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Die Ausweitung des Raumes
von Annette Tietenberg | 8. August 2011
Vor zwei Jahren lud Roman Ondák zum „Loop" ein. Anlässlich der Kunstbiennale Venedig verwandelte er den tschechischen und slowakischen Pavillon, über dem noch immer der Schriftzug „Czechoslovakia" prangt, in einen struppig-staubigen Garten aus Sträuchern, Bäumen und Immergrün. Der Innenraum unterschied sich in nichts vom Park draußen. Wozu noch Grenzen, so fragte man sich, wenn das Terrain hüben wie drüben ausschaut, wenn diesseits und jenseits der Mauern das Gleiche kreucht und fleucht? Wenn nationale Eigenheiten nicht mehr sind als Illusionen von Kleingärtnern? Wenn es kein davor und danach, kein innen und außen, keinen Anfang und kein Ende gibt? Wohl, wie der von Roman Ondák gewählte Titel vermuten lässt, ein Fall für die Loop-Theorie, die Schleifenquantengravitation, die den Raum als dynamisches Spin-Netzwerk beschreibt.

Roman Ondák geht es um nichts Geringeres als die Ausweitung des Raumes. Er ist beileibe nicht der erste Künstler, der eben dies versucht hätte. Die Kubisten übersetzten, angeregt von Henri Poincaré und Albert Einstein, die vierte Dimension in Malerei; die Konstruktivisten waren mit kosmischen Kräften im Bunde; und die Protagonisten der Minimal Art bestanden darauf, dass Raum nicht unabhängig vom Standpunkt eines Wahrnehmenden gedacht werden kann. Nun erkundet Roman Ondák den extraterrestrischen Raum – und zwar mit ebenso viel Witz wie Verstand. Die Devise lautet: „Enter the Orbit". Das erste, was man sieht, wenn man die Ausstellung im Kunsthaus Zürich betritt, ist ein großes weißes Paket, frankiert mit sowjetischen Briefmarken aus dem Jahr 1957, die den Sputnik in Aktion zeigen. Adressiert ist die Fracht an Roman Ondák in Bratislava. Was mag das sein, das da verhüllt auf dem Boden liegt? Und wer war der Absender? Größe und Form lassen hoffen. Ja, das könnte er durchaus sein, der legendäre Sputnik 1, wäre er nicht verglüht, als er nach 92 Tagen der Erdumkreisung wieder in die niedrigeren Gefilde der Erdatmosphäre eintrat.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Am 4. Oktober 1957 gelang Sergei Pawlowitsch Koroljow, dem spiritus rector des sowjetischen Raketenprogramms, eine Sensation. Vom kasachischen Baikonur aus startete eine Interkontinentalrakete R-7. Mit an Bord der Sputnik 1, eine knapp 84 Kilogramm schwere Aluminiumkugel, ausgestattet mit Thermometer und batteriebetriebenem Funksender. Da die Messinstrumente nicht rechtzeitig fertig geworden waren, hatte Koroljow mit einer eilig zusammengeschraubten Verlegenheitslösung Vorlieb nehmen müssen. Man könnte auch sagen, mit einer Skulptur. Denn dieser erste künstliche Erdsatellit war nicht imstande, Daten zu sammeln. Er zog seine Bahnen und sandte Signale aus, mehr nicht. Allein das Wissen um seine Existenz aber versetzte die westliche Welt in Angst und Schrecken – und führte zur Gründung der NASA.

