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Frau, Traum und Spiegel
von Annette Tietenberg | 13. Mai 2015
Eine Leinwand allein hat ihm nie genügt: Martial Raysse, „Soudain l’été dernier“, 1963, Foto © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Droits réservés © für sämtliche abgebildeten Werke Martial Raysse by SIAE 2015
Im Padiglione Centrale wird während der gesamten Dauer der Biennale Karl Marx verlesen – professionell rezitiert, gut hörbar und auf Englisch vorgetragen, damit möglichst viele der von Weitem angereisten Besucherinnen und Besucher, die in Gucci, Chanel, Lala Berlin und Issey Miyake gewandet vorbeiflanieren, im Vorübergehen ein Häppchen von der „Kritik der politischen Ökonomie“ goutieren können. Schließlich gilt es, auf der zweifellos schönsten Bühne des internationalen Kunstgeschehens, der Biennale von Venedig, medienwirksam den – wenn auch voraussehbar zum Scheitern verurteilten – Versuch zu unternehmen, die Kunst durch eine Reduktion auf ihre diskursiven Anteile als letzte Bastion einer subversiven und konsumkritischen Macht jenseits der Regime des Kapitals zur Schau zu stellen.
Martial Raysse in seinem Atelier vor seinem Gemälde „Ici Plage“ von 2009. © Martial Raysse by SIAE 2015
Während in den Giardini, im Arsenale und in den temporären Nationenpavillons von Venedig in postkolonialer Manier ein Kunstbegriff auf die vielen neuen Mitspielerinnen und Mitspieler aus Afrika, Indien und Asien ausgedehnt wird, der seine Parameter dem europäischen Medium der Kunstausstellung verdankt, besinnt man sich im Palazzo Grassi auf einen Künstler, der lange Zeit in der traditionsreichen europäischen Kunstmetropole Paris gewirkt hat und zu den Mitbegründern der Nouveaux Réalistes zählt.

Links: Martial Raysse, „Make up“, 1962, Foto Stylepark
Rechts: Martial Raysse, „Pamela Beach“, 1963, Foto Stylepark
Martial Raysse, 1936 an der französischen Riviera geboren und in Nizza ausgebildet, gehört zum Kreis um Yves Klein, Arman, Jean Tinguely, Raymond Hains und Mimmo Rotella. Er hat 1962 an der legendären Ausstellung Dylaby teilgenommen; mehrfach war er an der documenta in Kassel beteiligt und seine Werke sind im Stedelijk Museum von Amsterdam sowie im Museum Abteiberg Mönchengladbach vertreten. Das Centre Georges Pompidou in Paris richtete ihm zwei Retrospektiven aus – und doch wäre Martial Raysse beinahe in Vergessenheit geraten, hätte nicht François Pinault, Gründer der französischen Luxusgütergruppe PPR bzw. Kering und Betreiber des Palazzo Grassi, damit begonnen, Raysses Bilder und Filme in seine Sammlung aufzunehmen. Damit beweist Pinault ebensoviel Weitsicht wie Zeitgeschmack, denn Martial Raysse, der inzwischen in der Dordogne lebt, versteht es wie kein Zweiter, auf ebenso amüsante wie irritierende Weise das Begehren, das die Mode weckt, mit dem kritischen Potenzial der Kunst zu verknüpfen.
Martial Raysse, „Louisa, moque-toi de moi“, 1999, Foto Stylepark
Die Radikalität, mit der Raysse in den 1960er Jahren begonnen hat, die Leinwand ins Dreidimensionale auszuweiten, indem er mit Hilfe der Integration von Gegenständen aus der Welt des Glamours, des Jetsets und des Konsums Assemblagen schuf, verblüfft bis heute. Puderquasten, Pfauenfedern, Stöckelschuhe, Hüte, Handtücher und künstliche Weintrauben dienten ihm nicht etwa als Vorlage zur gekonnten malerischen Imitation, sondern als willkommener Anlass zur konkreten Veredelung der Leinwand. Getreu der Devise der Surrealisten, die – Lautréamonts Metapher von der Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch aufgreifend – eine Schönheit anstrebten, die aus der elektrisierenden Begegnung des Unvereinbaren resultiert, kombiniert Raysse Bildikonen der Kunstgeschichte wie der Gegenwart mit Leuchtstoffröhren und Fetischobjekten der Hautevolee. So heißt es im Katalog zur Ausstellung im Palazzo Grassi treffend: „Für Raysse ist Malerei ein militanter Akt.“
Begegnung im Palazzo Grassi: Martial Raysse, „Seventeen (Titre journalistique)", 1962 (links) und „La Belle Mauve“, 1962, Foto Stylepark
Militant mag man es nennen, dass Raysse das Finden dem Erfinden vorzieht. Stets ist schon da, was ins Bild gesetzt werden will: die Schönheitsideale, die Vorstellungen von Weiblichkeit, die Muster von Attraktivität oder die Gesten der Verführung. So arbeitet sich Raysse an Fotomodellen und Schauspielerinnen, an Badeszenen, an narzisstischen Blicken in den Spiegel und an Kosmetikutensilien ab. Nicht minder gegenwärtig als die Fotografien aus Modezeitschriften sind ihm die Frauenbildnisse von Ingres, Pollaiuolo oder Balthus, die er rearrangiert und neu figuriert.
