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Erinnerungen an Hannes Wettstein
17. Juli 2008
© Agentur Hannes Wettstein, Zürich

Die Dinge lebbar machen

von Sandra Hofmeister

Als ich Hannes Wettstein an einem Abend unter Freunden kennenlernte, unterhielten wir uns über Kunst und Fotografie, die politischen Verhältnisse in Italien und aktuelle gesellschaftliche Veränderungen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass mein Gesprächspartner Hannes Wettstein war – jener Architekt und Designer, dessen Stuhlentwurf „Hola“ kurz zuvor auf der Titelseite der Wallpaper gefeiert wurde. Und Hannes Wettstein hatte nicht die Absicht, sich als Stardesigner zu erkennen zu geben. Ihm waren die Themen des Lebens wichtiger als sein Erfolg. Design begriff er als einen gesellschaftspolitischen Prozess. Statt allein um die Form, ging es um das Ganze, um die Strukturen des Marktes beispielsweise, die Unternehmenskultur und den Paradigmenwechsel bei den Nutzern. Gestaltung war in seinen Augen eine Strategie, die Welt zu erfassen, Signale zu setzen und in einigen Bereichen ganze Themenfelder zu bewegen.

Es gab keinen schärferen Analytiker und Kritiker der Welt des schönen Scheins als Hannes Wettstein. Seine ruhig vorgetragenen Argumente und sein unverwechselbarer Humor haben nicht nur mich beeindruckt. Als Stratege machte er seine Gesprächspartner auf so manche Seifenblase in der Welt des schönen Scheins aufmerksam und öffnete viele Perspektiven - zur Kunst, zur Wirtschaft und zur Politik. Die Dinge lebbar zu machen war Hannes Wettsteins Anliegen. Und diese Haltung zeigt sich in der beeindruckenden Bandbreite und Tiefe seiner Arbeiten: Dies konnten Forschungsstudien ohne Auftraggeber sein, an denen es Hannes Wettstein oft besonders lag, architektonische Konzepte für aufwendige Corporate Identities oder so hochtechnologische Produkte wie das Diascope Spektivsystem für Carl Zeiss. Es nütze nichts, ein schönes Produkt zu gestalten, wenn es dann nur in ein paar ausgewählten Läden von einigen Freaks gekauft werde, war seine Überzeugung. Design im Leben zu verankern ist eine Aufgabe, die oft an ihre Grenzen stößt. Doch Hannes Wettstein gelang es immer wieder, die Grenzlinien in einzelnen Abschnitten neu zu ziehen.

Die eigene Autorenschaft stellte er gerne in den Hintergrund, sein Team und die Themen, die er mit ihm gemeinsam bewegen konnte, waren ihm wichtiger. Hannes Wettstein ist für die Innenraumgestaltung des Grand Hyatt Hotels am Potsdamer Platz in Berlin verantwortlich, in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Architektubüro von Steven Holl entwickelte er das Interieur der Schweizer Botschaft in Washington und auch das Set Design vieler Sendungen des Schweizer Fernsehens, vom Sportstudio bis zur Tagesschau und zur Wetterstation auf dem Dach des Züricher Sendegebäudes, ist nach seinen Plänen entstanden. In seinem Atelier in Zürich entstanden Fahrräder und Schweizer Uhren – die berühmte „Alpha“ für Ventura –, außerdem technologisch innovative und bei aller Nüchternheit raffinierte Möbel und Leuchten, wobei Hannes Wettsteins mit vielen Auftraggebern über Jahre hinweg zusammenarbeitete, so dass ihn mehr mit ihnen verband als nur ein einmaliger Entwurf. Auf die Leidenschaft komme es an, sagte er mir einmal, und wurde niemals müde, die Qualität seines Teams hervorzukehren, mit dem er für Lamy und Molteni, Belux und Erik JØrgensen sowie viele andere internationale Auftraggeber Projekte entwickelte. Es gibt viele Alltagsgegenstände, die von Hannes Wettstein stammen, obwohl es niemand recht weiß. Ihm lag an der Mitverantwortung gegenüber dem Kontext – Hannes Wettstein war einer der wenigen Designer, der sich dieser Verantwortung bewusst war und danach handelte. Am 5. Juli ist Hannes Wettstein im Alter von 50 Jahren gestorben. Er war sich sicher, dass sein zwanzigköpfiges Team mit Stephan Hürlemann an der Spitze seine Philosophie fortsetzen kann. Und er hat alles getan, damit seine Züricher Agentur nach seinem Tod weiterlebt.


