weiter suchen kann." Es gibt aber auch Kritik. Die Einleitung von Simone Werle erscheint mit einer Seite doch recht kurz. Sie schreibt zwei Absätze über die Blogger als Indie-Szene innerhalb der Modewelt, wobei sie weder auf die Zusammenhänge noch auf die Entwicklungen des Modebloggings eingeht. Gerade bei einem Medium, das sich derart schnell entwickelt und verändert, das subversiv begann und in Windeseile kommerzialisiert wird, wäre eine eingehendere Betrachtung sicher für viele Leserinnen und Leser interessant gewesen. Außerdem geht Simone Werle nicht darauf ein, nach welchen Kriterien sie die Modeblogs ausgewählt und zusammengestellt hat. Gerade weil es Modeblogger in schier unfassbarer Menge gibt, sich Gestaltung und Qualität erheblich unterscheiden, wäre es wichtig gewesen, die Konzeption von „Style Diaries" zu erläutern. So kann sich der Leser nur fragen, warum Susanna Lau, Adrian Francis Wu und Ulrike Schuman porträtiert werden, „the sartorialist", „facehunter" und „bryanboy" indes fehlen. Trotzdem wirkt „Style Diaries" sympathisch. Es ist kein Kunstbuch, es erscheint in der gewohnten Form eines Taschenbuchs und lässt sich wie ein Fotoalbum durchblättern. Die wenigen, kurzen Texte sind leicht zu lesen - und das Ganze passt in Situationen des entspannten Nichtstuns, in denen man leichte Unterhaltung sucht, wie etwa beim Sonnen im Garten oder in Wartehallen beim Reisen. Früher hätte man wahrscheinlich die eine oder andere Modezeitschrift in die Hand genommen, um darin zu blättern.

Style Diaries
Von Simone Werle
Paperback, 400 Seiten, englische Sprache
Prestel, 2010
19,95 Euro
www.randomhouse.de

www.froufrouu.com
thesartorialist.blogspot.com
facehunter.blogspot.com, www.facehuntershow.com
ww.bryanboy.com
www.thestylerookie.com
lookbook.nu
www.styleclicker.net
birdsofafeatherblog.blogspot.com

News & Stories › 2010 › Dezember
Der Laufsteg des normalen Lebens
von Nina Reetzke | 20. Dezember 2010
Mit Kamera und Laptop ausgestattet sammeln Fashion-Nerds für ihre Blogs inspirierende Eindrücke auf der Straße, berichten von Modeereignissen oder inszenieren sich selbst. Das Buch „Style Diaries" von Simone Werle porträtiert vierzig Modeblogger aus aller Welt.
Eine junge Frau läuft bei Sonnenuntergang durch einen herbstlichen Wald. Sie trägt eine schwarze Mütze, einen grauen Pulli, eine große schwarzweiß melierte Jacke, eine helle Dreiviertelhose, rotschattierte Wollsocken und gelenkhohe Schnürschuhe mit Keilabsatz. Sie posiert für eine Kamera. Die Fotos wird sie später in ihrem Modeblog veröffentlichen. Wie sie schreibt, inspirierte sie ein Besuch im Londoner „Tabio Shop" zu dem Shooting. Außerdem nennt sie die Marken der Kleidungsstücke und bemerkt lapidar „Wenn ich diesen Mantel trage, mache ich mit den Armen merkwürdige Bewegungen. Sorry." Die Autorin heißt Nadia, wurde 1984 geboren, lebt in London und führt den Modeblog „froufrouu".

In ihrer Funktion als Modebloggerin ist Nadia nicht nur „online" zu sehen. Neben 39 anderen Modebloggern wird Nadia gerade auch in dem Buch „Style Diaries" von Simone Werle vorgestellt. Auf insgesamt vierhundert Seiten finden sich zu jedem Blogger - darunter beispielsweise Susanna Lau mit „stylebubble", Adrian Francis Wu mit „davisadrian" und Ulrike Schuman mit „dottisdots" - Angaben zum Geburtsjahr, zur Staatsangehörigkeit, Wohnort und die Internetadresse. Zudem hat jeder Blogger eine Seite, auf der er seine persönlichen Ansichten stichwortartig darstellen kann. Im Vordergrund steht bei jedem der Porträts aber eine Serie ausgewählter Bildern.

