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Glückssuche im Erdboden
von Markus Frenzl | 20. März 2012
Bilder und Essays zum Thema „Versuche das Glück im Garten zu finden“, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Spätestens als Michelle Obama kurz nach Amtsantritt ihres Mannes medienwirksam einen Gemüsegarten beim Weißen Haus anlegte, war klar, dass die Symbolik des Gartens eine neue Stufe erklommen hatte. In Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung ist der Garten Ausdruck der Besinnung aufs Natürliche, Authentische, Regionale und Bodenständige geworden. Ein Garten ist sichtbarer Beweis dafür, dass man zupacken kann, Verantwortung für andere Lebewesen übernimmt und sich der Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen bewusst ist. Der Garten, den man über lange Zeit pflegen muss, verweigert unmittelbare Ergebnisse und sperrt sich gegen die schnelle Reaktion, die in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie zur einzigen Belohnung geworden ist. Wo Lebensmittel um die ganze Welt geflogen werden, steht ein eigener Nutzgarten für die Idee der regionalen Selbstversorgung und damit für eine Rückkehr zur Vernunft. Und gleichzeitig kann ein Garten völlig irrationaler Luxus sein, die Erschaffung eines Refugiums oder Sehnsuchtsortes, ein vernunftwidriges, anscheinend unzeitgemäßes und vor allem gänzlich nicht-digitales Unterfangen.

Nach der Begeisterung fürs Kochen, so prognostizierten viele Trendgurus schon vor langem, sei nun der Garten dran. Und tatsächlich erfuhr er in den letzten zwei Jahrzehnten gewaltige Aufmerksamkeit: Trendbewusste Großstädter entdeckten den Schrebergarten für sich neu. Im urbanen Raum wurden unzählige Gartenprojekte wie der Berliner „Prinzessinnengarten" aus der Taufe gehoben. Hochhäuser wie der Commerzbank-Tower von Norman Forster wurden mit riesigen Themengärten bestückt. Unzählige Fassaden wurden von Patrick Blanc mit einer „mur végétale" begrünt. Der Dachgarten wurde zum neuen Steckenpferd der Großstädter und „Urban Farming" gilt als das nächste große Ding. Blumenläden sind nun perfekt gestaltete Lifestyle-Erlebnisse. Bei Manufactum werden sündteure Hacken und Pflanzkellen verkauft, die auch ein Profigärtner im Laufe seines Berufslebens nicht kleinkriegt. Magazine wie „Landlust" erreichen Auflagenhöhen, von denen andere nur träumen können und das jüngst lancierte „The Plant Journal" widmet sich der Beziehung zwischen Stadtmensch und Flora. Bücher wie „Mies als Gärtner" erforschen die Bedeutung der Pflanzenwelt im Werk von Größen der Moderne. Und bei der Eroberung des öffentlichen Raums wurde „Guerilla Gardening" zu einem Trend, der gleichberechtigt neben urbanen Interventionen wie Flashmobs oder „Guerilla Knitting" steht und das Gärtnern von einer angestaubten zu einer coolen Betätigung werden ließ.

Zu den vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten des Erschaffens eines Gartens erschien kürzlich das Buch „Versuche das Glück im Garten zu finden", herausgegeben von Franziska Bark Hagen und Günther Vogt vom Architekturdepartment der ETH Zürich. Schon der Titel des Buches, der sich ebenso als Imperativ lesen lässt, macht klar, dass im Anlegen eines Gartens immer auch die Hoffnung steckt, einen eingefriedeten Ort des Glücks und besseren Lebens, eine gepflanzte Utopie zu erschaffen. In acht Essays nähern sich Bark Hagen und weitere Autoren unterschiedlichen Strategien an, einen Garten Eden zu formen, einen umgrenzten Ort des Perfekten, der gleichsam außerhalb der Welt steht und zu einem kleinen Paradies wird, das die unschöne Realität mit aller Macht jenseits des Gartenzauns lässt.

