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Freiheit für die Badewanne
von Meret Ernst | 10. März 2011
Zurück zur Natur: Prießnitz’ Dusche in den schlesischen Wäldern

Auch in diesem Jahr werden auf der ISH in Frankfurt am Main freistehende Badewannen präsentiert. Wirklich neu ist die - ohnehin althergebrachte - Idee nicht, schließlich hat Philippe Starck bereits 1994 mit seiner Serie „Starck 1" für Duravit freistehende Badewannen und Waschschüsseln zu einem Ensemble kombiniert - als postmoderne Rückbesinnung auf ein vor-industrielles Badezimmer. Mitte der neunziger Jahre definierte dieses Konzept das Badezimmer neu und bediente auf diese Weise einen minimalistisch gedämpften Hedonismus: Ja, Baden hat etwas mit Genuss und Stil zu tun, und das ist nicht länger den Happy Few vorbehalten. Jede kann, jeder darf sich eine freistehende Badewanne in seine Nasszelle einbauen lassen. Sofern der Grundriss das erlaubt.

Englisches Bad oder Nasszelle

Gewiss, eine solche Wanne erinnert an frühere Zeiten, als der Zinkzuber in ein beliebiges Zimmer getragen, mit Tüchern ausgekleidet und mit heran geschlepptem Wasser gefüllt wurde. Er machte einst jeden Raum zum Badezimmer. Weiterentwickelt wurde dieses Konzept im „englischen Badezimmer", wie Sigfried Giedion diesen Typ nannte. Er etablierte sich um 1900 in den Häusern des gehobenen Bürgertums mit kostbar dekorierten Wannen, die mitten im Raum standen. Doch dieses englische Badezimmer verweigerte sich der Rationalisierung und Standardisierung, die den Wohnungsbau vor allem in den Vereinigten Staaten, bald aber auch in Europa, bestimmte. So blieb es lange nichts als eine Episode. Durchgesetzt hat sich bekanntlich die Nasszelle. Sie ist das Ergebnis von Rationalisierungsprozessen, die die Massenproduktion und davon abgeleitet den industrialisierten Wohnungsbau erst ermöglichten. Mit allen Konsequenzen: Jahrzehntelang war das Bad genau das: eine Nasszelle, minimal bemessen, gerade so groß, dass man sich darin waschen, Zähne putzen, rasieren und kämmen konnte. Die Nasszelle feierte die Zweckmäßigkeit der Apparaturen. Sie definierte den Grundbedarf für die Körperreinigung breiter Schichten.

Trotzdem: Nostalgie allein kann es nicht sein, dass auch heute Badewannen auf Füßchen („Ottocento" von Benedini Associati für Agape), mit erhöhtem Kopfteil („Esplanade" von Duravit) oder als Metallzuber ausgestaltet („Vieques" von Patricia Urquiola für Agape) ihre Käufer finden. Die Spuren des englischen Badezimmers und seinem freien Grundriss findet man auch in minimalistisch formulierten Konzepten. Die Armaturen unaufgeregt, die Keramik in leicht gerundeten Formen, die Badezimmermöbel aus hellem Holz - Ronan und Erwan Bouroullec lässt sich Nostalgie nicht vorwerfen. Ihr Vorschlag für die Kollektion „Axor Bouroullec" setzt auf eine andere Sehnsucht. Sie propagieren die flexible Möblierung, die mit rund siebzig Produkten erfüllt werden soll. Zur Kollektion gehören Armaturen, die sich an unterschiedlichen Positionen auf und in den Waschtischen oder an der Wand platzieren lassen, Duschsysteme, Ablagen, Accessoires und eine Einbauwanne.

Grenzen der Flexibilität

Von der nackten Funktionalität hat sich das Badezimmer ohnehin längst verabschiedet. Es hat sich seinen Platz als eigenständiges Zimmer im Wohnungsgrundriss erobert - und es darf wohnlich werden. Waschtische und Schränkte erinnern deshalb längst nicht mehr nur ans Badezimmer. Sie könnten ebenso gut als Sideboard im Wohnzimmer stehen. Je größer das Badezimmer über die Jahrzehnte wurde, desto mehr ließ es die an einer Installationswand aufgereihten Sanitärapparaturen obsolet wirken. Größere Grundrisse und frei im Raum installierte Wannen und Waschbecken bedingen sich also gegenseitig.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der Trend zum wohnlichen Badezimmer länger anhalten wird. Worauf wir im Bad allerdings verzichten müssen, ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir in Wohn- und Schlafräumen unsere Möbel hin- und herschieben. Flexibel sei nun auch das Bad, heißt es allenthalben. Doch das lässt sich einfacher sagen als bewerkstelligen. Auch wenn so mancher Hersteller verspricht, im Bad müsse nicht alles dort sein, wo Leitungen und Anschlüsse stecken: Es braucht sie eben doch. Damit beginnt für diejenigen, die ein neues Bad haben möchten, die Verwirrung. Also braucht es Beratung, doch die ist nicht selten mangelhaft. Was passiert vor der Wand und hinter der Wand? Was ist möglich? Was braucht es, damit das Bad das tägliche Bedürfnis und das sonntägliche Ritual bedient? Wer benutzt wann und wie lange das Badezimmer und wie viel Stauraum wird gebraucht? Nicht alle Angebote sind mit anderen kompatibel. Außerdem zielen die Bedürfnisse der Bauherrin, des Sanitärherstellers und der Architekten nicht immer in dieselbe Richtung.

