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Geplagt von der Idee der Rebellion
von Michael Erlhoff | 16. März 2012
Michael Erlhoff, Foto © ME

1. Doch noch zu Design und Kunst

Irgendwie ist es ganz einfach: Kunst ist dem Design kein Problem. Man bewundert, beobachtet und schätzt sie, und man kann für das Design von der Kunst nicht minder lernen als von Physik, Soziologie, Musik, Psychologie und allen anderen. Offenbar jedoch ist das Design häufig ein Problem der Kunst. Denn entweder (etwas vereinfacht) sucht die Kunst, sich heimisch zu machen in der Autonomie des Elfenbeinturms („Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere", Ad Reinhardt), oder sie fühlt sich dort von Zeit zu Zeit unwohl und versucht, sich zu sozialisieren, sich gemein zu machen mit dem Allgemeinen. Das führt dann idealtypisch zu blasser populistischer Anbiederung über vermeintlich realistische gesellschaftliche Themen oder sucht, sich in aktuellen Wissenschaften, Medien und Techniken zu tummeln, oder die Kunst mischt sich in den Alltag der Dinge ein und baut Möbel, Hausgeräte, Schmuck, bildet Typografien und Layouts und dergleichen. Letzteres geschah immer wieder, etwa bei Uecker, Arman, Andy Warhol, findet sich heute bei Rehberger oder Erwin Wurm und vielen anderen und kann sich historisch allemal beziehen zum Beispiel auf Konstruktivismus und Dada. Wobei oft schöne und durchaus sehr interessante Sachen und auch Gedanken entstanden sind, die zweifellos meistens ihren Markt gefunden haben.

Dagegen ist also nichts zu sagen, nur hat das mit Design nichts oder bestenfalls sehr wenig zu tun. Denn bei diesen Artefakten geht es lediglich darum, innerhalb von Kunst eine gewisse Geselligkeit oder auch Partizipation an alltäglichen Ereignissen vorzuweisen und die ansonsten apostrophierte radikale Autonomie infrage zu stellen, die doch behauptete, Kunst existiere an und für sich und bedürfe keineswegs der Betrachtung und wehre sich gegen jeden Nutzen.

Tatsächlich eröffnete traditionell die Selbstbehauptung dieser Autonomie die drastische Differenz zwischen Kunst und Design: Während nämlich Design unabdingbar gesellschaftlich vermittelt sei und im Gebrauch erst realisiert würde, existiere die Kunst an sich selber und nur an sich selber. – Zugegeben, diese einst so fundamental vorgetragene These der zwangsläufigen Autonomie von Kunst, wenn diese denn Kunst sein wolle, ist in unserer Gegenwart – nicht zuletzt im Rahmen von Medialisierung und Digitalisierung – praktisch sehr fragwürdig und nur selten noch haltbar geworden. Umso mehr aber geriet Design zum Problem der Kunst, da diese nun noch häufiger sich in der Nähe von Design ansiedelt.

Noch ein weiteres Moment könnte herangezogen werden, eben doch das Design von der Kunst zu scheiden: Thomas Wagner und Thomas Edelmann haben dies schon erwähnt, nämlich im Design die Relevanz einer diskursiven Tätigkeit, da sie fast immer in Kooperation unterschiedlicher Menschen und in der Auseinandersetzung mit diversen Instanzen (in Unternehmen, Institutionen und Agenturen) stattfindet. Mit einigen Ausnahmen wird hingegen von der Kunst und dabei auch von ihr selber üblicherweise erwartet, dass sie von Einzelnen und keineswegs redselig vorgetragen wird. Was übrigens auch beträchtliche Konsequenzen für das jeweilige Studium impliziert, da zum Design-Studium unausweichlich Gruppenarbeit, Teilnahme an diversen Projekten und Seminaren und öffentliche, argumentierende Präsentationen gehören und „Meister-Klassen" und Ähnliches unsinnig sind; anders in der Kunst, in deren Studium zumindest traditionell die Förderung der Einzelnen und die personale Auseinandersetzung mit den Lehrenden offenbar sehr wesentlich ist.