Das Paradies, so Bark Hagen, sei „als Versuchs- und Handlungsanweisung im Sinne einer kulturellen Praxis" zu verstehen. Und so befassen sich die Autoren in ihren Essays mit den realen Orten dieser kulturellen Praxis, zeigen aber auch Aspekte auf, die religiöse oder soziale Randbereiche des Themas betreffen. Sie befassen sich etwa mit der Bedeutung des Gartens in der islamischen Kultur und ihrem Ausdruck im Gartenteppich, der dem darauf Betenden einen anderen Ausschnitt der Welt bietet. Sie stellen Bezüge zwischen Paradiesverheißungen und Konsumkultur her oder veranschaulichen, dass die Chlorophilie, die unbedingte Liebe zu den Pflanzen, sich nicht länger nur in individuellen, sondern längst in kollektiven Handlungen äußert und sich mit den urbanen Gemeinschaftsgärten Bahn gebrochen hat. Sie beschreiben „Kriegsgärten", bei denen sich amerikanische Soldaten während des Golfkrieges aus grünen Plastikplanen symbolische „Rasenflächen" in ihren Camps schufen, um sich an einem Ort des Unfriedens die Illusion von einem elysischen Zuhause zu schaffen. Oder sie widmen sich dem „Whole Earth Catalog"-Magazin der siebziger Jahre, das als Vorläufer der Suchmaschinen im Web gelten kann und dem Leser bereits damals ermöglichte, sich die Utopie von einer besseren Welt aus einzelnen Artikeln zusammenzustellen – und so ebenfalls die Konzepte eines Paradieses aufgriff.

Es sind lesenswerte, lohnende und intelligente Essays zum Thema, die – über alle Trends hinweg – das neue Interesse für den Garten in vielfältige kulturelle, historische und gegenwärtige Kontexte einordnen und gleichzeitig dem Leser verdeutlichen, dass es sich dabei nur um einen kleinen Ausschnitt und eine subjektive Themenauswahl handeln kann. Die Essays ermöglichen neue Sichtweisen auf Bekanntes und analysieren die unterschiedlichen Facetten des Themas als Versuch, aus dem Alltag auszubrechen und ein Paradies zu schaffen, das doch – wie Günter Vogt in seinem Vorwort schreibt – Utopie bleiben muss. Denn ein Garten ist stets nur Ort vorübergehender glücklicher Momente und in erster Linie Ausdruck der Sehnsucht nach dem Paradiesischen. Immer trägt er auch die Vergänglichkeit des Lebendigen in sich und bleibt eine zum Verwelken verdammte Ausnahmesituation.

Versuche das Glück im Garten zu finden
Von Franziska Bark Hagen
Herausgegeben von Günther Vogt an der ETH Zürich
Softcover, 152 Seiten, deutsch
Lars Müller, Zürich, 2011
28 Euro
www.lars-mueller-publishers.com

