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Der Übergang aus Kunststoffelementen zwischen zwei Sälen ermöglicht den Besuchern die Interaktion innerhalb der Ausstellung. Foto © Kere Architecture, James Harris
Die höhlenartige Installation von Diébédo Francis Kéré sieht mittlerweile viel bunter aus. Nicht nur Kinder bestücken sie mit den bunten Halmen. Foto © Royal Academy of Arts, James Harris
Russischer Konstruktivismus? Rauminstallation von Pezo von Ellrichshausen, die sich dem Besucher erst durch die Begehung erschließt. Foto © Royal Academy of Arts, James Harris
Hängende Platten und eine dramatische Beleuchtung verwandeln die Installation in einen Sakralraum.
Foto © Royal Academy of Arts, James Harris
Steile Spindeltreppen führen den Besucher auf die hölzerne Plattform von Pezo von Ellrichshausen.
Foto © Royal Academy of Arts, James Harris
Die Installation aus fragilen Bambusstäben von Kenzo Kuma. Foto © Royal Academy of Arts, James Harris
Fühle den Raum!
von Ralf Wollheim
22. Februar 2014
Kinder erobern sich laut und spielerisch die ehrwürdigen Hallen der Royal Academy, rennen und klettern in den Installationen herum. Die erwachsenen Besucher verhalten sich deutlich zurückhaltender und machen erst einmal Fotos, was ausdrücklich erlaubt ist. Denn auch das ist eine Auseinandersetzung mit dem Raum, wenn auch eher eine visuelle, die aber nicht ausreicht, um die Werke der sieben in der Schau vertretenen Architekten zu verstehen. Lichtstimmungen, ungewöhnliche Materialien und Gerüche bestimmen den Parcours, der aus einfachen Objekten, aber auch aus verschlungenen Labyrinthen besteht und ein Plädoyer für eine bessere Architektur ist.Manche Installation erinnert dabei auf den ersten Blick an Arbeiten von bildenden Künstlern wie Rachel Whiteread, Bruce Nauman oder Olafur Eliasson – der schnelle Rundgang, das rasche Einordnen aber helfen hier wenig. Denn der von Kate Goodwin klug zusammengestellte Parcours der Ausstellung „Sensing Spaces“ bietet vielfältige Erfahrungen, die sich gut ergänzen und auch auf den ersten Blick simpleren Objekten eine Berechtigung geben.

Auch die hölzerne Plattform von Pezo von Ellrichshausen aus Chile, die auf vier massiven Zylindern ruht, sieht zunächst einfach aus. Sobald man aber die steilen Spindeltreppen hinaufgestiegen ist, bietet sich ein ungewöhnlicher Blick auf den ansonsten leeren Ausstellungsraum. Bewegt sich der Blick auf die Objekte an der Wand entlang, bleibt also an diese gebunden, so schweift er jetzt über die goldenen neoklassischen Dekorationen der Decke und die – staubigen – Häupter der Engelsfiguren, die über den Saal wachen. Auch der Ausblick in den Himmel über London durch die für gewöhnlich ignorierten Oberlichter überrascht. Doch erst wenn man langsam über eine sanft abfallende Rampe wieder hinabschreitet, stellt sich ein nun ganz anderes Gefühl für das Überwinden von Höhen ein. Am Ende überrascht es nicht mehr, dass auch die Bauten des chilenisch-argentinischen Architektenpaares um ähnliche Treppenkerne angeordnet sind, Aussichten betonen und einfache, robuste Materialien nutzen.

Kenzo Kumo hingegen nutzt federleichte, nur vier Millimeter starke Bambusstäbe für seine eleganten Rauminstallationen. Diese sind nicht nur geheimnisvoll ausgeleuchtet, sondern verströmen auch einen feinen Geruch nach Hinoki-Holz und traditionellen Strohmatten. Zumindest für den japanischen Architekten ist das ein Geruch, der ihm das Gefühl vermittelt, zuhause zu sein.

Diébédo Francis Kéré wurde bekannt für seine afrikanischen Projekte, bei denen er vor allem lokale Materialien verwendet. So auch in London, wo er Kunststoffelemente mit einer Wabenstruktur nutzt, die in England häufig als Füllmaterial eingesetzt werden. Aus solchen Elementen hat er nun einen organisch geformten, höhlenartigen Übergang zwischen zwei Sälen geschaffen, der das Publikum eng zusammendrängt und miteinander interagieren lässt. Da kommen die überdimensionierten Plastikhalme ganz recht mit denen die Besucher – nun auch die erwachsenen – die Waben verzieren können. Schnell wurde aus dem ursprünglich weißen Tunnel ein buntes Gebilde, das im Laufe der Ausstellung mehr und mehr von Halmen überwuchert wird und einen schönen, bunten Kontrast zu den historischen Sälen bildet.