So weit, so doch sehr einsichtig. – Aber leider gibt es einen Aspekt, unter dem die Kunst ein Problem von Design ist. Kunst nämlich verfügt – typisches Syndrom angestrengt bildungsbürgerlicher Gesellschaften seit mindestens der Mitte des 19. Jahrhunderts, da doch die Bürger so gern ein wenig zumindest an Feudalismus und dessen Kultur knabbern mochten und möchten – in der Gesellschaft über ein sehr viel höheres Ansehen als das Design. Dabei ist enorm wichtig, dass Kunst (Thomas Wagner schrieb davon schon) es merkwürdigerweise bis heute weitgehend geschafft hat, nicht mit Ökonomie verknüpft zu werden: Obwohl alle wissen müssten, dass Kunst zutiefst in die diversen Märkte (auch als Import und Export) verwickelt ist und für beträchtliche Umsätze sorgt, wird öffentlich kaum über diese wirtschaftliche Wirklichkeit und Relevanz von Kunst gesprochen, vielmehr offenbart sich Kunst gern als wirtschaftlich integer, als in sich selber fern vom kapitalistischen Verwertungsprozess. – Design andererseits ist evident Teil des Markt-Geschehens, steckt inmitten der Widersprüche des Kapitals und einer vom Markt strukturierten Gesellschaft. Alle so grässlichen Aspekte dieser Wirklichkeit (man denke bloß an Information, Kommunikation, Wettbewerb, Corporate Design ...) tangieren substantiell das Design – nur zwingt dies das Design zugleich dazu, sich eben offensiv mit diesen Widersprüchen auseinanderzusetzen und womöglich diese Widersprüche auch als Spielform zu nutzen, Subversion, Intervention und komplexe Formen des Widerstands zu entfalten oder gar zu gestalten.

Dieses gesellschaftlich höhere Ansehen der Kunst allerdings führt für das Design ständig zu dem Problem, dass Kunst jederzeit öffentlich und privat gefördert wird und insbesondere durch Unternehmen Sponsoring erfährt. Dem Design widerfahren solche Wunder nur sehr selten: Denn so richtig mag sich niemand in der Gesellschaft damit schmücken, und insbesondere Unternehmen (aber auch Politik und Institutionen) ahnen jeweils, dass eine Förderung von Design (etwa in Ausstellungen oder Kongressen) stets sie selber wirklich betrifft, Kritik an ihnen implizieren könnte. Das Design ist einfach zu nahe dran an diesen stetigen Widersprüchen, als dass man sich mit dessen Förderung – anders als mit der von Kunst, Literatur oder Musik – gewissermaßen freikaufen könnte vom eigenen unternehmerischen und somit durchaus fragwürdigen Handeln. Verständlich in diesem Kontext ist deshalb durchaus, dass aus solch schlicht finanziellen Gründen die eine oder die andere Hochschule nun das Design unter der Rubrik „Kunst" firmieren lässt.

2. Die Wahrnehmung von Design mäandert unendlich

Was nun das Design-Studium selber betrifft, so muss ich leider dem sonst von mir so geschätzten Thomas Edelmann in einem wichtigen Punkt widersprechen. Wenn er nämlich beklagt, dass so wenige der Absolventinnen und Absolventen deutscher Design-Studien bekannte Produkt-Designerinnen oder -Designer geworden sind, so begründet sich dies einerseits aus der typischen wirtschaftlichen Situation deutscher Unternehmen, da hierzulande – etwa im Gegensatz zu Italien – wahrhaftig Industrie (und eben nicht die kleinen erweiterten Handwerks-Betriebe) die unternehmerische Szene beherrscht und in dieser Industrie keine Stars geduldet sind, vielmehr stets das Unternehmen für die Marke und die Produkte steht (typisch, dass in Deutschland kaum mit den Namen von Designerinnern oder Designern geworben wird). Zugegeben jedoch auch (da hat Thomas Edelmann völlig recht): Die Design-Szene selber in Deutschland hat irgendwie Angst vor Stars in ihrem Metier, legitimiert dies auch noch pseudo-sozial und kriecht dabei bloß ständig gekränkt zu Kreuze. Es mangelt dem Design offensichtlich an Selbstbewusstsein.