Designaufgabe Badezimmer

Viele Architekten, die Badezimmer planen, überlassen ohne Not das Terrain den Fachhändlern - ähnlich wie in der Küche. Doch wer nur von einer Marke oder einem System her denkt, der vergisst leicht, was im Lauf eines Tages und über die Jahre hinweg alles in einem Badezimmer passiert. Hier sind Designer gefragt, die erstens den Überblick über die diversen Anbieter haben, die zweitens die „Schnittstellen" vor und hinter der Wand kennen, und die drittens Nutzungskonzepte von den Personen her denken, für die das Badezimmer geplant wird. Eine klassische Designaufgabe, die Prozesse statt Produkte gestaltet.

Klar ist: Sobald die Wanne und die Dusche nicht an dieselbe Wand wie Waschbecken und Toilette angehängt werden, eröffnet sich ein Spielraum, der genutzt werden kann. Doch der Ort, an dem sich Architektur, Konstruktion und Sanitärinstallation treffen, ist und bleibt tückisch. So bleibt etwa der Abfluss von Badewannen, die frei im Raum stehen, ein Problem. Muss er in den Boden integriert werden, wird die Decke wegen des nötigen Gefälles irgendwann so dünn, dass sie akustisch nicht mehr genügend isoliert. Auch Pumpen bringen selten eine Lösung: zu teuer und zu laut. Den Wunsch nach einer freistehenden Badewanne können oder wollen sich deshalb die meisten Bauherren - trotz verführerischer Bilder - nicht erfüllen. So bleibt sie, was sie schon immer war - ein Luxus. Nur dass wir heute den Hahn aufdrehen statt Wassereimer zu schleppen.

Das englische Badezimmer von W.E. Mason, 1901
George Vanderbilts Badezimmer, New York 1885
Sitzbad mit Dusche, Birmingham 1847
News & Stories › 2011 › März
Freiheit für die Badewanne
von Meret Ernst | 10. März 2011
Die Sanitärbranche rüstet sich für die ISH. Neben Fragen der Nachhaltigkeit und Innovationen im Bereich der Energietechnik scheint auch in diesem Jahr das Thema „Wohnlichkeit im Bad" im Zentrum zu stehen. Grundriss und Installationstechnik weisen den Wunsch nach Genuss und Lebensart freilich oft in seine Schranken.
Auch in diesem Jahr werden auf der ISH in Frankfurt am Main freistehende Badewannen präsentiert. Wirklich neu ist die - ohnehin althergebrachte - Idee nicht, schließlich hat Philippe Starck bereits 1994 mit seiner Serie „Starck 1" für Duravit freistehende Badewannen und Waschschüsseln zu einem Ensemble kombiniert - als postmoderne Rückbesinnung auf ein vor-industrielles Badezimmer. Mitte der neunziger Jahre definierte dieses Konzept das Badezimmer neu und bediente auf diese Weise einen minimalistisch gedämpften Hedonismus: Ja, Baden hat etwas mit Genuss und Stil zu tun, und das ist nicht länger den Happy Few vorbehalten. Jede kann, jeder darf sich eine freistehende Badewanne in seine Nasszelle einbauen lassen. Sofern der Grundriss das erlaubt.

Englisches Bad oder Nasszelle

Gewiss, eine solche Wanne erinnert an frühere Zeiten, als der Zinkzuber in ein beliebiges Zimmer getragen, mit Tüchern ausgekleidet und mit heran geschlepptem Wasser gefüllt wurde. Er machte einst jeden Raum zum Badezimmer. Weiterentwickelt wurde dieses Konzept im „englischen Badezimmer", wie Sigfried Giedion diesen Typ nannte. Er etablierte sich um 1900 in den Häusern des gehobenen Bürgertums mit kostbar dekorierten Wannen, die mitten im Raum standen. Doch dieses englische Badezimmer verweigerte sich der Rationalisierung und Standardisierung, die den Wohnungsbau vor allem in den Vereinigten Staaten, bald aber auch in Europa, bestimmte. So blieb es lange nichts als eine Episode. Durchgesetzt hat sich bekanntlich die Nasszelle. Sie ist das Ergebnis von Rationalisierungsprozessen, die die Massenproduktion und davon abgeleitet den industrialisierten Wohnungsbau erst ermöglichten. Mit allen Konsequenzen: Jahrzehntelang war das Bad genau das: eine Nasszelle, minimal bemessen, gerade so groß, dass man sich darin waschen, Zähne putzen, rasieren und kämmen konnte. Die Nasszelle feierte die Zweckmäßigkeit der Apparaturen. Sie definierte den Grundbedarf für die Körperreinigung breiter Schichten.

