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Die Kunst des Understatements
von Uta Abendroth | 14. März 2013
Als Frits Loeb am 13. April 1913 in Utrecht mit einer Handvoll Tischler die Produktion in seiner „Utrechtsche Machinale Stoel- en Meubelfabriek“ (UMS) startete, konnte er nicht ahnen, dass seine Firma in den Niederlanden zu einer Art „national heritage“-Angelegenheit in Sachen Möbeldesign werden und es sogar zu einer Ausstellung in einem Museum bringen würde. „Wenn ein Unternehmen wie Pastoe hundert Jahre alt wird, dann ist das schon etwas ganz besonderes“, sagte Konstantin Grcic anlässlich der Eröffnung von „Like Pastoe, 100 years of design innovation“ in der Kunsthalle in Rotterdam. „Und wir alle verstehen den Wert einer solchen Geschichte.“ Worauf er anspielt ist die Wertschätzung, die in Zeiten der Globalisierung und des „anything goes“, den feinen Produkten eines kleineren Design-Labels entgegengebracht wird.

Die Ausstellung in Rotterdam findet in einem großen Saal des von Rem Koolhaas entworfenen Museums statt. Wie das Äußere, so das Innere könnte man sagen, denn die Pastoe-Schau kommt optisch stark, aber nicht laut daher: nicht zu viel Design, nicht zu viel Information, nicht zu viel Getue. Was ist Pastoe heute, was war das Unternehmen in den vergangenen hundert Jahren – und wofür steht die Firma insgesamt? Diese essenziellen Fragen liegen dem Ausstellungskonzept zugrunde.

Um den Blick unabhängig auf die Marke zu lenken, war es den Initiatoren wichtig, die Jubiläumsschau nicht allein aus dem Unternehmen heraus zu organisieren, sondern Kreative von außen zu engagieren. Die Wahl fiel auf den Architekten Anne Holtrop und den Künstler Krijn de Koning. Ihre Aufgabe, die umfangreiche Firmengeschichte sowie die intensive Zusammenarbeit mit bekannten Grafik- und Möbeldesignern der jeweiligen Epochen – Dick Bruna in den Sechzigern, Shiro Kuramata in den Achtzigern und Maarten van Severen in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends ­– sichtbar zu machen, ist den beiden auf eine geradezu spielerisch leicht wirkende sowie ganz und gar undogmatische Art und Weise gelungen.

Besucher können durch drei verschiedene „Bauten“ schlendern. Diese räumliche Trennung ist konzeptionell bestimmt durch die drei Themenblöcke: „Archive“, von Krijn de Koning als schwarzer Pavillon gestaltet, zeigt eine ebenso originelle wie zeitgeschichtlich interessante Zusammenstellung von Möbeln, Gemälden, Publikationen und Fotos aus der Firmengeschichte. In dem ebenfalls von de Koning konzipierten Abschnitt „Umgebungen“, der durch farbige Wände mit Durchbrüchen reizvolle Ein- und Ausblicke gewährt, geht es um Pastoes Visionen von architektonischem Raum und verschiedene Installationen rund um die Aspekte „Wohnen“ und „Arbeiten“. Und der Bereich „Innovationen“, von Anne Holtrop gestaltet, präsentiert zwischen dicken, naturweißen Filzmatten neue Objekte und Ideen unter anderem von Konstantin Grcic, Naoto Fukasawa und Claudio Silvestrin.

Als ein ebenso informativer wie in seiner Vollständigkeit beeindruckender Einstieg in die Schau dient eine Fotowand, die in Schwarz-Weiß-Bildern chronologisch die Firmengeschichte von Pastoe und seinen Möbeln anschaulich macht. „Wir wollten in der Ausstellung nicht zu viele Informationen haben“, erklärt Anne van der Zwaag, die die Schau gemeinsam mit dem Designkritiker und Autor Gert Staal kuratiert hat. „Besucher können sich hier einstimmen, dann in Ruhe in den Pavillons umsehen und später an dieser Wand noch einmal nachlesen, was sie besonders interessiert.“

Die Idee, den Möbeln mit ihrer formalen Strenge nichts zur Seite zu stellen, was die minimalistische Design-Ästhetik stören würde, überzeugt. Stattdessen bewegt man sich durch einen künstlichen Raum, in dem handwerklich hochwertige und innovative Möbel aus unterschiedlichen Epochen nebeneinander stehen ­– und im Vergleich miteinander auch bestehen können.

Aldo van den Nieuwelaars Rollladenschrank „A’dammer“ aus den 1970er Jahren ist ein anschauliches Beispiel. Das Charakteristikum des Möbels ist der gerippte Rollladen, der nach oben geschoben werden kann und auf der Rückseite des Schrankes verschwindet. Diese Designikone ist eines der am häufigsten verkauften niederländischen Möbelstücke überhaupt. Der Stahlrohrstuhl „SM05“ von Cees Braakman und Adriaan Dekker, ein Produkt der Fifties wie Bertoias oder Eames‘ „Wire Chairs“, ist ebenso vertreten wie die „Shift cabinets“ von Scholten & Baijings aus dem Jahr 2011. Naoto Fukasawa hat mit „Outline“ einen Hauch von einem Wandregal aus Aluminium für die aktuelle Kollektion von Pastoe entworfen. Und Claudio Silvestrin, der, metaphorisch gesprochen, meint, dass wir unserer Kultur ­in Form von Büchern nicht genug Raum geben, hat dem Entwurf seines japanischen Kollegen das enorm viel Platz beanspruchende Regalsystem „Prospettive“ entgegengesetzt. „Ich mag es, wie hier alt und neu Seite an Seite gezeigt werden“, sagt Konstantin Grcic. „Eine chronologische Ordnung von Dingen existiert im realen Leben doch auch nicht. Außerdem ist es ein Ausdruck des Selbstbewusstseins von Pastoe, dass hier Möbel aufeinander treffen können, die zuvor noch nie irgendwo so zusammen gestanden haben.“