Martial Raysse, „Nu jaune et calme“, 1963, Foto Stylepark
Durchaus konsequent ist es daher, dass die von Caroline Bourgeois kuratierte Ausstellung jegliche Chronologie durchbricht und – darin der Logik von Readymade und Pop art folgend – in jedem Raum einen Remix aus Vorher und Nachher präsentiert. Beginnend mit humorvollen Materialcollagen und skulpturalen Narrationen, die in der Eingangshalle des Palazzo Grassi in Glasvitrinen zu bewundern sind, über kaum bekannte Experimentalfilme und Rauminstallationen bis hin zu Gemälden und Bildassemblagen, die den größten Teil der Retrospektive ausmachen, kommentieren sich die mehr als dreihundert Ausstellungsstücke, die in verschiedenen Jahrzehnten entstanden sind, gegenseitig. Von Werkentwicklung, Werkgruppen oder Gattungsgrenzen keine Spur. Vielmehr ist das Ungleichzeitige gleichzeitig präsent: High and Low, Kunst und Mode, Malerei und Fotografie, Gemälde und Skulptur, Ephemeres und Monumentales, Reales und Imaginäres, Affirmatives und Subversives.
Links: Martial Raysse, „America America“, 1964, Foto Stylepark
Rechts: Martial Raysse, „Peinture à haute tension“, 1965, Foto Stylepark
Raysse hat es 2013 auf den Punkt gebracht: „Malerei ist nicht an die Zeit gebunden, sie bezieht sich nicht auf aktuelle Ereignisse. Wolken haben, so sage ich oft, kein Alter. Genauso hat ein Gemälde von Mantegna kein Alter; es ist konservierte Intelligenz. Es reicht aus, es anzusehen, um es zum Leben zu erwecken. Es ist ein Geist. Die größte Schwierigkeit besteht aus meiner Sicht darin, die Tiefe der Konzentration der Künstler zu erreichen, die Präzision ihres Blicks, ihre Art, die Dinge wahrhaftig zu sehen, nachzuvollziehen, denn wir sind es nicht gewohnt, so zu sehen. Nehmen wir zum Bespiel den Faltenwurf. Wer, außer Yves Saint Laurent, weiß schon, was das ist. Keinen kümmert’s. Seitdem er tot ist, ist Schluss damit.“
Links: Martial Raysse, „Vue du ciel“, 1996, Foto Stylepark
Rechts: Martial Raysse, „La Déesse“, 1980, Foto Stylepark
Raysse bleibt, wie Yves Saint Laurent, der Körperlichkeit, der Stofflichkeit, dem Faltenwurf, dem Schimmer der Haut, die wie die Leinwand eine Projektionsfläche bildet, und den Malutensilien zur alltäglichen Verschönerung wie Make up, Eyeliner und Lippenstift treu. Daher sieht, wer in Raysses Bilder blickt, zuallererst sich selbst – als Doublette. Die integrierten Spiegel, aber auch die Motive provozieren einen Vergleich von Haarschnitt, Kleidung und Schminke.
Stillleben mit bunten Pilzen: Martial Raysse, „Le Jardin“, 1972, Foto Stylepark
Auf diese Weise offenbart sich, dass die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher, ob sie es wollen oder nicht, immer schon im Bilde sind. Sie sind Teil eines sozialen Systems, das sich Kunst nennt und das nicht ohne die Spielregeln des Konsums auszukommen vermag. Wie also könnte es eine Perspektive des Draußen, eine Kritik der politischen Ökonomie von außerhalb geben? Gut, dass die Retrospektive im Palazzo Grassi diese Erkenntnis aus den 1960er Jahren in die Gegenwart der 56. Biennale von Venedig transferiert.
