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Ein Staat im Flüchtlingslager
Im Gespräch: Manuel Herz | 7. Juni 2016
Manuel Herz schaut durch einen der vier Eingänge des „Pavillons der Westsahara“. Foto © Francesco Galli, La Biennale di Venezia
Auf der kleinen Wiese vor dem Zentralen Pavillon in den Giardini steht ein hübsches, silbergraues Zelt. Darin: einer der fundiertesten Beiträge zu Aravenas Architekturbiennale. Es ist der Pavillon der Westsahara, der von Manuel Herz in Zusammenarbeit mit dem nationalen Frauenverband der Sahraui und dem Fotografen Iwan Baan zusammengestellt wurde, der sich absichtlich zwischen die Hauptausstellung und die angrenzenden Länderpavillons geschoben hat. Florian Heilmeyer sprach mit Manuel Herz.

Florian Heilmeyer: Ihr Beitrag gehört zu Aravenas Hauptausstellung „Reporting from the Front“, steht aber nicht im, sondern vor dem zentralen Pavillon. Warum diese exponierte Stellung?

Manuel Herz: Diese Zweideutigkeit zwischen Hauptausstellung und den Länderpavillons war uns sehr wichtig. Wir nennen unseren Beitrag ja den Pavillon der Westsahara, aber die ist eben kein offiziell anerkanntes Land. Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie, dann wurde das Land von Marokko und Mauretanien besetzt. Dies führte zu einem kurzen Krieg der Sahrauis gegen Mauretanien und zu einem längeren Partisanenkrieg gegen die Marokkaner, der mit einer Vertreibung der Sahrauis endete. Der Großteil floh nach Algerien, wo sie in fünf größeren Camps in unmittelbarer Nähe zur Grenze untergebracht wurden. Marokko hat derweil eines der abenteuerlichsten Bauwerke überhaupt gebaut, ein etwa 2.500 Kilometer langer, verminter Erdwall quer durch die Wüste, der den Anspruch auf dieses Gebiet verdeutlichen soll.
Der Pavillon steht zwischen dem Padiglione Centrale und den Länderpavillons, um auf die politische Situation der Westsahara hinzuweisen, die seit 40 Jahren von Marokko besetzt gehalten wird. Foto © Iwan Baan
An diesem Zustand hat sich bis heute nichts geändert?

Manuel Herz: Richtig. Die Sahrauis haben zwar die Unabhängigkeit der Westsahara ausgerufen und werden völkerrechtlich eigentlich auch anerkannt, sie haben aber nach wie vor keinen Zugriff auf ihr Land. Der allergrößte Teil der Bevölkerung, heute etwa 160.000 Menschen, lebt seit 40 Jahren in den Flüchtlingslagern in Algerien, wo sie geduldet werden. Sie leben knapp 40 Kilometer von diesem verminten Erdwall entfernt, wir können also sagen, wir berichten hier wirklich „von der Front“.
Eine Ausstellung voller Klarheit und Schärfe: Worum es geht, ist schnell erfasst, lässt sich aber vertiefen. Foto © Iwan Baan
In ihrem Pavillon zeigen sie diese fünf Lager und wie sich deren Strukturen inzwischen verfestigt haben.

Manuel Herz: Wir wollen zeigen, wie das alltägliche Leben in diesen Flüchtlingslagern aussieht und inwiefern die Lager ein politisches und emanzipatorisches Projekt sind. Denn die Gesellschaft der Sahauis hat sich in diesen Lagern neu organisiert, modernisiert und teilweise eine fantastische Architektur entwickelt. Die Sahauis regieren sich in einem Maße selbst, die für ein Flüchtlingsvolk weltweit einzigartig ist. Das erste Lager in Algerien haben sie inzwischen umgebaut zu einem administrativen Regierungssitz, man könnte auch sagen: Hauptstadt. Dort gibt es ein Parlamentsgebäude, ein Außen- und ein Verteidigungsministerium, ein nationales Archiv, ein Bildungs- und ein Frauenministerium und so weiter. Sie haben in Algerine eine bestimmte Autonomie entwickeln dürfen und verwalten sich größtenteils selbst. Außerdem sind diese staatsgleichen Strukturen natürlich auch eine Vorbereitung für den Fall, dass sie in ihr eigenes Land zurückkehren können.

Nach dem Abzug der spanischen Kolonialmacht 1975, wurde der Großteil der Westsahara von Marokko annektiert, viele Sahauis musste daraufhin fliehen.
Karte © Manuel Herz, Pavillon der Westsahara
Wie gut funktioniert diese Selbstverwaltung?