„Seine Passion war es, große Systeme zu denken“

von Christian Gärtner

Wenn ich an Hannes Wettstein denke, habe ich immer sofort seine Hand vor Augen, wie sie mit dem Bleistift auf jeder verfügbaren Unterlage zu zeichnen begann. Man bekam beim Zusehen Gänsehaut, mit welch unglaublicher Schnelligkeit er Ideen eine Form geben konnte. Zeichnen war für ihn ein Instrument, um Fragen für sich zu formulieren und zu klären, gemeinsam mit anderen Ideen und Projekte zu entwickeln und seine Überlegungen nachvollziehbar zu machen.

Ideales Werkzeug war dabei der Druckbleistift, den er für Lamy entworfen und perfekt auf seine Bedürfnisse zugeschnitten hat. Aufgrund einer Gewichtsverlagerung in den vorderen Teil des Stiftes ist es unnötig beim Zeichnen Druck auszuüben. Der Strich ging leicht von der Hand – so schnell wie die Idee selbst.

Hannes Wettsteins Passion war es, große Systeme zu denken und mittels ihrer eine Art Zukunftsraum zu beschreiben. Er beeindruckte mich immer wieder mit seiner Fähigkeit und Überzeugung, Produkte in übergeordnete Zusammenhänge zu stellen: In Sekunden konnte er aus einer Idee ein Modell, ja ein visionäres, weltumspannendes System skizzieren. Und dabei rauchte er Zigaretten und erzählte. Spannung und Entspannung gehörten für ihn zusammen, waren Teil des gleichen Mediums.

Er war ein Industriedesigner im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Interesse beschränkte sich nicht auf hübsche oder kapriziöse Produkte, ihm ging es stets darum, Dinge anders, sinnvoller zu gestalten. Seine systemische Arbeitsweise galt aber nicht nur dem Sichtbaren, sondern auch dem Unsichtbaren. Am liebsten hätte Hannes Wettstein riesige Research-Abteilungen zu den unterschiedlichsten Themen unterhalten, angetrieben von einem unbändigen Interesse an Dingen, aber auch an sozialen Strukturen. Sein Schreibtischsystem Double You für Bulo ist mehr als nur ein Arbeitstisch; es ist eine Form kreativen Zusammenarbeitens, eine Art Vernetzung des Denkens: Ein schmaler, langer Tisch, an dem man flexibel, in verschiedenen Zonen arbeiten kann. Am besten stehen mehrere Double You Benches in Reihen hintereinander, zwischen denen man sich frei bewegen kann, je nachdem, an was man gerade arbeitet. Passend dazu entwickelte Hannes Wettstein den Double You Skater, eine Art Skateboard-Hocker, mit dem man zwischen den Schreibtischen herumrollen kann. Hannes Wettstein entwarf nicht einfach einen Tisch und unabhängig davon einen Stuhl; er dachte beides zusammen, einschließlich ihrer sozialen Interaktion. Ein Einfall kam bei ihm in der Realisierung nie an einen Endpunkt, sondern wirkte fort, wurde zum Ausgangspunkt für neue Überlegungen, die in einem nächsten, noch größeren, umfassenderen System weitergedacht wurden.

Sein Interesse galt zudem der Welt des Hightechs. Technische Innovation und Perfektion begeisterten ihn. Er entwarf Hochleistungs-Ferngläser für Zeiss, Lautsprecherboxen mit maximaler klanglicher Qualität für Piega oder auch eine Digitaluhr für Ventura, mit einem Speicherchip für persönliche Daten. So kombinierte er Dinge, wie man sie so noch nicht kombiniert hatte; er gab den Dingen neue Eigenschaften mit und entwickelte hybride Produktformen.

