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Eine Kapsel ist nicht genug
von Thomas Edelmann | 15. Juni 2010
Begehbare Kunststoffblasen, Fotos verlassener Gewächshäuser, historische Filme von Umweltaktionen auf der New Yorker Wall Street, Modelle von wandernden Wohnzellen, Animationen einer durchgrünten High-Tech-Insel: Im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg eröffnete dieser Tage die Ausstellung „Klimakapseln - Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Das Material: Visionäre Entwürfe aus der Pop-Ära der sechziger Jahre, sowie Interventionen von Architekten, Künstlern und Designern der Jetztzeit. Die Luftgebilde von gestern, visionäre bewohnbare Großstrukturen und künstlerische Schutzhüllen faszinieren noch immer, regen an zur retrospektiven Betrachtung: Psychedelische Experimente zur Erweiterung der Wahrnehmung, ästhetische Fantasien im Zeichen von Fortschrittseuphorie und Umweltangst.

In jüngster Zeit wurden viele bildhafte Entwürfe aus den sechziger und siebziger Jahren rekonstruiert und in umfassenden Schauen gezeigt. Zusammen mit spektakulären Einrichtungsgegenständen ihrer Zeit bildeten sie eine Art Geisterbahn der Popkultur, wie sie etwa das Luxemburger Mudam unter dem Titel „Tomorrow Now: When Design Meets Science Fiction" präsentierte. In „Cold War Modern - Design 1945-1970" im Londoner Victoria & Albert Museum interpretierte man sie als gestalterische Fortsetzung der Ost-West-Konfrontation vor dem Hintergrund von Sputnik und Atombombe. Eine Berliner Schau schließlich widmete sich den visionären planerischen Großformen unter dem Titel „Megastructure Reloaded". Und siehe da: Noch immer entwickeln die Szenarien, Großplanungen und Experimente von einst eine starke Anziehungskraft. Und sei es auch nur, weil wir uns angewöhnt haben, auf weit ausgreifende Planung zugunsten von kleinräumlichem Pragmatismus zu verzichten.

Nie zuvor aber wurden die mal optimistisch-fröhlichen, mal skeptisch-kritischen Lebensentwürfe in den Kontext gegenwärtiger Klimadebatten gestellt, wie es Kurator Friedrich von Borries mit seinem Hamburger Projekt „Klimakapseln" unternimmt. Zur Ausgangsthese seiner beinahe dialektischen Programmatik macht er das absehbare Scheitern politischer Klimaschutzbemühungen: Was ist zu tun, wenn das Ziel, durch politische Maßnahmen in alten und neuen Industrieländern den weltweiten Anstieg der Temperatur bis zum Mitte des Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken, nicht mehr erreichbar ist? Für den Fall, dass Verhinderung und Vermeidung scheitern, prognostizieren Klimaforscher, bei rasch wachsender Weltbevölkerung einen drastischen Verlust an Flächen für Siedlung und Ernährung der Menschheit, vom Rückgang der Artenvielfalt in Flora und Fauna ganz zu schweigen. Was bliebe, wäre Anpassung, so der Ausstellungsmacher Borries. Ein Szenario, das von vielen Klimaschützern als Sackgasse bekämpft wird, da die finanziellen, sozialen und kulturellen Aufwendungen ohne Vermeidung weitergehenden Temperaturanstiegs nahezu unbezahlbar erscheinen.

Wäre ein Umzug in behütete Regionen womöglich der einzige Ausweg? Sind es kleine und große Kapseln, in denen Mensch und Tier in Zukunft die Folgen des klimatischen Wandels abschwächen oder reduzieren? Friedrich von Borries fragt im Hinblick auf die negative verkapselte Utopie: „Wollen wir in Zukunft so leben?" Wer es für sich oder seine Nachkommen ablehnt, in aufblasbaren Schutzhütten, in überdimensionalen Kapselstädten oder auf schwimmenden Inseln zu leben, der ist womöglich eben doch bereit, dem Klimawandel noch heute aktiv entgegenzuwirken.

Der Berliner Architekt Friedrich von Borries wurde bekannt durch „Updating Germany", den deutschen Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig 2008, in dem hundert Projekte zur nachhaltigen Gestaltung präsentiert wurden. In Hamburg spielt er seit vergangenem Jahr eine doppelte Rolle: Gleichzeitig und abgestimmt beriefen ihn die Hochschule für Bildende Künste zum Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis sowie das Museum für Kunst und Gewerbe als Kurator für Design. Erklärtes Ziel ist, mit beiden Institutionen neue Kräfte des Zusammenwirkens freizusetzen. Parallel zur Eröffnung der Ausstellung Ende Mai fand daher in der Hochschule ein zweitägiges Symposium mit den Protagonisten der Kapselwelten statt. Borries Ziel hier: die klassischen, eher technisch orientierten Fähigkeiten des Design, um Kenntnisse der künstlerischen Forschung zu erweitern.