Grafton Architects aus Irland rückten den Ausstellungshallen radikal zu Leibe und transformierten sie . Großflächige Einbauten, die von der Decke hängen und dramatisch ausgeleuchtet werden, betonen die Wirkung einer gezielt eingesetzten Lichtstimmung. Ihr Raum erinnert an die sakrale Atmosphäre moderner Kirchenbauten, mit dem Unterschied, dass hier die angedeuteten Wände bei der intensiven Ausleuchtung keine so schönen Oberflächen zu bieten haben. Ganz anders übrigens, als in den ausgeführten Bauten der beiden Architektinnen.

Li Xiaodongs labyrinthische Installation scheint den Besuchern am meisten Spaß zu machen. Schließlich gilt es, eine ganze Abfolge von Räumen und Korridoren zu erforschen. Die Wände bestehen aus einfachen Zweigen in einer Rahmenkonstruktion, so dass immer wieder Durchblicke möglich sind und eine komplexe und abwechslungsreiche Oberfläche entsteht, deren Dichte sich je nach Standpunkt verändert. Das entspricht einer Architekturauffassung, die weniger von einer Form oder einem Objekt ausgeht – wie im Westen üblich –, sondern von Innen heraus als eine Abfolge von Räumen erlebt werden kann. Der Vergleich von westlicher und chinesischer Architektur war auch Ausgangspunkt für Li Xiaodongs Forschungen und für seine Bauten. Ganz überraschend taucht die Installation aus Holzzweigen in einem Film im letzten Raum der Ausstellung wieder auf. Als Sichtschutz, Lichtfilter und als abschirmende Elemente hat er genau diese Wände für eine Bibliothek in der Nähe von Peking schon einmal eingesetzt.

Womit endgültig deutlich geworden ist: So spielerisch die Installationen auch inszeniert sein und so einprägsam sie einzelne, raumprägende Qualitäten auch verdeutlichen mögen, sie alle sind – mal mehr, mal weniger – in der Praxis der beteiligten Architekten verankert. Vollends gelingt der Rückschluss von den Installationen auf tatsächlich gebaute Räume in dem begleitenden Film und im Katalog. Ließen sich ganz unterschiedliche Qualitäten von Räumen zunächst nur erahnen, so lassen sie sich nun erschließen. So sind es am Ende weniger spektakuläre Fassaden oder Bauformen, sondern gelungene Räume, die es zu entdecken gilt. Weil sie eben dies bieten, wurden Projekte und Architekten ausgewählt. So ist die Ausstellung auch ein Plädoyer für eine Architektur mit weniger Showeffekt, dafür aber mit einem Mehr an räumlichen Qualitäten.

Die Ausstellung „Sensing Spaces: Architecture Reimagined“ ist vom 25. Januar bis 6. April in den Main Galleries der Royal Academy of Arts in London zu sehen.

www.royalacademy.org.uk
News & Stories › 2014 › Februar
Fühle den Raum!
von Ralf Wollheim | 22. Februar 2014
Die Ausstellung „sensing spaces“ in der Londoner Royal Academy präsentiert zwar Architektur, feiert aber nicht die Stars der Szene und ihre prestigeträchtigen Projekte. Stattdessen zeigt sie beeindruckende, atmosphärische Installationen zum Thema Raum. Und der will begangen, erlebt und erfahren werden.
Kinder erobern sich laut und spielerisch die ehrwürdigen Hallen der Royal Academy, rennen und klettern in den Installationen herum. Die erwachsenen Besucher verhalten sich deutlich zurückhaltender und machen erst einmal Fotos, was ausdrücklich erlaubt ist. Denn auch das ist eine Auseinandersetzung mit dem Raum, wenn auch eher eine visuelle, die aber nicht ausreicht, um die Werke der sieben in der Schau vertretenen Architekten zu verstehen. Lichtstimmungen, ungewöhnliche Materialien und Gerüche bestimmen den Parcours, der aus einfachen Objekten, aber auch aus verschlungenen Labyrinthen besteht und ein Plädoyer für eine bessere Architektur ist.Manche Installation erinnert dabei auf den ersten Blick an Arbeiten von bildenden Künstlern wie Rachel Whiteread, Bruce Nauman oder Olafur Eliasson – der schnelle Rundgang, das rasche Einordnen aber helfen hier wenig. Denn der von Kate Goodwin klug zusammengestellte Parcours der Ausstellung „Sensing Spaces“ bietet vielfältige Erfahrungen, die sich gut ergänzen und auch auf den ersten Blick simpleren Objekten eine Berechtigung geben.