Hannes Wettstein war in seinem ganzen Erscheinungsbild ein extrem maskuliner Typ. Diesen männlichen Anteil spürte man auch bei seinen Projekten: „Jungsthemen“ eben. Ich erinnere daran, wie überrascht ich bei der ersten Begegnung von seiner erstaunlichen Sanftheit und seiner weichen, sympathischen Stimme war. Vor allem aber zeichnete ihn ein großes Maß an Empathie und Herzlichkeit aus, wie sie nur wenigen zu Eigen ist. Er war beeindruckend frei von jeder Attitüde und Eitelkeit. Er hatte eine so ungemeine Lust an Kommunikation und verstand es, wohl auch weil er fließend mehrere Sprachen beherrschte, alle ins Gespräch einzubinden. Jede Unterhaltung mit ihm machte unglaublich viel Spaß, nicht nur durch seinen Witz und die Fähigkeit zur Selbstironie, sondern, weil er jeden mit seiner Begeisterung ansteckte. Hannes Wettstein konnte tausend Projekte parallel denken und für alle zugleich Feuer und Flamme sein.

Er besaß einen brillanten Scharfsinn, verbunden mit einer Naivität - oder besser einer radikalen Unverstelltheit, Dinge umzusetzen. Auf wunderbare Weise war er von seinem eigenen Pathos begeistert und zog aus dieser Euphorie die Kraft, für seine Projekte zu kämpfen.

Wer mit ihm arbeitete, dem gab er das Gefühl, dass nichts schief gehen könne. Weil die Energie stimmte, weil er sich aus vollem Herzen in Projekte stürzte und an sie glaubte. Diese Tatkraft durften wir bei Stylepark, als unsere Firma noch ganz jung war, unmittelbar erleben. Hannes interessierte sich für unsere Idee einer vernetzten Produktdatenbank für High-End-Design. Er nahm sich Zeit für uns und hörte zu, und obwohl wir ihm noch nichts zeigen konnten, fand er die Idee – und was daraus werden könnte – bestechend. Es war typisch für ihn, dass er sogleich das Potenzial sah und daraus ein visionäres Gebilde zu entwickeln vermochte. Er verstand Stylepark sofort als System, als Netzwerk. Früher als wir selbst. So hat er auch die Entwicklung von ’Stylepark in Residence’ und ’The Design Annual’ intensiv begleitet und uns in dem Gedanken bestärkt, den Designdiskurs in verschiedenen Formaten darzustellen.

Bei ’The Design Annual – inside: urban’ 2006 war Hannes Wettstein mit einem Projekt dabei, das wie für ihn geschaffen war: Merck zeigte erste OLED-Produkte, darunter einen Entwurf von ihm. Die OLED-Technologie war noch nicht so weit entwickelt, die Suche nach formalen Lösungen, die sich mit ihr realisieren ließen, war in vollem Gange. Hannes Wettstein hat damals wichtigen Input dafür gegeben, wie so ein Bauteil industriell gefasst werden kann und umsetzbar wird. Er sah das Bauteil und wusste, was daraus später einmal werden könnte. Hannes Wettstein überführte den OLED-Prototyp in eine gültige, überzeugende Form. Sein Entwurf sah aus wie ein kleiner Baum, der in einem technoiden Märchenwald steht. Er nahm die OLED-Platte, versah sie mit Miniklinkenstecker und ebnete mit dieser Verbindung der Antwort den Weg, wie ein solches Teil einer industriellen Vermarktung offen stehen könnte. Sein kleiner OLED-Baum hatte etwas ganz Eigenes, formal Spannendes und Überzeugendes.

Dem Willen zur Vision ordnete Hannes Wettstein alles andere unter. Es ging ihm nicht darum, ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu suchen und sich darauf auszuruhen. Die Suche ging für ihn immer weiter; sie führte ihn zu Lösungen und zu neuen Problemen, die alle irgendwie miteinander verbunden waren. Er dachte immer mutiger als andere, auch auf die Gefahr hin mit seinen Projekten zu scheitern. Seine unbändige Energie wurde gespeist von einem Glauben an eine Sache, aber immer auch von der Angst, dass hinter der nächsten Ecke der Absturz lauerte. Einen Versuch war es ihm immer wert.

Hannes Wettstein ist am 5. Juli 2008 von uns gegangen. Er wird uns fehlen – als Freund, Wegbegleiter und Kritiker.

