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Gebremst in die Zukunft: Designwahrheiten der IAA
von Thomas Wagner | 24. September 2009
Reden wir nicht lange darum herum: Die 63. Internationale Automobil-Ausstellung IAA hält nicht, was sie verspricht. Oder, anders gesagt: Sie verspricht viel, hält aber wenig. Von einer Aufbruchstimmung der Automobilhersteller ist, auch wenn man sich weiter selbst feiert und permanent von Effizienz redet, wenig zu spüren. Offenbar sind die Irritationen der Branche tiefgreifender als erwartet und die Konzerne in ihren hierarchischen Struktur nicht sonderlich beweglich, wenn es darum geht, gute, nicht nur als innovativ angepriesene Mobilitätskonzepte und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Mit Formeln wie „Weiter so" und „Alles sei Auto" wird man auf Dauer jedenfalls nicht weit kommen. Der Radius einer Strategie, die vorrangig auf eine Erneuerung der Technik setzt, ist aber ebenso begrenzt wie der eines Elektroautos und die Verfügbarkeit der Ressource Lithium. All das weiß auch die Autoindustrie. Nur: Sie handelt nicht danach.

Das betrifft nicht zuletzt das Design. Zwar ist es längst ein Gemeinplatz, dass sich etwa beim technischen Konzept eines elektrisch angetriebenen Fahrzeugs für das Automobil-Design ganz neue Möglichkeiten eröffnen; doch ist davon in Frankfurt leider herzlich wenig zu sehen. So findet die Zukunft auf der IAA hauptsächlich im Bereich des Symbolischen statt: als technisches Versprechen, Effizienz-Aufkleber und suggestives Accessoire. Das lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass nicht allein der Stand von Volkswagen in blütenreines Weiß getaucht ist. Weiß als Farbe der Unschuld ziert auch viele Fahrzeuge und lässt das Produkt dadurch generell sauber und rein erscheinen. Ergänzt wird die ideologische Farbenlehre sodann von allerlei Grün und Blau.

Doch mag das Marketing auch schon in der sauberen, effizienten und grünen Zukunft angekommen sein, Technik und Design sind es noch lange nicht. Das lässt sich - trotz langbeiniger Mädels und einer Heerschar von Saubermännern, die dafür sorgen, dass Weiß auch weiß bleibt - nur übersehen, wenn man es übersehen will. Und so bedeute die Effizienz, die auf sämtliche Fahrzeugtüren geklebt wird, bestenfalls ein Spiel auf Zeit.

Design als Marketing

In den letzten Monaten konnte man fast gebetsmühlenhaft hören, das Elektroauto - ob mit oder ohne Range Extender - ermögliche eine völlig neue Designsprache. Kompakte, eventuell sogar in den Rädern untergebrachte Elektromotoren, kompakte Kühler und entsprechend kleinere Öffnungen im Bug, und nicht zuletzt die Antwort auf die Frage, wie einem ökologischen Prestige solcher Fahrzeuge Ausdruck verliehen werden kann, stehen der nach wie vor schweren Last voluminöser Batterieeinheiten gegenüber. Doch haben in Frankfurt entsprechende Design-Impulse in Gestalt wirklich überraschender Lösungen ebenso Seltenheitswert wie wirklich intelligente Konzepte zum Tausch von Batterieeinheiten oder gar alternative Mobilitätskonzepte. So ist etwa das Design des Opel Ampera kaum mehr als die Fortsetzung der Langeweile einer üblichen Familienkutsche, der an der Front das Gesicht eines Säbelzahntigers übergestreift wurde. Der Ampera wird kommen, und er wird durchaus für eine Weile Erfolg haben; aber eine Antwort auf die Frage, wie die Mobilität der Zukunft aussieht, gibt er nicht.

Wo sich die Design-Abteilungen einen Blick über den Tellerrand hinaus erlauben, erschrickt man entweder darüber, wie konventionell und am Gewohnten orientiert das Neue auftritt oder man wundert sich darüber, wie es sich in einer Ästhetik verliert, die sich nur noch an Comics, Computerspielen und fragwürdigen Science-Fiction-Filmen zu orientieren scheint. Auf diese Weise büßt das Design seine Eigenständigkeit und seine Ernsthaftigkeit ein und verkommt am Ende zu einem Marketing-Tool, dessen Zweck es ist, eine Zukunft der Mobilität zu suggerieren, die nichts anderes ist, als dessen neu verpackte Vergangenheit. Statt auf Fantasie und Mut trifft man auf die altbekannte Technikverliebtheit und den ewig gleichen Beweis, dass man auch elektrisch oder per Hybrid-Antrieb schnell und sportlich unterwegs sein kann. Historisch betrachtet bedeutet das: Was das Denken angeht, befinden wir uns noch immer auf dem Stand von vor hundert Jahren.

