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Gestochen scharf
von Annette Tietenberg | 4. Juni 2012
„London Tattoos" von Alex MacNaughton, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Sind Tätowierungen eine bloße Modeerscheinung? Oder, da dem Körper dauerhaft eingeschrieben, ein Stück Ewigkeit – und damit das genaue Gegenteil der Mode, die sich vom Verlangen nach Wandel und Erneuerung in Permanenz nährt? Fragen wie diesen widmet sich die aktuelle Ausgabe von „Querformat", einer Zeitschrift für Kunst und Populärkultur. Tätowierungen seien, so ist dort zu lesen, längst nicht mehr Zeichen sozialer Distinktion und Identifizierung gesellschaftlicher Außenseiter, Medium der Selbst- und Fremdstigmatisierung von Seeleuten, Verbrechern, Prostituierten oder Rockerbanden. Inzwischen würden sie im bürgerlichen Lager als eine Form des Körperschmucks akzeptiert. Tatsächlich begegnen sie uns seit vielen Jahren überall, in der Bar und am Baggersee, im Büro und in Hörsälen, im ICE und auf Vernissagen. Dafür, dass die Tätowierung gesellschaftsfähig geworden ist, spricht nicht zuletzt das Tattoo von Bettina Wulff, Deutschlands ehemaliger First Lady. Sie hielt es nicht einmal mehr für nötig, das Tribal aus Flammen, das an ihrem Oberarm prangt, bei Staatsempfängen zu verhüllen.

Zurückgekehrt von ihren Südsee-Expeditionen wussten Louis Antoine de Bougainville, James Cook und Georg Forster im 18. Jahrhundert Sensationelles von fremden Tieren, Pflanzen, Menschen und Gebräuchen zu berichten. Und nicht zuletzt von Körpern, über und über mit „Puncturen", mit farbigen Linien, bedeckt. Seither lösen Tätowierungen in Europa ebenso viel Bewunderung wie Ablehnung aus. Noch heute lassen sie die wenigsten kalt. Was aber ist es, das europäische Großstädter im 21. Jahrhundert dazu veranlasst, sich ein Tattoo stechen zu lassen? Das süße Gift der Selbsterhöhung, gewonnen aus der Überwindung des Schmerzes? Die Symbolkraft des Bildmotivs? Die Wichtigkeit der Textaussage? Die Aussicht auf furchteinflößendes Imponiergehabe? Die Zugehörigkeit zur Community der „edlen Wilden", die ohne Tabus erotische Freuden genießt? Ein Hang zu Protestkultur und antibürgerlicher Attitüde, wie sie schon im 19. Jahrhundert unter tätowierungssüchtigen Adeligen, Dandys und Künstlern weit verbreitet war? Der in London lebende Fotograf Alex MacNaughton hat beschlossen, die visuelle Kultur der Tätowierung nicht allein den Soziologen und Spezialisten für Postcolonial Studies zu überlassen. Statt langatmig zu erklären, historisch zu entschlüsseln und ikonografisch zu deuten, legt er eine klare und nüchterne Bestandsaufnahme vor. Sein Buch „London Tattoos", im handlichen Format und mit Softcover, räumt jedem Tätowierten vier bis zehn Seiten ein. Vorangestellt ist jeweils das ganzfigurige Porträt einer Person im Alltags-Outfit, aufgenommen im neutralen White Cube. Dann folgt eine Textseite mit Namensnennung, Altersangabe, einer kurzer Selbstreflexion, einer Auflistung der bildtragenden Körperteile und einer Identifizierung des Tätowierers. Die übrigen Seiten sind der ausschnitthaften Nahsicht auf den mehr oder minder nackten Körper und der Hervorhebung einzelner Bildmotive vorbehalten.

Selbstverständlich kann man angesichts dieser Fotografien die Musterpracht bewundern, sich von Blüten-, Tiger- und Totenkopfdarstellungen inspirieren lassen, in Farbverläufen schwelgen, sich am Sailor-Jerry-Style erfreuen oder die Präzision der Umrisslinien goutieren. Noch beeindruckender aber ist die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Und die macht MacNaughtons Buchkonzeption ganz wunderbar sichtbar. Denn wo die Londoner sich entblößen, da fallen nicht nur ihre Kleider, sondern auch ihre Rollen und Funktionen von ihnen ab. Zutage tritt eine weiche, verletzliche Haut, die, zur Leinwand geworden, individuelle Vorlieben ins Bild setzt und Botschaften aussendet. So stellt sich Nicola Redford zunächst als typische Geschäftsfrau im schwarzem Kostüm vor. Kaum aber legt sie die Jacke ab, da kommt auf ihrem linken Oberarm ein turtelndes Schwalbenpaar zum Vorschein, das neckisch eine rote Rose umkreist und an Blütenblättern zupft. Chinesischen Vorlagen entsprechend, ist der Hintergrund in Himmelblau gehalten, und ein Magnolienzweig ragt dekorativ ins Bild. Warum sich Nicola Redford gerade dieses Motiv ausgesucht hat? Ganz einfach: Ihr gefällt's.