Auch die hölzerne Plattform von Pezo von Ellrichshausen aus Chile, die auf vier massiven Zylindern ruht, sieht zunächst einfach aus. Sobald man aber die steilen Spindeltreppen hinaufgestiegen ist, bietet sich ein ungewöhnlicher Blick auf den ansonsten leeren Ausstellungsraum. Bewegt sich der Blick auf die Objekte an der Wand entlang, bleibt also an diese gebunden, so schweift er jetzt über die goldenen neoklassischen Dekorationen der Decke und die – staubigen – Häupter der Engelsfiguren, die über den Saal wachen. Auch der Ausblick in den Himmel über London durch die für gewöhnlich ignorierten Oberlichter überrascht. Doch erst wenn man langsam über eine sanft abfallende Rampe wieder hinabschreitet, stellt sich ein nun ganz anderes Gefühl für das Überwinden von Höhen ein. Am Ende überrascht es nicht mehr, dass auch die Bauten des chilenisch-argentinischen Architektenpaares um ähnliche Treppenkerne angeordnet sind, Aussichten betonen und einfache, robuste Materialien nutzen.

Kenzo Kumo hingegen nutzt federleichte, nur vier Millimeter starke Bambusstäbe für seine eleganten Rauminstallationen. Diese sind nicht nur geheimnisvoll ausgeleuchtet, sondern verströmen auch einen feinen Geruch nach Hinoki-Holz und traditionellen Strohmatten. Zumindest für den japanischen Architekten ist das ein Geruch, der ihm das Gefühl vermittelt, zuhause zu sein.

Diébédo Francis Kéré wurde bekannt für seine afrikanischen Projekte, bei denen er vor allem lokale Materialien verwendet. So auch in London, wo er Kunststoffelemente mit einer Wabenstruktur nutzt, die in England häufig als Füllmaterial eingesetzt werden. Aus solchen Elementen hat er nun einen organisch geformten, höhlenartigen Übergang zwischen zwei Sälen geschaffen, der das Publikum eng zusammendrängt und miteinander interagieren lässt. Da kommen die überdimensionierten Plastikhalme ganz recht mit denen die Besucher – nun auch die erwachsenen – die Waben verzieren können. Schnell wurde aus dem ursprünglich weißen Tunnel ein buntes Gebilde, das im Laufe der Ausstellung mehr und mehr von Halmen überwuchert wird und einen schönen, bunten Kontrast zu den historischen Sälen bildet.

Grafton Architects aus Irland rückten den Ausstellungshallen radikal zu Leibe und transformierten sie . Großflächige Einbauten, die von der Decke hängen und dramatisch ausgeleuchtet werden, betonen die Wirkung einer gezielt eingesetzten Lichtstimmung. Ihr Raum erinnert an die sakrale Atmosphäre moderner Kirchenbauten, mit dem Unterschied, dass hier die angedeuteten Wände bei der intensiven Ausleuchtung keine so schönen Oberflächen zu bieten haben. Ganz anders übrigens, als in den ausgeführten Bauten der beiden Architektinnen.

Li Xiaodongs labyrinthische Installation scheint den Besuchern am meisten Spaß zu machen. Schließlich gilt es, eine ganze Abfolge von Räumen und Korridoren zu erforschen. Die Wände bestehen aus einfachen Zweigen in einer Rahmenkonstruktion, so dass immer wieder Durchblicke möglich sind und eine komplexe und abwechslungsreiche Oberfläche entsteht, deren Dichte sich je nach Standpunkt verändert. Das entspricht einer Architekturauffassung, die weniger von einer Form oder einem Objekt ausgeht – wie im Westen üblich –, sondern von Innen heraus als eine Abfolge von Räumen erlebt werden kann. Der Vergleich von westlicher und chinesischer Architektur war auch Ausgangspunkt für Li Xiaodongs Forschungen und für seine Bauten. Ganz überraschend taucht die Installation aus Holzzweigen in einem Film im letzten Raum der Ausstellung wieder auf. Als Sichtschutz, Lichtfilter und als abschirmende Elemente hat er genau diese Wände für eine Bibliothek in der Nähe von Peking schon einmal eingesetzt.

Womit endgültig deutlich geworden ist: So spielerisch die Installationen auch inszeniert sein und so einprägsam sie einzelne, raumprägende Qualitäten auch verdeutlichen mögen, sie alle sind – mal mehr, mal weniger – in der Praxis der beteiligten Architekten verankert. Vollends gelingt der Rückschluss von den Installationen auf tatsächlich gebaute Räume in dem begleitenden Film und im Katalog. Ließen sich ganz unterschiedliche Qualitäten von Räumen zunächst nur erahnen, so lassen sie sich nun erschließen. So sind es am Ende weniger spektakuläre Fassaden oder Bauformen, sondern gelungene Räume, die es zu entdecken gilt. Weil sie eben dies bieten, wurden Projekte und Architekten ausgewählt. So ist die Ausstellung auch ein Plädoyer für eine Architektur mit weniger Showeffekt, dafür aber mit einem Mehr an räumlichen Qualitäten.

Die Ausstellung „Sensing Spaces: Architecture Reimagined“ ist vom 25. Januar bis 6. April in den Main Galleries der Royal Academy of Arts in London zu sehen.

www.royalacademy.org.uk