Wie schön Ohren leuchten können: Martial Raysse, „Maratata“, 1970, Foto Stylepark
Martial Raysse
Palazzo Grassi, Venedig
bis 30. November 2015
Der Katalog umfasst 500 Seiten, ist in
italienischer, französischer und englischer Version
beim Marsilio Edition, Venedig, erschienen
und kostet 70 Euro.

www.palazzograssi.it
News & Stories › 2015 › Mai
Frau, Traum und Spiegel
von Annette Tietenberg | 13. Mai 2015
Parallel zur Biennale richtet der Palazzo Grassi dem 79 Jahre alten Martial Raysse eine Retrospektive aus. Erinnert wird damit an einen Künstler, der weiß, dass sich Kunst, Mode und Kritik der politischen Ökonomie nicht unbedingt gegenseitig ausschließen müssen.
Im Padiglione Centrale wird während der gesamten Dauer der Biennale Karl Marx verlesen – professionell rezitiert, gut hörbar und auf Englisch vorgetragen, damit möglichst viele der von Weitem angereisten Besucherinnen und Besucher, die in Gucci, Chanel, Lala Berlin und Issey Miyake gewandet vorbeiflanieren, im Vorübergehen ein Häppchen von der „Kritik der politischen Ökonomie“ goutieren können. Schließlich gilt es, auf der zweifellos schönsten Bühne des internationalen Kunstgeschehens, der Biennale von Venedig, medienwirksam den – wenn auch voraussehbar zum Scheitern verurteilten – Versuch zu unternehmen, die Kunst durch eine Reduktion auf ihre diskursiven Anteile als letzte Bastion einer subversiven und konsumkritischen Macht jenseits der Regime des Kapitals zur Schau zu stellen.Während in den Giardini, im Arsenale und in den temporären Nationenpavillons von Venedig in postkolonialer Manier ein Kunstbegriff auf die vielen neuen Mitspielerinnen und Mitspieler aus Afrika, Indien und Asien ausgedehnt wird, der seine Parameter dem europäischen Medium der Kunstausstellung verdankt, besinnt man sich im Palazzo Grassi auf einen Künstler, der lange Zeit in der traditionsreichen europäischen Kunstmetropole Paris gewirkt hat und zu den Mitbegründern der Nouveaux Réalistes zählt.

Martial Raysse, 1936 an der französischen Riviera geboren und in Nizza ausgebildet, gehört zum Kreis um Yves Klein, Arman, Jean Tinguely, Raymond Hains und Mimmo Rotella. Er hat 1962 an der legendären Ausstellung Dylaby teilgenommen; mehrfach war er an der documenta in Kassel beteiligt und seine Werke sind im Stedelijk Museum von Amsterdam sowie im Museum Abteiberg Mönchengladbach vertreten. Das Centre Georges Pompidou in Paris richtete ihm zwei Retrospektiven aus – und doch wäre Martial Raysse beinahe in Vergessenheit geraten, hätte nicht François Pinault, Gründer der französischen Luxusgütergruppe PPR bzw. Kering und Betreiber des Palazzo Grassi, damit begonnen, Raysses Bilder und Filme in seine Sammlung aufzunehmen. Damit beweist Pinault ebensoviel Weitsicht wie Zeitgeschmack, denn Martial Raysse, der inzwischen in der Dordogne lebt, versteht es wie kein Zweiter, auf ebenso amüsante wie irritierende Weise das Begehren, das die Mode weckt, mit dem kritischen Potenzial der Kunst zu verknüpfen.Die Radikalität, mit der Raysse in den 1960er Jahren begonnen hat, die Leinwand ins Dreidimensionale auszuweiten, indem er mit Hilfe der Integration von Gegenständen aus der Welt des Glamours, des Jetsets und des Konsums Assemblagen schuf, verblüfft bis heute. Puderquasten, Pfauenfedern, Stöckelschuhe, Hüte, Handtücher und künstliche Weintrauben dienten ihm nicht etwa als Vorlage zur gekonnten malerischen Imitation, sondern als willkommener Anlass zur konkreten Veredelung der Leinwand. Getreu der Devise der Surrealisten, die – Lautréamonts Metapher von der Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch aufgreifend – eine Schönheit anstrebten, die aus der elektrisierenden Begegnung des Unvereinbaren resultiert, kombiniert Raysse Bildikonen der Kunstgeschichte wie der Gegenwart mit Leuchtstoffröhren und Fetischobjekten der Hautevolee. So heißt es im Katalog zur Ausstellung im Palazzo Grassi treffend: „Für Raysse ist Malerei ein militanter Akt.