Trotzdem: Nostalgie allein kann es nicht sein, dass auch heute Badewannen auf Füßchen („Ottocento" von Benedini Associati für Agape), mit erhöhtem Kopfteil („Esplanade" von Duravit) oder als Metallzuber ausgestaltet („Vieques" von Patricia Urquiola für Agape) ihre Käufer finden. Die Spuren des englischen Badezimmers und seinem freien Grundriss findet man auch in minimalistisch formulierten Konzepten. Die Armaturen unaufgeregt, die Keramik in leicht gerundeten Formen, die Badezimmermöbel aus hellem Holz - Ronan und Erwan Bouroullec lässt sich Nostalgie nicht vorwerfen. Ihr Vorschlag für die Kollektion „Axor Bouroullec" setzt auf eine andere Sehnsucht. Sie propagieren die flexible Möblierung, die mit rund siebzig Produkten erfüllt werden soll. Zur Kollektion gehören Armaturen, die sich an unterschiedlichen Positionen auf und in den Waschtischen oder an der Wand platzieren lassen, Duschsysteme, Ablagen, Accessoires und eine Einbauwanne.

Grenzen der Flexibilität

Von der nackten Funktionalität hat sich das Badezimmer ohnehin längst verabschiedet. Es hat sich seinen Platz als eigenständiges Zimmer im Wohnungsgrundriss erobert - und es darf wohnlich werden. Waschtische und Schränkte erinnern deshalb längst nicht mehr nur ans Badezimmer. Sie könnten ebenso gut als Sideboard im Wohnzimmer stehen. Je größer das Badezimmer über die Jahrzehnte wurde, desto mehr ließ es die an einer Installationswand aufgereihten Sanitärapparaturen obsolet wirken. Größere Grundrisse und frei im Raum installierte Wannen und Waschbecken bedingen sich also gegenseitig.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der Trend zum wohnlichen Badezimmer länger anhalten wird. Worauf wir im Bad allerdings verzichten müssen, ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir in Wohn- und Schlafräumen unsere Möbel hin- und herschieben. Flexibel sei nun auch das Bad, heißt es allenthalben. Doch das lässt sich einfacher sagen als bewerkstelligen. Auch wenn so mancher Hersteller verspricht, im Bad müsse nicht alles dort sein, wo Leitungen und Anschlüsse stecken: Es braucht sie eben doch. Damit beginnt für diejenigen, die ein neues Bad haben möchten, die Verwirrung. Also braucht es Beratung, doch die ist nicht selten mangelhaft. Was passiert vor der Wand und hinter der Wand? Was ist möglich? Was braucht es, damit das Bad das tägliche Bedürfnis und das sonntägliche Ritual bedient? Wer benutzt wann und wie lange das Badezimmer und wie viel Stauraum wird gebraucht? Nicht alle Angebote sind mit anderen kompatibel. Außerdem zielen die Bedürfnisse der Bauherrin, des Sanitärherstellers und der Architekten nicht immer in dieselbe Richtung.

Designaufgabe Badezimmer

Viele Architekten, die Badezimmer planen, überlassen ohne Not das Terrain den Fachhändlern - ähnlich wie in der Küche. Doch wer nur von einer Marke oder einem System her denkt, der vergisst leicht, was im Lauf eines Tages und über die Jahre hinweg alles in einem Badezimmer passiert. Hier sind Designer gefragt, die erstens den Überblick über die diversen Anbieter haben, die zweitens die „Schnittstellen" vor und hinter der Wand kennen, und die drittens Nutzungskonzepte von den Personen her denken, für die das Badezimmer geplant wird. Eine klassische Designaufgabe, die Prozesse statt Produkte gestaltet.

Klar ist: Sobald die Wanne und die Dusche nicht an dieselbe Wand wie Waschbecken und Toilette angehängt werden, eröffnet sich ein Spielraum, der genutzt werden kann. Doch der Ort, an dem sich Architektur, Konstruktion und Sanitärinstallation treffen, ist und bleibt tückisch. So bleibt etwa der Abfluss von Badewannen, die frei im Raum stehen, ein Problem. Muss er in den Boden integriert werden, wird die Decke wegen des nötigen Gefälles irgendwann so dünn, dass sie akustisch nicht mehr genügend isoliert. Auch Pumpen bringen selten eine Lösung: zu teuer und zu laut. Den Wunsch nach einer freistehenden Badewanne können oder wollen sich deshalb die meisten Bauherren - trotz verführerischer Bilder - nicht erfüllen. So bleibt sie, was sie schon immer war - ein Luxus. Nur dass wir heute den Hahn aufdrehen statt Wassereimer zu schleppen.