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Design als gesellschaftliche Kraft?
von Harald Gründl | 11. März 2012
Harald Gründl, Foto © Udo Titz

Die Ausbildungsziele von zukünftigen Designerinnen und Designern werden aktuell sehr kontrovers diskutiert. Die Diskussion über die Neuausrichtung der HFBK in Hamburg ist hier nur ein Beispiel dafür. Die Universitäten argumentieren ihre alten oder neuen Positionen aus ihrer hochschulsubjektiven Wahrnehmung und bieten ihren Studierenden zeitgemäße oder zeitgeistige Ausbildungskonzepte an. Doch die Reaktion auf die Produktionsbedingungen der heutigen Konsumkultur kann auch zum Vorwand für Programmatiken werden, die eher nur dazu dienen, die jeweilige Ausbildungsstätte gegenüber der anderen in Stellung zu bringen.

Das Kalkül, das man dahinter vermuten kann, ist Hochschulmarketing. Man kümmert sich um seinen Platz in der Welt, aber gleichzeitig auch um den Platz im Hochschulranking. Zwischen Ausbildung und Bildung verläuft das Spannungsfeld der Studiengänge. Der von einigen bedauerte Ruck des Designs in Richtung Kunst oder Kunsthandwerk geht einher mit einer Verwissenschaftlichung der vormals angewandten künstlerischen Studienrichtung an den Universitäten. Es gibt nun, neben den künstlerischen Artikulationen im Design, auch vermehrt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fragestellungen der Disziplin in Form von Doktorarbeiten ‒ vorausgesetzt man findet eine Uni, an der man eine solche Arbeit auch machen kann. In der Folge möchte ich die Erfahrungen, die ich kürzlich an Designausbildungsstätten gesammelt habe, in Form von Thesen kondensieren:

These 1: Design als Katalysator für den Wandel (Transitional Design)

Die prekäre Umweltsituation des Raumschiffs Erde (Buckminster Fuller) ist mittlerweile in ein breiteres gesellschaftliches Bewusstsein eingegangen. Als Gastprofessor für Design an der HFBK in Hamburg habe ich ein Seminar zum Thema „Agriculture and the City" angeboten. Es ist klar, dass man in der Stadt nicht wirklich einen signifikanten Anteil an Essen produzieren kann. Muss man ja auch nicht, aber das Anbauen im Kleinen hilft den Bezug zur Natur wieder herzustellen. Und nebenbei lernt man, dass Design in Zukunft nach neuen Strategien verlangt. Produkt – Service – Systeme (PSS), das Finden von alternativen Projektkontexten im Design und schließlich das Hinterfragen, ob das Produkt einer Designdienstleistung immer materialisiert werden muss. 2011 war Hamburg Umwelthauptstadt Europas, und die Ausstellung der Studierendenarbeiten am IBA Dock in Hamburg war ein Beitrag zur Diskussion, wie Design den gesellschaftlichen Wandel katalysieren kann.

These 2: Objektive Kriterien für Sustainable Design (Ecodesign)

Ecodesign hat seit den 1990er Jahren einen schweren Start gehabt. Nicht nur die Firmen haben sehr verhalten auf objektivierbare nachhaltige Produktentwicklungsstrategien reagiert, sondern auch die Ausbildungsstätten für Design, der Markt und auch die Politik, die keine Anreize dafür geschaffen hat. Diese negative Dynamik hat sich erst seit den ökonomischen und ökologischen Krisen der letzten Jahre verbessert. Trotzdem ist das universitäre Know-how in diesem wichtigen Gebiet im Designbereich noch sehr bescheiden und oft von einfältigen Bauchentscheidungen dominiert. Da schreien alle mal laut nach „Papier", wenn es nachhaltig zugehen soll. Papierleuchten waren auch ein Projekt, das ich an der TU in Wien mitbetreuen konnte. Die Ökobilanz hat jedoch gezeigt, dass Reflektoren aus Papier zwar weniger Umweltbelastung in der Herstellung verursachen, aber wesentlich ineffizienter im Betrieb sind. Und diese Lebensphase ist nun leider die bestimmende. Ein lehrreiches Semester für alle, das gezeigt hat, dass künstlerisches Forschen mit objektivierbaren Entscheidungsgrundlagen kombiniert werden muss, um zukunftsorientiertes und nachhaltiges Entwerfen voranzutreiben.

These 3: Hochschulübergreifende offene Lernnetzwerke

Um das wichtige Thema „Sustainable Design" voranzutreiben und Know-how bereitzustellen, koordiniere ich das „Learning Network on Sustainability" (LeNS) für den deutschsprachigen Raum. Das vom Politecnico in Mailand (Ezio Manzini, Carlo Vezzoli) gegründete weltumspannende Netzwerk agiert mit verbundenen, aber dezentral organisierten lokalen Netzwerken. Universitäten, die Lehrveranstaltungen zum Thema Sustainable Design anbieten, können ihre Vorlesungen, Projekte und Unterrichtsmaterialen online zugänglich machen. Teilnehmer am Netzwerk haben freien Zugriff und können das Material verändern oder unverändert verwenden. Im Gegenzug bieten sie Zugriff zu ihren Inhalten, die mit einer „copy left"- statt einer „copy right"-Lizenz versehen werden. Das hilft, wichtige Themen schneller zu verbreiten und die Auswahl für Studierende zu verbessern. Es stellt natürlich auch die veraltete Vorstellung von universitärem Wettbewerb und Lehre in Frage und bietet stattdessen einen offenen Zugang zu akademischem Wissen (Open Course Ware).

