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Die Aktivistin
von Nina Reetzke | 28. August 2010
Der Name Charlotte Perriand wird häufig in einem Atemzug mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret genannt. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Design auskennt, denkt vermutlich sofort an gemeinsame Möbelentwürfe des Trios, wie das „Fauteuil à grand comfort", den „Siège tournant" oder die „Chaise longue à réglage continu". Jedoch wird man dem umfassenden Werk von Perriand nicht gerecht, wenn man ihre Leistung als Gestalterin auf diese Stahlrohrmöbel reduziert. Die Ausstellung „Charlotte Perriand - Designerin, Fotografin, Aktivistin" des Museum für Gestaltung in Zürich widmet sich nun auch ihren weniger bekannten Fotografien und Grafiken.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung hatten die Kuratoren Andres Janser und Arthur Rüegg uneingeschränkten Zugang zum Fotoarchiv von Charlotte Perriand. Dabei entdeckten sie zahlreiche Bilder, die Perriand in den dreißiger Jahren als Grundlage für meterhohe Kollagen verwendete. Dank dieser Fundstücke konnten einige der Kollagen im Maßstab eins-zu-eins rekonstruiert werden und sind jetzt in Zürich zu sehen. Neben einer Werkschau eröffnet sich damit die überfällige Möglichkeit, Perriand nicht nur als Wegbereiterin des modernen Möbel- und Interiordesigns, sondern auch als politisch und sozial engagierte Frau kennen zu lernen.

Charlotte Perriand studiert Innenarchitektur an der „Union centrale des arts décoratifs" in Paris. Sie macht 1927 anlässlich der Ausstellung „Salon d´automne" mit dem Entwurf einer Bar auf sich aufmerksam, die vollständig aus Kupfer und Aluminium gebaut ist. Im gleichen Jahr beginnt ihre mehrjährige Zusammenarbeit mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret, in der sie sich auf Möbelentwürfe und Wohnungseinrichtungen spezialisiert. Mit dem Beitritt zur Vereinigung revolutionärer Künstler und Schriftsteller, der auch André Breton und André Malraux angehören, beginnt 1931 ihr politisches Engagement - von dem sie sich Anfang der vierziger Jahre auch wieder distanziert. Von 1940 bis 1942 hält sie sich in Japan auf, beschäftigt sich mit Kunsthandwerk im Sinn einer Erneuerung der Tradition. Währenddessen kuratiert sie die Ausstellung „Sélection, tradition, création" in Tokio und Osaka. Über Indochina kehrt sie 1946 nach Frankreich zurück. Von 1952 bis 1953 arbeitet sie mit Jean Prouvé zusammen, während dieser Zeit entstand zum Beispiel das farbenfrohe Regal „Bibliothèque pour la maison de Mexique". Auch wenn Perriand weiterhin als Designerin und Architektin tätig ist, wird sie in der Öffentlichkeit in den späteren Jahren weniger stark wahrgenommen. Das Centre Pompidou in Paris zeigt 1985 erstmals eine Retrospektive ihres Werks.

Mit dem Beitritt zur Vereinigung revolutionärer Künstler und Schriftsteller folgt Charlotte Perriand ihrer Überzeugung, dass man sich für eine bessere Zukunft engagieren muss. Sie strebt nicht nur nach neuen Formen in der Gestaltung, sondern auch nach der Verbesserung sozialer Bedingungen. Den Hintergrund bildete die Weltwirtschaftskrise sowie der Wahlgewinn der „Volksfront" aus Sozialisten und Kommunisten unter Ministerpräsident Léon Blum, die von 1936 bis 1938 in Frankreich die Regierung stellten. In der Tradition des russischen Agitprop, einer politisch motivierten Avantgarde-Kunst, verwendet Perriand, gelegentlich in Zusammenarbeit mit Fernand Léger, großflächige, mit Schriften überlagerte Fotokollagen als Medium ihrer politischen und sozialen Botschaften. Karten, Diagramme und Statistiken liefern Fakten. Die Motive stammen aus den Bereichen Landwirtschaft, Industrie, Stadt, Verkehr und Sport, wobei sie mit der Inszenierung von Gegensätzen spielt. Um die Fernwirkung der Kollagen zu erhöhen, setzt sie häufig leuchtende Farben ein. Diese mehrere Quadratmeter großen Bilder präsentiert sie bevorzugt in Ausstellungen, um so ein breites Publikum anzusprechen.

Die umfangreichsten Kollagen erstellt Charlotte Perriand im Auftrag des Landwirtschaftsministers Georges Monnet, der sie 1936 zunächst mit der Gestaltung des Wartesaals seines Ministeriums beauftragt. Perriand wandelt den Raum in ein „Büro des Weizens", so lautet zumindest der Titel der Ausstellung. Dafür beklebt sie die Wände des aus dem achtzehnten Jahrhundert stammenden, vorher mit vergoldetem Stuck verzierten Saals mit Fotokollagen. Auf den Längswänden sind die mühevollen Bedingungen der traditionellen Landwirtschaft den Segnungen der modernen Infrastrukturen gegenübergestellt; auf der Querwand werden die von einer Landwirtschaftsreform erhofften Fortschritte aufgezeigt. Charlotte Perriand demontiert damit an einem prominenten Ort bourgeoise Vorstellung von staatlicher Repräsentation und ersetzt sie durch Plakate mit revolutionären Botschaften.