Zweifelsohne hatte die Sowjetunion mit dem Sputnik eine Etappe des Wettrüstens im Kalten Krieg gewonnen. Nicht zuletzt in ästhetischer Hinsicht. Denn die Skulptur, eine silbrig glänzende Kugel mit zwei Antennenpaaren, gefiel – im Osten wie im Westen. Sie kehrte in Form von Radioapparaten, Staubsaugern, Zigarettenanbietern, Aschenbechern und Leuchten auf die Erde zurück und nistete sich in Küchen, Büros und Kinderzimmern ein. Keiner der vielen Satelliten, die inzwischen die Erde umkreisen, löste auch nur annähernd eine solche Euphorie aus wie der Sputnik 1. Vielleicht, weil ihren Konstrukteuren das – um mit Kasimir Malewitsch zu sprechen – „kosmische Empfinden" fehlte, das nicht nur die Suprematisten, sondern auch den sowjetische Raketenbauer Koroljow auszeichnete. Für Koroljow, so zumindest besagt es die Legende, war der Sputnik weniger eine technische denn eine ästhetische Herausforderung. Die ersten Sputnik-Entwürfe in Kegelform lehnte er ab. Die Kugel – und damit das Symbol der Vollkommenheit – sei die einzig angemessene Form für einen künstlichen Himmelskörper.

So sieht das auch Roman Ondák. Im Kunsthaus Zürich montierte er, in gleichmäßigen Abständen, 96 kleine kugelrunde Sputniks an die Wände. Die Zahl ist sprechend: 96 Minuten brauchte der Satellit 1957 für eine Erdumrundung. Viel länger dürfte es auch nicht gedauert haben, einen von Ondáks Miniatur-Sputniks herzustellen. Sie erwecken den Anschein, als seien sie mit viel Hingabe und Lust zur Improvisation abends bei Wein oder Bier am Küchentisch zusammengebastelt worden. Kollaborationen seien es, lässt Ondák den Ausstellungsbesucher wissen. Er habe befreundete Künstler eingeladen und gemeinsam mit ihnen Skulpturen gebaut. Daran, dass die Bricoleure mit Begeisterung bei der Sache waren, dürfte wohl kein Zweifel bestehen: Alles, was ihnen in die Hände fiel, eignete sich, zum Bestandteil eines Satelliten zu werden. Ob Anspitzer, Holzkugeln, Minigolfbälle, Schwämme, Kokosnüsse, Kastanien, Gummihandschuhe, getrocknete Orangen, Backformen oder Teesiebe, sie alle nehmen, sofern man sie mit vier dünnen Spinnenbeinen aus Metall, Holz oder Kunststoff kombiniert, widerstandslos die Idealform des Sputniks an. So viel ist sicher: Mag der Sputnik 1 als Vorbild auch verglüht sein, so zieht er doch als Nachbild noch immer seine Bahn. Warum gerade ein Künstler wie Roman Ondák imstande ist, seine Signale zu empfangen? Vermutlich, weil einer, der einmal in den Loop eingetaucht ist, nicht davor zurückschreckt, Vergangenheit und Gegenwart zusammen zu denken.

Roman Ondák – Enter the Orbit
Von 10. Juni bis 28. August 2011
Kunsthaus Zürich
www.kunsthaus.ch

Foto: Asif A. Siddiqi, NASA
Sputnik, Foto: NASA
"Enter the Orbit" von Roman Ondák zusammen mit Freunden, Foto: Arthur Faust, Kunsthaus Zürich
"Enter the Orbit" von Roman Ondák zusammen mit Freunden, Foto: Arthur Faust, Kunsthaus Zürich
"Loop" von Roman Ondák , Installation auf der 53. Venedig Biennale, 2009, Courtesy: gb agency, Galerie Janda, Johnen Galerie
"Loop" von Roman Ondák, Installation auf der 53. Venedig Biennale, 2009, Courtesy: gb agency, Galerie Janda, Johnen Galerie
Briefmarke aus dem Jahr 1957, Sammlung: Roman Ondák
Umschlag mit Briefmarke aus dem Jahr 1957, Sammlung: Roman Ondák
"After Return from Orbit" von Roman Ondák, Foto: Arthur Faust, Kunsthaus Zürich
"Star City" von Roman Ondák , Magazinausschnitt, 2003, Sammlung: Jörg Johnen
"Measuring the Universe" von Roman Ondák, Performance im MoMA, 2007, Sammlung: MoMA, New York
"Measuring the Universe" von Roman Ondák, Performance im MoMA, 2007, Sammlung: MoMA, New York
Roman Ondák, Foto: Wolfgang Stahr
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