Die helmartigen „Environment Transformer", von Haus-Rucker-Co entstanden aus der Absicht, die Welt anders und genauer wahrzunehmen, erklärt Günter Zamp Kelp. Sie sind in der Abteilung „Wahrnehmungskapseln" der Ausstellung präsent. Der „Fly Head" etwa, der auf Ausstellungsplakat und -buch abgebildet ist, sollte das Sehen und Hören verfremden. „Dazu nutzte man einen Filter, um die Realität besser zu verstehen." Die Arbeit mit Räumen aus transparenter PVC-Folie wie die begehbare „Oase Nr. 7", die in Hamburg aus der historistischen Fassade des Museums ragt, wie schon 1972 auf der documenta, begeisterte den Architekten Zamp Kelp. Mit kaum einem Baustoff kann man so schnell vom Entwurf zum realisierten Objekt gelangen. Nach einigen Jahren allerdings schienen ihm die Grenzen des Materials ausgereizt. Der argentinische Künstler Tomás Saraceno, der die Struktur von Spinnennetzen untersucht, um fliegende Städte mit Pflanzen zu schaffen, die in der Luft wachsen, widersprach. Für ihn steht unser Wissen über die Zukunft künftiger Kapselstädte noch ganz am Anfang. Sehr viel greifbarer agiert Architekt Michael Rakowitz, der gemeinsam mit Obdachlosen parasitäre Zeltbauten entwickelt hat, die sich an Abluftschächte von Wohn- und Bürogebäuden großer amerikanischer Städte andocken lassen. Ein Kapitel für sich stellen geplante Eingriffe in das Ökosystem dar, die von Geoingenieuren geplant werden und mit unabsehbaren Nebenwirkungen verbunden sind. In der Ausstellung werden dazu künstlerische „cloud buster"-Aktionen von Christoph Keller gezeigt.

Ausstellung und Begleitbuch sind neben der Klimathematik noch anderen gestalterischen Aufgabenstellungen auf der Spur. Design habe sich in letzter Zeit, erläutert Borries, zu sehr auf die konkrete Verbesserung von Produkten, auf die Pflege von Marken konzentriert und sich von allen übergeordneten Fragestellungen nach dem Sinn und Zweck ferngehalten. Ein konkretes Beispiel benannte er jüngst in einem Essay für die Tageszeitung „Die Welt", in dem er den oft zitierten Parallelen der gestalterischen Ansätzen von Braun und Apple auf den Grund geht. Friedrich von Borries: „Nicht das Rams'sche Diktum ‚so wenig Design wie möglich', ist das Credo von Apple, sondern das Gegenteil: so viel Produkt wie möglich. Insofern sind iPad, iPod und iPhone eine Art Verrat an den gestalterischen und ästhetischen Idealen von Dieter Rams. Ihre unbestrittene Schönheit und sinnliche Attraktivität sind nicht Ausdruck für den Traum von einer durch gute Gestaltung verbesserten Welt. Ethische Seriosität und Solidität vortäuschendes Styling soll über die alltagskulturelle und politische Tragweite der neuen ökonomischen Konzepte hinwegtäuschen."

Was den Kurator im Kontext der Klimakapseln interessiert, sind weniger konkrete gestalterische Lösungen, ist nicht „nachhaltiges Design", es sind „kulturelle Bilder für künftige Lebenswelten". Dass diese Bilder mal als Horrorszenario mal als beglückender Zukunftsentwurf lesbar sind, gilt für den 1960 von Richard Buckminster Fuller und Shoji Sadao konzipierten „Dome over Manhattan", wie für manches aktuelle Projekt. Der „Dome" war als gigantische transparente Klimakapsel mit dem Radius von drei Kilometern konzipiert. Dank der Hülle, errechneten die Architekten, ließen sich die darunter befindlichen Bauten mit nur 1/85 der bislang benötigten Energie aufheizen und klimatisieren.

Schaurig-schön auch die Vision der frei in den Meeresströmen dahin gleitenden Rieseninseln „Lillypad", die der belgische Architekt Vincent Callebaut als autonomen grünen Zufluchtsort für Klimaflüchtlinge konzipiert hat. Mit dem Projekt, das künstlerische und architektonische Zugänge zum Thema in den Vordergrund stellt, kann ein neuer Diskurs über die Ziele von Design beginnen, dessen Leitfrage lautet: „Wie wollen wir morgen leben?"

Das gleichnamige Buch erschien als Band 2165 der edition suhrkamp und kostet 14 Euro.

Ausstellung „Klimakapseln - Überlebensbedingungen in der Katastrophe"
Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg
28. Mai bis 8. August 2010

www.mkg-hamburg.de
www.friedrichvonborries.com
Clean Air Pod von Ant Farm, 1970, Courtesy: Ant Farm
La Parole von Pablo Reinoso, 1998, Foto: Pablo Reinoso Studio
La Parole von Pablo Reinoso, 1998, Kurator Friedrich von Borries in La Parole, Foto: Dennis Conrad
Flying Garden, Air-Port-City von Tomás Saraceno, 2005, Foto: Sillani Courtesy: Der Künstler und pinksummer contemporary art
Museum of Nature, work in progress von Ilkka Halso, ab 2000
Superstar: A Mobile China Town von MAD architects, 2008, Foto: Dennis Conrad
Lilypad von Vincent Callebaut, 2008, © Vincent Callebaut Architectures
Flyhead (Environment Transformer) von Haus-Rucker-Co, Wien 1968, Foto: Ben Rose, New York
Shrink von Lawrence Malstaf, 1995, © Lawrence Malstaf/Galerie Fortlaan 17, Gent (B)
Shrink von Lawrence Malstaf, 1995, Ausstellungseröffnung: Performance von Wim Decorte Foto: Dennis Conrad
Shrink von Lawrence Malstaf, 1995, Ausstellungseröffnung: Performance von Wim Decorte Foto: Dennis Conrad
Oase Nr. 7 von Haus-Rucker-Co, documenta 5, 1972, Foto: Dennis Conrad
Fuck for Future von StudentInnen der HFBK Hamburg, 2010, Foto: Dennis Conrad
Refuge Wear – Habitent von Lucy Orta, 1992, Foto: Galerie Anne de Villepoix Courtesy Galleria Continua, San Gimignano / Beijing / Le Moulin
Dome over Manhattan von Richard Buckminster Fuller, Shoji Sadao, um 1960 Courtesy: The Estate of R. Buckminster Fuller