© Agentur Hannes Wettstein, Zürich
© Agentur Hannes Wettstein, Zürich
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Erinnerungen an Hannes Wettstein
17. Juli 2008
Wenn ich an Hannes Wettstein denke, habe ich immer sofort seine Hand vor Augen, wie sie mit dem Bleistift auf jeder verfügbaren Unterlage zu zeichnen begann. Man bekam beim Zusehen Gänsehaut, mit welch unglaublicher Schnelligkeit er Ideen eine Form geben konnte.
Die Dinge lebbar machen

von Sandra Hofmeister

Als ich Hannes Wettstein an einem Abend unter Freunden kennenlernte, unterhielten wir uns über Kunst und Fotografie, die politischen Verhältnisse in Italien und aktuelle gesellschaftliche Veränderungen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass mein Gesprächspartner Hannes Wettstein war – jener Architekt und Designer, dessen Stuhlentwurf „Hola“ kurz zuvor auf der Titelseite der Wallpaper gefeiert wurde. Und Hannes Wettstein hatte nicht die Absicht, sich als Stardesigner zu erkennen zu geben. Ihm waren die Themen des Lebens wichtiger als sein Erfolg. Design begriff er als einen gesellschaftspolitischen Prozess. Statt allein um die Form, ging es um das Ganze, um die Strukturen des Marktes beispielsweise, die Unternehmenskultur und den Paradigmenwechsel bei den Nutzern. Gestaltung war in seinen Augen eine Strategie, die Welt zu erfassen, Signale zu setzen und in einigen Bereichen ganze Themenfelder zu bewegen.

Es gab keinen schärferen Analytiker und Kritiker der Welt des schönen Scheins als Hannes Wettstein. Seine ruhig vorgetragenen Argumente und sein unverwechselbarer Humor haben nicht nur mich beeindruckt. Als Stratege machte er seine Gesprächspartner auf so manche Seifenblase in der Welt des schönen Scheins aufmerksam und öffnete viele Perspektiven - zur Kunst, zur Wirtschaft und zur Politik. Die Dinge lebbar zu machen war Hannes Wettsteins Anliegen. Und diese Haltung zeigt sich in der beeindruckenden Bandbreite und Tiefe seiner Arbeiten: Dies konnten Forschungsstudien ohne Auftraggeber sein, an denen es Hannes Wettstein oft besonders lag, architektonische Konzepte für aufwendige Corporate Identities oder so hochtechnologische Produkte wie das Diascope Spektivsystem für Carl Zeiss. Es nütze nichts, ein schönes Produkt zu gestalten, wenn es dann nur in ein paar ausgewählten Läden von einigen Freaks gekauft werde, war seine Überzeugung. Design im Leben zu verankern ist eine Aufgabe, die oft an ihre Grenzen stößt. Doch Hannes Wettstein gelang es immer wieder, die Grenzlinien in einzelnen Abschnitten neu zu ziehen.

Die eigene Autorenschaft stellte er gerne in den Hintergrund, sein Team und die Themen, die er mit ihm gemeinsam bewegen konnte, waren ihm wichtiger. Hannes Wettstein ist für die Innenraumgestaltung des Grand Hyatt Hotels am Potsdamer Platz in Berlin verantwortlich, in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Architektubüro von Steven Holl entwickelte er das Interieur der Schweizer Botschaft in Washington und auch das Set Design vieler Sendungen des Schweizer Fernsehens, vom Sportstudio bis zur Tagesschau und zur Wetterstation auf dem Dach des Züricher Sendegebäudes, ist nach seinen Plänen entstanden. In seinem Atelier in Zürich entstanden Fahrräder und Schweizer Uhren – die berühmte „Alpha“ für Ventura –, außerdem technologisch innovative und bei aller Nüchternheit raffinierte Möbel und Leuchten, wobei Hannes Wettsteins mit vielen Auftraggebern über Jahre hinweg zusammenarbeitete, so dass ihn mehr mit ihnen verband als nur ein einmaliger Entwurf. Auf die Leidenschaft komme es an, sagte er mir einmal, und wurde niemals müde, die Qualität seines Teams hervorzukehren, mit dem er für Lamy und Molteni, Belux und Erik JØrgensen sowie viele andere internationale Auftraggeber Projekte entwickelte. Es gibt viele Alltagsgegenstände, die von Hannes Wettstein stammen, obwohl es niemand recht weiß. Ihm lag an der Mitverantwortung gegenüber dem Kontext – Hannes Wettstein war einer der wenigen Designer, der sich dieser Verantwortung bewusst war und danach handelte. Am 5. Juli ist Hannes Wettstein im Alter von 50 Jahren gestorben. Er war sich sicher, dass sein zwanzigköpfiges Team mit Stephan Hürlemann an der Spitze seine Philosophie fortsetzen kann. Und er hat alles getan, damit seine Züricher Agentur nach seinem Tod weiterlebt.


