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Die Heilkraft des großen Auftritts
von Markus Frenzl | 3. Januar 2010
Dunkle Räume, die den Besucher zur Ruhe kommen lassen. Stille, die selbst einen Wassertropfen hörbar macht. Naturmaterialien wie Schiefer oder unbehandeltes Holz. Schlichte Formen, die dem Element Wasser den Vortritt lassen. - Seit Peter Zumthors „Therme Vals" sind die meisten Spas und Wellnessbereiche zu Orten einer manchmal schon klischeehaft reduzierten Zen-Ästhetik geworden. Legendär die Geschichten, dass Zumthor nicht einmal eine Uhr in seinem Bau erlauben wollte, die das bedrohliche Verrinnen der Zeit an einen Ort der Entschleunigung gebracht hätte. Auf den Bildern dieser stillen, dunklen Räume erscheinen Menschen meist nur als vorbeihuschende Schemen, als schwimmende Silhouetten unter Wasser, als in sich gekehrte Figuren, die in Dampf oder Dunkel verschwinden. Die dunklen Spas beziehen einen Großteil ihres Reizes daraus, dass sie im Öffentlichen einen Ort des Rückzugs bieten.

Was aber, wenn all die Dunkelheit, Besinnlichkeit und Einkehr gar nicht gewünscht ist? - Das Icon Brickell Spa des im Februar 2009 eröffneten Viceroy Hotels und Resorts in Miami ist der perfekt inszenierte Gegenentwurf zu Zen-Ästhetik und Versonnenheit. Auf mehr als 2.600 Quadratmeter zeigt der Entwurf von Philippe Starck, wie ein Spa an einem Ort auszusehen hat, an dem Maßhalten und Innerlichkeit nur wenig gelten. Natürlich finden sich hier die üblichen Behandlungsräume, eine Saftbar, Saunen, ein Dampfbad und Fitnessräume in Luxusausstattung und mit Full-Service. Das Day Spa bietet aber auch einen Kino-Raum mit absurd überdimensionierten Samtsofas oder ein Party-Zimmer, in denen man gemeinsam mit Freunden abhängen kann.

Der spektakulärste Raum des an Superlativen nicht armen Ortes („the longest infinity-edge pool in Florida") ist aber zweifellos die „Water Lounge": ein gewaltiger, über 460 Quadratmeter großer Entspannungsbereich aus weißem Marmor, durchzogen von spitzwinkligen, flachen Wasserbecken und Kalt-Warm-Tauchbecken. Inszeniert ist der Raum als eine Art geflutete Bibliothek mit raumhohen Bücherregalen und Kaminen an den Schmalseiten, Lesesesseln und Tischen im und am Wasser - und wen schert es schon, dass Bücher und Wasser nicht so recht zusammenpassen? Es ist eine eindrucksvolle Bühne, auf der entspannt, gelesen, Körperpflege betrieben werden soll - auch wenn man sich das für sich selbst kaum vorstellen mag. Denn eintreffende Besucher blicken vom Empfangsbereich auf das gleißende Tableau der „Water Lounge" herab wie auf ein luxuriöses Freigehege. Hier lässt sich kein körperlicher Makel verstecken. Selbst die Bücher sind im Sinne des ästhetischen Gesamtkonzepts in weiße Schutzumschläge gepackt - ein Suchspiel, das man sogar als ironischen Kommentar auf Oberflächlichkeit und Show werten kann. Wären es nur Blanko-Dummys, würde sich wohl auch keiner wundern.

Dominiert wird der Raum von einem gewaltigen gelben Kristalllüster und es braucht wohl eine Menge Yoga, um unter einem derart gewaltigen Damoklesschwert aus spitzem Glas Entspannung finden zu können. Das Ganze spielt sich vor der spektakulären Kulisse ab, die sich beim Blick durch die raumhoch verglasten Wände auf Key Biscayne bietet. - All das hat so rein gar nichts von einer japanisch inspirierten Ästhetik der Leere und Reduktion, die dem Ruhe Suchenden auch visuell Entspannung bietet. Dieser Raum ist soviel Drama und Hype, dass es schon wieder Spaß macht!

Es spricht für das Einfühlungsvermögen in die Erwartungen von Nutzer und Auftraggeber, dass Starck nicht einfach eine weitere Kopie eines asiatisch inspirierten „Zen-Spas" nach Miami verpflanzt, sondern eine Entsprechung des offensiven Körperbewusstseins dieses Ortes entworfen hat: Hier geht es nicht um Besinnung und innere Einkehr - hier geht es um die große Show! Hier lässt sich genauso körperbetont und repräsentativ relaxen wie am Strand von Miami Beach. Denn wer seinen Körper das ganze Jahr im Gym quält, will schließlich jede Gelegenheit nutzen, das Ergebnis auch zu zeigen! - Wer also einen unbeobachteten Rückzugsort sucht, ist hier eindeutig falsch. Manchmal allerdings werden für Promis wie J.Lo und ihre Entourage der gesamte Pool-Club auf der 50. Etage des Hotels oder das Spa geschlossen. Vielleicht sind Rückzugsmöglichkeiten in Miami also weniger eine Frage zurückhaltender Gestaltung, als vielmehr eine Frage von Exklusivität und Preis. Die „Water Lounge" des Icon Brickell Spa aber ist der perfekte Ort für Menschen, denen nichts mehr an Bestätigung, Entspannung und Wohlgefühl zu vermitteln vermag als ein gelungener Auftritt. Und falls es hier und da noch Körperstellen geben sollte, die sich nicht makellos in das Gesamtkunstwerk einfügen, weiß der hauseigene Mediziner sicher Rat.

www.viceroymiami.com
Viceroy Hotel in Miami, Spa Media Raum
Viceroy Hotel in Miami, oben: Spa Party Raum; unten: Water Lounge
Viceroy Hotel in Miami, Water Lounge