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Deutschland, deine Küche: Venezianische Streifzüge Folge 3
von Thomas Wagner | 23. Juli 2009
Ein Pavillon ohne Küche und Klo? Da kann nur eine Folge das Leben verachtender Ideologie sein. Wo der Staat sich selbst repräsentiert, haben Frauen, Kinder und Katzen gefälligst draußen zu bleiben. Holt man sie herein, wird alles gut - oder doch wenigstens lächerlich, human und im produktiven Sinn verwirrend. Natürlich muss jeder, der sich für Kunst interessiert, den Deutschen Pavillon gesehen haben, auch wenn nicht wenige - hinter vorgehaltener Hand, versteht sich - über Liam Gillicks Pavillon mit Küche gespottet haben. Dabei versucht er zu leisten, was er immer versucht hat: ein Stück praktischer Entideologisierung, bei der er den Nutzen einer Sache im Hinblick auf deren institutionelle Rahmenbedingungen kompliziert, um eine luzide Reflexion darüber in Gang zu setzen, in welch komplexen Verhältnissen wir leben. Indem er sich dabei oft auf einen „angewandten" Modernismus bezieht, spielt auch Design dabei eine Rolle.

Das Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft im Pavillon

Am auffälligsten sind zunächst die bunten, aus farbigen Kunststoffstreifen bestehenden Vorhänge am Eingang und den Durchgängen zu den Nebenräumen. Sie heitern das mächtige Gebäude auf, sehen unweigerlich aus wie eine Arbeit von Liam Gillick und erinnern obendrein an das sommerliche Italien, das wir Deutsche seit jeher mit der Seele suchen. Zusammen mit einem neuen, weißen Anstrich, lüften sie allein schon die faschistoide Architektur demokratisch durch und schaffen eine offene und heitere Atmosphäre, in der allzu viel Ehrfurcht gar nicht aufkommen kann, weder vor dem Bau, noch vor dem Staat und dem Kunstwerk.

Gillick setzt also - ebenso wie der Kurator Nikolaus Schafhausen mit der Wahl eines Engländers - auf ein Gegenprogramm zu einem wie auch immer gearteten, offiziösen Beitrag, indem er den 1938 von den Nationalsozialisten umgestalteten - der deutsche Architekt Ernst Haiger ersetzte die ionischen Säulen damals durch vier mächtige Rechteckpfeiler, auf denen ein giebelloser Architrav sitzt - und zur Selbstdarstellung des Dritten Reichs genutzten Pavillon gleichsam in Richtung auf Privates und Alltägliches hin öffnet. Wie einige seiner Vorläufer orientiert sich also auch Gillick an der Geschichte des Pavillons; doch implantiert er keinen Gegenentwurf. Vielmehr schafft er eines seiner Was-wäre-wenn-Szenarien, um den Blick auf den Ort zu verändern.

Der Einbau einer Einbauküche

Wichtigstes Ingredienz seiner Strategie sind dabei standardisierte, aus hellem, unbehandeltem Holz gefertigte Elemente, die den Betrachter sofort an eine Einbauküche erinnern. In zwei langen Reihen, abwechselnd offen und geschlossen sowie mit Durchblicken versehen, ziehen sie sich in zwei schrankhohen Küchenzeilen quer durch den Hauptraum bis in die beiden Nebenräume. Zwischen ihnen befindet sich ein rechteckiger, eine leere Mitte bildender Küchenblock in Arbeitshöhe. Schließlich sitzt auf dem ersten hohen Element der hinteren Küchenzeile eine ausgestopfte Katze, ein Stück Papier quer im Maul. Was die Küchenkatze zu erzählen hat, ist eine Geschichte von Missverständnissen, Wünschen und Missdeutungen, die man in einer kleinen Broschüre nachlesen kann, die in den Räumen verteilt wird.

„Die Katze", heißt es unter anderem darin, „wird mit der Zeit ein wenig prätentiös geworden sein"; nicht weniger prätentiös erscheint auch Gillicks Intervention. Gillick habe, so erfährt man im Katalog über die Genese des Küchenwerks, sein tägliches Arbeitsumfeld, seine Küche, die er als improvisiertes Atelier nutzt, in den Deutschen Pavillon übertragen. Nach monatelanger Arbeit in seiner Küche, bei der die Katze seines Sohnes ständig um ihn herumgeschlichen sei, habe er sich mit der Frage beschäftigt, wer mit wem spreche und mit welcher Berechtigung. Bezugspunkt von Gillicks Nachdenken über einen angewandten Modernismus sei dabei Margarete Schütte-Lihotzkys „Frankfurter Küche" von 1926.

Offenbar geht es um mehr als um Küchendesign, vor allem um die Ambivalenzen, die mit einem angewandten Modernismus verbunden sind, der sowohl emanzipatorisch als auch affirmativ gewirkt hat. So hat die „Frankfurter Küche" die Hausarbeit der Frau einerseits aufgewertet, sie andererseits aber in der kleinen Küche isoliert und die Arbeitsabläufe wie in der Industrieproduktion rationalisiert und optimiert. Gillicks Diskursdesign macht also durchaus einen Teilaspekt unserer Geschichte vernehmbar, wenn er den institutionellen Raum verändert und den sozialutopischen Aspekt modernistischen Designs am Beispiel der Einbauküche in seinen Ambivalenzen verdeutlicht. Und doch - wie oft bei Arbeiten Gillicks - wirkt das Ganze allzu ausgedacht, verliert es sich in der Weite seiner Komplexität.

„In meiner Arbeit", sagt Gillick in seinem „Berliner Statement", das, es datiert vom Februar 2009, so etwas wie einen Echoraum zu seiner Biennale-Arbeit bildet, „geht es um die Konstruktion von Ideologien im Verhältnis zur gestalteten Welt ... Ich präsentiere eine verallgemeinerte und spezifische Perspektive, die in gleichem Maße von Momenten der Skepsis und des Enthusiasmus korrigiert wird." Oder, an anderer Stelle: „Meine Arbeit gründet sich auf eine Verhandlung der Art und Weise, wie Ideologien in die gestaltete Welt einsickern." Dagegen kann man nichts haben. Schließlich beschäftigt die Frage, wie Bedürfnisse nach Repräsentation und der Wunsch nach individueller Gestaltung miteinander verbunden, wie ein ideologisch auftretender Modernismus „bewohnbar" werden kann, heute jeden verantwortungsbewussten Designer. Trotzdem wirkt Gillicks Arbeit wie ein diskursiv aufgeblähtes Aperçu.

Gillick war noch nie ein Künstler, der auf leicht verständliche oder gar plakative Effekte gesetzt hat. Er ist und bleibt ein Vertreter einer diskursiven Kunst, der die Bedingungen untersucht, unter denen Produktion und Rezeption von Kunst stattfinden. Obgleich es ihm, indem er den Pavillon mit einer anderen Art von Funktionalität konfrontiert, gelingt, dessen Atmosphäre nachhaltig zu verändern und dessen Monumentalität gleichsam demokratisch und lebenspraktisch zu verwandeln, bleibt der Zusammenhang von Ideologie, Architektur, Design und Verhalten am Ende zu vage. Gillick hat die historische Optik verschoben und genau das realisiert, was man von ihm erwarten durfte: Eine visuelle Inszenierung als Platzhalter für einen Diskurs. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Dass so ein Ansatz auf einem Rummelplatz wie Venedig deplaziert wirken muss, gehört zum Kalkül.

53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org