Wichtiger aber ist etwas anderes, das durchaus öffentlich und im Hinblick auf die Präsenz herausragender Persönlichkeiten im Design dem Design ein manifestes Problem ist: Es existiert keine klare und einfach übersichtliche Profession des Design. Vielmehr bieten schon das Studium und noch drastischer die berufliche Existenz im Design eine solche schier unübersichtliche Komplexität der professionellen Varianten, dass eine allgemeine Öffentlichkeit nicht begreifen kann, was da als Design geschieht und was die im Design tun. – Ein gutes Beispiel dafür ist eine Studie, an der gerade Studierende der Köln International School of Design (KISD) arbeiten und in der sie nun endlich unter anderem herauszufinden suchen, was denn ehemalige Studierende der KISD (heute nennt man diese „Alumni") heute beruflich tun (klar, zusätzlich geht es in dieser Studie unter anderem darum, was sie nach dem Studium alles getan haben, um dort zu arbeiten, wo sie sich derzeit befinden, und wie wichtig das Studium für sie gewesen ist oder auch, was sie heute Design-Studierenden raten würden, wie das Studium wahrgenommen werden sollte). Mittlerweile haben etwa 400 ehemalige Studierende sich an dieser Studie beteiligt, und dabei stellt sich unter anderem und für diesen Text relevant heraus, dass angesichts von 400 nun im Design professionell und zum Teil sehr erfolgreich tätigen ehemaligen KISD-Studierenden zumindest 200 bis 300 unterschiedliche Berufsbilder und dementsprechend auch -Bezeichnungen angegeben werden müssen. Das heißt, es gibt kein auch nur annähernd einheitliches Bild der Profession Design, sondern eine – und dabei jeweils völlig plausible und berechtigte – gänzlich unübersichtliche Komplexität der Tätigkeitsbereiche. Das reicht, um nur vorsichtig einige Beispiele zu nennen, von Konzept-Entwicklung und Forschung über die explizite Gestaltung von Dienstleistungen, die Beratung in internationalen Märkten, der Gestaltung von Navigation, der Entwicklung allgemeiner Informations-Systeme, dem Entwerfen von Websites und von Layouts, von Büchern oder von TV-Design und auch Sound-Design bis zum Design handfester Produkte, der Formulierung von Marken, dem ganzen Zusammenhang der Entwicklung von Schnittstellen zwischen technischen Medien und deren Gebrauch oder auch von Apps, Games und so vielem mehr. Das kann man nicht länger in einzelnen Rubriken fassen, sondern einzig als „Design" benennen, und das widersetzt sich der einfachen oder handhabbaren Wahrnehmung von Design und mäandriert quasi unendlich.

Selbstverständlich verschließt sich diese Komplexität denen, die darum nicht wissen können und deshalb einem halbwegs traditionellen Bild von Design noch immer folgen mögen und demgemäß leiden, weil ihnen der Begriff in den Händen zerfließt. – Sichtbar wird dies Problem übrigens allemal in der Publizistik, denn auch Journalistinnen und Journalisten stürzen sich für die Berichterstattung lediglich auf das, was sie einfach verstehen und was leicht abbildbar ist. Die Wirklichkeit von Design heute verwirrt diese Öffentlichkeit und eben auch Politik oder Unternehmen oder sogar beispielsweise Forschungseinrichtungen oder Kulturförderung. Zweifellos ein sehr reales Problem für das Design in Hinsicht auf Öffentlichkeit, Reputation und auch finanzielle Perspektiven.

Vermelden wir nun aber, bevor sich allgemeine Verunsicherung oder Depression über diesen Zustand von Design als Profession ausbreiten, dass ohne jeden Zweifel diese Komplexität des Berufs Design letztlich doch nur die aktuelle und sogar zukünftige Wirklichkeit unserer gesellschaftlichen Realität ausmacht. So schlicht und eindimensional, wie einst gedacht, funktioniert die Wirklichkeit längst nicht mehr, so gradlinig können in allen Bereichen die beruflichen Perspektiven nicht mehr sein, vielmehr wird diese ganz realistische (und nicht bloß abstrakt formalistische) Vielfalt der beruflichen Existenzen und wird deren permanenter Wandel innerhalb dieser Komplexität zusehends berufliche Perspektiven bestimmen.

Gewiss, darauf müssen die Hochschulen längst reagieren – besser noch: Sie sollten dies antizipieren. Also müssen offene, generalistisch basierte Studiengänge angeboten werden, die nicht länger müßig tradierte Spezialgebiete wie Industrie-, Kommunikations-, Textil-, Mode- oder Medien-Design und dergleichen anbieten, sondern diese Mauern niederreißen und den Studierenden die realistischen Möglichkeiten anbieten, offen und flexibel mit der beruflichen Wirklichkeit und mit den zukünftigen Perspektiven davon erfolgreich umzugehen. Was übrigens keineswegs banal Anpassung oder schlichte Adaption meint, sondern die Absolventinnen und Absolventen in die Lage versetzen muss, gewissermaßen spielerisch und demgemäß sehr selbstbewusst mit diesen Situationen umzugehen.