Ein Jubiläum ist immer auch eine willkommene Gelegenheit, Neues auszuprobieren und Kooperationen einzugehen, die im normalen Produktionsalltag eines Unternehmens nicht stattfinden. So wurde etwa das niederländische Fotografen-Duo Scheltens & Abbenes gebeten, die Qualität der Pastoe-Möbel in Bildern zu dokumentieren. Das Ergebnis sind hoch ästhetische Kunstbilder, auf denen der Betrachter Ausschnitte von gestapelten Schranktüren oder Regalsystemen erst auf den zweiten oder gar dritten Blick als solche erkennt (zu sehen im schwarzen Pavillon). Konstantin Grcic, der vor allem das Finish, also die Lackierung der Pastoe-Möbel, als exquisit bezeichnet, stellt im Filz-Bau zwei Schränke nebeneinander, deren Türen mit einem nur fast identischen Farbverlauf aufwarten. Darüber hängt jeweils ein Monitor, auf dem Kurzfilme laufen, in denen zu sehen ist, wie die jeweilige Lackschicht zu Stande gekommen ist: Einmal wird sie von einem Mann mit einer Spritzpistole aufgetragen, das andere Mal von einer Maschine.

Im Farb-Pavillon gibt es zudem einen Raum, in dem vor allem das Grafikdesign im Mittelpunkt steht. Dort sieht man alte Pastoe-Plakate von Dick Bruna und die aktuellen Ausstellungsplakate von Dirk Laucke, die Brunas Stil aktuell und zugleich mit einem Augenzwinkern interpretieren. Ebenfalls in der Schau zu sehen ist der Jubiläumsschrank „Vision Elements jubilee cabinet“, der zum einen den ehemaligen Designdirektor von Pastoe, Cees Braakman, würdigt, und zum anderen zum hundertsten Geburtstag noch einmal klar macht, was Pastoe in der Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt gemacht und von anderen Mitbewerbern abgehoben hat – nämlich Schränke, Regale und noch mal Schränke. Handwerklich perfekt, flexibel einsetzbar und gestalterisch so reduziert wie möglich. Perfektes Understatement eben.


Like Pastoe, 100 years of design innovation
Kunsthal Rotterdam
Bis zum 2. Juni
Di bis Sa 10 – 17 Uhr, So 11 – 17 Uhr
www.kunsthal.nl

Das Buch zum Jubiläum:
Gert Staal and Anne van der Zwaag
Pastoe: 100 Years of Innovation in Design
nai010publishers, ISBN 978-94-6208-068-3
€ 34.50
Das Team und die Designer der Ausstellung, Foto © Thomas Libiszewski
Claudio Silvestrin und Remco van der Voort, Foto © Thomas Libiszewski
„Proposition Prospettive" von Claudio Silvestrin, Foto © Thomas Libiszewski
Felt Pavilion, Foto © Thomas Libiszewski
Der Stahlrohrstuhl „SM05“ von Cees Braakman und Adriaan Dekker wird im schwarzen Pavillon gezeigt. Foto © Thomas Libiszewski
„Proposition Pass Through" von Scheltens & Abbenes aus dem Jahr 2012, Foto © Thomas Libiszewski
Die Ausstellung in Rotterdam findet in einem großen Saal des von Rem Koolhaas entworfenen Museums statt. Foto © Thomas Libiszewski
An der Fotowand können die Besucher die Firmengeschichte von Pastoe in Schwarz-Weiß-Bildern nachvollziehen. Foto © Pastoe
1913 gründete Frits Loeb die Produktion in seiner „Utrechtsche Machinale Stoel- en Meubelfabriek“ (UMS). Foto © Pastoe
Das Utrechter Unternehmen Pastoe existiert bereits seit 100 Jahren. Foto © Pastoe
Noortje Herlaar auf der Pastoe Ausstellung in der Kunsthalle in Rotterdam. Foto © Thomas Libiszewski
Zwei Besucher schlendern über die Pastoe Austellung. Foto © Thomas Libiszewski
Dirk Lauckes Plakate für „Like Pastoe, 100 years of design innovation“ in der Kunsthalle in Rotterdam, Foto © Aatjan Renders Fotografie
Designer Konstantin Grcic mit Remco van der Voort neben Grcics „Propostion Clouds", Foto © Thomas Libiszewski
Naoto Fukasawa hat mit „Outline“ ein Wandregal aus Aluminium für die aktuelle Kollektion von Pastoe entworfen. Foto © Thomas Libiszewski
Window Pavilion, Foto © Thomas Libiszewski
Dick Bruna gestaltete in den Sechzigern graphische Entwürfe für Pastoe. Foto © Thomas Libiszewski
Die Teakholz-Möbel aus dem Jahr 1962, Foto © Pastoe
Ein Pastoe Bücherregal von 1964, Foto © Pastoe
Pastoe auf der Salone del Mobile Milan im Jahr 2009, Foto © Pastoe