Alice Temple hingegen, die ihren Rücken mit einem riesigen Totenschädel und ihre Taille mit den schnörkeligen Signaturen von Lucy und Daisy verzieren ließ, gibt andere Beweggründe an. Nicht auf das Motiv, sondern auf den Künstler, oder in ihrem Fall die Künstlerin Nikole Low, käme es an. Sie lasse der Tätowiererin weitgehend freie Hand. Bee Nguyen hingegen wollte ein Zeichen am Körper tragen, das so einmalig ist wie sie selbst. Sie hat sich für eine Skyline entschieden, die seitlich an ihrem Brustkorb prangt und in wenigen Strichen ihre Reiseerfahrungen wiedergibt: Die lineare Struktur vereint japanische Berge, das Empire State Building, den Eiffelturm und den Big Ben miteinander.

Eine der überraschendsten Metamorphosen führt Hayley Hayes vor Augen. Mit brauner Strickjacke, sandfarbenem Shirt und Blue Jeans bekleidet, verrät nichts an ihr, dass sie professionelle Tätowiererin ist. Doch streift sie ihre Kleidungsstücke ab, so entfaltet sich ein Feuerwerk. Blüten umranken, Spitzenärmeln gleich, ihre Arme, und in Rückenansicht zeigt sich, dass kein Zentimeter ihres Körpers ohne Blumen, Sterne, Schmetterlinge, Libellen und Blattwerk auskommen muss. Warum, so fragt sie, sollte sie mit fahler, uninteressanter Haut leben, wenn sie sich doch mit so vielen Farben und Mustern schmücken kann? Besonders offenherzig präsentiert sich der Fotograf Richard Sawdon Smith. Anfangs ganz und gar der verschlossene britische Gentleman mit Schirm, Charme und Melone, gibt er auf den nächsten Seiten sein Innerstes preis. Unter seinem kanariengelben Hemd kommt ein Tattoo zum Vorschein, das seine subkutanen Blutbahnen in ein Bild auf seiner Haut verwandelt und so illustrativ verdoppelt. Wie im Anatomieatlas sind die Arterien- und Venensysteme, ja sogar der Herzmuskel zu studieren – am lebenden „Objekt". Er wolle, da er an einer unheilbaren Krankheit leide, die regelmäßig Bluttests erfordere, den Ärzten und Krankenschwestern die Blutabnahme erleichtern, lässt Richard Sawdon Smith den Leser wissen.

Neben dem sprichwörtlich britischen Humor verbindet die Teilnehmer an Alex MacNaughtons Projekt eine Zugehörigkeit, oder zumindest eine gewisse Nähe, zur kreativen Szene Londons. Sie alle, ob Künstler, Kunstsammler, Kunsthistoriker, Musiker, Grafik-Designer oder Schriftsteller, feiern die künstlerische Kreativität als Indiz ungebrochener Individualität. Mit ihren Tätowierungen bringen sie ihre Wünsche und Träume, ihren kindlichen Spieltrieb, ihre Freude am Überfluss sinnlicher Reize zum Ausdruck. So wird das Tattoo zu einem Garant freiheitlicher Selbstbestimmung. Und zu einem Markenzeichen. Denn es ist wohl keiner unter ihnen, der nicht wüsste, dass er gerade dabei ist, seine Haut zu Markte zu tragen.