3. Normierte Beliebigkeit widerspricht dem Design

Nun geht es in diesem Kontext ja auch um die derzeitige Realität des Design-Studiums an deutschen und gewiss auch ausländischen Hochschulen. Also kurz zusätzlich noch ein Kommentar dazu: Einerseits muss man sicherlich anerkennen, dass inzwischen immer mehr Hochschulen Konferenzen, Publikationen und internationale Kooperationen anbieten. Thomas Edelmann beklagt dies in seinem Beitrag zu dieser Debatte sogar, was ich nicht ganz verstehe, da dies doch immerhin ein deutlich größeres Interesse an der Selbstreflexion und somit auch am Selbstbewusstsein von Design artikuliert. Gerade zum Beispiel fand eine sehr interessante Konferenz an der Hochschule in Konstanz statt, im vergangenen Jahr gab es eine sehr gute Vortragsreihe an der HfG Offenbach, außerdem diverse Veranstaltungen dieser Art an der KISD und ebenfalls andernorts. Gestützt wird dies tatsächlich durch inzwischen auch eine Einsicht und demgemäßes Interesse von Unternehmen an Forschung im und mit Design – gewissermaßen als Ersatz abstrakter Marktforschung und ohnehin stupider Trend-Gurus, die aus ihrem Kaffeesatz-Lesen ständig neue englisch-sprachige Floskeln auf den Markt werfen.

Ein wenig problematisch jedoch könnte sein, dass langsam auch hierzulande etwas geschieht, was beispielsweise in den USA und in anderen Ländern längst normal ist: Zusehends nämlich entdecken Kultur-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler das Design – was an und für sich wunderbar wäre, doch zu viele von diesen entdecken im Design an den Hochschulen lediglich die Chance einer Professur und geben sich dabei kaum Mühe, Design auch nur annähernd zu verstehen, oder – noch schrecklicher und ähnlich manchen aus der Kunstgeschichte, die in Museen für Gestaltung landen – eigentlich quasi angewidert sind von Design, nur ihren blassen bildungsbürgerlichen Vorstellungen über dieses Metier folgen, leiden, nicht in der Kunst tätig zu sein, und tun nichts für ein kluges und verständnisvolles Studium von Design und auch nichts dafür, dies öffentlich verständiger darzustellen.

In Deutschland hat es merkwürdigerweise länger gedauert und begreifen erst jetzt allmählich einige der ansonsten vielfach arbeitslosen Absolventinnen und Absolventen von Kunstgeschichte oder Kulturwissenschaften, wie wichtig, wie spannend und wie wegweisend das Design ist. Aber das wird kommen und wird ein komplizierter Prozess für beide Seiten, für jene und für das Design.

Allemal völlig berechtigt sind die Vorbehalte gegenüber den Bachelor- und den Master-Studiengängen, die uns Europa eingebrockt hat. Dies gilt gerade im Design angesichts der oben beschriebenen Notwendigkeit von Komplexität, Intensität und generalistischer Offenheit im Design-Studium, um das Design selber ebenso wie dessen gesellschaftliche Wirklichkeit und auch die beruflichen Perspektiven der Studierenden zu beflügeln. Wohl denen, die einen vierjährigen Bachelor durchgesetzt haben. Hier stimme ich Thomas Wagner wie auch Thomas Edelmann völlig zu: Die Gefahr besteht, dass auch im Design an den Hochschulen nunmehr die Technokratie überhand gewinnen wird – zumal es den Anschein hat, dass jene Generation der 40- bis 50jährigen, die nun vor allem das Regime an den Hochschulen auch im Design übernimmt, irgendwie verängstigt, hilflos und verwirrt ohnehin technokratische Regularien, klare Standards und Ordnungs-Prinzipien befürworten. Das ist eben jene Generation, die anstelle des kritischen und streitbaren Diskurses sich in Ranküne, Aufbau von Gremien und einfältigen Sicherheiten zu retten versucht. Leider, das muss man vielleicht zugeben, entspricht das sogar einer heutigen Generation von Studierenden, die über Navigation, Computer-Games und permanente Betreuung durch die Eltern stets informiert (also in Form gesetzt), orientiert und geleitet wurden und nie die Erfahrung machen durften, desorientiert zu sein, irgendwie verloren zu gehen und sich selber entscheiden zu müssen, welchen Weg sie einschlagen oder gar als Flaneur finden möchten. Technokratie und solch studentische normierte Beliebigkeit passen leider gut zueinander und widersprechen zugleich zutiefst nicht allein dem Design, vielmehr dem Leben selber.

