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Ein kobaltblaues Schiff fährt übers Porzellanmeer
von Nina Reetzke | 27. Juli 2011
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Die Zeichnung eines Segelschiffs auf hoher See, ausgeführt in kobaltblau auf weißer Keramik. Wie viele Tassen, Teller, Schüsseln und Kannen mögen über die Jahrhunderte schon mit diesem Motiv verziert worden sein? Die Schiffe erinnern an den kolonialen Überseehandel, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts florierte, und mit dabei war die Niederländische Ostindien-Handelskompanie. Keramik erfreute sich auf dem europäischen Kontinent größter Nachfrage, darunter chinesisches Kraak-Porzellan, arabisch-maurische Fayencen und italienisch-spanische Majolika. In den Niederlanden entstanden eine Reihe an Manufakturen, wie Royal Tichelaar Makkum, die sich auf die Herstellung von sogenanntem Delfter Porzellan spezialisierten.

Royal Tichelaar Makkum gilt als eines der ältesten Unternehmen der Niederlande. Der Name setzt sich aus dem Familiennamen „Tichelaar" und dem Sitz des Unternehmens „Makkum" zusammen. Nachweislich existiert es seit 1572 und befindet sich nach wie vor in Familienbesitz. Ursprünglich wurden Ziegelsteine hergestellt, ab 1670 lag der Schwerpunkt auf Töpferware für den Haushalt und ab 1890 auf dekoriertem Steingut. Seit einigen Jahren macht Royal Tichelaar Makkum mit Kollektionen von führenden Industriedesignern, darunter Hella Jongerius und Studio Makkink & Bey, auf sich aufmerksam. Im Zentrum der Unternehmensphilosophie steht ein immer weitergehendes Erforschen der gestalterischen Möglichkeiten des jahrtausende alten Werkstoffs Keramik. „Als wir uns ausführlich mit Fragen der Neuinterpretation von Keramik auseinandersetzten" erzählt Jan Tichelaar, der seit 1994 das Unternehmen leitet „beschäftigten sich Hella (Jongerius) und Jürgen (Bey) auch gerade mit dem gleichen Thema und als sie sich fragten, wo sie ihre Ideen umsetzen könnten, hielten wir gerade verzweifelt Ausschau nach Leuten wie ihnen. Hella hat einmal gesagt, dass wir zusammen aufgewachsen sind."

Ein Großteil der Töpferwaren von Royal Tichelaar Makkum wird mit der traditionellen Majolika-Technik hergestellt. Sie stammt ursprünglich aus dem arabischen Kulturkreis und erreichte über Spanien und Italien die Niederlande. Die Besonderheit dieses Verfahrens liegt darin, dass die keramischen Oberflächen nach einem ersten Brennvorgang mit einer weißen Zinnlasur überzogen werden, die gleich einem weißen Blatt Papier als Grundlage für farbige Malereien dient. Den für die Keramik benötigte Lehm fördert Royal Tichelaar Makkum vor Ort, nahe eines Dorfes namens Sopsum. Der Lehm dort ist besonders kalziumreich, hat eine gelbliche Farbe und wird „Marl" genannt.

Umso verblüffender, dass Royal Tichelaar Makkum bei seiner jüngsten Geschirrserie – „Fundamentals of Makkum" von Atelier NL – den Lehm mit durchsichtiger Lasur und ohne Bemalung ins Zentrum der Gestaltung gestellt hat. Die Designerinnen Lonny van Ryswyck and Nadine Sterk suchten dazu an verschiedenen Orten der Niederlande nach Ton. Je nach chemischer Zusammensetzung variieren die Farbtöne von Gelb über Rot zu Braun, wodurch eine Serie aus Tellern, Bechern und Schalen in sechs Farbnuancen entstand.