Manuel Herz: Unter den gegebenen Bedingungen ganz hervorragend. Es gibt Wasser, Lebensmittel und eine Krankenversorgung. Die Sahauis haben eine niedrigere Analphabetenrate, einen höheren Bildungsgrad und eine bessere Lebenserwartung als alle angrenzenden Regionen. Natürlich gibt es Armut und Krankheiten, ganz klar, aber da verhungert niemand. Paradoxerweise bedeutet aber gerade diese Stabilität, dass eine politische Lösung des eigentlichen Konflikts immer unwahrscheinlicher wird, denn durch die Normalisierung der Verhältnisse bekommt die Forderung nach einer Rückkehr immer weniger politischen Druck. Das ist eine Zwickmühle, aus der auch wir als Architekten immer wieder stecken: Die baulichen Strukturen verbessern das Leben, aber zementieren gleichzeitig diesen zwiespältigen politischen Status Quo.

Sie haben die Architektur der Sahauis „fantastisch“ genannt, warum?

Manuel Herz: Weil es erstaunlich ist, wie hoch die Qualität der meisten Gebäude ist. Wir verbinden den Begriff des Lagers ja meistens mit einem temporären Ausnahme- oder dauerhaften Elendszustand, aber das ist hier nur sehr begrenzt der Fall. Die meisten Regierungsgebäude sind aus Zement, ansonsten wird viel mit Lehm gebaut und dazwischen stehen immer wieder Zelte. Es gibt eine Tradition von sehr qualitätsvollen öffentlichen Bauten wie Schulen und Gemeindezentren, oft mit runden Ecken und kreisförmigen Grundrissen als Reaktion auf die klimatischen Bedingungen: so kann der Wind abgleiten und der Sand sammelt sich nicht in den Ecken. Ich bin mir sicher, ein Olgiati hätte dafür viele Preise gewonnen, aber für die Sahauis ist das einfach ein normales Schulgebäude. Sie zeigen ein großes gestalterisches Talent in ihrer Alltagsarchitektur, in quasi allen Häusern finden sich grafische und formale Details, Verzierungen oder Bemalungen.

In den 40 Jahren ist eine bemerkenswerte Architektursprache in den Lagern der Sahauis entstanden, die sich teils aus klimatischen Gründen, teils aus historischen Bauweisen sowie den verfügbaren Materialien entwickelt hat. Foto © Iwan Baan
Die Ausstellung ist ein offenes Zelt mit vier Eingängen, darin ein sehr heller und übersichtlicher Raum. Was können Sie mir über die Gestaltung sagen?

Manuel Herz: Der Pavillon stellt als silbernes Zelt eine fast schon ikonische Grundform dar. Dabei geht es nicht um die Ästhetisierung des Informellen, das finde ich furchtbar. Wir wollten den stolzen Menschen der Sahrauis und ihren hochpolitischen Anliegen einen würdigen Raum geben und ein Gebäude schaffen, das die Ambiguität der gesamten Situation auf vielen Ebenen reflektiert: die silberne Haut kann etwas Edles haben oder wie eine militärische Camouflage wirken. Das Zelt ist weder nur temporär noch nur permanent, es ist weder traditionell noch hypermodern, es geht nicht nur um minimalen Aufwand, sondern auch um Schönheit und Ästhetik. Das sind alles keine Gegensätze, sondern alles existiert gleichzeitig. Diese Gleichzeitigkeit zeigt sich auch in den Städten beziehungsweise Lagern der Sahauis im Südwesten Algeriens.

Innenhof der kreisrunden Schule Cordoba in Camp Smara. Sie ist benannt nach der spanischen Stadt, deren Bürger sie gespendet haben. Foto © Iwan Baan
An der Decke des Zeltes ist eine Karte mit den größten Flüchtlingsströmen weltweit, aber der Pavillon fokussiert auf die Lager der Sahauis. Sind diese für Sie ein ganz besonderer oder ein prototypischer Fall für die Verstetigung solcher Lager, die es ja auch anderswo gibt?

Manuel Herz: Beides. Ich beschäftige mich schon seit zehn Jahren mit Flüchtlingslagern in Zentralafrika und die Geschichte der Sahauis ist natürlich sehr besonders, weil es eine sehr homogene Flüchtlingsgruppe ist, die sehr loyal miteinander und mit ihrem politischen Anliegen umgeht. Wenn junge Sahauis zum Studium oder für eine Ausbildung fortgehen, dann kommen sie in der Regel später zurück um ihrer Gemeinschaft zu helfen. Diese Loyalität macht sie – unter anderem – zu etwas ganz Besonderem.