Aber: So groß muss die Sorge nicht sein, denn jene Studierenden sind schon gelegentlich geplagt von der Idee der Rebellion und vom Konzept des Experiments. Mithin bleibt die Hoffnung, dass diese dann doch die Technokraten zermürben und das Design in dessen notwendig radikal experimenteller Figuration beflügeln.

kisd.de
www.be-design.info

News & Stories › 2012 › März
Geplagt von der Idee der Rebellion
von Michael Erlhoff | 16. März 2012
Kunst hat ein Problem mit dem Design, postuliert Michael Erlhoff, Professor für Designtheorie und -geschichte an der Köln International School of Design. Er nimmt die gesellschaftliche Wahrnehmung von Design in den Blick und hofft auf eine Zermürbung der Technokratie.
1. Doch noch zu Design und Kunst

Irgendwie ist es ganz einfach: Kunst ist dem Design kein Problem. Man bewundert, beobachtet und schätzt sie, und man kann für das Design von der Kunst nicht minder lernen als von Physik, Soziologie, Musik, Psychologie und allen anderen. Offenbar jedoch ist das Design häufig ein Problem der Kunst. Denn entweder (etwas vereinfacht) sucht die Kunst, sich heimisch zu machen in der Autonomie des Elfenbeinturms („Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere", Ad Reinhardt), oder sie fühlt sich dort von Zeit zu Zeit unwohl und versucht, sich zu sozialisieren, sich gemein zu machen mit dem Allgemeinen. Das führt dann idealtypisch zu blasser populistischer Anbiederung über vermeintlich realistische gesellschaftliche Themen oder sucht, sich in aktuellen Wissenschaften, Medien und Techniken zu tummeln, oder die Kunst mischt sich in den Alltag der Dinge ein und baut Möbel, Hausgeräte, Schmuck, bildet Typografien und Layouts und dergleichen. Letzteres geschah immer wieder, etwa bei Uecker, Arman, Andy Warhol, findet sich heute bei Rehberger oder Erwin Wurm und vielen anderen und kann sich historisch allemal beziehen zum Beispiel auf Konstruktivismus und Dada. Wobei oft schöne und durchaus sehr interessante Sachen und auch Gedanken entstanden sind, die zweifellos meistens ihren Markt gefunden haben.

Dagegen ist also nichts zu sagen, nur hat das mit Design nichts oder bestenfalls sehr wenig zu tun. Denn bei diesen Artefakten geht es lediglich darum, innerhalb von Kunst eine gewisse Geselligkeit oder auch Partizipation an alltäglichen Ereignissen vorzuweisen und die ansonsten apostrophierte radikale Autonomie infrage zu stellen, die doch behauptete, Kunst existiere an und für sich und bedürfe keineswegs der Betrachtung und wehre sich gegen jeden Nutzen.

Tatsächlich eröffnete traditionell die Selbstbehauptung dieser Autonomie die drastische Differenz zwischen Kunst und Design: Während nämlich Design unabdingbar gesellschaftlich vermittelt sei und im Gebrauch erst realisiert würde, existiere die Kunst an sich selber und nur an sich selber. – Zugegeben, diese einst so fundamental vorgetragene These der zwangsläufigen Autonomie von Kunst, wenn diese denn Kunst sein wolle, ist in unserer Gegenwart – nicht zuletzt im Rahmen von Medialisierung und Digitalisierung – praktisch sehr fragwürdig und nur selten noch haltbar geworden. Umso mehr aber geriet Design zum Problem der Kunst, da diese nun noch häufiger sich in der Nähe von Design ansiedelt.

Noch ein weiteres Moment könnte herangezogen werden, eben doch das Design von der Kunst zu scheiden: Thomas Wagner und Thomas Edelmann haben dies schon erwähnt, nämlich im Design die Relevanz einer diskursiven Tätigkeit, da sie fast immer in Kooperation unterschiedlicher Menschen und in der Auseinandersetzung mit diversen Instanzen (in Unternehmen, Institutionen und Agenturen) stattfindet. Mit einigen Ausnahmen wird hingegen von der Kunst und dabei auch von ihr selber üblicherweise erwartet, dass sie von Einzelnen und keineswegs redselig vorgetragen wird. Was übrigens auch beträchtliche Konsequenzen für das jeweilige Studium impliziert, da zum Design-Studium unausweichlich Gruppenarbeit, Teilnahme an diversen Projekten und Seminaren und öffentliche, argumentierende Präsentationen gehören und „Meister-Klassen" und Ähnliches unsinnig sind; anders in der Kunst, in deren Studium zumindest traditionell die Förderung der Einzelnen und die personale Auseinandersetzung mit den Lehrenden offenbar sehr wesentlich ist.