These 4: Experimentelle Diskurse für die Designtheorie

Nach meiner Habilitation an der Universität für angewandte Kunst in Wien bin ich im Besitz einer „venia docendi". Diese berechtigt zur freien Lehre im Fach „Theorie und Geschichte des Design". Ohne universitäre Beauftragung kann ich als Privatgelehrter Dissertationen betreuen oder auch Seminararbeiten anbieten, für die es Zeugnisse gibt. Mit Studierenden der Angewandten habe ich letztes Jahr Seminararbeiten zu Themen der Designgeschichte erstellt. Die Beiträge waren jedoch nicht geschrieben abzugeben, sondern als Videos auf YouTube. Durch dieses Medium hat sich eine gänzlich andere, nicht kanonische Bearbeitung der Themen ergeben. Die Respektierung von Copyrights von Bild-, Film- und Tonmaterial führte zu alternativen Diskursen. – Die braucht die Designtheorie eher, als das Vollziehen eingeübter akademischer Rituale, die – so wie viele Werkzeuge und Diskurse der Designtheorie – von anderen Disziplinen entlehnt wurden. Die späte Verwissenschaftlichung von Design und die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen – hin zu einem nachhaltigeren Entwurf unserer Konsumkultur – geben der Designausbildung vom Bachelor bis zum Doktorat eine Fülle von neuen Herausforderungen vor. Der künstlerische Zugang zu Designproblemen wird sicher auch durch wissenschaftliche, d.h. objektivierbare Strategien erweitert werden, vor allem wenn es um Sustainable Design geht. Ein kritisches Bewusstsein, das sich mit dem Medium Design auf die Suche nach neuen Wegen macht, ist meine Vision für eine gesellschaftlich relevante Designausbildung. Hochschulprojekte:
www.design.hfbk-hamburg.de
www.raumgestaltung.tuwien.ac.at
www.idrv.org/lectures/angewandte-youtube-design-history/
www.idrv.org/lens/
www.eoos.com

News & Stories › 2012 › März
Design als gesellschaftliche Kraft?
von Harald Gründl | 11. März 2012
Angeregt von seinen Lehrerfahrungen an europäischen Designhochschulen bringt Harald Gründl vom Designbüro Eoos vier Thesen zum Design in die Ausbildungsdebatte ein.
Die Ausbildungsziele von zukünftigen Designerinnen und Designern werden aktuell sehr kontrovers diskutiert. Die Diskussion über die Neuausrichtung der HFBK in Hamburg ist hier nur ein Beispiel dafür. Die Universitäten argumentieren ihre alten oder neuen Positionen aus ihrer hochschulsubjektiven Wahrnehmung und bieten ihren Studierenden zeitgemäße oder zeitgeistige Ausbildungskonzepte an. Doch die Reaktion auf die Produktionsbedingungen der heutigen Konsumkultur kann auch zum Vorwand für Programmatiken werden, die eher nur dazu dienen, die jeweilige Ausbildungsstätte gegenüber der anderen in Stellung zu bringen.

Das Kalkül, das man dahinter vermuten kann, ist Hochschulmarketing. Man kümmert sich um seinen Platz in der Welt, aber gleichzeitig auch um den Platz im Hochschulranking. Zwischen Ausbildung und Bildung verläuft das Spannungsfeld der Studiengänge. Der von einigen bedauerte Ruck des Designs in Richtung Kunst oder Kunsthandwerk geht einher mit einer Verwissenschaftlichung der vormals angewandten künstlerischen Studienrichtung an den Universitäten. Es gibt nun, neben den künstlerischen Artikulationen im Design, auch vermehrt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fragestellungen der Disziplin in Form von Doktorarbeiten ‒ vorausgesetzt man findet eine Uni, an der man eine solche Arbeit auch machen kann. In der Folge möchte ich die Erfahrungen, die ich kürzlich an Designausbildungsstätten gesammelt habe, in Form von Thesen kondensieren:

These 1: Design als Katalysator für den Wandel (Transitional Design)

Die prekäre Umweltsituation des Raumschiffs Erde (Buckminster Fuller) ist mittlerweile in ein breiteres gesellschaftliches Bewusstsein eingegangen. Als Gastprofessor für Design an der HFBK in Hamburg habe ich ein Seminar zum Thema „Agriculture and the City" angeboten. Es ist klar, dass man in der Stadt nicht wirklich einen signifikanten Anteil an Essen produzieren kann. Muss man ja auch nicht, aber das Anbauen im Kleinen hilft den Bezug zur Natur wieder herzustellen. Und nebenbei lernt man, dass Design in Zukunft nach neuen Strategien verlangt. Produkt – Service – Systeme (PSS), das Finden von alternativen Projektkontexten im Design und schließlich das Hinterfragen, ob das Produkt einer Designdienstleistung immer materialisiert werden muss. 2011 war Hamburg Umwelthauptstadt Europas, und die Ausstellung der Studierendenarbeiten am IBA Dock in Hamburg war ein Beitrag zur Diskussion, wie Design den gesellschaftlichen Wandel katalysieren kann.