Gleichzeitig ist diese Situation auch etwas Prototypisches, vor allem für uns in der westlichen Welt. Denn sie zeigt uns, dass man den Flüchtlingen viel mehr zutrauen kann und dass sie manche Dinge für sich selbst effizienter und klüger organisieren als wenn wir ihnen alles vorschreiben. Diese Lager sind für mich Teil der Beweisführung, dass das möglich wäre – und ganz sicher auch in Europa möglich wäre. Nun geht es nicht um eine globale Patentlösung, und natürlich ist vieles nicht 1:1 übertragbar. Wir müssen jetzt nicht Herrn Seehofer auf die Palme treiben und eigene Regierungsinstitutionen für die syrischen Flüchtlinge in Deutschland fordern. Aber unser Pavillon soll zeigen, dass andere Flüchtlingslager existieren, und das ein anderes Nachdenken über die Organisation und Gestaltung dieser Lager möglich ist. Es sind – hoffentlich – Denkanstösse. Umso wichtiger ist mir die Präsentation dieses Pavillons hier in Venedig.
Das nationale Parlament der Sahaui in Camp Rabouni. Foto © Iwan Baan
Wie ist die Zusammenarbeit ausgerechnet mit dem Frauenverband entstanden?

Manuel Herz: Nach dem Buch und der Forschungsarbeit war es mir wichtig, die Sahauis direkt an dieser Ausstellung zu beteiligen. Die Frauenorganisation bot sich an, weil auch das etwas Besonderes ist: die Frauen der Sahauis sind sehr emanzipiert und an eigentlich allen gesellschaftlichen Bereichen beteiligt, es gibt Handwerkerinnen und Bürgermeisterinnen. Heute Abend kommt die Vorsitzende des Frauenverbandes, Fatma Mehdi Hassan, die auch Mitglied der Regierung ist, und bleibt für zwei Tage. Es ist nicht ganz einfach, solche Reisen zu organisieren, und ich freue mich sehr – auch, weil sie eine so starke und interessante Frau ist. Tagsüber konferiert sie mit Ministern und Botschaftern, und abends kocht sie ein hervorragendes Kamelgulasch für die Familie.

Pavillon der Westsahara
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

www.western-sahara-pavilion.org

Katalog:
From Camp to City. Refugee Camps of the Western Sahara
Hrsg. Manuel Herz mit ETH Studio Basel
Englisch
512 Seiten, 1172 Abbildungen, Hardcover
Lars Müller Publishers
ISBN 978-3-03778-291-0
50,00 Euro

Zufahrt zum Sitz des Präsidenten, Camp Rabouni. Foto © Iwan Baan
Büro im Bauministerium in Camp Rabouni. Foto © Iwan Baan
Das Haus des Kamelmetzgers von Camp Boujdur. Foto © Iwan Baan
Gemeindezentrum in Camp Smara. Foto © Iwan Baan
Zelt in Camp El Aiun. Die Zelte sind wichtige Erweiterungen der Häuser, keine temporären Strukturen. Foto © Iwan Baan
Gebaut wird mit dem, was man hat, hier in Camp Smara. Foto © Iwan Baan
Blick über Camp El Aiun. Foto © Iwan Baan
News & Stories › 2016 › Juni
Ein Staat im Flüchtlingslager
von Florian Heilmeyer | 7. Juni 2016
Seit ihrer Vertreibung vor 40 Jahren leben die Sahauis in algerischen Flüchtlingslagern, wo sie einen eigenen Staat aufgebaut haben. Florian Heilmeyer hat mit Manuel Herz über den Pavillon der Westsahara gesprochen.
Auf der kleinen Wiese vor dem Zentralen Pavillon in den Giardini steht ein hübsches, silbergraues Zelt. Darin: einer der fundiertesten Beiträge zu Aravenas Architekturbiennale. Es ist der Pavillon der Westsahara, der von Manuel Herz in Zusammenarbeit mit dem nationalen Frauenverband der Sahraui und dem Fotografen Iwan Baan zusammengestellt wurde, der sich absichtlich zwischen die Hauptausstellung und die angrenzenden Länderpavillons geschoben hat. Florian Heilmeyer sprach mit Manuel Herz.

Florian Heilmeyer: Ihr Beitrag gehört zu Aravenas Hauptausstellung „Reporting from the Front“, steht aber nicht im, sondern vor dem zentralen Pavillon. Warum diese exponierte Stellung?