So weit, so doch sehr einsichtig. – Aber leider gibt es einen Aspekt, unter dem die Kunst ein Problem von Design ist. Kunst nämlich verfügt – typisches Syndrom angestrengt bildungsbürgerlicher Gesellschaften seit mindestens der Mitte des 19. Jahrhunderts, da doch die Bürger so gern ein wenig zumindest an Feudalismus und dessen Kultur knabbern mochten und möchten – in der Gesellschaft über ein sehr viel höheres Ansehen als das Design. Dabei ist enorm wichtig, dass Kunst (Thomas Wagner schrieb davon schon) es merkwürdigerweise bis heute weitgehend geschafft hat, nicht mit Ökonomie verknüpft zu werden: Obwohl alle wissen müssten, dass Kunst zutiefst in die diversen Märkte (auch als Import und Export) verwickelt ist und für beträchtliche Umsätze sorgt, wird öffentlich kaum über diese wirtschaftliche Wirklichkeit und Relevanz von Kunst gesprochen, vielmehr offenbart sich Kunst gern als wirtschaftlich integer, als in sich selber fern vom kapitalistischen Verwertungsprozess. – Design andererseits ist evident Teil des Markt-Geschehens, steckt inmitten der Widersprüche des Kapitals und einer vom Markt strukturierten Gesellschaft. Alle so grässlichen Aspekte dieser Wirklichkeit (man denke bloß an Information, Kommunikation, Wettbewerb, Corporate Design ...) tangieren substantiell das Design – nur zwingt dies das Design zugleich dazu, sich eben offensiv mit diesen Widersprüchen auseinanderzusetzen und womöglich diese Widersprüche auch als Spielform zu nutzen, Subversion, Intervention und komplexe Formen des Widerstands zu entfalten oder gar zu gestalten.

Dieses gesellschaftlich höhere Ansehen der Kunst allerdings führt für das Design ständig zu dem Problem, dass Kunst jederzeit öffentlich und privat gefördert wird und insbesondere durch Unternehmen Sponsoring erfährt. Dem Design widerfahren solche Wunder nur sehr selten: Denn so richtig mag sich niemand in der Gesellschaft damit schmücken, und insbesondere Unternehmen (aber auch Politik und Institutionen) ahnen jeweils, dass eine Förderung von Design (etwa in Ausstellungen oder Kongressen) stets sie selber wirklich betrifft, Kritik an ihnen implizieren könnte. Das Design ist einfach zu nahe dran an diesen stetigen Widersprüchen, als dass man sich mit dessen Förderung – anders als mit der von Kunst, Literatur oder Musik – gewissermaßen freikaufen könnte vom eigenen unternehmerischen und somit durchaus fragwürdigen Handeln. Verständlich in diesem Kontext ist deshalb durchaus, dass aus solch schlicht finanziellen Gründen die eine oder die andere Hochschule nun das Design unter der Rubrik „Kunst" firmieren lässt.

2. Die Wahrnehmung von Design mäandert unendlich

Was nun das Design-Studium selber betrifft, so muss ich leider dem sonst von mir so geschätzten Thomas Edelmann in einem wichtigen Punkt widersprechen. Wenn er nämlich beklagt, dass so wenige der Absolventinnen und Absolventen deutscher Design-Studien bekannte Produkt-Designerinnen oder -Designer geworden sind, so begründet sich dies einerseits aus der typischen wirtschaftlichen Situation deutscher Unternehmen, da hierzulande – etwa im Gegensatz zu Italien – wahrhaftig Industrie (und eben nicht die kleinen erweiterten Handwerks-Betriebe) die unternehmerische Szene beherrscht und in dieser Industrie keine Stars geduldet sind, vielmehr stets das Unternehmen für die Marke und die Produkte steht (typisch, dass in Deutschland kaum mit den Namen von Designerinnern oder Designern geworben wird). Zugegeben jedoch auch (da hat Thomas Edelmann völlig recht): Die Design-Szene selber in Deutschland hat irgendwie Angst vor Stars in ihrem Metier, legitimiert dies auch noch pseudo-sozial und kriecht dabei bloß ständig gekränkt zu Kreuze. Es mangelt dem Design offensichtlich an Selbstbewusstsein.