„Seine Passion war es, große Systeme zu denken“

von Christian Gärtner

Wenn ich an Hannes Wettstein denke, habe ich immer sofort seine Hand vor Augen, wie sie mit dem Bleistift auf jeder verfügbaren Unterlage zu zeichnen begann. Man bekam beim Zusehen Gänsehaut, mit welch unglaublicher Schnelligkeit er Ideen eine Form geben konnte. Zeichnen war für ihn ein Instrument, um Fragen für sich zu formulieren und zu klären, gemeinsam mit anderen Ideen und Projekte zu entwickeln und seine Überlegungen nachvollziehbar zu machen.

Ideales Werkzeug war dabei der Druckbleistift, den er für Lamy entworfen und perfekt auf seine Bedürfnisse zugeschnitten hat. Aufgrund einer Gewichtsverlagerung in den vorderen Teil des Stiftes ist es unnötig beim Zeichnen Druck auszuüben. Der Strich ging leicht von der Hand – so schnell wie die Idee selbst.

Hannes Wettsteins Passion war es, große Systeme zu denken und mittels ihrer eine Art Zukunftsraum zu beschreiben. Er beeindruckte mich immer wieder mit seiner Fähigkeit und Überzeugung, Produkte in übergeordnete Zusammenhänge zu stellen: In Sekunden konnte er aus einer Idee ein Modell, ja ein visionäres, weltumspannendes System skizzieren. Und dabei rauchte er Zigaretten und erzählte. Spannung und Entspannung gehörten für ihn zusammen, waren Teil des gleichen Mediums.

Er war ein Industriedesigner im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Interesse beschränkte sich nicht auf hübsche oder kapriziöse Produkte, ihm ging es stets darum, Dinge anders, sinnvoller zu gestalten. Seine systemische Arbeitsweise galt aber nicht nur dem Sichtbaren, sondern auch dem Unsichtbaren. Am liebsten hätte Hannes Wettstein riesige Research-Abteilungen zu den unterschiedlichsten Themen unterhalten, angetrieben von einem unbändigen Interesse an Dingen, aber auch an sozialen Strukturen. Sein Schreibtischsystem Double You für Bulo ist mehr als nur ein Arbeitstisch; es ist eine Form kreativen Zusammenarbeitens, eine Art Vernetzung des Denkens: Ein schmaler, langer Tisch, an dem man flexibel, in verschiedenen Zonen arbeiten kann. Am besten stehen mehrere Double You Benches in Reihen hintereinander, zwischen denen man sich frei bewegen kann, je nachdem, an was man gerade arbeitet. Passend dazu entwickelte Hannes Wettstein den Double You Skater, eine Art Skateboard-Hocker, mit dem man zwischen den Schreibtischen herumrollen kann. Hannes Wettstein entwarf nicht einfach einen Tisch und unabhängig davon einen Stuhl; er dachte beides zusammen, einschließlich ihrer sozialen Interaktion. Ein Einfall kam bei ihm in der Realisierung nie an einen Endpunkt, sondern wirkte fort, wurde zum Ausgangspunkt für neue Überlegungen, die in einem nächsten, noch größeren, umfassenderen System weitergedacht wurden.

Sein Interesse galt zudem der Welt des Hightechs. Technische Innovation und Perfektion begeisterten ihn. Er entwarf Hochleistungs-Ferngläser für Zeiss, Lautsprecherboxen mit maximaler klanglicher Qualität für Piega oder auch eine Digitaluhr für Ventura, mit einem Speicherchip für persönliche Daten. So kombinierte er Dinge, wie man sie so noch nicht kombiniert hatte; er gab den Dingen neue Eigenschaften mit und entwickelte hybride Produktformen.