Vom Glück im Garten Eden: Essay über die Verortung des Paradieses, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Das irdische Paradies, Zeichnungen von Giovanni Leardo, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Foto © Lars Müller Publishers
Teppichgestaltung von einer Gartenanlage inspiriert, Foto © Lars Müller Publishers
Plastikfolie als Gartenimitat in der Wüste, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Foto © Lars Müller Publishers
Gebrauchsanleitungen für die Gartenarbeit, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Fußgängerübergang, Foto © Lars Müller Publishers
Essay über die Katalogisierung der Welt, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark-
Obstplantage, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Schulgarten auf dem Dach, Foto © Lars Müller Publishers
Prinzessinnengarten, Berlin-Kreuzberg, Foto © Lars Müller Publishers
Buchrücken, Buchfoto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
DAA Medienakademie ‒ Urban Gardening in Berlin
Prinzessinnengarten ‒ In A Berlin Minute
Sesame Street: Mrs. Obama Plants Garden
Produkte
Gandia Blasco: Atlantic Tumbona @ Stylepark
Gandia Blasco
Atlantic Tumbona
José A. Gandía-Blasco
BD Barcelona Design: B Table Stone @ Stylepark
BD Barcelona Design
B Table Stone
Konstantin Grcic
MYDECK: EARTHWOOD wallnussfarben, Privathaus @ Stylepark
MYDECK
EARTHWOOD wallnussfarben, Privathaus
Patrick Blanc Vertical Garden: Musée du quai Branly, Paris @ Stylepark
Patrick Blanc Vertical Garden
Musée du quai Branly, Paris
Patrick Blanc
DEDON: BABYLON Übertopf L @ Stylepark
DEDON
BABYLON Übertopf L
Harry & Camila
ligne roset: FIFTY Sessel @ Stylepark
ligne roset
FIFTY Sessel
Dögg Gudmunsdottir,
Rikke Rutzou Arnved
Lampert: Mash @ Stylepark
Lampert
Mash
Alexander Seifried
Kettal: Bitta Cocoon @ Stylepark
Kettal
Bitta Cocoon
Rodolfo Dordoni
Serafini: Birds Bowl @ Stylepark
Serafini
Birds Bowl
Atelier 522
Zanotta: 634 TOD @ Stylepark
Zanotta
634 TOD
Todd Bracher
News & Stories › 2012 › März
Glückssuche im Erdboden
von Markus Frenzl | 20. März 2012
Nach der Begeisterung fürs Kochen, so prognostizierten viele Trendgurus schon vor langem, sei nun der Garten dran. Doch nicht nur trendbewusste Großstädter entdecken den Schrebergarten neu, nicht nur „Guerilla Gardening" und Selbstversorgung treiben neue Blüten, der Garten verheißt wahrlich paradiesische Zustände
Spätestens als Michelle Obama kurz nach Amtsantritt ihres Mannes medienwirksam einen Gemüsegarten beim Weißen Haus anlegte, war klar, dass die Symbolik des Gartens eine neue Stufe erklommen hatte. In Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung ist der Garten Ausdruck der Besinnung aufs Natürliche, Authentische, Regionale und Bodenständige geworden. Ein Garten ist sichtbarer Beweis dafür, dass man zupacken kann, Verantwortung für andere Lebewesen übernimmt und sich der Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen bewusst ist. Der Garten, den man über lange Zeit pflegen muss, verweigert unmittelbare Ergebnisse und sperrt sich gegen die schnelle Reaktion, die in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie zur einzigen Belohnung geworden ist. Wo Lebensmittel um die ganze Welt geflogen werden, steht ein eigener Nutzgarten für die Idee der regionalen Selbstversorgung und damit für eine Rückkehr zur Vernunft. Und gleichzeitig kann ein Garten völlig irrationaler Luxus sein, die Erschaffung eines Refugiums oder Sehnsuchtsortes, ein vernunftwidriges, anscheinend unzeitgemäßes und vor allem gänzlich nicht-digitales Unterfangen.

Nach der Begeisterung fürs Kochen, so prognostizierten viele Trendgurus schon vor langem, sei nun der Garten dran. Und tatsächlich erfuhr er in den letzten zwei Jahrzehnten gewaltige Aufmerksamkeit: Trendbewusste Großstädter entdeckten den Schrebergarten für sich neu. Im urbanen Raum wurden unzählige Gartenprojekte wie der Berliner „Prinzessinnengarten" aus der Taufe gehoben. Hochhäuser wie der Commerzbank-Tower von Norman Forster wurden mit riesigen Themengärten bestückt. Unzählige Fassaden wurden von Patrick Blanc mit einer „mur végétale" begrünt. Der Dachgarten wurde zum neuen Steckenpferd der Großstädter und „Urban Farming" gilt als das nächste große Ding. Blumenläden sind nun perfekt gestaltete Lifestyle-Erlebnisse. Bei Manufactum werden sündteure Hacken und Pflanzkellen verkauft, die auch ein Profigärtner im Laufe seines Berufslebens nicht kleinkriegt. Magazine wie „Landlust" erreichen Auflagenhöhen, von denen andere nur träumen können und das jüngst lancierte „The Plant Journal" widmet sich der Beziehung zwischen Stadtmensch und Flora. Bücher wie „Mies als Gärtner" erforschen die Bedeutung der Pflanzenwelt im Werk von Größen der Moderne. Und bei der Eroberung des öffentlichen Raums wurde „Guerilla Gardening" zu einem Trend, der gleichberechtigt neben urbanen Interventionen wie Flashmobs oder „Guerilla Knitting" steht und das Gärtnern von einer angestaubten zu einer coolen Betätigung werden ließ.