Design als Styling und Lifestyle-Tool

Die Verlockungen unbegrenzt zur Verfügung stehender Energie und der Rausch der Geschwindigkeit bleiben trotz allerlei Reduktionen die prägenden Werte der Branche. Mit am deutlichsten bemüht man sich bei Audi mit dem vom R8 abgeleiteten e-tron darum, dem Elektroantrieb mittels geglätteter Flächen eine eigene ästhetische Anmutung zu Teil werden zu lassen - wenn auch in Gestalt eines Supersportwagens. In seinem „ganzheitlichen Ansatz" beim Energie- und Thermomanagement bleibt freilich auch der e-tron auf der Linie, die Zukunft des Automobils hauptsächlich technisch zu definieren. Dass man dabei das Bewährte - und den R8 - nur neu interpretiert, zeigt sich auch daran, dass man auf einen „bulligen" Auftritt setzt und den mobilen Körper „monolitisch" gestaltet. Der Rest sind Spielereien: Scheinwerfer im Backenzahndesign, die je nach Geschwindigkeit ihr Erscheinungsbild verändern, und metallisch schimmernde, geschlossene Felgen und Abdeckungen.

Bei zahlreichen Herstellern ist allzu vieles auf technische Effizienz ausgerichtet, von sozialer oder ästhetischer Effizienz aber kaum einmal die Rede. BMW geht mit seiner „Vision EfficientDynamics" einen ähnlichen Weg wie Audi, betont dabei allerdings Transparenz und Leichtigkeit als optischen Ausdruck von Dynamik. Aber, wie der Name schon sagt: Es geht bei dieser Designstudie hauptsächlich um die Verbindung von (technischer) Effizienz und (symbolischer) Dynamik, sprich darum, die allseits bekannten BMW-Markenwerte unter den Bedingungen einer ökologischen Krise zu reformulieren - und dadurch zu retten. So passt nun alles zusammen: Normverbrauch (3,8 Liter), Geschwindigkeit (250 km/h), Transparenz und Ökologie. Was zählt, sind Leistung und Verbrauch; und das Design schafft die Verpackung dazu und liefert symbolisch den ideologischen Überbau gleich mit. Dass es dabei unter der Hand zum Styling verkommt, das den Vorgaben der Techniker und des Marketing ein mehr oder weniger dynamisches Kleid schneidern darf, wird billigend in Kauf genommen.

Weshalb das dynamisch-effiziente Gerät - ähnlich wie der Citroën GT - aussehen muss wie ein weißlackiertes Bat-Mobil, das aus dem Rauch geboren scheint, der im Windkanal die Luftströmung sichtbar macht und nun zu farbig leuchtenden Linien mutiert ist, lässt sich nur erklären, wenn man genau das als medial präfigurierte Zukunftsfantasie der Designer begreift. Seit Autos am Bildschirm und mittels komplexer CAD-Programme entworfen werden, sehen allzu viele Modelle aus, als seien sie nicht für die Straße, sondern für ein Videospiel gemacht. Und in einem Spot von Citroën, der den GT in den Straßen von London zeigt, ist genau dies zu lesen: Designed for a videogame. So steht dem angeblichen Realismus der Techniker die ins Virtuelle und Fantastische entflohene Fantasie der Designer gegenüber. Was dabei herauskommt, sind hybride Visionen mit hybriden Antrieben.

Design als Camouflage

Betrachtet man aus der Perspektive einer Virtualisierung des Designs beispielsweise die aktuellen Showcars von Renault, so fällt auf, dass auch hier die Form - mittels der Farbe Weiß - in den Hintergrund tritt und von allerlei Accessoires überlagert wird. Im Grunde genommen ist die Form als Form obsolet geworden und das Design camoufliert nur noch seine eigene Ohnmacht. Denn mit blauen Scheiben, grünen LED-Linien und die Farbe wechselnden Scheinwerfern, die wie Lichtorgeln oder Duschköpfe aussehen, lässt sich jede Schwäche des Blechkörpers ausbügeln. Geschaffen werden auf diese Weise keine Automobile, sondern blinkende Inseln der Aufmerksamkeit, die das Auge beschäftigen, auf dass es den Rest vergesse.