Hannes Wettstein war in seinem ganzen Erscheinungsbild ein extrem maskuliner Typ. Diesen männlichen Anteil spürte man auch bei seinen Projekten: „Jungsthemen“ eben. Ich erinnere daran, wie überrascht ich bei der ersten Begegnung von seiner erstaunlichen Sanftheit und seiner weichen, sympathischen Stimme war. Vor allem aber zeichnete ihn ein großes Maß an Empathie und Herzlichkeit aus, wie sie nur wenigen zu Eigen ist. Er war beeindruckend frei von jeder Attitüde und Eitelkeit. Er hatte eine so ungemeine Lust an Kommunikation und verstand es, wohl auch weil er fließend mehrere Sprachen beherrschte, alle ins Gespräch einzubinden. Jede Unterhaltung mit ihm machte unglaublich viel Spaß, nicht nur durch seinen Witz und die Fähigkeit zur Selbstironie, sondern, weil er jeden mit seiner Begeisterung ansteckte. Hannes Wettstein konnte tausend Projekte parallel denken und für alle zugleich Feuer und Flamme sein.

Er besaß einen brillanten Scharfsinn, verbunden mit einer Naivität - oder besser einer radikalen Unverstelltheit, Dinge umzusetzen. Auf wunderbare Weise war er von seinem eigenen Pathos begeistert und zog aus dieser Euphorie die Kraft, für seine Projekte zu kämpfen.

Wer mit ihm arbeitete, dem gab er das Gefühl, dass nichts schief gehen könne. Weil die Energie stimmte, weil er sich aus vollem Herzen in Projekte stürzte und an sie glaubte. Diese Tatkraft durften wir bei Stylepark, als unsere Firma noch ganz jung war, unmittelbar erleben. Hannes interessierte sich für unsere Idee einer vernetzten Produktdatenbank für High-End-Design. Er nahm sich Zeit für uns und hörte zu, und obwohl wir ihm noch nichts zeigen konnten, fand er die Idee – und was daraus werden könnte – bestechend. Es war typisch für ihn, dass er sogleich das Potenzial sah und daraus ein visionäres Gebilde zu entwickeln vermochte. Er verstand Stylepark sofort als System, als Netzwerk. Früher als wir selbst. So hat er auch die Entwicklung von ’Stylepark in Residence’ und ’The Design Annual’ intensiv begleitet und uns in dem Gedanken bestärkt, den Designdiskurs in verschiedenen Formaten darzustellen.

Bei ’The Design Annual – inside: urban’ 2006 war Hannes Wettstein mit einem Projekt dabei, das wie für ihn geschaffen war: Merck zeigte erste OLED-Produkte, darunter einen Entwurf von ihm. Die OLED-Technologie war noch nicht so weit entwickelt, die Suche nach formalen Lösungen, die sich mit ihr realisieren ließen, war in vollem Gange. Hannes Wettstein hat damals wichtigen Input dafür gegeben, wie so ein Bauteil industriell gefasst werden kann und umsetzbar wird. Er sah das Bauteil und wusste, was daraus später einmal werden könnte. Hannes Wettstein überführte den OLED-Prototyp in eine gültige, überzeugende Form. Sein Entwurf sah aus wie ein kleiner Baum, der in einem technoiden Märchenwald steht. Er nahm die OLED-Platte, versah sie mit Miniklinkenstecker und ebnete mit dieser Verbindung der Antwort den Weg, wie ein solches Teil einer industriellen Vermarktung offen stehen könnte. Sein kleiner OLED-Baum hatte etwas ganz Eigenes, formal Spannendes und Überzeugendes.

Dem Willen zur Vision ordnete Hannes Wettstein alles andere unter. Es ging ihm nicht darum, ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu suchen und sich darauf auszuruhen. Die Suche ging für ihn immer weiter; sie führte ihn zu Lösungen und zu neuen Problemen, die alle irgendwie miteinander verbunden waren. Er dachte immer mutiger als andere, auch auf die Gefahr hin mit seinen Projekten zu scheitern. Seine unbändige Energie wurde gespeist von einem Glauben an eine Sache, aber immer auch von der Angst, dass hinter der nächsten Ecke der Absturz lauerte. Einen Versuch war es ihm immer wert.

Hannes Wettstein ist am 5. Juli 2008 von uns gegangen. Er wird uns fehlen – als Freund, Wegbegleiter und Kritiker.