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Die Sprache der Dinge
von Nora Sobich | 22. Februar 2009
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Es ist wie bei Hans Christian Andersen, wo Tannenbaum und Teekesselchen zu uns sprechen. Nur dass die Dinge im 21. Jahrhundert, wie Deyan Sudjic sagt, ihre Unschuld verloren haben. Lakonisch stellt er gleich zu Beginn seines unterhaltsamen, geistreich geschriebenen Buchs „The Language of Things" fest, dass wir nicht nur in einer Welt mit immer mehr Dingen leben, sondern dass wir diese Dinge auch immer weniger brauchen und benutzen. Die Konsequenz des ganzen Überflusses sieht Sudjic in einer Extraportion Gestaltung.

Was John Berger in den siebziger Jahren in seinem Buch „Ways of Seeing" „publicity" nannte, nämlich die Lenkbarkeit von Begehrlichkeiten in der modernen Welt mittels Werbung, würde dieser, so spekuliert Sudjic, heute dem Design zuschreiben. Dieses sei komplexer, kalkulierter und auch absichtsvoller geworden und fungiere zunehmend als eine Art Aufwertungs-Code, der die moderne Produktwelt am Laufen hält und den Objekten wie eine Botox-Dröhnung injiziert wird. Anders als Berger geht es Sudjic weniger um Konsum- oder Kapitalismuskritik. Was ihn interessiert, ist die Entwicklung des modernen demokratischen Designs, dessen Ursprünge für ihn irgendwo zwischen den Ansätzen des englischen Sozialreformers William Morris und denen des französisch-amerikanischen „snake-oil salesman" Raymond Loewy liegen.

In die Fußstapfen von Loewy seien, so Sudjic, Designer wie Philippe Starck getreten, die sich selbst so geschickt inszenieren würden wie ihre Objekte. Mit der Schaffung neuer Archetypen hätte Design dagegen immer weniger zu tun. In der modernen Produktwelt fänden Gestaltungsansätze wie die eines Dieter Rams, der seine legendären Braun-Apparate in den sechziger Jahren als unauffällig, als unsichtbare „Butler" beschrieb, seltener ihren Platz. Auch wenn es kaum zu übersehen ist, dass Sudjic kurzfristige Effekte, die mittels Styling erzielt werden, wenig erhellend findet, so fällt er im Grunde genommen doch kein Urteil. Er betreibt eher eine Art Design-Lingustik und zitiert den italienischen Architekten Ernesto Nathan Rogers, der bereits 1949 die kühne These aufstellte, dass bei sorgfältiger Analyse sich selbst aus der Form eines Löffels noch ablesen ließe, mit welcher Gestaltungssprache eine Gesellschaft eine Stadt errichten würde. In Anbetracht der schieren Fülle an heutiger Massenware klingen die Gestaltungsinterpretationen von Rogers zwar ziemlich überspitzt, doch ist es eben der Pfad einer Archäologie des Alltags, den Sudjic verfolgt.

Bei alldem liest sich Sudjics Buch zum Teil wie ein Plädoyer für die Wertschätzung einer Disziplin, über die manche Museumsbetreiber vor einigen Jahren die Nase gerümpft haben. Sudjic vergisst auch nicht, den Kommentar des ehemaligen Tate Gallery Direktors Alan Bowness zu erwähnen, der in den Achtzigern auf die Frage, ob ein geplantes Design Museum Räume der Tate Gallery benutzen könnte, befremdet antwortete: „Lampenschirme erregen mich nicht." („Lampshade do not thrill me.") So selbstbewusst Sudjic das zeitgenössische Design als Schlüssel zur Erklärung der Alltagswelt preist, so bemüht liest sich sein Versuch, Kunst und Design in ihrem jeweiligen Wesensgehalt voneinander abzugrenzen. In dem schlicht mit „Art" überschriebenen Kapitel lässt er hilfreiche historische Umwege ganz beiseite und stützt sich lediglich auf die Unterscheidung des Nützlichen vom Nutzlosen - wobei er der Frage nachgeht, warum in der allgemeinen Wertschätzung das Nutzlose gemeinhin vorgezogen wird, warum ein Rietveld auf Auktionen nicht die Preise eines Mondrian erzielt, warum für die Kultur des 20. Jahrhunderts Le Corbusiers „Unité d'Habitation" nicht den gleichen Stellenwert besitzt wie Picassos „Guernica". Selbst die Tatsache, dass zeitgenössisches Design derzeit so enthusiastisch in Kunstgalerien gefeiert wird und immer mehr Designer limitierte Editionen herausgeben, lässt Sudjic nicht daran glauben, dass in der Wertung der Rezipienten Design bereits auf einer Stufe mit der Kunst rangiert. Es klingt erstaunlich reserviert, dass Sudjic als Direktor des Londoner Design Museums in der Folge des momentanen Design-Art-Hypes nur eines kommen sieht: einige „flamboyante" Entwürfe.