Georges Monnet scheint mit der Arbeit von Charlotte Perriand zufrieden, denn im folgenden Jahr gibt er ihr einen weiteren großen Auftrag. Sie erhält den Zuschlag, den Pavillon des Landwirtschaftsministeriums auf der Weltausstellung in Paris zu gestalten. Nahe der Porte Mailot entsteht unter offenem Himmel eine sternförmige Gitterstruktur aus Holz und Stahlrohr von vierzig Metern Durchmesser und knapp acht Metern Höhe. Insgesamt werden achtzehn Paneele gestaltet. Prominent auf der linken Seite befindet sich eine Kollage mit Ausschnitten von Schwarzweißfotografien vor gelben Hintergrund. In der Bildmitte befindet sich der Kopf eines Hahns, daneben und dahinter ist ein Hirtenjunge mit seiner Schafherde zu sehen. Die Kollage rechts neben dem Eingang zeigt ebenfalls Ausschnitte von Schwarzweißfotografien jedoch vor rotem Hintergrund. Im Zentrum des Bildes sieht man die Hände eines Arbeiters an einer Maschine. Dahinter türmen sich fünf Farbrikschornsteine mit zwei Wolken. Über den Tafeln läuft reliefartig ein Schriftzug, der Frankreich als Agrarnation beschwört - „La France pays agricole". Nachts beleuchtete ein rotierender Scheinwerfer die Installation, die Kollagen sollen auch in der Dunkelheit weithin sichtbar sein.

Ein Industriedesigner oder Architekt mag sich heute die Frage stellen, wie sich dieses gesellschaftliche Engagement der dreißiger Jahre in den Produktentwürfen von Charlotte Perriand niederschlug. In der Modellwohnung für einen jungen Mann anlässlich der Weltausstellung von 1935 in Brüssel stellte Perriand dem „Siège tournant" aus Stahlrohr den Sessel „Fauteuil en bois paillé" aus Massivholz mit geflochtenem Sitz und Lehne gegenüber, der sich mit Perriands Interesse für Naturformen und von Autodidakten gefertigter Kunst im Sinn des Art Brut in Verbindung bringen lässt. Beim „Salon des arts ménagers" ein Jahr später präsentierte Perriand ein Wohnzimmer für den kleinen Geldbeutel. Darin zeigt sie neue Entwürfe eines faltbaren Stahlrohrsessels mit abnehmbaren Polstern, der zeitweise von Thonet hergestellt wurde. Dass das Stahlrohr nicht verchromt ist, sondern mit einer matten Oberfläche daherkommt, zeigt wie bescheiden und dezent die Wirkung sein sollte.

Das Museum für Gestaltung vermittelt mit der aktuellen Ausstellung einen deutlichen Eindruck von Charlotte Perriands sozialem und politischem Aktivismus. Ihre rekonstruierten Kollagen, wie „La grande misère de Paris", sind - wie sich anhand von Dokumentarfotos nachvollziehen lässt - teilweise wie in den ursprünglichen Ausstellungen im Verhältnis zueinander aufgehängt. Ein Modell in verkleinertem Maßstab vermittelt einen räumlichen Eindruck vom Landwirtschaftspavillon der Pariser Weltausstellung. Den Kollagen sind trefflich Fotografien, Möbelentwürfe und Objet Trouvés gegenübergestellt und helfen bei der Einordnung. Mögen die Kollagen auch durch das sozialistisch-kommunistischen Klima der dreißiger Jahre in Frankreich geprägt sein - losgelöst von politischen Betrachtungen - bleibt ein starker Eindruck von Charlotte Perriands Engagement für gemeinschaftliche Belange. Sie interessierte sich nicht nur für das Tagesgeschehen, sondern stellte soziale Diskurse in das Zentrum ihrer gestalterischen Arbeit und zeigte damit das Potential von Design und Architektur als Triebfedern für gesellschaftliche Entwicklungen.

„Charlotte Perriand / Designerin-Fotografin-Aktivistin"
Museum für Gestaltung Zürich
Bis 24. Oktober 2010
www.museum-gestaltung.ch
Ausstellung „Charlotte Perriand − Designerin, Fotografin, Aktivistin“, Museum für Gestaltung Zürich Fotos: Betty Fleck © ZHdK
Charlotte Perriand, La grande misère de Paris, Fotomontage für den Salon des arts ménagers in Paris 1936, Originalgrösse: 3 x 15 m, Mitarbeit: André Hermant, Foto: Ph. Studio Kagaka, © AChP / 2010, ProLitteris, Zürich
Ausstellung „Charlotte Perriand − Designerin, Fotografin, Aktivistin“, Museum für Gestaltung Zürich Fotos: Betty Fleck © ZHdK
Charlotte Perriand, Vertèbre de poisson (Rückenwirbel eines Fisches), Fotografie, © AChP / 2010, ProLitteris, Zürich
Ausstellung „Charlotte Perriand − Designerin, Fotografin, Aktivistin“, Museum für Gestaltung Zürich Fotos: Betty Fleck © ZHdK
Charlotte Perriand et Fernand Léger, Pavillon du ministère de l’Agriculture, Exposition internationale des arts et techniques dans la vie moderne, Paris, 1937 Foto : François Kollar/AChP, © AchP, Adagp, Paris 2007
Ausstellung „Charlotte Perriand − Designerin, Fotografin, Aktivistin“, Museum für Gestaltung Zürich Fotos: Betty Fleck © ZHdK
Charlotte Perriand/Fernand Léger, Pavillon de l’Agriculture: La France agricole, Fotomontage für Weltausstellung in Paris 1937, Originalgrösse: 4.60 x 6.20 m, Foto: François Kollar, Farbrekonstruktion: Jacques Barsac, 2010, © AChP / 2010, ProLitteris, Zürich
Ausstellung „Charlotte Perriand − Designerin, Fotografin, Aktivistin“, Museum für Gestaltung Zürich Fotos: Betty Fleck © ZHdK
Charlotte Perriand in ihrem Atelier in Montparnasse, ca. 1934, Foto: Pierre Jeanneret, © 2010, ProLitteris, Zürich