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Die luxuriösen Leiden des Mr. B.: Venezianische Streifzüge Folge 5
von Thomas Wagner | 1. August 2009
„Das ist doch Inneneinrichtung, bloß Design, das interessiert mich nicht", schimpft ein Kollege aus der Hauptstadt. Von „Schöner Wohnen" aber kann gar nicht die Rede sein, und wenn, dann nur in der Vergangenheitsform, versehen mit dem „Es war einmal", mit dem Märchen beginnen. Ein modernistischer Bungalow für einen rätselhaften Mr. B. und eine etwas konventionellere, nicht ganz geschmackssicher eingerichtete Heimstatt für eine Familie A. - das war einmal. Nun geben die feinen Interieurs nur noch die Kulisse ab für ein Scheitern auf der ganzen Linie. Das Heim der Familie steht zum Verkauf; der Makler führt die Interessenten - also uns alle - durch die Räume, die durchaus teuer eingerichtet und mit jeder Menge Kunst von der klassischen Moderne bis in die Gegenwart versehen sind. Und nebenan, vor dem Bungalow mit seinen bis zum Boden reichenden Glasfronten, treibt Mr. B. tot im Pool.

Potenz als Kulisse

In solchen Haushalten wohnen die Geschichten, die unsere Gegenwart schreibt. Was nach Erfolg aussieht, ist ein Endspiel. Es ist aus und vorbei mit der Herrlichkeit. Allein die Kulisse überdauert. Und weil niemand so recht weiß, wie er damit umgehen soll und was danach kommt, ist das Ganze ironisch grundiert und theatralisch aufbereitet. Denn genau das gehört zum Gefühlshaushalt unserer Tage, dass wir, was uns eigentlich zur Verzweiflung treibt, bis zum Kitsch aufdonnern oder uns ironisch davon distanzieren.

Natürlich ist das Environment, das Michael Elmgreen und Ingar Dragset in den beiden, nebeneinander gelegenen Pavillons Dänemarks und der Nordischen Staaten eingerichtet haben, in seiner Kritik am Zustand des Betriebssystems Kunst und an der Kaste der „Collectors" etwas platt. Aber das ist nur so, weil die Oberfläche des Sammelns, gleichsam dessen Display, einigermaßen realistisch dargestellt wird und uns besonders holzschnittartig vorkommt, was wir gut kennen. Trotzdem ist das Werk an hintersinnigem Humor und ironischer Selbstbespiegelung des Kunstbetriebs schwer zu übertreffen, entwirft es doch nicht nur ein abstraktes Bild für die Identität stiftende Funktion der Kunst, sondern bezieht diese selbst und ihre potenten, oder sich als potent darstellenden Liebhaber ein, indem sie die beiden Häuser tatsächlich mit entsprechenden Werken ausstattet.

Glanz und Elend des Sammelns

Es ist klar, dass Mr. B. nicht nur Lustknaben beherbergt, sondern auch die entsprechende Kunst dazu besitzt. Ob fotografierte nackte junge Männer von Wolfgang Tillmans, der Tisch eines Schriftstellers von Simon Fujiwara oder Styropor-Kuben à la Sol LeWitt von Henrik Olesen, vorhanden ist, was man eben so hat, wenn man sein Ego entsprechend ausstaffiert. Nebenan sind es Frank-Stella-Gemälde von Sturtevant, ein nachempfundener Torso von Brancusi, ein Hund von Mauricio Cattelan und vieles mehr, was sonst in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gezeigt wird. Hier ist es Teil einer Erzählung vom Glanz und Elend des Sammelns. Leider ist die Treppe zur Empore in der Bibliothek, in der zwei Sofas aus der Alkoven-Serie der Bouroullec-Brüder von Vitra stehen, weggebrochen; leider klafft im Esszimmertisch eine Lücke. Auch einige Stücke des schönen Porzellans liegen auf dem Boden. Das ist aber kein Grund zur Sorge. Es wird sich schon jemand finden, der genügend Geld und obsessive Energie vorzuweisen hat, um in diese leere Haut zu schlüpfen.