"The Language of Things" by Deyan Sudjic
Allen Lane Verlag 2008, 224 Seiten

www.penguin.co.uk

News & Stories › 2009 › Februar
Die Sprache der Dinge
von Nora Sobich | 22. Februar 2009
In dem Buch „The Language of Things" schreibt der Direktor des Londoner Design Museums über seine Zukunftsvision von einer in den Dingen ersaufenden Welt und von einer Gesellschaft, die diese Dinge erzeugt.
Es ist wie bei Hans Christian Andersen, wo Tannenbaum und Teekesselchen zu uns sprechen. Nur dass die Dinge im 21. Jahrhundert, wie Deyan Sudjic sagt, ihre Unschuld verloren haben. Lakonisch stellt er gleich zu Beginn seines unterhaltsamen, geistreich geschriebenen Buchs „The Language of Things" fest, dass wir nicht nur in einer Welt mit immer mehr Dingen leben, sondern dass wir diese Dinge auch immer weniger brauchen und benutzen. Die Konsequenz des ganzen Überflusses sieht Sudjic in einer Extraportion Gestaltung.

Was John Berger in den siebziger Jahren in seinem Buch „Ways of Seeing" „publicity" nannte, nämlich die Lenkbarkeit von Begehrlichkeiten in der modernen Welt mittels Werbung, würde dieser, so spekuliert Sudjic, heute dem Design zuschreiben. Dieses sei komplexer, kalkulierter und auch absichtsvoller geworden und fungiere zunehmend als eine Art Aufwertungs-Code, der die moderne Produktwelt am Laufen hält und den Objekten wie eine Botox-Dröhnung injiziert wird. Anders als Berger geht es Sudjic weniger um Konsum- oder Kapitalismuskritik. Was ihn interessiert, ist die Entwicklung des modernen demokratischen Designs, dessen Ursprünge für ihn irgendwo zwischen den Ansätzen des englischen Sozialreformers William Morris und denen des französisch-amerikanischen „snake-oil salesman" Raymond Loewy liegen.

In die Fußstapfen von Loewy seien, so Sudjic, Designer wie Philippe Starck getreten, die sich selbst so geschickt inszenieren würden wie ihre Objekte. Mit der Schaffung neuer Archetypen hätte Design dagegen immer weniger zu tun. In der modernen Produktwelt fänden Gestaltungsansätze wie die eines Dieter Rams, der seine legendären Braun-Apparate in den sechziger Jahren als unauffällig, als unsichtbare „Butler" beschrieb, seltener ihren Platz. Auch wenn es kaum zu übersehen ist, dass Sudjic kurzfristige Effekte, die mittels Styling erzielt werden, wenig erhellend findet, so fällt er im Grunde genommen doch kein Urteil. Er betreibt eher eine Art Design-Lingustik und zitiert den italienischen Architekten Ernesto Nathan Rogers, der bereits 1949 die kühne These aufstellte, dass bei sorgfältiger Analyse sich selbst aus der Form eines Löffels noch ablesen ließe, mit welcher Gestaltungssprache eine Gesellschaft eine Stadt errichten würde. In Anbetracht der schieren Fülle an heutiger Massenware klingen die Gestaltungsinterpretationen von Rogers zwar ziemlich überspitzt, doch ist es eben der Pfad einer Archäologie des Alltags, den Sudjic verfolgt.

Bei alldem liest sich Sudjics Buch zum Teil wie ein Plädoyer für die Wertschätzung einer Disziplin, über die manche Museumsbetreiber vor einigen Jahren die Nase gerümpft haben. Sudjic vergisst auch nicht, den Kommentar des ehemaligen Tate Gallery Direktors Alan Bowness zu erwähnen, der in den Achtzigern auf die Frage, ob ein geplantes Design Museum Räume der Tate Gallery benutzen könnte, befremdet antwortete: „Lampenschirme erregen mich nicht." („Lampshade do not thrill me.") So selbstbewusst Sudjic das zeitgenössische Design als Schlüssel zur Erklärung der Alltagswelt preist, so bemüht liest sich sein Versuch, Kunst und Design in ihrem jeweiligen Wesensgehalt voneinander abzugrenzen. In dem schlicht mit „Art" überschriebenen Kapitel lässt er hilfreiche historische Umwege ganz beiseite und stützt sich lediglich auf die Unterscheidung des Nützlichen vom Nutzlosen - wobei er der Frage nachgeht, warum in der allgemeinen Wertschätzung das Nutzlose gemeinhin vorgezogen wird, warum ein Rietveld auf Auktionen nicht die Preise eines Mondrian erzielt, warum für die Kultur des 20. Jahrhunderts Le Corbusiers „Unité d'Habitation" nicht den gleichen Stellenwert besitzt wie Picassos „Guernica". Selbst die Tatsache, dass zeitgenössisches Design derzeit so enthusiastisch in Kunstgalerien gefeiert wird und immer mehr Designer limitierte Editionen herausgeben, lässt Sudjic nicht daran glauben, dass in der Wertung der Rezipienten Design bereits auf einer Stufe mit der Kunst rangiert. Es klingt erstaunlich reserviert, dass Sudjic als Direktor des Londoner Design Museums in der Folge des momentanen Design-Art-Hypes nur eines kommen sieht: einige „flamboyante" Entwürfe.

"The Language of Things" by Deyan Sudjic
Allen Lane Verlag 2008, 224 Seiten

www.penguin.co.uk