Manuel Herz: Diese Zweideutigkeit zwischen Hauptausstellung und den Länderpavillons war uns sehr wichtig. Wir nennen unseren Beitrag ja den Pavillon der Westsahara, aber die ist eben kein offiziell anerkanntes Land. Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie, dann wurde das Land von Marokko und Mauretanien besetzt. Dies führte zu einem kurzen Krieg der Sahrauis gegen Mauretanien und zu einem längeren Partisanenkrieg gegen die Marokkaner, der mit einer Vertreibung der Sahrauis endete. Der Großteil floh nach Algerien, wo sie in fünf größeren Camps in unmittelbarer Nähe zur Grenze untergebracht wurden. Marokko hat derweil eines der abenteuerlichsten Bauwerke überhaupt gebaut, ein etwa 2.500 Kilometer langer, verminter Erdwall quer durch die Wüste, der den Anspruch auf dieses Gebiet verdeutlichen soll.
An diesem Zustand hat sich bis heute nichts geändert?

Manuel Herz: Richtig. Die Sahrauis haben zwar die Unabhängigkeit der Westsahara ausgerufen und werden völkerrechtlich eigentlich auch anerkannt, sie haben aber nach wie vor keinen Zugriff auf ihr Land. Der allergrößte Teil der Bevölkerung, heute etwa 160.000 Menschen, lebt seit 40 Jahren in den Flüchtlingslagern in Algerien, wo sie geduldet werden. Sie leben knapp 40 Kilometer von diesem verminten Erdwall entfernt, wir können also sagen, wir berichten hier wirklich „von der Front“.
In ihrem Pavillon zeigen sie diese fünf Lager und wie sich deren Strukturen inzwischen verfestigt haben.

Manuel Herz: Wir wollen zeigen, wie das alltägliche Leben in diesen Flüchtlingslagern aussieht und inwiefern die Lager ein politisches und emanzipatorisches Projekt sind. Denn die Gesellschaft der Sahauis hat sich in diesen Lagern neu organisiert, modernisiert und teilweise eine fantastische Architektur entwickelt. Die Sahauis regieren sich in einem Maße selbst, die für ein Flüchtlingsvolk weltweit einzigartig ist. Das erste Lager in Algerien haben sie inzwischen umgebaut zu einem administrativen Regierungssitz, man könnte auch sagen: Hauptstadt. Dort gibt es ein Parlamentsgebäude, ein Außen- und ein Verteidigungsministerium, ein nationales Archiv, ein Bildungs- und ein Frauenministerium und so weiter. Sie haben in Algerine eine bestimmte Autonomie entwickeln dürfen und verwalten sich größtenteils selbst. Außerdem sind diese staatsgleichen Strukturen natürlich auch eine Vorbereitung für den Fall, dass sie in ihr eigenes Land zurückkehren können.

Wie gut funktioniert diese Selbstverwaltung?

Manuel Herz: Unter den gegebenen Bedingungen ganz hervorragend. Es gibt Wasser, Lebensmittel und eine Krankenversorgung. Die Sahauis haben eine niedrigere Analphabetenrate, einen höheren Bildungsgrad und eine bessere Lebenserwartung als alle angrenzenden Regionen. Natürlich gibt es Armut und Krankheiten, ganz klar, aber da verhungert niemand. Paradoxerweise bedeutet aber gerade diese Stabilität, dass eine politische Lösung des eigentlichen Konflikts immer unwahrscheinlicher wird, denn durch die Normalisierung der Verhältnisse bekommt die Forderung nach einer Rückkehr immer weniger politischen Druck. Das ist eine Zwickmühle, aus der auch wir als Architekten immer wieder stecken: Die baulichen Strukturen verbessern das Leben, aber zementieren gleichzeitig diesen zwiespältigen politischen Status Quo.

Sie haben die Architektur der Sahauis „fantastisch“ genannt, warum?

Manuel Herz: Weil es erstaunlich ist, wie hoch die Qualität der meisten Gebäude ist. Wir verbinden den Begriff des Lagers ja meistens mit einem temporären Ausnahme- oder dauerhaften Elendszustand, aber das ist hier nur sehr begrenzt der Fall. Die meisten Regierungsgebäude sind aus Zement, ansonsten wird viel mit Lehm gebaut und dazwischen stehen immer wieder Zelte. Es gibt eine Tradition von sehr qualitätsvollen öffentlichen Bauten wie Schulen und Gemeindezentren, oft mit runden Ecken und kreisförmigen Grundrissen als Reaktion auf die klimatischen Bedingungen: so kann der Wind abgleiten und der Sand sammelt sich nicht in den Ecken. Ich bin mir sicher, ein Olgiati hätte dafür viele Preise gewonnen, aber für die Sahauis ist das einfach ein normales Schulgebäude. Sie zeigen ein großes gestalterisches Talent in ihrer Alltagsarchitektur, in quasi allen Häusern finden sich grafische und formale Details, Verzierungen oder Bemalungen.