Nicht nur die ästhetische Nähe zur vorletzten Generation von Apple-Rechnern, sondern auch die Tatsache, dass Gestaltung hier durch eine kosmetische Tarnung ihrer Schwächen bestimmt ist, lässt solche Showcars wenigstens oberflächlich betrachtet nach Zukunft aussehen. Die Merkwürdigkeiten des Kastenwagens Z.E. setzen sich in der Inkonsequenz des Twizy C.E. Konzept fort. Das kleine Stadtmobil rollt zwar auf schmalen Reifen, doch täuschen deren Verkleidungen breite Felgen vor, statt nach einer gestalterischen Lösung zu suchen, wie sie einem neuen Fahrzeugtyp angemessen wäre. Immerhin sind bei Renault nun sogar schon Bleistifte grün. Die Steckdose ist ja überhaupt der neue Held der Autoindustrie, der Fetisch CO2-Ausstoß heißt.

Design als Hybrid

Wie hybrid - sprich: unentschieden - und ratlos das Autodesign gegenwärtig agiert, zeigt exemplarisch der Peugeot BB1. Dass man ohne rote Rücklichter nicht wüsste, wo vorne und wo hinten ist, mag noch als Überraschung durchgehen. Dass das Bébe´-Mobilchen das Kindchenschema gegen das Konterfei eines Pekinesen eingetauscht hat und die hinten angeschlagenen Türen in der Stadt eher hinderlich sind aber offenbart, dass die Liebe zum Dekonstruktivismus in diesem Fall lediglich den Eindruck erzeugt, hier seien einige Teile falsch zusammengebaut worden. Auch das ist ein typischer Versuch, die gegenwärtige Ungewissheit im wahrsten Sinn des Wortes zu überspielen.

Vom Design in Fliederduft, wie es Citroën mit dem Révolte (!) praktiziert und damit der genialen Einfachheit eines 2CV in jedem Detail Hohn spricht, oder von der jugendlichen Selbstfeier, die man bei Mini mit einem plattgedrückten Coupé mit umgedrehter Baseballmütze auf dem Kopf betreibt, schweigen wir lieber. Auch hier dominieren das Marketing und die Orientierung an Zielgruppen über das Design. Und Mercedes? Nun ja, was man - neben dem SLS AMG - dort in Gestalt von E-Cell und E-Cell Plus vorstellt, mag näher an der Serie sein als vieles andere auf der IAA; doch wird auch hier - in geschmäcklerische Goldbronze und fischiges Grün getaucht - das Problem rein technisch angepackt und vom Design nur etwas futuristisch aufgepeppt.

Design mit Zukunft?

So bleibt als wirklich zukunftsweisendes Design am Ende allein der VW E-Up übrig. Seltsamerweise, denn auch wenn der kleine Kasten so manch gelungenes Detail aufweist, so ist er ästhetisch gesehen doch nichts anderes als eine Neuinterpretation des Lupo mit eher bescheidenen Blechmuskeln und sympathisch-kindlichem Stoßfängergrinsen. Unter den neuen kleinen Elektromobilen aber ist er das einzige Beispiel für eine klare und durchgestaltete Form, von der man annehmen darf, dass sie sich auch noch in einigen Jahren behaupten wird. Im Ganzen gibt es einfach zu viele Lutschsteine, deren Muskeln im Body-Building-Studio aufgepumpt werden. Und einfach zu viel Styling. Was - betrachtet man Details wie Türverkleidungen, Leuchten, Kofferraumabdeckungen und Ähnliches - am Ende bedeutet: Das Ungestaltete breitet sich aus.

Das Echte ist das Hässliche

Wie ein echtes und rohes Gefährt aussieht, bei dem Design noch in urwüchsiger Form vorkommt, zeigt der Hartung Sparta Nature, ein dreisitziger Mittelmotor-Geländesportwagen mit zentraler Fahrerposition und Luftfederung, der wirkt, als sei er von Hand mit der Feile aus einem Aluminiumblock befreit worden. Der 6,6 Liter V8 Registerturbodiesel ist mit einem Drehmoment von bis zu 1500 Newtonmetern nicht nur bärenstark, sondern lässt sich mit Jatropha- oder Algenöl sogar überraschend umweltfreundlich befeuern. Wem ein solches Monstrum zu teuer, zu stark und vor allem zu spartanisch ist, der kann sich auch mit dem Elektroroller Tante Paula durch die Stadt bewegen. Denn merke: Wer sich müht, alles nach einer virtuellen Zukunft aussehen zu lassen, die aus der Vergangenheit stammt, der könnte schon bald von der Zukunft überholt und in die Vergangenheit verbannt werden.
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