London Tattoos
Von Alex MacNaughton
Softcover, 304 Seiten, englisch
Prestel, München, 2011
19,95 Euro
www.prestel.com

Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Foto © Alex Mac Naughton
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Foto © Alex Mac Naughton
Foto © Alex Mac Naughton
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Foto © Alex Mac Naughton
Foto © Bibliothèque patrimoniale gray (f)
Foto © Beato Felice
Foto © 1907 H93239 U.S. Copyright Office
Foto © Cloudsurfer
Foto © Jorge from Tokyo (j)
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
News & Stories › 2012 › Juni
Gestochen scharf
von Annette Tietenberg | 4. Juni 2012
Im Großstadtdschungel spürte der britische Fotograf und Autor Alex MacNaughton die vom Leben Gezeichneten auf und bat sie darum, vor seiner Kamera die Hüllen fallen zu lassen. Stolz präsentierten sie ihm ihre Hautbilder und erzählten ihm ihre Geschichten.
Sind Tätowierungen eine bloße Modeerscheinung? Oder, da dem Körper dauerhaft eingeschrieben, ein Stück Ewigkeit – und damit das genaue Gegenteil der Mode, die sich vom Verlangen nach Wandel und Erneuerung in Permanenz nährt? Fragen wie diesen widmet sich die aktuelle Ausgabe von „Querformat", einer Zeitschrift für Kunst und Populärkultur. Tätowierungen seien, so ist dort zu lesen, längst nicht mehr Zeichen sozialer Distinktion und Identifizierung gesellschaftlicher Außenseiter, Medium der Selbst- und Fremdstigmatisierung von Seeleuten, Verbrechern, Prostituierten oder Rockerbanden. Inzwischen würden sie im bürgerlichen Lager als eine Form des Körperschmucks akzeptiert. Tatsächlich begegnen sie uns seit vielen Jahren überall, in der Bar und am Baggersee, im Büro und in Hörsälen, im ICE und auf Vernissagen. Dafür, dass die Tätowierung gesellschaftsfähig geworden ist, spricht nicht zuletzt das Tattoo von Bettina Wulff, Deutschlands ehemaliger First Lady. Sie hielt es nicht einmal mehr für nötig, das Tribal aus Flammen, das an ihrem Oberarm prangt, bei Staatsempfängen zu verhüllen.

Zurückgekehrt von ihren Südsee-Expeditionen wussten Louis Antoine de Bougainville, James Cook und Georg Forster im 18. Jahrhundert Sensationelles von fremden Tieren, Pflanzen, Menschen und Gebräuchen zu berichten. Und nicht zuletzt von Körpern, über und über mit „Puncturen", mit farbigen Linien, bedeckt. Seither lösen Tätowierungen in Europa ebenso viel Bewunderung wie Ablehnung aus. Noch heute lassen sie die wenigsten kalt. Was aber ist es, das europäische Großstädter im 21. Jahrhundert dazu veranlasst, sich ein Tattoo stechen zu lassen? Das süße Gift der Selbsterhöhung, gewonnen aus der Überwindung des Schmerzes? Die Symbolkraft des Bildmotivs? Die Wichtigkeit der Textaussage? Die Aussicht auf furchteinflößendes Imponiergehabe? Die Zugehörigkeit zur Community der „edlen Wilden", die ohne Tabus erotische Freuden genießt? Ein Hang zu Protestkultur und antibürgerlicher Attitüde, wie sie schon im 19. Jahrhundert unter tätowierungssüchtigen Adeligen, Dandys und Künstlern weit verbreitet war? Der in London lebende Fotograf Alex MacNaughton hat beschlossen, die visuelle Kultur der Tätowierung nicht allein den Soziologen und Spezialisten für Postcolonial Studies zu überlassen. Statt langatmig zu erklären, historisch zu entschlüsseln und ikonografisch zu deuten, legt er eine klare und nüchterne Bestandsaufnahme vor. Sein Buch „London Tattoos", im handlichen Format und mit Softcover, räumt jedem Tätowierten vier bis zehn Seiten ein. Vorangestellt ist jeweils das ganzfigurige Porträt einer Person im Alltags-Outfit, aufgenommen im neutralen White Cube. Dann folgt eine Textseite mit Namensnennung, Altersangabe, einer kurzer Selbstreflexion, einer Auflistung der bildtragenden Körperteile und einer Identifizierung des Tätowierers. Die übrigen Seiten sind der ausschnitthaften Nahsicht auf den mehr oder minder nackten Körper und der Hervorhebung einzelner Bildmotive vorbehalten.