Geschichten wie diese lassen sich in dem Buch „Royal Tichelaar Makkum" nachlesen, das von Marietta de Vries herausgegeben wurde und im namenhaften niederländischen Verlag 010 erschienen ist. Die Aufsätze – verfasst von Autorinnen wie Li Edelkoort, Louise Schouwenberg und Anna Tilroe – vermitteln einen umfassenden, facettenreichen und fundierten Eindruck des Traditionsunternehmens: Die historischen Grundlagen der Delfter Porzellanmanufakturen werden aufgezeigt, die Entwicklung des Familienunternehmens, die handwerkliche Raffinesse bei der Herstellung von Majolika, eine designtheoretische Sicht auf aktuelle Produkte – und auch betriebswirtschaftliche Strategien und Zahlen. Einzig der jahrhundertealte Familiensitz der Familie Tichelaar wird nicht näher beschrieben. Das ist aus kulturhistorischer Sicht insofern zu bedauern ist, als sich dort seit 1700 ständig erweiterte Fliesentableaus finden, die einer Betrachtung wert gewesen wären.

Auch die Gestaltung des Bandes überzeugt. Auf dem Titel, den ersten und den letzten Seiten, sind beige Schattenrisse von Produkten zu sehen, die Doppelseiten mit den Artikeln sind aufgeteilt in eine Text- und Bildseite, was dem Buch eine angenehme optische Ruhe und Klarheit verleiht. Beim Blättern lassen sich schöne Bilderfolgen entdecken, darunter eine Reihe von Farbproben – mit Buntstift auf Papier gezeichnet und auf das Motiv eines Schweinchens angewendet. Überdies ist der Buchschnitt mit einem blauen Porzellanmotiv verziert, was den Seiten im offenen Buch gleichzeitig einen Rahmen verleiht.

So ist die Publikation am Ende rundherum niederländisch: das Buch eines niederländisches Unternehmen mit niederländischen Produktdesignern, Grafikern und niederländischen Designtheoretikern, erschienen in einem niederländischen Verlag. Wobei das Buch dem Ruf, den niederländisches Design international genießt, voll und ganz gerecht wird.

Royal Tichelaar Makkum
Herausgegeben von Marietta de Vries
Hardcover, 320 Seiten, Englisch
010, Rotterdam, 2010
34,50 Euro

www.010.nl
www.tichelaar.nl

Craft meets design: Koninklijke Tichelaar
News & Stories › 2011 › Juli
Ein kobaltblaues Schiff fährt übers Porzellanmeer
von Nina Reetzke | 27. Juli 2011
Royal Tichelaar Makkum gilt als eines der ältesten Unternehmen der Niederlande. Seit einigen Jahren macht das Familienunternehmen mit Entwürfen von renommierten Designern wie Hella Jongerius und Studio Makkink & Bey von sich reden. Ein Buch stellt die Porzellanmanufaktur vor.
Die Zeichnung eines Segelschiffs auf hoher See, ausgeführt in kobaltblau auf weißer Keramik. Wie viele Tassen, Teller, Schüsseln und Kannen mögen über die Jahrhunderte schon mit diesem Motiv verziert worden sein? Die Schiffe erinnern an den kolonialen Überseehandel, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts florierte, und mit dabei war die Niederländische Ostindien-Handelskompanie. Keramik erfreute sich auf dem europäischen Kontinent größter Nachfrage, darunter chinesisches Kraak-Porzellan, arabisch-maurische Fayencen und italienisch-spanische Majolika. In den Niederlanden entstanden eine Reihe an Manufakturen, wie Royal Tichelaar Makkum, die sich auf die Herstellung von sogenanntem Delfter Porzellan spezialisierten.

Royal Tichelaar Makkum gilt als eines der ältesten Unternehmen der Niederlande. Der Name setzt sich aus dem Familiennamen „Tichelaar" und dem Sitz des Unternehmens „Makkum" zusammen. Nachweislich existiert es seit 1572 und befindet sich nach wie vor in Familienbesitz. Ursprünglich wurden Ziegelsteine hergestellt, ab 1670 lag der Schwerpunkt auf Töpferware für den Haushalt und ab 1890 auf dekoriertem Steingut. Seit einigen Jahren macht Royal Tichelaar Makkum mit Kollektionen von führenden Industriedesignern, darunter Hella Jongerius und Studio Makkink & Bey, auf sich aufmerksam. Im Zentrum der Unternehmensphilosophie steht ein immer weitergehendes Erforschen der gestalterischen Möglichkeiten des jahrtausende alten Werkstoffs Keramik. „Als wir uns ausführlich mit Fragen der Neuinterpretation von Keramik auseinandersetzten" erzählt Jan Tichelaar, der seit 1994 das Unternehmen leitet „beschäftigten sich Hella (Jongerius) und Jürgen (Bey) auch gerade mit dem gleichen Thema und als sie sich fragten, wo sie ihre Ideen umsetzen könnten, hielten wir gerade verzweifelt Ausschau nach Leuten wie ihnen. Hella hat einmal gesagt, dass wir zusammen aufgewachsen sind."