“Militant mag man es nennen, dass Raysse das Finden dem Erfinden vorzieht. Stets ist schon da, was ins Bild gesetzt werden will: die Schönheitsideale, die Vorstellungen von Weiblichkeit, die Muster von Attraktivität oder die Gesten der Verführung. So arbeitet sich Raysse an Fotomodellen und Schauspielerinnen, an Badeszenen, an narzisstischen Blicken in den Spiegel und an Kosmetikutensilien ab. Nicht minder gegenwärtig als die Fotografien aus Modezeitschriften sind ihm die Frauenbildnisse von Ingres, Pollaiuolo oder Balthus, die er rearrangiert und neu figuriert.Durchaus konsequent ist es daher, dass die von Caroline Bourgeois kuratierte Ausstellung jegliche Chronologie durchbricht und – darin der Logik von Readymade und Pop art folgend – in jedem Raum einen Remix aus Vorher und Nachher präsentiert. Beginnend mit humorvollen Materialcollagen und skulpturalen Narrationen, die in der Eingangshalle des Palazzo Grassi in Glasvitrinen zu bewundern sind, über kaum bekannte Experimentalfilme und Rauminstallationen bis hin zu Gemälden und Bildassemblagen, die den größten Teil der Retrospektive ausmachen, kommentieren sich die mehr als dreihundert Ausstellungsstücke, die in verschiedenen Jahrzehnten entstanden sind, gegenseitig. Von Werkentwicklung, Werkgruppen oder Gattungsgrenzen keine Spur. Vielmehr ist das Ungleichzeitige gleichzeitig präsent: High and Low, Kunst und Mode, Malerei und Fotografie, Gemälde und Skulptur, Ephemeres und Monumentales, Reales und Imaginäres, Affirmatives und Subversives.Raysse hat es 2013 auf den Punkt gebracht: „Malerei ist nicht an die Zeit gebunden, sie bezieht sich nicht auf aktuelle Ereignisse. Wolken haben, so sage ich oft, kein Alter. Genauso hat ein Gemälde von Mantegna kein Alter; es ist konservierte Intelligenz. Es reicht aus, es anzusehen, um es zum Leben zu erwecken. Es ist ein Geist. Die größte Schwierigkeit besteht aus meiner Sicht darin, die Tiefe der Konzentration der Künstler zu erreichen, die Präzision ihres Blicks, ihre Art, die Dinge wahrhaftig zu sehen, nachzuvollziehen, denn wir sind es nicht gewohnt, so zu sehen. Nehmen wir zum Bespiel den Faltenwurf. Wer, außer Yves Saint Laurent, weiß schon, was das ist. Keinen kümmert’s. Seitdem er tot ist, ist Schluss damit.“Raysse bleibt, wie Yves Saint Laurent, der Körperlichkeit, der Stofflichkeit, dem Faltenwurf, dem Schimmer der Haut, die wie die Leinwand eine Projektionsfläche bildet, und den Malutensilien zur alltäglichen Verschönerung wie Make up, Eyeliner und Lippenstift treu. Daher sieht, wer in Raysses Bilder blickt, zuallererst sich selbst – als Doublette. Die integrierten Spiegel, aber auch die Motive provozieren einen Vergleich von Haarschnitt, Kleidung und Schminke.Auf diese Weise offenbart sich, dass die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher, ob sie es wollen oder nicht, immer schon im Bilde sind. Sie sind Teil eines sozialen Systems, das sich Kunst nennt und das nicht ohne die Spielregeln des Konsums auszukommen vermag. Wie also könnte es eine Perspektive des Draußen, eine Kritik der politischen Ökonomie von außerhalb geben? Gut, dass die Retrospektive im Palazzo Grassi diese Erkenntnis aus den 1960er Jahren in die Gegenwart der 56. Biennale von Venedig transferiert.Martial Raysse
Palazzo Grassi, Venedig
bis 30. November 2015
Der Katalog umfasst 500 Seiten, ist in
italienischer, französischer und englischer Version
beim Marsilio Edition, Venedig, erschienen
und kostet 70 Euro.

www.palazzograssi.it