Selbstverständlich kann man angesichts dieser Fotografien die Musterpracht bewundern, sich von Blüten-, Tiger- und Totenkopfdarstellungen inspirieren lassen, in Farbverläufen schwelgen, sich am Sailor-Jerry-Style erfreuen oder die Präzision der Umrisslinien goutieren. Noch beeindruckender aber ist die Wandlungsfähigkeit der Menschen. Und die macht MacNaughtons Buchkonzeption ganz wunderbar sichtbar. Denn wo die Londoner sich entblößen, da fallen nicht nur ihre Kleider, sondern auch ihre Rollen und Funktionen von ihnen ab. Zutage tritt eine weiche, verletzliche Haut, die, zur Leinwand geworden, individuelle Vorlieben ins Bild setzt und Botschaften aussendet. So stellt sich Nicola Redford zunächst als typische Geschäftsfrau im schwarzem Kostüm vor. Kaum aber legt sie die Jacke ab, da kommt auf ihrem linken Oberarm ein turtelndes Schwalbenpaar zum Vorschein, das neckisch eine rote Rose umkreist und an Blütenblättern zupft. Chinesischen Vorlagen entsprechend, ist der Hintergrund in Himmelblau gehalten, und ein Magnolienzweig ragt dekorativ ins Bild. Warum sich Nicola Redford gerade dieses Motiv ausgesucht hat? Ganz einfach: Ihr gefällt's.

Alice Temple hingegen, die ihren Rücken mit einem riesigen Totenschädel und ihre Taille mit den schnörkeligen Signaturen von Lucy und Daisy verzieren ließ, gibt andere Beweggründe an. Nicht auf das Motiv, sondern auf den Künstler, oder in ihrem Fall die Künstlerin Nikole Low, käme es an. Sie lasse der Tätowiererin weitgehend freie Hand. Bee Nguyen hingegen wollte ein Zeichen am Körper tragen, das so einmalig ist wie sie selbst. Sie hat sich für eine Skyline entschieden, die seitlich an ihrem Brustkorb prangt und in wenigen Strichen ihre Reiseerfahrungen wiedergibt: Die lineare Struktur vereint japanische Berge, das Empire State Building, den Eiffelturm und den Big Ben miteinander.

Eine der überraschendsten Metamorphosen führt Hayley Hayes vor Augen. Mit brauner Strickjacke, sandfarbenem Shirt und Blue Jeans bekleidet, verrät nichts an ihr, dass sie professionelle Tätowiererin ist. Doch streift sie ihre Kleidungsstücke ab, so entfaltet sich ein Feuerwerk. Blüten umranken, Spitzenärmeln gleich, ihre Arme, und in Rückenansicht zeigt sich, dass kein Zentimeter ihres Körpers ohne Blumen, Sterne, Schmetterlinge, Libellen und Blattwerk auskommen muss. Warum, so fragt sie, sollte sie mit fahler, uninteressanter Haut leben, wenn sie sich doch mit so vielen Farben und Mustern schmücken kann? Besonders offenherzig präsentiert sich der Fotograf Richard Sawdon Smith. Anfangs ganz und gar der verschlossene britische Gentleman mit Schirm, Charme und Melone, gibt er auf den nächsten Seiten sein Innerstes preis. Unter seinem kanariengelben Hemd kommt ein Tattoo zum Vorschein, das seine subkutanen Blutbahnen in ein Bild auf seiner Haut verwandelt und so illustrativ verdoppelt. Wie im Anatomieatlas sind die Arterien- und Venensysteme, ja sogar der Herzmuskel zu studieren – am lebenden „Objekt". Er wolle, da er an einer unheilbaren Krankheit leide, die regelmäßig Bluttests erfordere, den Ärzten und Krankenschwestern die Blutabnahme erleichtern, lässt Richard Sawdon Smith den Leser wissen.

Neben dem sprichwörtlich britischen Humor verbindet die Teilnehmer an Alex MacNaughtons Projekt eine Zugehörigkeit, oder zumindest eine gewisse Nähe, zur kreativen Szene Londons. Sie alle, ob Künstler, Kunstsammler, Kunsthistoriker, Musiker, Grafik-Designer oder Schriftsteller, feiern die künstlerische Kreativität als Indiz ungebrochener Individualität. Mit ihren Tätowierungen bringen sie ihre Wünsche und Träume, ihren kindlichen Spieltrieb, ihre Freude am Überfluss sinnlicher Reize zum Ausdruck. So wird das Tattoo zu einem Garant freiheitlicher Selbstbestimmung. Und zu einem Markenzeichen. Denn es ist wohl keiner unter ihnen, der nicht wüsste, dass er gerade dabei ist, seine Haut zu Markte zu tragen.

London Tattoos
Von Alex MacNaughton
Softcover, 304 Seiten, englisch
Prestel, München, 2011
19,95 Euro
www.prestel.com