Modeblogs sind ein Phänomen der vergangenen zehn Jahre. Mit Kamera und Laptop ausgestattet sammeln Fashion-Nerds für ihre Blogs inspirierende Eindrücke auf der Straße, berichten von Modeereignissen oder inszenieren sich selbst. Inzwischen gibt es mehrere hunderte dieser Internetseiten - mit deutlichen Qualitätsunterschieden. Zu den etablierten Modeblogs gehören etwa „the sartorialist" des Amerikaners Scott Schuman, „facehunter" des Schweizers Yvan Rodic und „bryanboy" des Philippiners Bryan Grey-Yambao. Erklärter Medienliebling ist momentan die nur vierzehn Jahre alte Amerikanerin Tavi Gevinson, eine Art Blogger-Wunderkind, die „style rookie" 2008 gründete und selbst in der von Jugendverherrlichung und Exzentrik geprägten Modebranche auffällt. Die etablierten Modeblogs werden pro Tag von Tausenden besucht. Damit liegt die Deutungshoheit in der Mode längst nicht mehr ausschließlich bei den großen Modezeitschriften. So verwundert es wenig, dass ein Blog wie „lookbook.nu" sich kommerzialisiert und eine Kooperation mit der „Vogue" eingeht. Aber auch in der Kunst sind die Modeblogs inzwischen angekommen. Das NRW-Forum Düsseldorf etwa widmete dem Deutsch-Schweden Gunnar Hämmerle und seinem Modeblog „styleclickers" kürzlich eine eigene Ausstellung mit fast tausend Fotos.

Zu den potentiellen Lesern der Modeblogs - und von „Style Diaries" - gehören zum Beispiel Svenja und Franziska, beide neunzehn Jahre alt und aus Frankfurt am Main. Während Svenja regelmäßig Modeblogs liest, ist das Thema für Franziska Neuland. Beide sehen Modebloggen wie eine Art Tagebuch. Es geht nicht nur um Mode, sondern auch um Musik, Design, Freunde - und Lebenseinstellungen im allgemeinen. Wer einen Blog schreibt, muss also genau überlegen, was er veröffentlicht und bekommt unweigerlich Feedback von seinen Lesern - ob es nun positiv oder negativ ausfällt. Der Reiz für den Leser besteht vor allem darin, die Welt mit anderen Augen zu sehen oder in eine Welt einer anderen Person einzutauchen, wobei jeder selbst entscheiden sollte, was er für interessant findet - und natürlich sollte das Lesen von Modeblogs nicht dazu führen, die eigene Erfahrung oder den eigenen Geschmack über Bord zu werfen. Svenja mag persönlich den Blog „Birds of a Feather" von Cailin Klohk, einer siebzehnjährigen Schülerin aus Frankfurt am Main. Mit ihren Beiträgen kann sie sich gut identifizieren - weil Cailin Klohk ein ähnliches Lebensumfeld hat wie Svenja und noch nicht von großen Modehäusern mit - geschenkten - Kleidungsstücken ausgestattet wird.

Das Buch „Style Diaries" finden Svenja und Franziska als Einstieg ins Thema „Modeblogs" prima. Svenja sagt dazu: „Im Internet gibt es so unendlich viel... Wenn man noch nicht so häufig mit Modeblogs zu tun hatte, dann kann die Menge wie eine Welle sein, die nicht mehr stoppt. Der Leser muss selbst herausfinden, welche Blogs ihm gefallen und ob sie gut sind. „Style Diaries" bietet eine Auswahl, aus der man sich ein paar herauspicken und dann alleine weiter suchen kann." Es gibt aber auch Kritik. Die Einleitung von Simone Werle erscheint mit einer Seite doch recht kurz. Sie schreibt zwei Absätze über die Blogger als Indie-Szene innerhalb der Modewelt, wobei sie weder auf die Zusammenhänge noch auf die Entwicklungen des Modebloggings eingeht. Gerade bei einem Medium, das sich derart schnell entwickelt und verändert, das subversiv begann und in Windeseile kommerzialisiert wird, wäre eine eingehendere Betrachtung sicher für viele Leserinnen und Leser interessant gewesen. Außerdem geht Simone Werle nicht darauf ein, nach welchen Kriterien sie die Modeblogs ausgewählt und zusammengestellt hat. Gerade weil es Modeblogger in schier unfassbarer Menge gibt, sich Gestaltung und Qualität erheblich unterscheiden, wäre es wichtig gewesen, die Konzeption von „Style Diaries" zu erläutern. So kann sich der Leser nur fragen, warum Susanna Lau, Adrian Francis Wu und Ulrike Schuman porträtiert werden, „the sartorialist", „facehunter" und „bryanboy" indes fehlen. Trotzdem wirkt „Style Diaries" sympathisch. Es ist kein Kunstbuch, es erscheint in der gewohnten Form eines Taschenbuchs und lässt sich wie ein Fotoalbum durchblättern. Die wenigen, kurzen Texte sind leicht zu lesen - und das Ganze passt in Situationen des entspannten Nichtstuns, in denen man leichte Unterhaltung sucht, wie etwa beim Sonnen im Garten oder in Wartehallen beim Reisen. Früher hätte man wahrscheinlich die eine oder andere Modezeitschrift in die Hand genommen, um darin zu blättern.

Style Diaries
Von Simone Werle
Paperback, 400 Seiten, englische Sprache
Prestel, 2010
19,95 Euro
www.randomhouse.de

www.froufrouu.com
thesartorialist.blogspot.com
facehunter.blogspot.com, www.facehuntershow.com
ww.bryanboy.com
www.thestylerookie.com
lookbook.nu
www.styleclicker.net
birdsofafeatherblog.blogspot.com