Wichtiger aber ist etwas anderes, das durchaus öffentlich und im Hinblick auf die Präsenz herausragender Persönlichkeiten im Design dem Design ein manifestes Problem ist: Es existiert keine klare und einfach übersichtliche Profession des Design. Vielmehr bieten schon das Studium und noch drastischer die berufliche Existenz im Design eine solche schier unübersichtliche Komplexität der professionellen Varianten, dass eine allgemeine Öffentlichkeit nicht begreifen kann, was da als Design geschieht und was die im Design tun. – Ein gutes Beispiel dafür ist eine Studie, an der gerade Studierende der Köln International School of Design (KISD) arbeiten und in der sie nun endlich unter anderem herauszufinden suchen, was denn ehemalige Studierende der KISD (heute nennt man diese „Alumni") heute beruflich tun (klar, zusätzlich geht es in dieser Studie unter anderem darum, was sie nach dem Studium alles getan haben, um dort zu arbeiten, wo sie sich derzeit befinden, und wie wichtig das Studium für sie gewesen ist oder auch, was sie heute Design-Studierenden raten würden, wie das Studium wahrgenommen werden sollte). Mittlerweile haben etwa 400 ehemalige Studierende sich an dieser Studie beteiligt, und dabei stellt sich unter anderem und für diesen Text relevant heraus, dass angesichts von 400 nun im Design professionell und zum Teil sehr erfolgreich tätigen ehemaligen KISD-Studierenden zumindest 200 bis 300 unterschiedliche Berufsbilder und dementsprechend auch -Bezeichnungen angegeben werden müssen. Das heißt, es gibt kein auch nur annähernd einheitliches Bild der Profession Design, sondern eine – und dabei jeweils völlig plausible und berechtigte – gänzlich unübersichtliche Komplexität der Tätigkeitsbereiche. Das reicht, um nur vorsichtig einige Beispiele zu nennen, von Konzept-Entwicklung und Forschung über die explizite Gestaltung von Dienstleistungen, die Beratung in internationalen Märkten, der Gestaltung von Navigation, der Entwicklung allgemeiner Informations-Systeme, dem Entwerfen von Websites und von Layouts, von Büchern oder von TV-Design und auch Sound-Design bis zum Design handfester Produkte, der Formulierung von Marken, dem ganzen Zusammenhang der Entwicklung von Schnittstellen zwischen technischen Medien und deren Gebrauch oder auch von Apps, Games und so vielem mehr. Das kann man nicht länger in einzelnen Rubriken fassen, sondern einzig als „Design" benennen, und das widersetzt sich der einfachen oder handhabbaren Wahrnehmung von Design und mäandriert quasi unendlich.

Selbstverständlich verschließt sich diese Komplexität denen, die darum nicht wissen können und deshalb einem halbwegs traditionellen Bild von Design noch immer folgen mögen und demgemäß leiden, weil ihnen der Begriff in den Händen zerfließt. – Sichtbar wird dies Problem übrigens allemal in der Publizistik, denn auch Journalistinnen und Journalisten stürzen sich für die Berichterstattung lediglich auf das, was sie einfach verstehen und was leicht abbildbar ist. Die Wirklichkeit von Design heute verwirrt diese Öffentlichkeit und eben auch Politik oder Unternehmen oder sogar beispielsweise Forschungseinrichtungen oder Kulturförderung. Zweifellos ein sehr reales Problem für das Design in Hinsicht auf Öffentlichkeit, Reputation und auch finanzielle Perspektiven.

Vermelden wir nun aber, bevor sich allgemeine Verunsicherung oder Depression über diesen Zustand von Design als Profession ausbreiten, dass ohne jeden Zweifel diese Komplexität des Berufs Design letztlich doch nur die aktuelle und sogar zukünftige Wirklichkeit unserer gesellschaftlichen Realität ausmacht. So schlicht und eindimensional, wie einst gedacht, funktioniert die Wirklichkeit längst nicht mehr, so gradlinig können in allen Bereichen die beruflichen Perspektiven nicht mehr sein, vielmehr wird diese ganz realistische (und nicht bloß abstrakt formalistische) Vielfalt der beruflichen Existenzen und wird deren permanenter Wandel innerhalb dieser Komplexität zusehends berufliche Perspektiven bestimmen.

Gewiss, darauf müssen die Hochschulen längst reagieren – besser noch: Sie sollten dies antizipieren. Also müssen offene, generalistisch basierte Studiengänge angeboten werden, die nicht länger müßig tradierte Spezialgebiete wie Industrie-, Kommunikations-, Textil-, Mode- oder Medien-Design und dergleichen anbieten, sondern diese Mauern niederreißen und den Studierenden die realistischen Möglichkeiten anbieten, offen und flexibel mit der beruflichen Wirklichkeit und mit den zukünftigen Perspektiven davon erfolgreich umzugehen. Was übrigens keineswegs banal Anpassung oder schlichte Adaption meint, sondern die Absolventinnen und Absolventen in die Lage versetzen muss, gewissermaßen spielerisch und demgemäß sehr selbstbewusst mit diesen Situationen umzugehen.