Zu den vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten des Erschaffens eines Gartens erschien kürzlich das Buch „Versuche das Glück im Garten zu finden", herausgegeben von Franziska Bark Hagen und Günther Vogt vom Architekturdepartment der ETH Zürich. Schon der Titel des Buches, der sich ebenso als Imperativ lesen lässt, macht klar, dass im Anlegen eines Gartens immer auch die Hoffnung steckt, einen eingefriedeten Ort des Glücks und besseren Lebens, eine gepflanzte Utopie zu erschaffen. In acht Essays nähern sich Bark Hagen und weitere Autoren unterschiedlichen Strategien an, einen Garten Eden zu formen, einen umgrenzten Ort des Perfekten, der gleichsam außerhalb der Welt steht und zu einem kleinen Paradies wird, das die unschöne Realität mit aller Macht jenseits des Gartenzauns lässt.

Das Paradies, so Bark Hagen, sei „als Versuchs- und Handlungsanweisung im Sinne einer kulturellen Praxis" zu verstehen. Und so befassen sich die Autoren in ihren Essays mit den realen Orten dieser kulturellen Praxis, zeigen aber auch Aspekte auf, die religiöse oder soziale Randbereiche des Themas betreffen. Sie befassen sich etwa mit der Bedeutung des Gartens in der islamischen Kultur und ihrem Ausdruck im Gartenteppich, der dem darauf Betenden einen anderen Ausschnitt der Welt bietet. Sie stellen Bezüge zwischen Paradiesverheißungen und Konsumkultur her oder veranschaulichen, dass die Chlorophilie, die unbedingte Liebe zu den Pflanzen, sich nicht länger nur in individuellen, sondern längst in kollektiven Handlungen äußert und sich mit den urbanen Gemeinschaftsgärten Bahn gebrochen hat. Sie beschreiben „Kriegsgärten", bei denen sich amerikanische Soldaten während des Golfkrieges aus grünen Plastikplanen symbolische „Rasenflächen" in ihren Camps schufen, um sich an einem Ort des Unfriedens die Illusion von einem elysischen Zuhause zu schaffen. Oder sie widmen sich dem „Whole Earth Catalog"-Magazin der siebziger Jahre, das als Vorläufer der Suchmaschinen im Web gelten kann und dem Leser bereits damals ermöglichte, sich die Utopie von einer besseren Welt aus einzelnen Artikeln zusammenzustellen – und so ebenfalls die Konzepte eines Paradieses aufgriff.

Es sind lesenswerte, lohnende und intelligente Essays zum Thema, die – über alle Trends hinweg – das neue Interesse für den Garten in vielfältige kulturelle, historische und gegenwärtige Kontexte einordnen und gleichzeitig dem Leser verdeutlichen, dass es sich dabei nur um einen kleinen Ausschnitt und eine subjektive Themenauswahl handeln kann. Die Essays ermöglichen neue Sichtweisen auf Bekanntes und analysieren die unterschiedlichen Facetten des Themas als Versuch, aus dem Alltag auszubrechen und ein Paradies zu schaffen, das doch – wie Günter Vogt in seinem Vorwort schreibt – Utopie bleiben muss. Denn ein Garten ist stets nur Ort vorübergehender glücklicher Momente und in erster Linie Ausdruck der Sehnsucht nach dem Paradiesischen. Immer trägt er auch die Vergänglichkeit des Lebendigen in sich und bleibt eine zum Verwelken verdammte Ausnahmesituation.

Versuche das Glück im Garten zu finden
Von Franziska Bark Hagen
Herausgegeben von Günther Vogt an der ETH Zürich
Softcover, 152 Seiten, deutsch
Lars Müller, Zürich, 2011
28 Euro
www.lars-mueller-publishers.com