Ein Großteil der Töpferwaren von Royal Tichelaar Makkum wird mit der traditionellen Majolika-Technik hergestellt. Sie stammt ursprünglich aus dem arabischen Kulturkreis und erreichte über Spanien und Italien die Niederlande. Die Besonderheit dieses Verfahrens liegt darin, dass die keramischen Oberflächen nach einem ersten Brennvorgang mit einer weißen Zinnlasur überzogen werden, die gleich einem weißen Blatt Papier als Grundlage für farbige Malereien dient. Den für die Keramik benötigte Lehm fördert Royal Tichelaar Makkum vor Ort, nahe eines Dorfes namens Sopsum. Der Lehm dort ist besonders kalziumreich, hat eine gelbliche Farbe und wird „Marl" genannt.

Umso verblüffender, dass Royal Tichelaar Makkum bei seiner jüngsten Geschirrserie – „Fundamentals of Makkum" von Atelier NL – den Lehm mit durchsichtiger Lasur und ohne Bemalung ins Zentrum der Gestaltung gestellt hat. Die Designerinnen Lonny van Ryswyck and Nadine Sterk suchten dazu an verschiedenen Orten der Niederlande nach Ton. Je nach chemischer Zusammensetzung variieren die Farbtöne von Gelb über Rot zu Braun, wodurch eine Serie aus Tellern, Bechern und Schalen in sechs Farbnuancen entstand.

Geschichten wie diese lassen sich in dem Buch „Royal Tichelaar Makkum" nachlesen, das von Marietta de Vries herausgegeben wurde und im namenhaften niederländischen Verlag 010 erschienen ist. Die Aufsätze – verfasst von Autorinnen wie Li Edelkoort, Louise Schouwenberg und Anna Tilroe – vermitteln einen umfassenden, facettenreichen und fundierten Eindruck des Traditionsunternehmens: Die historischen Grundlagen der Delfter Porzellanmanufakturen werden aufgezeigt, die Entwicklung des Familienunternehmens, die handwerkliche Raffinesse bei der Herstellung von Majolika, eine designtheoretische Sicht auf aktuelle Produkte – und auch betriebswirtschaftliche Strategien und Zahlen. Einzig der jahrhundertealte Familiensitz der Familie Tichelaar wird nicht näher beschrieben. Das ist aus kulturhistorischer Sicht insofern zu bedauern ist, als sich dort seit 1700 ständig erweiterte Fliesentableaus finden, die einer Betrachtung wert gewesen wären.

Auch die Gestaltung des Bandes überzeugt. Auf dem Titel, den ersten und den letzten Seiten, sind beige Schattenrisse von Produkten zu sehen, die Doppelseiten mit den Artikeln sind aufgeteilt in eine Text- und Bildseite, was dem Buch eine angenehme optische Ruhe und Klarheit verleiht. Beim Blättern lassen sich schöne Bilderfolgen entdecken, darunter eine Reihe von Farbproben – mit Buntstift auf Papier gezeichnet und auf das Motiv eines Schweinchens angewendet. Überdies ist der Buchschnitt mit einem blauen Porzellanmotiv verziert, was den Seiten im offenen Buch gleichzeitig einen Rahmen verleiht.

So ist die Publikation am Ende rundherum niederländisch: das Buch eines niederländisches Unternehmen mit niederländischen Produktdesignern, Grafikern und niederländischen Designtheoretikern, erschienen in einem niederländischen Verlag. Wobei das Buch dem Ruf, den niederländisches Design international genießt, voll und ganz gerecht wird.

Royal Tichelaar Makkum
Herausgegeben von Marietta de Vries
Hardcover, 320 Seiten, Englisch
010, Rotterdam, 2010
34,50 Euro

www.010.nl
www.tichelaar.nl