3. Normierte Beliebigkeit widerspricht dem Design

Nun geht es in diesem Kontext ja auch um die derzeitige Realität des Design-Studiums an deutschen und gewiss auch ausländischen Hochschulen. Also kurz zusätzlich noch ein Kommentar dazu: Einerseits muss man sicherlich anerkennen, dass inzwischen immer mehr Hochschulen Konferenzen, Publikationen und internationale Kooperationen anbieten. Thomas Edelmann beklagt dies in seinem Beitrag zu dieser Debatte sogar, was ich nicht ganz verstehe, da dies doch immerhin ein deutlich größeres Interesse an der Selbstreflexion und somit auch am Selbstbewusstsein von Design artikuliert. Gerade zum Beispiel fand eine sehr interessante Konferenz an der Hochschule in Konstanz statt, im vergangenen Jahr gab es eine sehr gute Vortragsreihe an der HfG Offenbach, außerdem diverse Veranstaltungen dieser Art an der KISD und ebenfalls andernorts. Gestützt wird dies tatsächlich durch inzwischen auch eine Einsicht und demgemäßes Interesse von Unternehmen an Forschung im und mit Design – gewissermaßen als Ersatz abstrakter Marktforschung und ohnehin stupider Trend-Gurus, die aus ihrem Kaffeesatz-Lesen ständig neue englisch-sprachige Floskeln auf den Markt werfen.

Ein wenig problematisch jedoch könnte sein, dass langsam auch hierzulande etwas geschieht, was beispielsweise in den USA und in anderen Ländern längst normal ist: Zusehends nämlich entdecken Kultur-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler das Design – was an und für sich wunderbar wäre, doch zu viele von diesen entdecken im Design an den Hochschulen lediglich die Chance einer Professur und geben sich dabei kaum Mühe, Design auch nur annähernd zu verstehen, oder – noch schrecklicher und ähnlich manchen aus der Kunstgeschichte, die in Museen für Gestaltung landen – eigentlich quasi angewidert sind von Design, nur ihren blassen bildungsbürgerlichen Vorstellungen über dieses Metier folgen, leiden, nicht in der Kunst tätig zu sein, und tun nichts für ein kluges und verständnisvolles Studium von Design und auch nichts dafür, dies öffentlich verständiger darzustellen.

In Deutschland hat es merkwürdigerweise länger gedauert und begreifen erst jetzt allmählich einige der ansonsten vielfach arbeitslosen Absolventinnen und Absolventen von Kunstgeschichte oder Kulturwissenschaften, wie wichtig, wie spannend und wie wegweisend das Design ist. Aber das wird kommen und wird ein komplizierter Prozess für beide Seiten, für jene und für das Design.

Allemal völlig berechtigt sind die Vorbehalte gegenüber den Bachelor- und den Master-Studiengängen, die uns Europa eingebrockt hat. Dies gilt gerade im Design angesichts der oben beschriebenen Notwendigkeit von Komplexität, Intensität und generalistischer Offenheit im Design-Studium, um das Design selber ebenso wie dessen gesellschaftliche Wirklichkeit und auch die beruflichen Perspektiven der Studierenden zu beflügeln. Wohl denen, die einen vierjährigen Bachelor durchgesetzt haben. Hier stimme ich Thomas Wagner wie auch Thomas Edelmann völlig zu: Die Gefahr besteht, dass auch im Design an den Hochschulen nunmehr die Technokratie überhand gewinnen wird – zumal es den Anschein hat, dass jene Generation der 40- bis 50jährigen, die nun vor allem das Regime an den Hochschulen auch im Design übernimmt, irgendwie verängstigt, hilflos und verwirrt ohnehin technokratische Regularien, klare Standards und Ordnungs-Prinzipien befürworten. Das ist eben jene Generation, die anstelle des kritischen und streitbaren Diskurses sich in Ranküne, Aufbau von Gremien und einfältigen Sicherheiten zu retten versucht. Leider, das muss man vielleicht zugeben, entspricht das sogar einer heutigen Generation von Studierenden, die über Navigation, Computer-Games und permanente Betreuung durch die Eltern stets informiert (also in Form gesetzt), orientiert und geleitet wurden und nie die Erfahrung machen durften, desorientiert zu sein, irgendwie verloren zu gehen und sich selber entscheiden zu müssen, welchen Weg sie einschlagen oder gar als Flaneur finden möchten. Technokratie und solch studentische normierte Beliebigkeit passen leider gut zueinander und widersprechen zugleich zutiefst nicht allein dem Design, vielmehr dem Leben selber.

Aber: So groß muss die Sorge nicht sein, denn jene Studierenden sind schon gelegentlich geplagt von der Idee der Rebellion und vom Konzept des Experiments. Mithin bleibt die Hoffnung, dass diese dann doch die Technokraten zermürben und das Design in dessen notwendig radikal experimenteller Figuration beflügeln.

kisd.de
www.be-design.info