These 2: Objektive Kriterien für Sustainable Design (Ecodesign)

Ecodesign hat seit den 1990er Jahren einen schweren Start gehabt. Nicht nur die Firmen haben sehr verhalten auf objektivierbare nachhaltige Produktentwicklungsstrategien reagiert, sondern auch die Ausbildungsstätten für Design, der Markt und auch die Politik, die keine Anreize dafür geschaffen hat. Diese negative Dynamik hat sich erst seit den ökonomischen und ökologischen Krisen der letzten Jahre verbessert. Trotzdem ist das universitäre Know-how in diesem wichtigen Gebiet im Designbereich noch sehr bescheiden und oft von einfältigen Bauchentscheidungen dominiert. Da schreien alle mal laut nach „Papier", wenn es nachhaltig zugehen soll. Papierleuchten waren auch ein Projekt, das ich an der TU in Wien mitbetreuen konnte. Die Ökobilanz hat jedoch gezeigt, dass Reflektoren aus Papier zwar weniger Umweltbelastung in der Herstellung verursachen, aber wesentlich ineffizienter im Betrieb sind. Und diese Lebensphase ist nun leider die bestimmende. Ein lehrreiches Semester für alle, das gezeigt hat, dass künstlerisches Forschen mit objektivierbaren Entscheidungsgrundlagen kombiniert werden muss, um zukunftsorientiertes und nachhaltiges Entwerfen voranzutreiben.

These 3: Hochschulübergreifende offene Lernnetzwerke

Um das wichtige Thema „Sustainable Design" voranzutreiben und Know-how bereitzustellen, koordiniere ich das „Learning Network on Sustainability" (LeNS) für den deutschsprachigen Raum. Das vom Politecnico in Mailand (Ezio Manzini, Carlo Vezzoli) gegründete weltumspannende Netzwerk agiert mit verbundenen, aber dezentral organisierten lokalen Netzwerken. Universitäten, die Lehrveranstaltungen zum Thema Sustainable Design anbieten, können ihre Vorlesungen, Projekte und Unterrichtsmaterialen online zugänglich machen. Teilnehmer am Netzwerk haben freien Zugriff und können das Material verändern oder unverändert verwenden. Im Gegenzug bieten sie Zugriff zu ihren Inhalten, die mit einer „copy left"- statt einer „copy right"-Lizenz versehen werden. Das hilft, wichtige Themen schneller zu verbreiten und die Auswahl für Studierende zu verbessern. Es stellt natürlich auch die veraltete Vorstellung von universitärem Wettbewerb und Lehre in Frage und bietet stattdessen einen offenen Zugang zu akademischem Wissen (Open Course Ware).

These 4: Experimentelle Diskurse für die Designtheorie

Nach meiner Habilitation an der Universität für angewandte Kunst in Wien bin ich im Besitz einer „venia docendi". Diese berechtigt zur freien Lehre im Fach „Theorie und Geschichte des Design". Ohne universitäre Beauftragung kann ich als Privatgelehrter Dissertationen betreuen oder auch Seminararbeiten anbieten, für die es Zeugnisse gibt. Mit Studierenden der Angewandten habe ich letztes Jahr Seminararbeiten zu Themen der Designgeschichte erstellt. Die Beiträge waren jedoch nicht geschrieben abzugeben, sondern als Videos auf YouTube. Durch dieses Medium hat sich eine gänzlich andere, nicht kanonische Bearbeitung der Themen ergeben. Die Respektierung von Copyrights von Bild-, Film- und Tonmaterial führte zu alternativen Diskursen. – Die braucht die Designtheorie eher, als das Vollziehen eingeübter akademischer Rituale, die – so wie viele Werkzeuge und Diskurse der Designtheorie – von anderen Disziplinen entlehnt wurden. Die späte Verwissenschaftlichung von Design und die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen – hin zu einem nachhaltigeren Entwurf unserer Konsumkultur – geben der Designausbildung vom Bachelor bis zum Doktorat eine Fülle von neuen Herausforderungen vor. Der künstlerische Zugang zu Designproblemen wird sicher auch durch wissenschaftliche, d.h. objektivierbare Strategien erweitert werden, vor allem wenn es um Sustainable Design geht. Ein kritisches Bewusstsein, das sich mit dem Medium Design auf die Suche nach neuen Wegen macht, ist meine Vision für eine gesellschaftlich relevante Designausbildung. Hochschulprojekte:
www.design.hfbk-hamburg.de
www.raumgestaltung.tuwien.ac.at
www.idrv.org/lectures/angewandte-youtube-design-history/
www.idrv.org/lens/
www.eoos.com