Die Ausstellung ist ein offenes Zelt mit vier Eingängen, darin ein sehr heller und übersichtlicher Raum. Was können Sie mir über die Gestaltung sagen?

Manuel Herz: Der Pavillon stellt als silbernes Zelt eine fast schon ikonische Grundform dar. Dabei geht es nicht um die Ästhetisierung des Informellen, das finde ich furchtbar. Wir wollten den stolzen Menschen der Sahrauis und ihren hochpolitischen Anliegen einen würdigen Raum geben und ein Gebäude schaffen, das die Ambiguität der gesamten Situation auf vielen Ebenen reflektiert: die silberne Haut kann etwas Edles haben oder wie eine militärische Camouflage wirken. Das Zelt ist weder nur temporär noch nur permanent, es ist weder traditionell noch hypermodern, es geht nicht nur um minimalen Aufwand, sondern auch um Schönheit und Ästhetik. Das sind alles keine Gegensätze, sondern alles existiert gleichzeitig. Diese Gleichzeitigkeit zeigt sich auch in den Städten beziehungsweise Lagern der Sahauis im Südwesten Algeriens.

An der Decke des Zeltes ist eine Karte mit den größten Flüchtlingsströmen weltweit, aber der Pavillon fokussiert auf die Lager der Sahauis. Sind diese für Sie ein ganz besonderer oder ein prototypischer Fall für die Verstetigung solcher Lager, die es ja auch anderswo gibt?

Manuel Herz: Beides. Ich beschäftige mich schon seit zehn Jahren mit Flüchtlingslagern in Zentralafrika und die Geschichte der Sahauis ist natürlich sehr besonders, weil es eine sehr homogene Flüchtlingsgruppe ist, die sehr loyal miteinander und mit ihrem politischen Anliegen umgeht. Wenn junge Sahauis zum Studium oder für eine Ausbildung fortgehen, dann kommen sie in der Regel später zurück um ihrer Gemeinschaft zu helfen. Diese Loyalität macht sie – unter anderem – zu etwas ganz Besonderem.

Gleichzeitig ist diese Situation auch etwas Prototypisches, vor allem für uns in der westlichen Welt. Denn sie zeigt uns, dass man den Flüchtlingen viel mehr zutrauen kann und dass sie manche Dinge für sich selbst effizienter und klüger organisieren als wenn wir ihnen alles vorschreiben. Diese Lager sind für mich Teil der Beweisführung, dass das möglich wäre – und ganz sicher auch in Europa möglich wäre. Nun geht es nicht um eine globale Patentlösung, und natürlich ist vieles nicht 1:1 übertragbar. Wir müssen jetzt nicht Herrn Seehofer auf die Palme treiben und eigene Regierungsinstitutionen für die syrischen Flüchtlinge in Deutschland fordern. Aber unser Pavillon soll zeigen, dass andere Flüchtlingslager existieren, und das ein anderes Nachdenken über die Organisation und Gestaltung dieser Lager möglich ist. Es sind – hoffentlich – Denkanstösse. Umso wichtiger ist mir die Präsentation dieses Pavillons hier in Venedig.
Wie ist die Zusammenarbeit ausgerechnet mit dem Frauenverband entstanden?

Manuel Herz: Nach dem Buch und der Forschungsarbeit war es mir wichtig, die Sahauis direkt an dieser Ausstellung zu beteiligen. Die Frauenorganisation bot sich an, weil auch das etwas Besonderes ist: die Frauen der Sahauis sind sehr emanzipiert und an eigentlich allen gesellschaftlichen Bereichen beteiligt, es gibt Handwerkerinnen und Bürgermeisterinnen. Heute Abend kommt die Vorsitzende des Frauenverbandes, Fatma Mehdi Hassan, die auch Mitglied der Regierung ist, und bleibt für zwei Tage. Es ist nicht ganz einfach, solche Reisen zu organisieren, und ich freue mich sehr – auch, weil sie eine so starke und interessante Frau ist. Tagsüber konferiert sie mit Ministern und Botschaftern, und abends kocht sie ein hervorragendes Kamelgulasch für die Familie.

Pavillon der Westsahara
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

www.western-sahara-pavilion.org

Katalog:
From Camp to City. Refugee Camps of the Western Sahara
Hrsg. Manuel Herz mit ETH Studio Basel
Englisch
512 Seiten, 1172 Abbildungen, Hardcover
Lars Müller Publishers
ISBN 978-3-03778-291-0
50,00 Euro