Jeder ist ein Sammler

Und dass sich gleich jeder wie ein Sammler fühlen kann, besteht der Katalog aus einer bedruckten Stofftasche voller kleiner Dinge, beigesteuert von den Künstlern, deren Werke in den Häusern zu bestaunen sind, und bestaunt werden sollen sie doch. In Venedig, so ist beispielsweise auf der Tasche zu lesen, könne man sich sogar in einen Laternenpfahl verlieben. Es gibt ein Feuerzeug von Han & Him, einen Button mit Fingerabdruck, und bei einigen hat Mauricio Cattelan sogar eine fettige Wurst hineingeschmuggelt. Ist aus seiner Sicht alles Wurst? Nein. Der wahre Sammler sammelt eben alles, sogar eine Wurst, wenn sie nur verspricht, Kunst zu sein.

Ein Modell für die Zukunft?

Es ist aber nichts nur Spaß in dieser fiktiven, aus Kunst gebauten Wohlfühlwelt. Was da aus dem Norden kommt, ist nicht nur eine humorig-bissige Auseinandersetzung mit den Obsessionen des Sammelns. Es könnte durchaus ein Modell für die Zukunft des Ausstellens sein. Zu vermelden ist immerhin die allererste Kooperation zwischen zwei nationalen Pavillons - dem Dänischen und dem der nordischen Länder Finnland, Norwegen und Schweden - bei einer Venedig-Biennale. Doch nicht nur, was die Frage nationaler Repräsentation angeht, setzen Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die seit 1995 als Künstlerduo arbeiten, neue Akzente. Indem sie ihr Kunstprojekt auf der Grenze zwischen einer kuratierten Ausstellung (die Künstler selbst nennen, was sie tun, lieber staging), der Präsentation einer fiktiven Privatsammlung und einem theatralisch überzeichneten Environment ansiedeln, düpieren sie das zeitgenössische Ausstellungswesen und dessen Trend zu narrativen Inszenierungen. Man muss sich nur den Palazzo Fortuny anschauen, wo der Luxuströdler Axel Verwoordt, diesmal unter dem Titel „In-finitum", nun schon zum zweiten Mal seine Kunstschätze als Wunderkammer inszeniert, dann weiß man, womit man es zu tun hat.

Wohnen in der Kunst

Das ist aber längst nicht alles. Elmgreen & Dragset markieren mit ihrem Environment auch, wie sehr sich einzelne Kontexte mittlerweile überschneiden, die Sphären von Kunst und Interior-Design, freier und angewandter Kunst dabei sind, sich zu durchdringen. Ähnlich wie vor Jahren damit begonnen wurde, Aspekte des bewegte Bildes und des Filmischen jenseits einer massentauglichen Hollywood-Ästhetik zu untersuchen, gerät nun die gesamte Sphäre des Wohnens als Lebensform oder Sprachspiel in den Blick. Und zwar als ein Verhalten zur Welt im Rahmen ihrer gesamten sozialen Ökonomie, in der Status, individuelles Begehren, das Verschieben oder Verschleifen der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichen eine Rolle spielen, in der Gier und Obsessionen - aufs Schönste herausgeputzt - ihr Unwesen treiben, und selbst der Tod auftritt, als sei er Teil eines Bildes von David Hockney. Es war einmal, so beginnt dieses Märchen, ein Volk, das in der Kunst leben wollte...

53. Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig
7. Juni - 22. November 2009
www.labiennale.org
Dänischer Pavillon, Installation “The Collectors” von Michael Elmgreen und Ingar Dragset Fotos: Anders Sune Berg
Dänischer Pavillon, Installation “The Collectors” von Michael Elmgreen und Ingar Dragset Fotos: Anders Sune Berg
Nordischer Pavillon, Installation “The Collectors” von Michael Elmgreen und Ingar Dragset
Michael Elmgreen und Ingar Dragset über ihre Arbeit “The Collectors”
Dänischer Pavillon, Installation “The Collectors” von Michael Elmgreen und Ingar Dragset Fotos: Anders Sune Berg